Efeu - Die Kulturrundschau

Zum absoluten Extrem meiner Sicht

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.02.2019. Die Welt wirft die Frage auf, wie fies und diffamierend die Feuilletons werden dürfen, um einen Intendanten zu vertreiben.  In der NZZ fordert Vittorio Lampugnani eine Entschleunigung der Architektur. Die FAZ erzählt, wie die Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg die Sammlung des Prado vor den Franquisten in Sicherheit brachten. Die taz freut sich über die Wiederentdeckung des amerikanischen Erzählers Kent Haruf, der das magere Schreiben kultivierte. In der SZ besingt Nick Cave die menschliche Begrenztheit.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2019 finden Sie hier

Bühne

Am Offenbachplatz. Foto: Kölner Schauspiel

In der Welt zeigt sich Manuel Brug abgestoßen von der Häme, mit der Feuilletons und Kulturzirkel (darunter Navid Kermani und Nachtkritikerin Dorothea Marcus, mehr hier) den designierten Intendanten für das Kölner Schauspiel, Carl Philip von Maldeghem, verjagt haben. Maldeghem sei vielleicht nicht das Frauen-Kollektiv, das sich manche für den Posten erhofften, aber ein honoriger Theatermann, der seinen Job verstehe: "Das personifizierte Mittelmaß von der Salzach! Davon ist man im scheinheiligen Köln samt provinziellem Pott-Hinterland, wo längst nicht jeder Intendant aus der 'ersten Reihe' gekommen ist, selbstredend domhoch entfernt. Seit dem unrühmlichen Abgang von Chris Dercon von der Berliner Volksbühne wurde in der Kulturszene kein Amtsträger mehr so schnell und fies diffamiert und beleidigt wie der freundliche, joviale und - ja - auch ehrgeizige Mann vom ehrenwerten Salzburger Landestheater."

Besprochen werden die Uraufführung von Nis-Momme Stockmanns "Das Imperium des Schönen" in Stuttgart (SZ, Nachtkritik), Viktor Bodos Inszenierung von Max Frischs Lehrstück "Biedermann und die Brandstifter" am Wiener Volkstheater (Standard, FAZ)Roger Vontobels Inszenierung von Ewald Palmetshofers "Vor Sonnenaufgang" in Frankfurt (FAZ), eine queerfeministische Version der "Sieben Todsünden" mit Peaches in Stuttgart (Nachtkritik,) Timofej Kuljabins Inszenierung der "Drei Schwestern" in Gebärdensprache an der Schaubühne in Berlin (taz), das Tanzstück "Tongue Twisters" der Berliner Choreografin Modjgan Hashemian im Radialsystem (Tsp), Tankred Dorsts "Elfie" an der Neuköllner Oper (Tsp), Bettina Bruiniers Musicalversion von "Shakespeare in Love" am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken (Nachtkritik) und Jetse Batelaans Theaterabend "(.....) Ein Stück, dem es scheißegal ist, dass sein Titel vage ist" im Mousonturm Frankfurt (FR).
Archiv: Bühne

Architektur

Seit Le Corbusier die "Ville contemporaine" entwarf, werden Städte der Schnelligkeit gebaut, autogerecht und kostengüstig. In der NZZ plädiert der Architekturhistoriker Vittorio Magnago Lampugnani für ästhetische und ökonomische Entschleunigung der Städte: "Die langsame Stadt, die in Anlehnung an die 1999 in Italien begründete Cittàslow-Bewegung die Entschleunigung auf ihre Fahnen schreibt, muss nicht nur anders funktionieren als die Stadt der Geschwindigkeit, sie muss auch anders aussehen. Ihre Gestaltung, für deren Wahrnehmung neue Muße vorhanden ist, kann dichter und anspruchsvoller sein. Die Hausfassaden können wieder, wie es die historischen getan haben und immer noch tun, Aufmerksamkeit erregen, Geschichten erzählen, Augen- und Tastsinn erfreuen. Sie können es nicht nur, sie müssen. Tun sie das nicht, geraten die Strecken, die wieder gemächlich zurückgelegt werden, eintönig, langweilig, ermüdend und freudlos."
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Kunst


Lyonel Feininger: Gelmeroda IX, 1926. Bild: Museum Folkwang

Zum Bauhaus-Jubiläum widmet das Museum Folkwang in Essen Lyonel Feininger eine Ausstellung. In der SZ versichert Alexander Menden, dass alle Arbeiten erst nach 1945 erworben wurde, auch wenn viele von ihnen bereits 1937 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden waren. Vor allem aber zeige die Ausstellung eine exquisite Auswahl, die Feinigers eigene Art des Sehens deutlich mache: "Seine Ästhetik beruhte, wie er selbst sagte, 'auf dem Prinzip der Monumentalität und Konzentration bis zum absoluten Extrem meiner Sicht'. Diese Herangehensweise fand ihre Apotheose im berühmten 'Halle-Zyklus'. Von 1929 bis 1931 entstanden, verbindet sie eine semiabstrakte Formensprache mit der Monumentalität der mittelalterlichen Architektur der Saalestadt."

