Efeu - Die Kulturrundschau

Recht auf Mitteilsamkeit

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14.05.2020. Die New York Times erzählt, wie der Buddha zu seinem Gesicht kam. Der NDR schafft das Bücherjournal ab: Gilt der Auftrag zur Grundversorgung nicht mehr, fragt Florian Illies empört im Börsenblatt. Eine Bankrotterklärung der Öffentlich-Rechtlichen, schimpft die FAZ. Die NZZ möchte die Grenzzäune zwischen Kino, Festivals und Streaming einreißen. Im Van Magazin ärgert sich der Konzertveranstalter Burkhard Glashoff über das bequeme Sicherheitsdenken öffentlich finanzierter Theater und Konzerthäuser, die die Freien im Regen stehen lassen. Blixa Bargeld hat die Nase voll von der ewigen Berlinophilie, erklärt er in der SZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2020 finden Sie hier

Kunst

Ausschnitt aus einem tibetischen Wandteppich mit Bhaisajyaguru, Buddha der Heilung. Foto: Wikipedia / Wellcome Library, London.


Jeder kennt das sanft lächelnde Gesicht Buddhas. Tatsächlich bekam der Buddha erst 600 Jahre nach seinem Tod dieses Gesicht und einen menschlichen Körper, erzählt Aatish Taseer in einer Reportage für die New York Times. Bis dahin "war er immer nur anikonisch durch eine heilige Synekdoche dargestellt worden - seine Fußabdrücke zum Beispiel; oder durch einen Sonnenschirm, ein glücksverheißendes Zeichen von Königlichkeit und Spiritualität; oder durch den Weisheitsbaum, auch als Bodhi-Baum bekannt, unter dem er Erleuchtung erlangte. Wie gelangte das Bildnis des Buddha in die Welt der Menschen? Wie gibt man Gott ein menschliches Antlitz, insbesondere demjenigen, der niemals ein Gott sein sollte und niemals ein Wort über Gott gesagt hat? Wie kommt man bei der Darstellung eines solchen Menschen in menschlicher Gestalt kontraintuitiv dazu, ein Objekt der Vergöttlichung zu schaffen? Und was ist die Macht eines solchen Objekts? Diese Fragen gingen mir durch den Kopf, als ich nach Sarnath fuhr, mitten durch grüne Felder, deren rote Backsteinmauern für Bildungskurse und Aphrodisiaka warben.

Weitere Artikel: Vier MitarbeiterInnen des Tagesspiegels besuchen einige wiedereröffnete Berliner Museen und freuen sich über die Leere und Stille. Bei monopol schreibt Jan-Philipp Sexauer den Nachruf auf den Performance-Künstler und Erfinder des Schachboxens Iepe Rubingh. In der Zeit porträtiert Wolfgang Ullrich den amerikanischen Ex-Graffiti-Sprayer und Künstler KAWS.

Besprochen werden die Ausstellung "Michelle Elie wears Comme des Garçons" im Frankfurter Museum Angewandte Kunst (FR), die Ausstellungsreihe Solo-Solo, die sich in Schaufenstern geschlossener Gastwirtschaften in Berlin vom Neuköllner Keith durchs Kreuzköllner Kreativbiotop bis zum Yorck-Kino zieht, aber auch durch Mannheim und Ludwigshafen, (taz) sowie die Ausstellung "Städels Erbe. Meisterzeichnungen aus der Sammlung des Stifters" im Frankfurter Städel (FAZ).
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Stichwörter: Buddha, Wikipedia, Monopole

Bühne

Besprochen wird George Hynter-Grahams Twittertheaterabend "Der unheimliche Eindringling" in der Regie von Via Zusamm am Burgtheater Wien (nachtkritik). Und der aktuelle online-Spielplan der nachtkritik.
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Literatur

