Efeu - Die Kulturrundschau

Partisan des Persönlichen

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11.09.2019.  Die Kritiker trauern um den Schweizer Fotografen Robert Frank, der den Amerikaner ein neues Bild von sich gab. Der Guardian besichtigt Sozialwohnungen in New York, die demnächst 3.600 Dollar Miete im Monat kosten werden. Die FAZ möchte Nike Wagner lieber nicht im Mondschein begegnen. Und trotz #MeToo würde ZeitOnline die Antike nicht abschaffen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2019 finden Sie hier

Kunst

New Orleans, 1956. Aufnahme aus Robert Franks "The Americans" . Foto: Fotostiftung Schweiz, Winterthur


Der Schweizer Fotograf Robert Frank ist gestorben. In der SZ schreibt Alex Rühle einen sehr schönen Nachruf auf den Mann, der den Amerikanern ein neues Bild von sich gab: Sein Band "The Americans" war Ode an die Wahlheimat, aber auch Kritik an Rassismus und Konformismus: "Ein Kritiker schäumte damals, diese angeschnittenen, unterbelichteten Aufnahmen, die verkanteten Bildhorizonte und banalen Motive sähen aus wie ein Haufen Kinderfotos, die an der Straßenecke entwickelt wurden. Das Zeug gehöre einfach in den Müll. Der Mann irrte, die zuweilen aus der Hüfte oder dem fahrenden Auto geschossenen Fotos von Jukeboxes und feisten Politikern, Freiluftgottesdiensten in den Sümpfen des Mississippi, versteinerten Ehepaaren, Cowboys in New York und Schwarzen bei einer Beerdigung in South Carolina sollten so stilbildend werden wie das ganze Buch. Es dürfte tatsächlich schwer sein, einen anderen Bildband zu finden, der ähnliche Auswirkungen hatte auf die Fotografiegeschichte wie 'The Americans'."

In der NZZ würdigen gleich drei AutorInnen Robert Frank als "Partisan des Persönlichen" und "subjektiv-autobiografischen Existenzialisten". In der FAZ bemerkt Freddy Langer: "Im Rückblick erscheint es, als seien alle Bilder Franks ebenso wie die Dutzenden von Filmen, die er gedreht hat, nur einem einzigen Thema gewidmet: dem Tod, dem Scheitern und der Kälte, die zwischen den Menschen herrscht." Weitere Nachrufe in Guardian, Tagesspiegel, Berliner Zeitung,

Auf Kärnten ist Verlass. Aufgestachelt von FPÖ opponiert das empörte Land gegen die Installation des Künstlers Klaus Littmann, der zusammen mit dem Landschaftsgärtner Enzo Enea 299 Bäume in das Wörthersee-Stadion von Klagenfurt verpflanzte, wie Nora Sfea in der FAZ berichtet. Sfea selbst ist durchaus bewegt von diesem Wald im Flutlicht: "Der Anblick ist rührend und unheimlich zugleich. Man hat den Eindruck - und diesen Vergleich liest man dieser Tage oft - als stehe man einem vom Aussterben bedrohten Tier gegenüber, das nun aus sicherer Entfernung betrachtet werden darf."

Weiteres: Kaum ein Fleckchen der Stadt bleibt unberührt von der Kunst, freut sich Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung über die Art Week. Ähnlich geht es Birgit Rieger im Tagesspiegel. Besprochen wird die große Retrospektive des oberösterreichischen Konzeptkünstler Josef Bauer im Wiener Belvedere (Standard).
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Stichwörter: Frank, Robert, Rassismus, FPÖ

Architektur

Leilana Farhi in Chile. Still aus Fredrik Gerttens "Push"


Guardian-Kritiker Oliver Wainwright empfiehlt dringend den Dokumentarfilm "Push" des schwedischen Regisseurs Fredrik Gertten, der die UN-Sonderbeauftragten für angemessenes Wohnen, Leilani Farha, porträtiert und in einer Reihe über Film und Architektur im Londoner Barbican Centre zu sehen ist. Der Film folgt ihr von Toronto über Stockholm, Berlin und Seoul bis nach Harlem in New York, wo ein Sozialbau-Komplex gerade an einen Private Equity Fund verkauft wurde und die Mieten auf 3.600 Dollar im Monat gestiegen sind: "Auf der einen Seite steht das 217 Billionen Dollar schwere globale Immobiliengeschäft, das ist doppelt so viel wie das weltweite BIP. Auf der anderen Seite steht das Rechte auf angemessenes Wohnen, das in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert ist und im Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte von 1966 als internationales Menschenrecht anerkannt ist. Dieses Recht wurde seitdem von praktisch jedem Mitgliedsstaat der UN verletzt."

