Efeu - Die Kulturrundschau

Wie schnell sie atmet

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.05.2019. Heute beginnt das Theatertreffen. Im Tagesspiegel sucht Matthias Lilienthal neue Konfliktbeschreibungen jenseits der alten Rechts-links-Schemata. Die NYRB sucht ein Zuhause in einer Londoner Ausstellung über tschechische Künstler, die im letzten Jahrhundert nach Britannien geflohen oder emigriert waren. Im Crime Mag erzählt Filmregisseur, Irakveteran und Bankräuber Nico Walker von seiner Opioidsucht. Zeit und Spon feiern Robert Bohrers und Emma Rosa Simons "Liebesfilm". Die SZ staunt über die Eleganz und die sportlich balletösen Sprungbewegungen der Dirigentin Joana Mallwitz.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2019 finden Sie hier

Film

Körperbetonte Komik: "Liebesfilm" mit Lana Cooper (o.) und Eric Klotzsch (u.)

Robert Bohrers und Emma Rosa Simons "Liebesfilm" ist eine romantische Komödie, der es tatsächlich gelingt, romantisch und komisch zu sein, staunt Frédéric Jaeger aufs Hingerissenste auf SpOn. Phänomenal ist dieser Film, leicht und dynamisch: Zwei Menschen jenseits der 30 verlieben sich und das ist schon wegen der darstellerischen Leistung ein Kinospaß. "Von Lana Cooper, für viele auch improvisierte Filme wie 'Love Steaks' bekannt, konnte man das erwarten. Eric Klotzsch dagegen ist eine verblüffende Entdeckung." Der bislang aus dem TV bekannte Darsteller beeindruckt dadurch, "wie hyperexpressiv er die Register der körperbetonten Komik zieht."

In der Zeit liegt Georg Seeßlen diesem Film zu Füßen - und das vor allem wegen seiner "unangestrengten Augenblicklichkeit. Die ganze Geschichte setzt sich aus Kleinigkeiten zusammen, aus Episoden rund um das Drama, das nicht stattfindet, und um die große Debatte, die nicht geführt wird. Man fühlt sich an die Anfänge der Nouvelle Vague und sogar des Neuen Deutschen Films erinnert, wo Filmen einfach nur eine Fortsetzung des Lebens war, so wie das Leben vorher eine Fortsetzung des Kinos oder, wie hier, der grotesken Geschichten, die man sich erzählt, um die großen Worte zu sparen." Im Tagesspiegel ist Katrin Doerksen nicht ganz so angesteckt von der guten Laune ihrer Kollegen: Zu sehen gibt es "ein Werk, das schon ein bisschen darauf herumreitet, wie besonders skurril es ist. Dem es aber beiläufig gelingt, in seinem improvisiert wirkenden und dabei doch präzisen Drehbuch viel davon einzufangen, wie die Generation der Mittdreißiger so denkt und redet."  Skeptisch ist FR-Kritiker Daniel Kothenschulte: In diesem Film werden "alle Beteiligten schrecklich erwachsen, bevor noch das Abenteuer überhaupt losgeht."

Hollywood will nichts mehr von ihm wissen und auch in der Verlagswelt scheint Woody Allen ein Ausgestoßener zu sein. Wie  Alexandra Alter und Cara Buckley in der NYT berichten, wollte kein Verlag seine Memoiren veröffentlichen: "Führungskräfte mehrerer Verlage bestätigten, dass ein Agent, der Allen vertritt, sich Ende letzten Jahres wegen der Memoiren an sie gewandt habe, sie aber keine Angebote gemacht hätten - vor allem wegen der negativen Publicity, die die Zusammenarbeit mit Allen hervorrufen könnte. Einige Verlage lehnten es ab, das Material, das anscheinend aus einem vollständigen Manuskript bestand, überhaupt zu lesen. Die Führungskräfte sagten, dass sie von keinem anderen Verlag wüssten, der Allen einen Vertrag angeboten hätte; wenn doch, werde er streng unter Verschluss gehalten, und das Manuskript scheint nicht weit verbreitet zu sein. Einige Verlagsmanager benutzten das Wort 'toxisch', als sie die Risiken der Zusammenarbeit mit Allen in der heutigen Situation beschrieben, und sie hielten fest, dass er zwar eine bedeutende kulturelle Figur bleibe, die kommerziellen Risiken der Veröffentlichung seiner Memoiren aber zu groß wären."