Mit einer großen Jubiläumsschau feiert der Prado in Madrid seine zweihundertjährige Geschichte. In der FAZ betont Hans-Christian Rössler, dass es die Republikaner waren, die die Sammlung während des Spanischen Bürgerkriegs geschützt hatten, womit sich hinterher das Franco-Regime brüstete: "Die Schau zeigt eine der Brandbomben, die am 6. November 1936 das Dach des Prado trafen. Die meisten Kunstwerke des geschlossenen Museums waren schon im Erdgeschoss untergebracht und mit Sandsäcken geschützt. Später folgten sie der republikanischen Regierung nach Valencia. In Katalonien holte sie 1939 der Krieg ein. Einundsiebzig Lastwagen schlossen sich bei Regen, Schnee und heftigen Bombardements dem Flüchtlingstreck nach Frankreich an. In Genf fanden auch mehr als fünfhundert Kunstwerke aus dem Prado ein sicheres Exil. Nach Ende des Bürgerkriegs kehrten die Bilder im Sommer 1939 an ihre angestammten Plätze im Museum zurück. Jetzt verwandelte sich der Prado für spanische Intellektuelle und Künstler, die im Ausland bleiben mussten, in ihren 'Erinnerungsort'."

Weiteres: Standard-Kritikerin Christa Benzer freut sich, in der Ausstellung "Lassnig - Rainer" im Lentos-Museum in Linz erstmals Arbeiten Maria Lassnig und ihres zeitweiligen Lebensgefährten Arnulf Rainer gemeinsam zu sehen. Marc Zitzmann besucht für die FAZ die neue Fondation Henri Cartier-Bresson im Pariser Marais-Viertel, die noch eine Woche lang die Arbeiten die Arbeiten der Fotografin Martine Franck zeigt.
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Literatur

Christiane Müller-Lobeck dankt in der taz dem Diogenes Verlag für das Werk des amerikanischen Erzählers Kent Haruf, das es zu entdecken lohnt: "Haruf stellte das Storytelling ins Zentrum seiner Arbeit. 'Gorgeous writing', sagte er einmal, sei ihm ein Graus. ... Zum Sog, den Harufs Geschichten haben, gehört auch diese mit magersten Worten erzeugte Atmosphäre", die selbst dann erzielt werde, wenn er detailliert über Viehzucht schreibt, so die Kritikerin. Das erzeugt "eine unglaubliche Nähe. Wie man mit Harufs Figuren fühlt, riecht, schmeckt, wie man mit ihren Augen in die Welt blickt, gehört zum Besten, was die Literatur der letzten Zeit hervorgebracht hat."

Philipp Dinkelaker fragt sich in der Jungle World nach der Lektüre von Takis Würgers "Stella", "welchem Bedürfnis" diese Geschichte über eine vermeintliche jüdische Kollaborateurin "im Hinblick auf die verzerrte Geschichtswahrnehmung der Deutschen dient. Vielleicht muss man den Roman gegen den Strich lesen, um zu einer zwar ebenfalls nicht neuen (...), aber stärker zu würdigenden Erkenntnis zu gelangen: Die als Jüdin verfolgte Stella Goldschlag hat man mit Folter und dem Leben ihrer Eltern zum Verrat anderer Verfolgter zwingen müssen. Viele nichtjüdische Deutsche taten dies freiwillig."

In Aspekte sagte Würger derweil, dass Literatur im Hinblick auf historische Verpflichtungen zunächst einmal gar nichts müsse. Ganz so einfach lässt ihn Gregor Dotzauer im Tagesspiegel damit nicht davonkommen: "Leichtfertiger kann man mit der ästhetischen Moralität von Fiktionen nicht umgehen - es sei denn, man reißt die Grenzen zwischen Kunst und Kolportage von vornherein nieder. Literatur, die nicht nur Unterhaltungsbedürfnisse bedienen will, muss nämlich einiges. Sie führt ein permanentes Gespräch mit den Formen und Tönen der Vergangenheit, auch im radikalen Bruch." Worauf Dotzauer eine Liste mit Werken folgen lässt, die sich in der einen oder anderen Weise erfolgreich oder nicht mit Abgründen der Geschichte befasst haben.

