Efeu - Die Kulturrundschau

Bestimmte Formen narkotisieren bestimmte Inhalte

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05.02.2019. Der Guardian betrachtet mit Schrecken Don McCullins Fotografien aus den Kriegen des 20. Jahrhundert: Vietnam, Biafra oder Nordirland. Im Tagesspiegel beklagt Regisseur Oliver Frljic die große ästhetische Koalition von Rechts und Links. Als Höllenspektakel genießen SZ und NZZ Györgi Ligetis "Grand Macabre" von und mit Tatjana Gürbaca. Die taz vergnügt sich auf die Club Transmediale und erkennt in scheußlichen Anzügen ein Erkennungszeichen grober Politik.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2019 finden Sie hier

Kunst

Don McCullin: Katholische Jugendliche attackieren britische Soldaten in der Bogside von Londonderry 1971. Foto: Don McCullen / Tate Britain

Erbarmungslos und kaum zu verkraften, aber einfach sensationell findet Adrian Searle im Guardian die große Ausstellung, die die Tate Britain dem Fotografen Don McCullin, der über Jahrzehnte die Schrecken des Krieges auf seinen Bildern festhielt, ausgerichtet hat. "Es gibt so viele großartige und schreckliche Bilder her. Das Kind in Finsbury Park, die starrenden Kerle mit dem Bier in der Hand im Stripclub, die Frau aus dem Norden mit der blanken neuen Schaufel in der Hand, wie das neueste Accessoire. Momente des Trosts und vorrübergehenden Vergnügens, neben Tod und Hunger, Elend und Furcht, erinnert uns an einen anderen Alltag. Fischer kicken einen Fuball an einem Strand in Scarborough, der Himmel reißt auf. Ein Wettbewerb knubbeliger Knie in Southend-on-Sea. Dann sind wir wieder zurück bei einer eingestürzten Treppe, die sich ein bombadiertes Wohnhaus in Homs hochschlängelt, und einem sterbenden Mann in Simbabwe." (Die Tate zeigte eine fantastische Reihe seiner Bilder online)

Weiteres: Die New York Times meldet zudem, dass die New Yorker Danziger Gallery ab nächster Woche eine weitere Auswahl der Bilder zeigt, die nicht in Robert Franks berühmten Band "The Americans" aufgenommen worden waren. In der FAZ feiert Rose-Maria Gropp die Entdeckung eines Gemäldes des in Frankfurt besonders verehrten Goethe-Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: "Dichtung und Malerei" heißt es, soll 1786 in der Via del Corso 18 in Rom gemalt worden sein (wo heute auch die Casa di Goethe sitzt), und fand jetzt über einen kommunistischen Abgeordneten und seinen Kunsthändler den Weg zurück in die Casa.

Besprochen werden eine Ausstellung des im vorigen Jahr gestorbenen Fotografen Stefan Moses im Deutschen Historischen Museum (FAZ) und eine Retrospektive des Zeichners Manfred Deix im Kremser Karikaturenmuseum (Standard).
Archiv: Kunst

Bühne

Ligetis "Grand Macabre" am Opernhaus Zürich. Foto: Herwig Prammer

Einen Riesenspaß hatte SZ-Kritiker Reinhard Brembeck in Tatjana Gürbacas Zürcher Inszenierung von Györgi Ligetis Albtraumgroteske "Le Grand Macabre". Er ist nicht nur ein großer Fan dieser Apokalypsensause, sondern auch der verspielten Regisseurin. Kurz vor der Premiere wurde die Sängerin krank, die den Part der "machtgeil männermordenden Nymphomanin Mescalina" übernommen hatte - für Gürbaca kein Problem, versichert Brembeck: "Die bejubelte Abend- und Aufführungsretterin Sarah Alexandra Hudarew fliegt von Guadeloupe ein und singt die Partie voll rollendeckend von der Seite ein, auf der Bühne aber steht - Andreas Homoki erzählt den ganzen Schlamassel komödiantisch hinreißend - die Regisseurin Gürbaca und spielt stumm, aber so vergnügt, ausgelassen und lustvoll, dass man diese grandiose Aufführung nie anders sehen will." In der NZZ sieht Christian Wildhagen zwar auf der Bühne die Balance zwischen Farce und Endzeitlichem nicht perfekt gehalten, aber im Orchestergraben durchaus: "Tito Ceccherini, der von Fabio Luisi bereits zu Beginn der Proben das Dirigat übernahm, entfacht mit der Philharmonia im Graben ein wahres Höllenspektakel - sehr laut, sehr schlagzeugbetont, aber im Timing exakt auf die Bühne abgestimmt."