Weitere Artikel: Vor der Verleihung des Deutschen Filmpreises spricht Kaspar Heinrich in der taz mit den drei nominierten Drehbuchautoren Oliver Ziegenbalg, Paul Salisbury und Ariana Berndl über deren Arbeit. Im Tagesspiegel spricht Christiane Peitz mit Margarethe von Trotta, die beim Deutschen Filmpreis für ihr Lebenswerk geehrt wird. Dominik Kamalzadeh blickt im Standard auf das "Crossing Europe"-Festival in Linz zurück, wo sich insbesondere die Debüts besonders stark zeigten. Im Guardian spricht Werner Herzog über seinen Gesprächsfilm "Meeting Gorbachev".

Besprochen werden Nicolas Philiberts Doku "Zu jeder Zeit" (Tagesspiegel, critic.de, Kinozeit, Filmdienst), Shin'ichirô Uedas japanischer Zombiefilm "One Cut of the Dead" (critic.de), der Animationsfilm "Royal Corgi" (Welt), Lee Cronins Horrorfilm "The Hole in the Ground" (Tagesspiegel) und die Arte-Serie "Eden" (Presse).
Archiv: Film

Bühne

Das Berliner Theatertreffen beginnt! In einem gut gelaunten Interview mit dem Tagesspiegel denkt der Münchner Intendant Matthias Lilienthal über das Verhältnis von Politik und Theater nach: "Es sind neue politische Fronten, die sich da auftun. Wir kapieren momentan überhaupt nicht, in was für einer anderen Art von Gesellschaft wir leben. Diese Rechts-links-Schemata, auch die Rolle von Theatern, definieren sich nicht mehr wie in den siebziger oder achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts." Was die Rolle des Theaters angehe, "da halte ich es nach wie vor mit Dirk Baecker und sage: Es ist ein Labor für die Erprobung urbaner Lebensformen. Aber die Form dafür muss man immer wieder neu zu bestimmen versuchen."

Die deutschen Theater sind über Jahrzehnte personell und technisch vernachlässigt worden. Das rächt sich jetzt, warnt Hubert Eckart, Geschäftsführer der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft, im Interview mit der FAZ. "Wir haben ein Drittel weniger festangestellte Leute als noch vor zehn Jahren, und mit dieser knappen Personaldecke spielen wir 69.000 Vorstellungen, fast dreihundert pro Tag, das ist Weltrekord. Und da sind die fünfhundert Sommerfestivals noch nicht miteingerechnet. Im künstlerischen Bereich bekommen auch immer weniger Menschen Festverträge. Alle im Theater werden ausgequetscht wie die Zitronen. Theater ist doch angeblich der Ort, an dem Visionen entwickelt werden, an dem die gesellschaftlichen Zustände kritisch hinterfragt werden. Da könnten wir mal bei uns selber anfangen."

Weitere Artikel: Die Berliner Zeitung stellt in Kurzkritiken alle Gastspiele des 56. Theatertreffens in Berlin vor. Im Tagesspiegel schreibt Christine Wahl über She She Pops "Oratorium", das beim Theatertreffen mit dem Berliner Theaterpreis ausgezeichnet wird.

Besprochen werden die "Politshow" des Volkstheaters Wien beim Heidelberger Stückemarkt (nachtkritik), "Please, Repeat After Me" beim "Expo Festival" der internationalen freien Szene im English Theatre (Tagesspiegel), Jan-Christoph Gockels Adaption von Vladimir Sorokins Romantrilogie "Ljod" fürs Staatstheater Mainz (FR), zwei Inszenierungen am Burgtheater: Joachim Meyerhoffs Hommage an den verstorbenen Schauspieler Ignaz Kirchner "Land in Sicht" und Herbert Fritschs "Zelt" (SZ).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Theatertreffen

