Efeu - Die Kulturrundschau

Delikat und ordinär, poetisch und gossig

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04.05.2019. In der Kunstszene hat sich eine "Wagenburgmentalität" breit gemacht - wer kritisiert, fliegt, stellt die NZZ fest. Eine Frauenquote für Theater-Regisseurinnen ist nur "Machismo andersherum", meint der Tagesspiegel und fragt: Zählt die Basis nicht? Spiegel Online konstatiert derweil einen sanften Abstieg der Frauen im Filmbetrieb. So geht zeitgenössische Oper, ruft die Welt nach Berlin, nachdem sie in Calixto Bietos Antwerpener Inszenierung der "Wohlgesinnten" gelernt hat, wie man einen Pissstrahl in Musik umsetzt. Und Dezeen hat sich erste Entwürfe für den Wiederaufbau von Notre Dame angeschaut.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2019 finden Sie hier

Kunst

"Olympia" Édouard Manet, 1863
"Ambitioniert", aber auch spannend findet Helmut Mayer in der FAZ die Schau "Le modèle noir" im Pariser Musee d'Orsay, die anhand von Gemälden von Theodore Gericault bis Henri Matisse die hinter typisierenden Bezeichnungen wie "Negerin" oder "Mulatte" verschwundenen schwarzen Modelle aus ihrer Anonymität holen will und zugleich die politische Geschichte der Diskriminierung erzählt: "Von Edouard Manets schwarzem Modell 'Laure' ist auch nicht mehr als der Name bekannt. Dass er sie 1865 neben seiner 'Olympia' ohne exotische Marker wie grelles Gewand oder Entblößung zeigte, gehörte zum Realismus des Bildes. Warum die Zeitgenossen diesen als skandalös empfanden, kann man aus den in der Ausstellung versammelten Varianten von schwarzer Dienerin mit weißer Herrin erschließen. Ein anderer 'realistischer' Weg führt etwa zu den Skulpturen Charles Cordiers, dessen Büsten afrikanischer Frauen sowohl im Salon wie in der Galerie d'anthropologie des Naturhistorischen Museums stehen konnten."

In der Kunstkritik hat sich eine "Wagenburgmentalität" breit gemacht, klagt Christian Saehrendt in der NZZ. Kunstmarktinteressen bestimmen, was geschrieben wird, Journalisten halten sich lieber zurück, um den Zugang "zu den Informationshierarchien der Kunstmarkt-Insider" nicht zu verlieren und aus dem Netzwerk zu fliegen: "Dies ist die neue, die informelle Zensur im Kulturbetrieb. 'Wenn wir Profis sozusagen privat ein Kunstwerk betrachten, ohne an unsere berufliche Verpflichtung zu denken, äußern wir oft ganz andere und manchmal viel interessantere Meinungen als im Dienst', verriet etwa Robert Cumming, der jahrelang als Kurator für die Tate Gallery und für Christie's tätig gewesen war. Aufgrund der allseitigen Vernetzung der Mitspieler im Kunstbetrieb durch ihre Mehrfachfunktionen - manche sind Künstler und Kuratoren, Händler und Jurymitglieder, Museumsdirektoren und Gutachter in persona - ist der offene Schlagabtausch eine Seltenheit geworden."

Weitere Artikel:Wie die Bauhaus-Fotografie bis heute zu fotografischen Experimenten ermutigt, lernt Ingeborg Ruthe in der FR in der Ausstellung "Neues Sehen" im Berliner Museum für Fotografie, die unter anderem Arbeiten von Man Ray, Lazlo Moholy-Nagy oder Lux Feininger Werken von Wolfgang Tillmans, Thomas Ruff und Douglas Gordon gegenüberstellt. Im Guardian freut sich Mark Brown schon jetzt auf die im kommenden Jahr in der Londoner National Portrait Gallery stattfindende David-Hockney-Schau "Drawing from life", die Hockney als einen der führenden Zeichner unsere Zeit positionieren will.

Besprochen wird die Ausstellung "All natural" im Salzburger Museum der Moderne (Standard) und die Ausstellung "Straying from the Line" im Berliner Schinkel Pavillon, die feministische Kunst der letzten hundert Jahre zeigt (taz).
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Film

Ein bemerkenswertes Personalien-Karussell im Filmbetrieb beobachtet Frédéric Jaeger in seiner Kino-Quartalskolumne auf SpOn: Festivalleiterinnen legen de facto Karriererückschritte hin, werden wegen mangelnder Deutschkenntnisse von der Lokalpresse gemobbt und Führungspositionen in der Branche vermännlichen wieder zusehends: Alles in allem sieht er in den Personalien Maria Köpf, Leena Pasanen und Paz Lázaro einen "Trend der geräuschlosen Rücktritte und sanften Abstiege von Frauen in Führungspositionen der deutschen Filmbranche. ... Drei Jahre, fünf Jahre, zwei Jahre - dass Führungspositionen der deutschen Filmbranche so schnell neu besetzt werden, ist die absolute Ausnahme."