In der NZZ moniert nun auch Sabine von Fischer das neue Bauhaus-Museum in Dessau als "statischen Panzer". Aber von innen bietet ihr der Bau dann doch etwas: "Im offenen Raum im Erdgeschoss beflügelt das neue Museum die Phantasie durchaus, allein schon durch die Großzügigkeit der Halle und auch mit Momenten wie der Kunst-am-Bau-Installation von Lucy Raven. Sie führt mit verschiebbaren farbigen Gläsern vor, wie die Kunst die Wirklichkeit verändern und einfärben kann."
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Bühne

SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber kann dem Ingrimm durchaus etwas abgewinnen, mit dem Frank Castorf in Berlin Verdis "Macht des Schicksals" inszeniert, stellt aber auch fest: "Verdis Musik interessiert Castorf leider wenig, umso lieber vertraut er, zu Recht, den Künsten der von ihm so bewunderten Sänger. Der Dirigent Jordi Bernàcer inspiriert das hochkarätige Ensemble, leitet das Orchester des Hauses solide." In der FAZ zeigt sich Gerald Felber eher schicksalsergeben: "Mochte an diesem Abend jeder selbst sehen, wie er aus diesem in einen Splatterfilm hineingerutschten kostümierten Konzert heil herauskam."

Weiteres: Als "intellektuellen Maschinisten" stellt Margarethe Affenzeller im Standard den Regisseur Ulrich Rasche vor, der mit den "Bakchen" des Euripides die Ära Martin Kušejs am Burgtheater eröffnen wird. Besprochen werden Ivan Panteleevs Inszenierung von Michel Houellebecqs "Ausweitung der Kampfzone" am Deutschen Theater (FAZ, taz) und Franz Werfels Novelle "Eine blassblaue Frauenhandschrift" im Kleinen Theater in Berlin (Tsp) und Silvia Costas Beckett-Doppel "Spiel/Wry Smile Dry Sob" am Landestheater Vorarlberg (Standard).
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Literatur

Im Lichte von #MeToo erscheinen heute auch die im Lateinunterricht vermittelten, antiken Texte noch einmal anders, schreibt die Philologin Katharina Wesselmann in der "10 nach 8"-Reihe auf ZeitOnline: Die alten Schriften strotzen nur so vor sexualisierter Gewalt. Die Texte zu zensieren wäre allerdings ein Irrweg, sagt sie: "Erstens bleibt dann nicht mehr viel übrig, zweitens berauben wir uns eines Potenzials an Konflikt und Reibung mit unseren eigenen Traditionen. Sexismus im Jahr 2019 ist kein isoliertes Phänomen, sondern ein Punkt in einem jahrtausendealten Prozess. Die Geschlechterbilder der Antike stellen weitere Punkte auf dieser Zeitskala dar; die alte Weisheit von der Antike als 'Wiege der europäischen Kultur' gilt nicht nur im Guten, sondern auch im Fürchterlichen. Die Zensur problematischer Inhalte würde unweigerlich zur Verarmung der Diskurse führen."

Weitere Artikel: Kafka-Biograf Reiner Stach legt online nachgereicht in der Literarischen Welt offen, welche Bücher ihn am meisten geprägt haben.

Besprochen werden Raphaela Edelbauers für den Buchpreis nominierter Roman "Das flüssige Land" (SZ, Dlf Kultur hat mit der Autorin über ihr Buch gesprochen), Karen Köhlers "Miroloi" (FR), Andreas Maiers "Die Familie" (FR), David Wagners "Der vergessliche Riese" (Tagesspiegel), die dem Schriftsteller Peter Rühmkorf gewidmete Ausstellung im Altonaer Museum in Hamburg (NZZ), Gregor Hens' "Missouri" (NZZ), Slobodan Šnajders "Die Reparatur der Welt" (NZZ), Michael Martens' Biografie des Schriftstellers Ivo Andrić (taz) und der abschließende Band der Edition von Erich Mühsams Tagebüchern (FAZ).
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Stichwörter: Metoo, Latein, Antike, Sexismus

Film

Bewegungsenergie, kurz vor dem Ausbruch: Lilith Stangenberg in "Idioten der Familie"

Michael Kliers "Idioten der Familie" über eine von Lilith Stangenberg gespielte Familientochter, die ins Heim muss, ist ein toller Schauspielerfilm, schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher, und zwar "in dem Sinne, dass die Darsteller_innen die zunächst eher schematisch angelegten Rollen nicht einfach nur ausfüllen, sondern ausdifferenzieren, verkomplizieren und gelegentlich auch überschreiten, indem sie ihr grundsätzlich naturalistisches Spiel um gestische oder auch stimmliche Exaltiertheiten erweitern. Das gilt auch und besonders für Lilith Stangenberg, die weniger ein bestimmtes Krankheitsbild verkörpert, als einen Exzess an Körperlichkeit zur Aufführung bringt. Es schwappt jedenfalls einiges an drehbuchpsychologisch ungebundener Bewegungsenergie durch den Film."

