Efeu - Die Kulturrundschau

Falstaff sitzt im Biergarten

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15.05.2020. Rolf Hochhuth ist tot. Die Kritiker können nicht anders, als den ewig kampfbereiten Dramatiker zu würdigen, der immerhin den Vatikan ins Wanken brachte. Der Standard preist die fluviale Poesie des ungarischen Dichters István Kemény. taz und Freitag treiben mit dem neuen Album der Einstürzenden Neubauten durch die Straßen West-Berlins. Und in der SZ ruft Albert Ostermaier: Macht die Theater wieder auf!
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2020 finden Sie hier

Bühne

Rolf Hochhuth, 2009. Foto: A.Savin, Wikimedia, CC BY-SA 3.0 

Rolf Hochhuth ist tot. Selbst in den Nachrufen hadern die Kritiker noch mit dem Schriftsteller, der keinem Streit aus dem Weg ging, der mit seinem "Stellvertreter" den Vatikan für das Schweigen zum Holocaust anklagte oder in "Wessis in Weimar" die Treuhand für den Ausverkauf der DDR-Betriebe, der sich mit seinen Regisseuren und seinen Verlegern überwarf und auch auf Kritik nichts gab: In der SZ ehrt ihn Willi Winkler als einen der wenigen Schriftsteller, die wirklich etwas erreicht hätten: "Hochhuths größter Erfolg war der Sturz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger. Als Marinerichter, so erfuhr Hochhuth bei seinen Recherchen zu der Erzählung 'Eine Liebe in Deutschland', hatte das NSDAP-Mitglied Filbinger noch nach der Kapitulation 1945 an Todesurteilen mitgewirkt. Filbinger wehrte sich lange gegen die Vorwürfe, musste aber 1978 zurücktreten, nachdem er sich mit dem Satz 'Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein' mitläufertypisch verharmlost hatte. Die CDU freilich hielt zu ihrem Senior und ließ Filbinger als Mitglied der Bundesversammlung noch bis 2004 den Bundespräsidenten mitwählen."

Auch im Tagesspiegel würdigt ihn Rüdiger Schaper als den Dramatiker, der Institutionen das Fürchten lehrte: "Wo immer er eine Ungerechtigkeit ausmachte, bohrte er hinein. Noch im Februar schrieb er Traktate über den Rechtsstreit um das Hohenzollernerbe oder das geplante Museum des 20. Jahrhunderts, das er ins ICC zu verlegen vorschlug." In der FR weiß Petra Kohse den ewig kampfbereiten Hochhuth doch zu schätzen, den "Aktenkundigen und Dramaturgenhasser, Frauenverehrer und Selbstpromoter". Dass Hochhuth zuletzt stiller wurde, erklärt sich Jan Küveler in der Welt keinesfalls mit Milde: "Hochhuth gingen die Gegner aus; mit wem soll man sich schließlich noch anlegen, wenn man einen Papst, einen Ministerpräsidenten und Heiner Müller zur Strecke gebracht hat?" In der taz geht Katrin Bettina Müller auf Distanz: "Sein Gespür für die kritischen Stoffe bedeutete nicht immer gut geschriebene Stücke", moniert sie, am Ende sei er unkalkulierbare Allianzen eingegangen: "Seinem politischen Instinkt war nicht mehr zu trauen." In der FAZ ringt sich Simon Strauss nur verhaltene Wertschätzung ab: "Fürsprecher lobten den moralisch gerechtfertigten Eifer, Widersacher kritisierten die leichtfertige Montage von Tatsachen und Fiktion."

Macht die Theater wieder auf, ruft der Dichter und Dramatiker Albert Ostermaier unterdes in der SZ: "Wer die Theater geschlossen hält, schließt nicht nur das Publikum aus. Der eiserne Vorhang ist kein Horizont. Theater ist kostspielig, aber nicht zu spielen kostet uns viel mehr. Warum ist das Theater das Letzte, an das die Politik denkt? Weil sie denkt, dass sie es selbst und besser macht, und das genügt? Hamlet schiebt seinen Einkaufswagen durch den Supermarkt und Falstaff sitzt im Biergarten, desinfiziert sein Glas mit der Maske. Die Puritaner zu Shakespeares Zeiten hätten genau davon geträumt. Aber selbst die Pest hat das Theater nicht zerstören können. Heute wirkt es dagegen fast so, als hätte das Theater die Pest und nicht die Menschen: Alle wollen alles auf Abstand halten, doch das Theater passt auf keinen Bildschirm."

Weiteres: Für die SZ unterhält sich Reinhard J. Brembeck mit den beiden Leitern der Biennale für Neues Musiktheater, den Komponisten Daniel Ott und Manos Tsangaris, die den Betrieb ebenfalls ins Netz verlagern müssen. taz-Kritiker Tom Mustroph probiert mit dem Staatstheater Augsburg Theater im Cyberraum. In der Welt verwahrt sich Manuel Brug gegen Spekulationen über die Erkrankung von Katharina Wagner.
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Kunst

Stefan Trinks schreibt zum Neunzigsten des amerikanischen Malers Jasper Johns. Besprochen werden die Schau "Alles zerfällt" mit Schweizer Kunst aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Kunstmuseum Bern (NZZ), Sheela Gowdas Installation "Behold" im Münchner Lenbachhaus (SZ), Roland Stratmann in der Galerie C&K (taz) und die Ausstellung "Pop on paper" im Berliner Kupferstichkabinett (Tsp).
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Stichwörter: Pop On Paper