Weitere Artikel: Patrick Holzapfel skizziert im Filmdienst die Lage des rumänischen Autorenkinos, das nach rund 15 Jahre internationalem und nationalem Erfolg vor der Herausforderung steht, diese Erfolgsgeschichte einerseits fortzusetzen, aber andererseits nicht in den eigenen Konvention zu erstarren. In Österreich und über Österreichs Grenzen hinaus formiert sich Widerstand gegen die Neubesetzung des Filmbeirats, berichtet Dominik Kamalzadeh im Standard. Hanni Beckmann wirft für Artechock einen Blick ins Programm der Georgischen Filmtage in München. David Steinitz (SZ) und Maciej Palucki (Presse) schreiben Nachrufe auf den "Chewbacca"-Darsteller Peter Mayhew.

Besprochen werden Emma Rosa Simons und Robert Bohrers "Liebesfilm" (taz, mehr dazu hier), Ulli Gladiks Dokumentarfilm "Inland" über FPÖ-Wähler (Standard) und Boris Poplawskis "Apoll Besobrasow" (taz).
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Stichwörter: Filmbranche, FPÖ

Bühne

Gibt es im zeitgenössischen Musiktheater denn aktuell keinen "Mittelweg zwischen allzu einfacher Bedürfnisbefriedigung und am Publikum vorbeikomponierenden Avantgarde-Hohlformen?", fragt sich ein nach diversen Berliner Opernpremieren erschöpfter Manuel Brug in der Welt. Doch, an der Opera Vlaanderen in Antwerpen nämlich, wo derzeit Hèctor Parras und Händl Klaus' Opernversion von Jonathan Littels Roman "Die Wohlgesinnten" in der Inszenierung von Calixto Bieito als "kontrapunktisches Kunstwerk" zu sehen ist, so Brug: "Händl Klaus hat diesmal, unter Beibehaltung der 'in sieben Bewegungen' eingeteilten Barocksuitenfolge des Romans (…), ein sehr gutes Libretto erstellt, deutsch und französisch (…), delikat und ordinär, poetisch und gossig. Und der Katalane Hèctor Parra hat eine moderne, sparsam Elektronik einsetzende Partitur verfertigt, die eben nicht austauschbar ist, die direkt auf die Szene reagiert, auch einen Pissstrahl in Musik umsetzt, sie dann abstrahiert, manchmal auch negiert."

"Künstlich und kunstfeindlich" nennt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel die Entscheidung, beim Theatertreffen künftig eine Frauenquote von fünfzig Prozent einzuführen. (Unsere Resümees) An der Basis ändere das nichts: "Denn sie setzt hier komplett auf die Regie, die traditionelle männliche Machtbastion. Machismo andersherum. Regisseurinnen sollen her. Aber was ist mit Bühnenbildnerinnen? Fallen Anna Viebrock und Katrin Brack künftig durch, wenn sie weiter mit Kerlen arbeiten? Werden Stücke mit herausragenden Schauspielerinnen nicht mehr eingeladen, weil ein Mann Regie führt? Was ist mit Dramatikerinnen, Dramaturginnen, Kostümbildnerinnen, Intendantinnen? Zählen sie nicht?" "Das Publikum seinerseits hat ein Recht auf weibliche Regiehandschriften", meint im Standard indes Margarete Affenzeller, die auch zu den JurorInnen des Theatertreffens gehört.

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel hat Christine Wahl bei Intendant Joachim Klement nachgefragt, weshalb dem Staatsschauspiel Dresden die seltene Ehre zuteil wird, mit zwei Inszenierungen beim Theatertreffen vertreten zu sein: Gute Arbeitsdingen ermöglichen eine "überdurchschnittlich hohe Qualität" der Inszenierungen, erfährt sie. In der NZZ schildert Daniele Muscionico, wie die neuen Intendanten des Zürcher Schauspielhauses, Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg, die schon seit Christoph Marthalers Intendanz genutzte Industriehalle Schiffbau neu bespielen wollen.

Besprochen wird Jan-Christoph Gockels Inszenierung von Vladimir Sorokins "Ljod - Das Eis" im Staatstheater Mainz (FR), Uwe Eric Laufenbergs Doppelinszenierung von Mozarts Opern "Idomeneo" und "Titus" bei den Maifestspielen in Wiesbaden (FR) und Amina Gusers Inszenierung von Falk Richters Stück "Je suis Fassbinder - Deutschland im Herbst 2016" im Werk X Wien (nachtkritik).
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Literatur