Kunst

Mila Fürstová: Town Tree, 2012


Am 15. März, pünktlich zum achtzigsten Jahrestags von Hitlers Einmarsch in die Tschecheslowakei, eröffnete die Londoner Ben Uri Gallery ihre Ausstellung "Czech Routes", die vierte in einer Serie mit Arbeiten von Künstlern aus Deutschland, Polen und Österreich, die nach Britannien emigriert oder geflohen waren. Jenny Uglow hat sie für die NYRB besucht: "Alle Ausstellungen, die sich auf Immigration konzentrieren, tendieren dazu, sich mit Ideen von 'Zuhause', dem verlorenen Ort, dem temporären Zelt, dem gefundenen sicheren Ort auseinanderzusetzen. ... Mila Fürstová, geboren 1975, kam nach London, um am Royal College of Art zu studieren. Ihre Residenz ist gewählt, nicht erzwungen, aber ihre Radierungen, die in den 'Tschechischen Routen' ausgestellt sind, beschwören auf eindringliche Weise die Themen Flucht, Ansiedlung und Investition in die Zukunft auf. 'Town Tree' (2014) vermittelt den Eindruck von einem Exilanten, der auf seine Wurzeln in einem anderen Land zurückblickt, während 'Nest' (2011) ein Ei in seinem auf der Spitze balancierenden Nest zeigt, mit winzigen Londoner Szenen, die in die Zweige und Zweige eingewebt sind. Fürstová erklärt ihre Technik: 'Ich zeichne mit einer Nadel auf eine Platte, so dass das Bild langsam wachsen kann, während aus einem dunklen Hintergrund eine zerbrechliche silberne Linie hervortritt, als ob eine entfernte Erinnerung aus dem Unbewussten verfolgt würde.'"

Weiteres: In der NYT berichten Martha Schwendener und Will Heinrich von der Art Frieze New York. In der NZZ erinnert Hans-Jürgen Becker an den deutsch-russischen Dialog, mit dem Konstanz seit 1991 Brücken zur russischen Kunst zu bauen versucht.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Flucht in die Bilder? Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus" im Berliner Brücke-Museum (FAZ) und eine Marien-Ausstellung im Augusteum in Wittenberg (SZ).
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Archiv: Kunst
Stichwörter: Tschechische Kunst

Literatur

Eine neue Ausgabe des CrimeMags ist da. Zu den Highlights zählt ein "milde redigierter" Vortrag von Thomas Wörtche aus dem Jahr 2006 über Komik  und ein Gespräch, das Alf Mayer mit Nico Walker geführt hat, der mit "Cherry" (den die "Avengers"-Regisseure Joe und Anthony Russo demnächst verfilmen) quasi den Roman zur US-Opioid-Krise geschrieben hat (hier dazu die CrimeMag-Rezension). Überhaupt hat der Autor viel zu erzählen, sitzt der Irakveteran nach Drogensucht und Banküberfällen doch derzeit eine langjährige Haftstrafe ab. Mit Opioiden und Heroin versuchte er seine Kriegstraumata selbst zu behandeln. "Ich war depressiv wie die Hölle, mit all dem Tod und so. Das Medikament half dagegen. Heroin half dagegen. ... Sehen Sie sich Amerika und 60.000 Opioid-Tote jedes Jahr an - das alles ist ein direktes Ergebnis von Regierungsverordnungen. Die FDA (die U. S. Food and Drug Administration ist die Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten) zwingt Pharmafirmen, Medikamente zu produzieren, die man sich nicht injizieren kann, was die User dazu bringt, sich auf der Straße Drogen zu kaufen. Anstatt Medikamente zu nehmen, die in cleanen Fabriken und unter Aufsicht von Chemikern hergestellt werden, holen Opioid-Patienten sich jetzt ihr Dope von Idioten, die keinen Schulabschluss haben und Beruhigungsmittel für Elefanten als Heroin an nichtsahnende Kunden verkaufen, weil Beruhigungsmitte 200 Dollar die Unze kosten, Heroin aber 1000. Aber wen juckt's schon, wenn die Junkies sterben?"

Weitere Artikel: Tobias Lehmkuhl schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Dichter Les Murray. Besprochen werden Christine Nöstlingers postum veröffentlichter Gedichtband "ned dasi ned gean do warat" (SZ), Tadeusz Dabrowskis "Eine Liebe in New York" (NZZ), Hagar Peeters' "Malva" (online nachgereicht von der FAZ) und Jenny Friedrich-Freksas "Pferde" (ZeitOnline).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Walker, Nico, Opioid-Krise

Design

Die internationalen Laufstege entdecken die Dunkelheit wieder, schreibt Tillmann Prüfer im ZeitMagazin: " Bei Christian Dior sehen wir schwarze Looks in Mesh-Optik, bei Prada viel schwarzen Chiffon, schwarze Ledermäntel und Paillettenkleider. Ein bisschen sehen diese Aufmachungen aus, als kämen die Models von einer Gothic-Party der späten Achtzigerjahre. Und das sind nur die Sommerkollektionen, im Herbst wird es richtig düster."
Archiv: Design
Stichwörter: Mode, Gothic