Literatur

Sehr interessiert arbeitet sich Ronald Pohl für den Standard durch die neue Ausgabe der Literaturzeitschrift Schreibheft, die sich u.a. István Kemény und der ungarischen Literatur widmet. Kemény ist zu seinem Bedauern noch viel zu wenig ins Deutsche übertragen. Dabei hat er "im ungarischen Haus der Geschichte die Fenster sperrangelweit aufgestoßen. In seiner Poesie hält er an einem Modell der Spiralbewegung fest. Nichts wird verurteilt, nichts überhöht: Der korrupte Sozialismus der Spätzeit muss lediglich aus den Gliedern geschüttelt werden. Die Poesie schmilzt das Blech der auf Ungarn gemünzten Rede in geschmeidigen Fließbewegungen um. Keménys Dichtung ist, wie Übersetzerin Timea Tankó anmerkt, ihrem Wesen nach 'fluvial'."

Besprochen werden unter anderem Edna O'Briens "Das Mädchen" (NZZ), Tessa Hadleys "Zwei und zwei" (online nachgereicht von der FAZ), Bettina Gärtners "Herrmann" (FR), Benjamin Maacks "Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein" (Berliner Zeitung) und Klaus Buhlerts Hörspieladaption von Thomas Pynchons "Die Enden der Parabel" (SZ).
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Film

Rabiates B-Movie: "The Hunt"

In den USA sorgte Craig Zobels Satire "The Hunt" bereits für einige Wellen, da darin reiche Liberale Jagd auf Rednecks und Trump-Anhänger machen. Die Aufregung war durchaus verfehlt, meint Andreas Busche im Tagesspiegel, denn "die eigentlichen Knallchargen sind in 'The Hunt' die 'liberalen Eliten', die ihre zwölf Kandidaten sorgfältig kuratieren, den einzigen Afroamerikaner aber aus politisch-korrekten Gründen aussortieren. Schwarze Trump-Fans sind der blinde Fleck im liberalen Gewissen. ... 'The Hunt' ist keine subtile Satire, sondern ein rabiates B-Movie mit blutigen Schockeffekten, das so ziemlich jedes Klischee über das liberale Amerika und Trump-Fans abhakt. 'Übrigens, der Klimawandel ist real", brüllt einer der Jäger sein Opfer an."

Weitere Artikel: Die Initiative ProQuote befürchtet, dass mit der Coronakrise ein Backlash in der hiesigen Filmbranche Einzug halten und Frauen in der Produktion künftig wieder mehr benachteiligt werden könnten, berichtet Dunja Bialas im Tagesspiegel. Besprochen werden Tayarisha Poes auf Amazon-Prime zu sehender High-School-Film "Selah and the Spades" und Eric Rohmers derzeit bei Arte online stehender Klassiker "Meine Nacht bei Maud" (Perlentaucher) sowie Alice Wus auf Netflix veröffentlichte romantische Komödie "Nur die halbe Geschichte" (Standard).
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Musik


Mit "Alles in allem" legen die Einstürzenden Neubauten ihr "vielleicht häuslichstes Werk" vor, schreibt Robert Mießner in der taz. Das Stück  "Ten Grand Goldie" etwa - siehe oben - "puckert motorisch und wird von psychedelischen Zwischenpassagen akzentuiert, in denen Bargeld wohltemperiert sprechsingt, als habe er am Röhrenradio eine Weltumseglung absolviert." Wobei es Frontmann Blixa Bargeld durchaus in die Welt oder zumindest in die Straßen West-Berlins treibt, erklärt Christoph H. Winter im Freitag: "Man kann während des Hörens miterleben, wie Bargelds Stimme einen ganz eigenen Stadtraum Berlins baut: Der gebürtige West-Berliner bedient sich persönlicher und kollektiver Erinnerungen, die in der Stadt zirkulieren, und montiert sie zu einer urbanen Collage, die gleichzeitig eine Art Biografie der großen Stadt ist. ... Das grandiose Album 'Alles in Allem' wird man zukünftig - so wie die Berlin-Trilogie David Bowies - als einen akustischen Teil Berlins begreifen müssen - und unbedingt als einen der herausragendsten."

Für ZeitOnline hat Daniel Schieferdecker die Band im Proberaum und Tonstudio in einem Hinterhof in Berlin-Wedding besucht. Der kreative Prozess wird mittlerweile durch ein Karteikartensystem namens Dave unterfüttert, erfahren wir: "'In den Jahren 2006/2007 habe ich mal unseren Katalog durchgesehen und versucht, alle guten Ideen in Worte zu fassen. Daraus ist dieses System aus etwa 600 Karten entstanden', erklärt Bargeld. ... 'Seither nutzen wir es, um unsere eigenen Vorstellungen immer wieder zu unterwandern und kreative Zugänge herzustellen, auf die wir ohne Dave nicht gekommen wären; indem wir Schlagworte ziehen, die wir dann irgendwie in ein Stück einarbeiten müssen.' Etwa die Hälfte der zehn Lieder auf dem neuen Album ist so entstanden." 

Weitere Artikel: Harald Eggebrecht arbeitet in der SZ den ausgeprägten Individualismus der Werke Beethovens heraus. Daneben sortiert Reinhard J. Brembeck Beethoven nach Stichworten. Die WamS hat Martin Scholz' Gespräch mit der Musikerin Mabel online nachgereicht.

Besprochen werden Muriel Grossmans "Elevation" (taz), Joan As Police Womans "Cover Two" (Standard) und das neue Album von The Dream Syndicate (FR).
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