Efeu - Die Kulturrundschau

Von der Bühne gefegt

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10.09.2019. Die SZ fragt, warum die simbabwische Schriftstellerin und Präsidentenberaterin Petina Gappah das Berliner Literaturfestival eröffnet. Der Guardian taucht in das moralische Universum des Malers William Blake. Standard und Artechock kauen noch am Silbernen Löwe für Roman Polanskis "J'accuse". taz und Tagesspiegel ärgern sich, dass Frank Castorfs Provokationen in der Deutschen Oper tatsächlich aufgehen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2019 finden Sie hier

Literatur

Dass die Schriftstellerin Petina Gappah bis vor wenigen Tagen noch eine Beraterin von Simbabwes Präsident Emmerson Mnangagwa gewesen ist, dessen Regierungsstil alles andere als humanistisch war, lässt sich den Ankündigungen des internationalen Literaturfestivals Berlin, das Gappah am Mittwoch eröffnet, nicht entnehmen, stellt Bernd Dörries in der SZ zu seinem Erstaunen fest. Das Festival selbst antwortet auf Nachfragen lauwarm, der Fischer-Verlag gibt sich überrascht. Nach Mugabes Sturz 2017 hegte Gappah Hoffnungen, mit der neuen Regierung des einstigen Mugabe-Vertrauten Mnangagwa könnte es tatsächlich einen politischen Wandel geben: Sie "sah sich selbst als jemand, der versuchte, das System von innen zu verändern und dafür auch Risiken einging. Doch das Morden ging weiter. Aus Sicht vieler Menschenrechtsaktivisten ist die Lage in Simbabwe heute mindestens genauso schlimm wie unter Mugabe." Auf Nachfragen, berichtet Dörries, verschickte Gappah eine Erklärung: "Da man das Regime von Simbabwe als 'bösartig' bezeichnet, wolle sie folgende Gegenfrage stellen: 'Die Deutschen hatten das bösartigste Regime des vergangenen Jahrhunderts. ... Kein Verbrechen in den modernen Zeit ist mit der Shoah vergleichbar. Heißt das nun, dass nie wieder jemand für die deutsche Regierung arbeiten kann?'"

Ulrike Baureithel wischt die Angelegenheit im Tagesspiegel eher weg: Gappah habe "aus Frust über die Entwicklung ihren Vertrag nicht verlängert. Die hohen Beamten der Regierung, klagt sie, würden sich weiterhin auf Kosten des Landes persönlich bereichern." Das TLS hat zum Tode Robert Mugabes einen Text von Gappah online gestellt, den sie 2017 zum Sturz des Diktators schrieb. 

Weiteres: Mit einer international pompösen Marketing-Kampagne bringt Margaret Atwood ihren neuen Roman "Die Zeuginnen", ihre ziemlich überraschend präsentierte Fortsetzung zum "Bericht der Magd", auf den Markt, berichten Marie Schmidt (SZ) und Gina Thomas (FAZ), die in das Buch bereits einen Blick werfen konnten und eine Aktualisierung des Stoffs unter den Eindrücken der Präsidentschaft Trumps versprechen. Katrin Hörnlein plaudert für die Zeit mit Ursula Poznanski über deren Beststeller-Sequel "Erebos 2".

Besprochen werden unter anderem Tillie Waldens Comic "West, West Texas" (Dlf Kultur), Terézia Moras "Auf dem Seil" (FR), Jan Peter Bremers "Der junge Doktorand" (Berliner Zeitung), Tim Wintons "Die Hütte des Schäfers" (NZZ), Tommy Oranges "Dort Dort" (NZZ), Ernst-Wilhelm Händlers "Das Geld spricht" (SZ) und Sibylle Lewitscharoffs "Von oben" (FAZ).
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Film

Für Nils Pickert markiert die Auszeichnung von Roman Polanskis "J'Accuse" bei den Filmfestspielen in Venedig einen Wendepunkt nach #MeToo, schreibt er im Standard: "Zwei Jahre nach #MeToo scheinen wir wieder in das so vertraute entspannt-distanzierte Sprechen über Gewalt zurückzufallen. ... Es ist, wie die Journalistin Nicole Schöndorfer in einem ihrer durchweg klugen und hörenswerten Podcasts gesagt hat: Zwei Jahre nach #MeToo scheint irgendwie die Luft raus zu sein. Man(n) hat sich interessiert gezeigt, eifrig mit den Köpfen genickt, aber jetzt reicht es dann auch wieder."