Weitere Artikel: Oliver vom Hove schreibt im Standard ein großes Porträt über die Lyrikerin Else Lasker-Schüler, die vor 150 Jahren geboren wurde. Dlf Kultur und FAS präsentieren die Krimibestenliste für Februar, in deren Jury auch unsere Krimi-Expertin Thekla Dannenberg sitzt. Außerdem seit dem Wochenende online: Das neue CrimeMag.

Besprochen werden Gabriela Adameșteanus "Verlorener Morgen" (SZ), Ottessa Moshfeghs "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" (ZeitOnline), John Lanchesters "Die Mauer" (Zeit), Mary Lynn Brachts "Und über mir das Meer" (Presse), die Neuübersetzung von Jean Gionos "Ein Mensch allein" (Dlf Kultur), Michel Esselbrügges Comic "Langfinger und Wackelzahn" (Tagesspiegel), neue Luxusausgaben von Comicklassikern, darunter Enki Bilals Nikopol-Trilogie (SZ) und neue Krimis, darunter Paolo Roversis "Das Blut in den Straßen von Mailand" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Sebastian Kleinschmidt über Jürgen Brôcans "Die Schaukel":

"Viele Jahre blieben
meine Beine in Bodennähe,
ich hatte vergessen, daß Schaukeln
..."
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Film

Dass Juliette Binoche der Berlinale in diesem Jahr als Jurypräsidentin vorstehen wird, hält Gerhard Midding in der Berliner Zeitung für eine gute Entscheidung. Besprochen werden Eric Barbiers Verfilmung von Romain Garys autobiografischem Roman "Frühes Versprechen"  (Welt), die interaktive Folge der Netflix-Serie "Black Mirror" (Freitag) und eine Kollektion mit Kurzfilmen der Pixar Studios (SZ).
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Design

Kurioses aus der Wunderwelt der Religion: Im Netz diskutierten aufgeregte Mitmenschen allen Ernstes darüber, ob sich der Prägung der Sohle eines neuen Nike-Schuhs nach allerlei auf den Kopfstellen tatsächlich das Wort "Allah" findet, berichtet Andreas Rosenfelder in der Welt. Marten Hahn hat für Dlf Kultur die große Dior-Ausstellung in London besucht.
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Musik

Aus Nick Caves Blog Red Hand Files, in dem der Musiker ausführlich auf Fragen seiner Fans antwortet, übersetzt die SZ einen kleinen Essay darüber, ob eine Künstliche Intelligenz jemals Musik von Wert schreiben könne. Cave merkt an, dass man in einem guten Song nicht nur die Musik höre, sondern auch die menschliche Erfahrung dahinter: "Was wir eigentlich hören, ist die menschliche Begrenztheit und der Wagemut, diese zu überschreiten. KI hat diese Fähigkeit nicht - trotz ihrer unbegrenzten Möglichkeiten. Wie könnte sie auch? Genau das ist ja die Essenz der Transzendenz."

Weitere Artikel: Markus Schneider resümiert in der Berliner Zeitung die Club Transmediale, die geballten Raum bot für "Klang gewordene Utopien, Dystopien, Ängste, Lüste, Wut." In der Welt erinnert sich das berühmte Woodstoock-Deckenpaar an das Hippie-Festival. In der Welt ruft Elmar Krekeler die besten Klassikalben des Monats aus. Für Pitchfork hat Josephine Livingstone Alice Coltranes Album "Journey in Satchidananda" von 1971 wieder auf den Plattenteller gelegt. Ein entspannter Start in die Woche:



Besprochen werden eine Fotoausstellung über die Geschichte von Punk von seinen Ursprüngen bis zu heutigen Verzweigungen in Indonesien in der Photobastei in Zürich (Jungle World), Mirga Grazinyte-Tylas Debüt als Dirigentin beim NDR Elbphilharmonie Orchester (Welt), ein Auftritt von Palais Schaumburg (taz), Girlpools neues Album "What Chaos Is Imaginary (Jungle World), Daniel Haaksmans "With Love, from Berlin" (FAZ.net) und die deutsche Erstaufführung von Mieczysław Weinbergs 22. Symphonie im Konzerthaus Berlin (FAZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Gisela Trahms über "Dead Flowers" von den Rolling Stones:

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