Der Blick auf den Beobachter: Rebecca Zlotowskis "Ein leichtes Mädchen"

Außerdem bespricht Katrin Doerksen "Ein leichtes Mädchen": Zahia Dehar spielt darin eine junge Frau am Strand und damit den "Gipfel des Begehrenswerten: Sie ist die ideale Projektionsfläche. Eine Art Brigitte Bardot des 21. Jahrhunderts." Diese Figur "funktioniert wie ein Köder für Regisseurin Rebecca Zlotowski: Sie positioniert ihre Protagonistin so, dass diese zwangsläufig alle Blicke auf sich zieht - und kann derweil mit der Kamera in Ruhe die Beobachtenden beobachten."

Bei den Berliner "First Steps Awards", Deutschlands wichtigstem Nachwuchs-Filmpreis, wurde Faraz Shariats "Futur Drei" ausgezeichnet - eine Art "Jules et Jim"-Variante in einem migrantischen Kontext. Auf eine Besonderheit macht Christiane Peitz im Tagesspiegel aufmerksam: "Der Film entstand nicht an einer Hochschule als Semesterarbeit oder Abschlussfilm. Eine Rarität: Debütfilme auf diese Weise zu finanzieren und zu realisieren, ist schwer hierzulande." Zugleich markiert diese 20. Ausgabe der "First Steps" auch den Abschied von Gründerin Andrea Hohnen, die Michael Hanfeld in der FAZ würdigt.
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Musik

In der FAZ lässt Jan Brachmann kein gutes Haar an Nike Wagner und der Art, wie sie das Beethovenfest in Bonn leitet: Mit literarischen Anekdoten durchsetzte Vorträge, in denen man die musikalische Expertise allerdings mit der Lupe suchen muss, mit "Mondschein" ein beliebig gewähltes Festivalmotto und ein kuratiertes Programm, dem unter allerlei Nebenschauplätzen glatt der Fokus abhanden kommt - so lauten seine Kritikpunkte. Immerhin konnte der Auftakt mit der Philharmonia Zürich unter Jukka-Pekka Saraste, die Beethovens sechste Symphonie spielten, den Kritiker etwas besänftigen: Wie Saraste "die Körperlichkeit des Tanzes gleich am Beginn mit der feinen Artikulation der Sprache versöhnt, wie er Natur als etwas Menschliches begreift, das von Kultur gar nicht zu lösen ist, das hat in seiner Sanftheit etwas Bezwingendes und Sympathisches. Dem Festivalmotto ist es eher locker assoziativ verbunden. Vom Mondschein ist in der 'Pastorale' nichts zu hören und in der Partitur nicht die Rede. Und das wäre auch nicht weiter bemerkenswert, wenn sich Nike Wagner nicht immerfort unter Verweis auf die 'Tiefe' ihrer Programme auf das 'dramaturgische Denken' in ihrer Planung berufen würde."

In der Türkei sorgt das binnen weniger Tage millionenfach angesehene, gesellschaftskritische Rapvideo "Susamam" für großes Aufsehen, meldet unter anderem die Welt: 18 Musiker um den Rapper Saniser prangern darin unter anderem Morde an Frauen, Umweltzerstörung und Missstände in der Politik an. Unter anderem finden sich auch via Social Media gestreute Zeilen wie "Wenn sie dich eines Nachts zu Unrecht holen, dann kannst du noch nicht mal einen Journalisten finden, der darüber schreibt. Sie sitzen alle im Knast!".



Weiteres: Tazler Julian Weber hat das abwechslungsreiche Festival Meakusma im belgischen Eupen besucht. Besprochen werden ein Konzert des London Symphony Orchestras unter Simon Rattle beim Lucerne Festival (NZZ), der Abschluss von Teodor Currentzis' Mozart-Zyklus in Wien (Standard), ein Taylor-Swift-Konzert (SZ), Herbert Grönemeyers Auftritt in Frankfurt (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter das Comeback der Pixies (SZ).
Archiv: Musik