Auf Artechock kommentiert Rüdiger Suchsland die Preisvergaben des Festivals im Nachklapp: Mit dem "Joker" kann er sich auch weiterhin nicht anfreunden, aber im Zusammenhang mit dem Silbernen Löwen für Polanksi ergibt sich hier "ein interessantes, vor allem politisches Statement der Jury um die Jurypräsidentin, die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel: Es sind politische Preise, mit denen zum einen die Autonomie der Filmkunst gegen die ethisch-politischen Zumutungen der neuen grassierenden Hypermoral und der Empörten von Links verteidigt wird. Die auf der anderen Seite auf die Gefahren durch die Wutbürger von Rechts verweist."

Besprochen werden Nadav Lapids "Synonymes" (online nachgereicht von der FAZ, unsere Kritik hier), die Netflix-Serie "45 Umdrehungen" (FAZ), die zweite Staffel der HBO/Sky-Serie "Succession" (Freitag), die erste russische Netflix-Serie "Better than Us" (FAZ) und Eckhart Schmidts Klamaukkomödie "Die Küken kommen" von 1985 (critic.de).
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Design

An Pierpaolo Piccioli ist in der Mode kein Vorbeikommen, schreibt Claire Beermann in ihrem Porträt des Modemachers für das ZeitMagazin. Unter ihm "ist das Haus Valentino wieder richtig aufgeblüht. Was seine Entwürfe auszeichnet, ist so simpel wie überraschend: märchenhafte Schönheit, die Frauen nicht zerbrechlich, sondern stark und selbstbewusst erscheinen lässt. Dafür sorgen die kühnen Farbkombinationen - Minzgrün trifft auf Ockergelb, Altrosa auf Korallenrot - und die raumeinnehmenden Silhouetten: aufgeplusterte Ärmel, übereinandergeschichtete Volants, ein Kleid wie eine riesige Wolke in Pink, ein raschelndes Cape in Pastelltürkis, getragen wie ein lässig heruntergerutschter Umhang. Wenn die Valentino-Frau bei Garavani eine Prinzessin war, dann ist sie bei Piccioli eine Königin." (Hier die ganze Herbstkollektion 2019)
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Bühne

Frank Castorfs "Macht des Schicksal" an der Deutschen Oper in Berlin. Foto: Thomas Aurin

Für seine "Götterdämmerung" wurde Frank Castorf in Bayreuth eine halbe Stunde lang ausgebuht, und auch in Berlin ist seine Inszenierung von Verdis "Macht des Schicksals" voll aufgegangen, erzählt Niklaus Hablützel heiter, auch wenn er gern mehr Verdi und weniger Castorf bekommen hätte: "Am Ende war es nicht ganz so laut wie auf dem fränkischen Festspielhügel, dafür aber kam es in Berlin, anders als dort, beinahe zum Abbruch der Vorstellung. Anlass waren ein Schauspieler und eine Schauspielerin, die mit verteilten Rollen eine Passage aus Curzio Malapartes Roman 'Die Haut' von 1949 vorlasen. Das war nun einfach zu viel für Leute, die ziemlich viel Geld ausgegeben hatten, um eine Oper von Giuseppe Verdi zu hören. 'Aufhören! Aufhören!', schallte es aus dem Saal. Unterhaltsam war der Skandal vor allem, weil sich bald zwei Fraktionen bildeten. Castorfs Gegner riefen nach 'Verdi' oder einfach nur nach 'Musik', seine Freunde wehrten sich zunächst nur mit demonstrativem Händeklatschen, bis einer von ihnen auf die Idee kam, die Kritiker mit dem Ruf 'Wir wollen unseren Kaiser Wilhelm wieder haben' zu parodieren."

Im Tagesspiegel fragt sich Ulrich Amling zwar, warum Castorf den brasilianischen Choreografen Ronni Maciel im goldenen Stringtanga Heiner Müllers "Auftrag" deklamieren lässt oder Curzio Malapartes "Haut", aber er bemerkt auch: "Castorfs Berliner Operndebüt bringt den Saal nicht wegen seiner streckenweise gnadenlosen Langweiligkeit gegen sich auf, sondern weil er für vielleicht zweimal fünf Minuten vom Fahrplan abweicht, zum Zuhören bei Musikverzicht zwingt. Ein beklommenes Gefühl bereitet sich aus. Was wäre geschehen, wenn statt des schillernden Exoten Ronni Maciel (der seit über zehn Jahren in der Stadt lebt) zum Beispiel der im Publikum sitzende Ulrich Matthes die Müller-Verse gesprochen hätte? Wäre auch er von der Bühne gefegt worden?" Auch in der Nachtkritik schreibt Janis El-Bira: "Staunend erlebte man die Verlagerung der Internet-Trollerei ins anonymisierende Dunkel eines Opernhauses."