Musik

Der Künstlermanager, Orchester- und Agenturgründer Karsten Witt, Gründer der selbstverwalteten Jungen deutschen Philharmonie und anderer innovativer Ensembles unterhält sich mit Hartmut Welscher vom stets lesenswerten Van-Magazin über die heutige Orchesterlandschaft, die weitgehend im alten hierarchischen Modell stecken geblieben ist: "Ich hätte mir zu dem Zeitpunkt als wir die JDPh gegründet haben, das ist über 40 Jahre her, nicht träumen lassen, dass die Orchester heute immer noch so arbeiten würden, wie sie es tun. Allerdings gibt es für Musiker heute viel mehr Möglichkeiten, sich neben ihrem Job im Orchester noch weiterzuentwickeln. Insofern gibt es da individuelle Auswege aus der strengen Hierarchie und der Integration in eine rigide Ordnung. Aber natürlich stellt sich die Frage, ob zukünftige Generationen von Politikern und Sponsoren noch bereit sind, für so einen musealen Betrieb die notwendigen Mittel bereitzustellen."

Keine dirigiert so wie Joana Mallwitz, schwärmt Evelyn Roll auf der Seite Drei der SZ. Bei Tschaikowskys "Eugen Onegin" in der Münchner Staatsoper "hat sie mit bemerkenswertem Körpereinsatz, sportlich balletösen Sprungbewegungen und eleganten Gesten jeden einzelnen dieser Tschaikowski-Takte ausdirigiert. Wenn sie das Orchester zurücknehmen will, macht Joana Mallwitz sich klein, geht in die Hocke auf ihren High Heels oder lehnt sich mit dem Rücken an die schwarze Wand vom Orchestergraben, als wolle sie darin verschwinden. Wahrscheinlich könnte sie aber auch allein mit ihrer Mimik dirigieren: Lachen, Brauen hochziehen, Stirnrunzeln, Erstaunen. Und nur ihrem Bauch sieht man an, dass das alles Schwerstarbeit ist. Wie schnell sie atmet."

Im taz-Gespräch mit Julia Neumann gewährt Jannis Stürtz einen Einblick in seine Labelarbeit: Mit Habibi Funk veröffentlicht der Berliner DJ alte arabische Musik neu - und das mit ethischen Überzeugungen: Die Musik werde nicht kolonialistisch "entdeckt" und im Gegensatz zu einigen anderen Reissue-Labels veröffentliche man nur tatsächlich lizenzierte Musik. Das macht mitunter Detektivarbeit nötig: "Bei dem marokkanischen Sänger Fadoul war es so, dass wir grob wussten, wo seine Familie vor 20 Jahren gewohnt hat. Also haben wir in alten Cafés Leuten das Cover gezeigt und gefragt, ob sich jemand an ihn erinnert. Darüber haben wir irgendwann die Adresse seines Bruders herausgefunden. ... Die Tochter des Bruders macht uns die Tür auf, sie rief ihre Tante an und meinte, jemand sei wegen ihres Bruders da - der nicht mehr lebt. Und diese Schwester des Künstlers hat voll Panik bekommen, dass der Künstler während seiner Zeit in Europa Kinder gezeugt hätte und wir jetzt nach unserem Vater suchen. Das fand sie anscheinend sehr viel realistischer, als dass jemand wegen dessen Musik vorstellig wird." Wir hören rein:



Weitere Artikel: Für die FAZ hat Jesper Klein den Heidelberger Frühling besucht. Besprochen werden das neue Album des Bluesmusikers Joe Bonamassa (NZZ), ein Berliner Konzert der Goldenen Zitronen (taz), ein Abend mit Element of Crime (Standard), das neue Album von Vampire Weekend (SZ, Pitchfork), ein Sibelius- und Prokofjew-Abend mit dem Bayerischen Staatsorchester unter Jukka-Pekka Saraste (SZ), Elton Johns Wiener Konzert (Presse), ein Auftritt von Robert Forster (Tagesspiegel), eine Faksimile-Ausgabe von Mozarts selbstgeführtem Werkverzeichnis (SZ), Lois Hechenblaikners Buch "Volksmusik" (FAZ) und das neue Album "Ecstatic Computation" der italienischen Avantgarde-Komponistin Caterina Barbieri  (The Quietus). Daraus eine Hörprobe:

Archiv: Musik