Im Tagesspiegel-Interview mit Christine Wahl wirft der deutsch-kroatische Regisseur Oliver Frljic der Linken vor, ästhetisch in einer ganz großen Koalition mit der Rechten zu stecken: "Natürlich beschäftigt sich Kunst, die wir als links labeln, oft mit Themen wie sozialer Ungerechtigkeit oder mit Genderfragen. Aber wenn es um ästhetische Normen und Formen geht, existiert, glaube ich, kein großer Unterschied zwischen links und rechts. Das ist auch der Grund, warum die Rechte auf einen Großteil selbst der kritischsten Theaterabende nicht reagiert: weil sie in derselben konservativen Denkweise verhaftet bleiben, zum Beispiel am westlichen Kanon festhalten oder an der Sprache als primärer Bedeutungsträgerin im Theater... Bestimmte Formen narkotisieren bestimmte Inhalte."

Weiteres: Beim Durchblättern der Digitalisate, die das Archivio Ricordi zuletzt online gestellt hat, erlebt Welt-Musikkritiker Manuel Brug Stunden des Glücks: Bertelsmann macht dort "nach und nach alle wichtigen Bestände des Archivs zur italienischen Operngeschichte digital verfügbar". Kornelius Fritz wirft in der FAZ einen Blick auf die spanische Theaterszene.

Besprochen werden Roger Vontobels Inszenierung von Ewald Palmetshofers "Vor Sonnenaufgang" am Schauspiel Frankfurt (FR), Beryl Korots und Steve Reichs Video-Oper "Three Tales" am Theater Erfurt (NMZ).
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Film

Auf ihrer Medienseite wärmt die FAZ die Debatte um den Kontrakt '18 vom letzten Sommer auf, als Drehbuchautorinnen und -autoren mehr und vor allem deutlich weitreichendere Mitspracherechte bei der Produktion und Umsetzung ihrer Vorlagen forderten und dabei insbesondere die privilegierte Stellung der Regie kritisierten. Aus diesem Gewerk haben sich nun Aelrun Goette, Nina Grosse und Niki Stein an einen Tisch gesetzt, um ein paar Dinge klarzustellen. Grosse hält die Kritik an der Regie für falsch: "Als hätten schlechte Drehbücher vor allem damit zu tun, dass Regisseure daran zu viel verändern und die Ideen der Autoren nicht wertschätzen. Das stimmt so nicht. Das geht auch schon von Seiten der Produzenten und Redaktionen gar nicht. Wir können nicht willkürlich in Drehbüchern herumschreiben." Stein fürchtet, dass im Zuge des Serienbooms der Regie-Posten zu dem eines bloßen Umsetzers degradiert wird: "Dass ein Film in der Einheit von Inszenierung, Schnitt, Auswahl der Schauspieler, Auflösung und so weiter, ein eigenständiges Werk ist, das über das vorbestehende Werk 'Buch' hinausgeht, scheint nicht mehr selbstverständlich zu sein." Und Goette fordert ein besseres Vertrauensverhältnis sowie mehr Dialog zwischen Buch und Regie.

Weiteres: Im Standard berichtet Sven von Reden vom Filmfestival in Rotterdam, wo sich Filme darüber, "wie die Digitalisierung unsere Welt auf überraschende Weise wandelt", als Schwerpunkt entpuppt haben. Das Programm des Sundance-Festivals in diesem Jahr war eine "Collage der Minderheiten", schreibt Harlan Jacobson in der FAZ: Kein Wunder, schließlich gebe es in Hollywood "keinen authentischeren Vorkämpfer für Außenseiterstimmen als Robert Redford", der das Independent-Filmfestival in diesem Jahr zum letzten Mal geleitet hat. Besprochen wird Dan Gilroys Netflix-Film "Die Kunst des toten Mannes" (SZ).
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Archiv: Film