Der NDR muss sparen - angekündigt waren Einsparungen im Bereich der Unterhaltung, dran glauben muss das Bücherjournal, das sich damit einreiht in die mittlerweile ansehnliche Abfolge in den letzten Jahren abgesetzter literarischer Sendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Im Börsenblatt regt sich der Protest der Verlagsbranche gegen die Absetzung der Sendung. Zitiert wird unter anderem Florian Illies: "Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinen Auftrag zur Grundversorgung weiter ernst nehmen will, dann sollte es wissen, dass Bücher und die Vermittlung von Büchern ein zentraler Bestandteil der mentalen Grundversorgung sind." In der FAZ hält Jan Wiele das Argument der ARD, es gebe mit Druckfrisch ja bereits eine große Literatursendung im Ersten, für "eine Bankrotterklärung - mit diesem Hinweis könnte man ja das gesamte reiche Erbe der Kultursendungen in den 'dritten Programmen' einfach vergessen und für überflüssig erklären. Fast absurd scheint es ferner, dass der NDR gegenüber dem Börsenblatt darauf hingewiesen hat, er organisiere mit 'Der Norden liest' eine 'Off-air-Veranstaltungsreihe' mit 'zahlreichen Lesungen im Sendegebiet'. Das ist ja schön, aber was ist ein Sender, der nicht sendet?"

Weitere Artikel: Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan verzweifelt in der FAZ-Reihe "Mein Fenster zur Welt" angesichts des Handlings der Coronakrise durch sein Heimatland und seine Mitbürger. Die Schriftstellerin Kirsten Fuchs erzählt im Freitext-Blog von ZeitOnline von ihren Erfolgen als Maskennäherin.

Besprochen werden unter anderem  Markus Thieles "Echo des Schweigens" (Freitag), Georges Perros' "Klebebilder" (FR), Pedro Mairals "Auf der anderen Seite des Flusses" (SZ) und Joshua Groß' "Flexen in Miami" (FAZ).
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Film

Lory Roebuck hält die Frontstellungen zwischen Kino, Festivals und Streaming, die gerade auch mit Blick auf die wegen Corona geschlossenen Filmtheater wieder hochgezogen werden, für aufgesetzt: "Streaming ist so wenig der Feind der Kinos, wie Küchen der Feind von Restaurants sind", schreibt er in der NZZ. "Nicht der Ort des Konsums ist von großer Bedeutung, sondern die Lust an selbigem. ...  Die beiden stehen nicht in Opposition zueinander. Das eine ist nicht besser oder erhabener als das andere."

Weitere Artikel: Beim auf den osteuropäischen Film spezialisierten goEast-Festival in Wiesbaden gab es auch diesem Online-Jahrgang wieder "viel postsozialistische Tristesse" zu sehen, schreibt Frank Schirrmeister im Freitag: "Es ist erstaunlich, wie oft die Zeit vor 1989 noch als Bezugspunkt für heutige Diskurse dient." Till Kadritzke befasst sich im Filmdienst über das von einer "radikalen Unsicherheit" getragene Kino von Mia Hansen-Løve. Für die Welt hat Gerhard Midding die Filmgeschichte nach Szenen des Händewaschens durchforstet: "Bei kaum einer anderen Geste findet das Kino so sehr zu sich: als haptische, sinnliche Weltanschauung." Zum Schmökern: Das British Film Insitute hat eine kommentierte Liste mit 100 Romanen über das Kino zusammengestellt.

Besprochen werden Marianne Hougen-Moragas und Estephan Wagners noch bis 24. Mai beim Dokfest München abrufbarer Dokumentarfilm "Songs of Repression" über Colonia Dignidad (SZ), Tony Kayes auf Mubi gezeigter Film "Detachment" von 2011 (taz), Laurent Bouzereaus HBO-Dokumentarfilm "Natalie Wood: What Remains Behind" (Berliner Zeitung), Filme von Carlos Reygadas auf DVD (Berliner Zeitung) und Janina Quints online ausgewerteter Dokumentarfilm "Germans & Jews: Eine neue Perspektive" (FAZ).