Besprochen werden Rossinis irrwitziger "Otello" im Frankfurter Opernhaus ("Mehr Stimmungen passen in drei Stunden nicht hinein", versichert Judith von Sternburg in der FR, FAZ-Kritiker Wolfgang Fuhrmann vernahm zumindest "eine Verheißung von Schönheit"), das Projekt "Körpertreffer" am Staatstheater Darmstadt (FR), Katie Mitchells Inszenierung von Virginia Woolfs "Orlando" an der Berliner Schaubühne (SZ), Robert Hunger-Bühlers Inszenierung der "Fledermaus" im Kurtheater Baden (NZZ), Houllebecqs "Ausweitung der Kampfzone" am Deutschen Theater (Berliner Zeitung, Nachtkritik) und Ersan Mondtags Inszenierung von Bertolt Brechts "Baal" am Berliner Ensemble (FAZ).
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Kunst

William Blake, Newton, 1795-ca.1805. Tate


Als Dichter wird William Blake hinlänglich verehrt, aber nicht als Maler. Im Guardian ist Jonathan Jones voller Begeisterung, dass die Tate Britain mit ihrer Ausstellung "Rebel, Radical, Revolutionary" allen Kunstsnobs zum Trotz den Schauerromantiker Blake als genialen Künstler präsentiert, dessen Visionen denen Goyas nahekommen: "Vielleicht passiert es vor den seltsamen Korallen unter der türkisen See, auf denen sein Newton Schreckliches denkt, oder bei der bemitleidenswerten Göttergestalt Urizen, aber man verfällt Blakes Kosmos und beginnt auf seine Art zu sehen. Seine kleinen Gebilde werden riesig. Seine Symbole sprühen vor Wahrheit. Tyrannei und Sklaverei, Freiheit und Erfüllung kämpfen in seinem moralischen Universum, aber was ihre Schlacht so dauerhaft macht, ist die Tiefe, mit der Blake unsere zerrissene und widersprüchliche Natur herausarbeitet. Ich glaube wirklich, dass es einen Roten Drachen gibt. Er haust, wie alle Figuren von Blake, in der menschlichen Seele. Es ist ein häretischer Glaube an die Menschheit, ein Glaube, dass alles heilig ist."

Im SZ-Interview mit Till Briegleb spricht der französische Kurator Nicolas Bourriaud über die kommende Istanbul Biennale und erklärt, warum er den Siebten Kontinent zum Thema gemacht hat, der sich eigentlich auf den gigantischen Müllstrudel im Pazifischen Ozean bezieht: "Der siebte Kontinent ist für mich das Unterbewusste der Menschheit, der negative Kontinent zwischen Europa und den Gebieten seiner Eroberungen. Ein Land, das sich allein aus den Aktivitäten der Menschheit ergeben hat, als schlechtes Gewissen der westlichen Welt. Die Ausstellung wird dieses neue Territorium erforschen. Die Künstler untersuchen einen Kontinent, der wirklich existiert, aber auf dem niemand wohnen will. Wir bereisen das Gegenstück zur Neuen Welt."

Außerdem: In der taz freut sich Ronald Berg, dass die Lübecker Possehl Stiftung einen großzügig dotierten Kunstpreis an die kolumbianische Künstlerin Doris Salcedo vergibt, die in ihren Arbeiten die allgegenwärtige Gewalt des Landes auf subtile Weise zum Thema macht.
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Architektur

Alexander Menden huldigt in der SZ dem Gasometer in Oberhausen, das als Ausstellungshalle zwischen Einkaufszentrum und A43 zum Wahrzeichen des Strukturwandels im Ruhrgebiet wurde.
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Musik

Jürg Schoch blickt in der NZZ zurück auf Richard Strauss' letzte, in der Schweiz verbrachten Lebensjahre. Und Arno Raffeiner erinnert in der NZZ an das New Yorker Studio 54. Die Chancen stehen gut, dass Vinyl in diesem Jahr erstmal seit 1986 wieder mehr Umsatz macht als die CD, meldet der Tagesspiegel.

Besprochen werden neue CDs mit Clara-Schumann-Aufnahmen (FAZ), ein von Teodor Currentzis dirigierter "Don Giovanni" in Wien (Standard), ein Abend mit Heinz Holliger beim Lucerne Festival (NZZ), ein neues Album von Iggy Pop (Standard, mehr dazu hier), Herbert Grönemeyers Konzert in Frankfurt (FAZ) und die von Big Crown veröffentlichte Compilation "YIA Talent Hunt Winners" mit live entstandenen Soul-Coversongs aus den Jugendwettbewerben im New Yorker Viertel Bedford-Stuyvesant - "die perfekte Platte für Hardocore-Nostalgiker", meint SZ-Retrokolumnistin Ann-Kathrin Mittelstraß. Auf Bandcamp steht die Veröffentlichung zum Reinhören bereit:

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Stichwörter: Grönemeyer, Herbert