Design

Trumps und Seehofers Vorliebe für scheußliche Anzüge "ist sicher nicht der Kern des Problems. Aber vielleicht seine Schale? Das Erscheinungsbild einer Politik gegen Errungenschaften der Zivilisation, gegen reale Humanisierung der Lebensverhältnisse", fragt sich Gerhard Schweppenhäuser in einem großen semiotischen taz-Essay, der Modegeschichte, Modetheorie und eine Kulturwissenschaft der Bekleidung streift und schließlich in das Fazit mündet: "Geschmack zeigt sich auch als Empfindlichkeit gegen Grobiane und als Antipathie gegen scheußliche Anzüge, abgetragene Jacken und abgeschmackte Hundekrawatten im öffentlichen Raum. Geschmack könnte sich als wichtig erweisen, wenn es gilt, zivilisatorische Errungenschaften zu verteidigen", auch wenn Schweppenhäuser sich beeilt anzumerken, dass auch modebewusste Smartness nicht automatisch eine am Menschen orientierte Politik nach sich zieht.

Besprochen wird Harriet Worsleys "100 Ideas That Changed Fashion" (taz).
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Stichwörter: Mode, Semiotik

Literatur

Dass Matthew Salinger sich mit seiner Ankündigung, in den nächsten zehn Jahren den Nachlass seines Vaters J.D. Salinger zu veröffentlichen, über dessen Verfügung hinwegsetzt, die dies erst 2060 gestattet, findet der Schriftsteller Clemens J. Setz im Deutschlandfunk Kultur nicht weiter schlimm - von wegen Urheberrecht oder so: "Man darf so etwas ruhig missachten. Die Wünsche eines toten Autors. Ich glaube nicht, dass Texte nur einem Autor gehören. Das ist ein merkwürdig totalitärer Anspruch."

Besprochen werden Anna Giens und Marlene Starks pornografisch-lustiger Roman "M" (taz), Zoltán Danyis "Der Kadaverräumer" (Tell-Review), Vera Brittains Kriegserinnerungen "Vermächtnis einer Jugend" (NZZ), John Lanchesters "Die Mauer" (Tagesspiegel), Felwine Sarrs "Afrotopia" (Zeit), Jonathan Lethems "Der wilde Detektiv" (Dlf Kultur), Emmanuel Carrères "Widersacher" (online nachgereicht von der FAZ), T.C. Boyles "Das Licht" (Tagesspiegel), Typex' Comicbiografie über Andy Warhol (Tagesspiegel), Matthias Nawrats "Der traurige Gast" (SZ) und Verena Memers "Autobus Ultima Sperenza" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Musik

Mit ihrem drastischen Programm zwischen Krach und Kunst hat sich die Club Transmediale in Berlin "auch in diesem Jahr als weitgehend erquicklicher Kessel Buntes erwiesen", resümiert Stephanie Grimm in der taz nicht ohne den Hinweis, dass ihr die Programmbeschreibungen mitunter zu proseminarhaft ausgefallen sind. Eigentlich ist die Club Transmediale "ein Progressive-Rock-Festival für Electro-Nerds", hält Steffen Greiner im Berlin-Teil der taz mit sanftem Unbehagen fest: "Zwischen Hochkultur-Sehnsucht und übersteigertem Selbstbewusstsein der Szene lässt sich heute fast kein Drone anders denken denn als zeitgenössische Version eifrig phallischer Gitarre-Drum-Duelle."

Weitere Artikel: Für die Zeit hat sich Gerald Gossmann mit Thomas Spitzer von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung getroffen, die nach einer Abschiedstour in Rente geht. Besprochen werden das Comeback-Album "Encore" der Specials (SZ), Years & Years' Berliner Konzert (Tagesspiegel), ein Auftritt der Fünf Sterne Deluxe (Tagesspiegel), ein Auftritt der früheren DDR-Band Keimzeit (Berliner Zeitung) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Mendelssohn-Aufnahme von Jan Lisiecki (SZ).

Und ein kleiner Videotipp: Sehr schön geraten ist diese neue dreiteilige Kurz-Doku über die Computermusik-Pionierin Laurie Spiegel, die mit als erste mit Schnittstellen zwischen Computern und Synthesizern experimentiert hat und jetzt mit einigen Wiederveröffentlichungen geehrt wird:

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