Und ein Streamingtipp: Wenn Sie immer schon endlich mal Fassbinders "Berlin Alexanderplatz" sehen wollten, dann hat Arte da was für Sie im Angebot.
Archiv: Film

Musik

In der VAN-Debatte darüber, wie sich künftig ein Konzertbetrieb wieder durchführen lässt, zeigt sich der Konzertveranstalter Burkhard Glashoff einigermaßen verstört darüber, wie achselzuckend die Situation derzeit gehandhabt wird: "Der Eindruck drängt sich auf, dass sich insbesondere in den öffentlich finanzierten Körperschaften ein undifferenziertes Sicherheitsdenken breitmacht und Aufgabe und Funktion der Kultureinrichtungen unseres Landes dabei aus dem Blick geraten. Lähmend wirkt sich dabei die Tatsache aus, dass für viele öffentliche Häuser der Spielbetrieb teurer ist als die verordnete Zwangspause; mit der Konsequenz, dass kreative Wege einer Wiedereröffnung unter den Vorzeichen von Corona mitunter gar nicht erst gesucht werden."

Vom Berlinkult in Film, Medien und Literatur hat Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten langsam die Nase voll, sagt er der SZ im Gespräch: "Es ist ermüdend. Wäre Corona nicht gewesen, hätten wir uns im Jahr 2020 auf eine Dauerberieselung mit der ewigen Zwanzigerjahre-Nummer aus Kokain und Charleston einstellen können. Im Januar ging es bereits los, da wurde alles permanent mit den Zwanzigerjahren in Berlin verglichen." Das neue Neubauten-Album verweigert sich erst auf den zweiten Blick der Berlinophilie: "Es geht in 'Tempelhof' nicht um Tempelhof und in 'Wedding' nicht um Wedding. Gerade diese Nichtorte finde ich interessant, weil sie in der populären, auf die immer gleichen City-Bezirke beschränkten Berlin-Erzählung selten vorkommen." Ein neues Video gibt es natürlich auch:



In der taz empfiehlt Julian Weber Oliver Schwabes Dokumentarfilm "Die Liebe frisst das Leben" über den 1996 an einer Überdosis Heroin gestorbenen Tobias Gruben: Schwabe porträtiert den Hamburger Musiker "als reflektierten, zu allem bereiten Künstler, der mit seinen Ideen scheitert, sie tragischerweise nicht vollenden kann. In den Songs von Gruben und seiner bekanntesten Band Die Erde geht es oberflächlich betrachtet nicht ums Thema Liebe. Trotzdem wird an Grubens Existenz eine Liebe zur Musik sichtbar und damit etwas ganz Dringliches: das Recht auf Mitteilsamkeit." Der Film wird vom Verleih derzeit via Vimeo ausgewertet. Seiner Sucht hat Gruben auch in einem Lied Ausdruck verliehen:



Weitere Artikel: Mit zwei Metern Abstand sollten Chorproben neuen Studien zufolge möglich sein, ohne sich gegenseitig mit dem Coronavirus anzustecken, berichtet Kathleen Hildebrand in der SZ. In Frankreich singen benediktinische Nonnen derzeit über 8.000 Stunden gregorianisches Liturgie-Repertoire für eine App-Datenbank auf, berichtet Teresa Pieschacón Raphael in der FAZ. Mit dem Macher spricht Hannah Schmidt im VAN-Magazin. Arno Lücker schreibt in der Komponistinnen-Reihe von VAN über Wilhelmine von Preußen. Außerdem vergleicht Lücker fünf Aufnahmen von Mozarts Sonate für Klavier und Violine e-Moll KV 304. Christine Lemke-Matwey und Rabea Weihser unterhalten sich für die Zeit mit der Bratschistin Tabea Zimmermann.

Besprochen werden das neue Album der Berliner Rockband Shirley Holmes (Tagesspiegel) sowie neue Alben von Gordon Lightfoot, James Taylor und Nathaniel Rateliff (FR).
Archiv: Musik