Nico Walker, der aus dem Gefängnis heraus seinen Roman "Cherry" geschrieben hat, fasziniert die Feuilletonisten (siehe dazu auch den gestrigen Efeu). Für ZeitOnline hat sich Daniel-C. Schmidt telefonisch zu dem Irakveteranen von der Gefängnisleitung durchstellen lassen und erfuhr im Zuge, dass Walker nach einem Porträt in Buzzfeed von seinem Verleger entdeckt und zum Schreiben animiert wurde. "Mit seinem Lektor durfte Walker in genau den gleichen 15-Minuten-Takten telefonieren, wie er das heute nach dem Erscheinen des Buches mit Journalisten tut. Es war ihm nicht erlaubt, das Manuskript zum Apparat mitzunehmen, er musste die Änderungsvorschläge des Lektors aus dem Kopf einarbeiten, wenn er ein neues Blatt Papier in die Schreibmaschine spannte. So schrieb er fünf, sechs Tage die Woche und gab einzelne Seiten in die Post. Ein mühsamer Prozess, der vier Jahre in Anspruch nahm, bis 'Cherry' fertig war."

Sehr schade findet es Ulrich Gutmair in der taz, dass die FAS Maxim Billers wöchentliche Kolumne "Moralische Geschichten" (zahlreiche davon hat der Autor auf seinem Facebook-Profil per Foto online zugänglich gemacht) einstellt: Diese "reagierten stets auf das Geschehen der Zeit und schrieben so eine Geschichte deutscher Gegenwart. Wenn Historiker in 50 Jahren wissen wollen, was die Leute am Anfang des 21. Jahrhunderts umgetrieben hat, werden sie in ihnen eine verlässliche Quelle finden."

Ulrich Weinzierl schreibt im Standard über die 1951 gestorbene Schriftstellerin Hermynia Zur Mühlen, deren Werke er herausgibt: "Sie schrieb unentwegt: politische Kriminalromane unter amerikanischem Pseudonym, Fortsetzungsromane mit unterhaltender oder sozialkritischer Schlagseite, Skizzen und Feuilletons. Sie musste schreiben, schrieb um ihr Leben, ihren Lebensunterhalt. "

Weitere Artikel: Gerrit Bartels (Tagesspiegel) und Dirk Knipphals (taz) haben mit Blick auf die kommende Buchmesse in Frankfurt den norwegischen Literaturbetrieb besucht. Deutsche Romane - zumindest jene gemeinfreien, die im Projekt Gutenberg hinterlegt und zugänglich sind - spielen mit Vorliebe im Mai, hat eine komplexe digitale Auswertung ergeben, wie Frank Fischer in der Literarischen Welt berichtet. Für die Literarische Welt hat sich Mara Delius mit Wolf Biermann zum Gespräch über dessen in Form einer Novellensammlung verfassten Erinnerungen an Begegnungen getroffen. Gerrit Bartels glossiert im Tagesspiegel über das jüngst zu beobachtende Phänomen, dass immer mehr Schauspielerinnen und Schauspieler - aktuelles Beispiel: Axel Milberg (hier im taz-Gespräch) - sich an der Schriftstellerei versuchen. Außerdem bietet der BR mit "Stein, Stiel, Schlehe" das erste Orginalhörspiel der Schriftstellerin Esther Kinsky online an.

Besprochen werden unter anderem Nell Zinks "Virginia" (Welt), Mawils Comic "Lucky Luke sattelt um" (SZ), Nicola Karlssons "Licht über dem Wedding" (Literarische Welt), Norbert Zähringers "Wo wir waren" (Literarische Welt) und Graham Swifts "Einen Elefanten basteln" (SZ, FAZ).
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Musik

Julian Weber berichtet in der taz vom Festival Femua im ivorischen Abidjan, wo gegen Genitalverstümmelung protestiert und für Gleichberechtigung gekämpft wurde.

Besprochen werden Morisseys Auftaktkonzert seiner Broadway Residence (SZ), das neue Vampire-Weekend-Album (ZeitOnline, Standard) und ein Konzert des London Symphony Orchestra unter Simon Rattle bei der musica viva (FAZ).
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Architektur

Entwurf Notre Dame. Miysis Studio.
Zum Wiederaufbau von Notre Dame hat Emmanuel Macron einen Architekturwettbewerb ausgelobt, auch die Bevölkerung soll befragt werden. Laut einer YouGov-Umfrage wollen allerdings 54 Prozent der Franzosen eine Rekonstruktion wie vor dem Feuer, meldet Zeit Online. Dabei hat der Entwurf des Miysis Studio durchaus seinen Reiz, wie eine Bilderstrecke bei Dezeen zeigt. Ein "Mix aus traditionellem Holz und neuen Materialien soll die richtige Balance zwischen Geschichte und Zukunft" schaffen, verrät Denis Steven, CEO des Miysis Studio auf Nachfrage von Dezeen-Autor Tom Ravenscroft. Hier zeigt Dezeen sieben weitere Entwürfe für Notre Dame.
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Stichwörter: Notre Dame, Miysis Studio