Efeu - Die Kulturrundschau

Vereinigung von Fassbierliebhabern

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19.11.2018. Die SZ erkennt vor Piero della Francescas Fresko "Auferstehung": Die Zentralperspektive hat die Kunst nicht zurecht, sondern ins Diesseits gerückt. Die taz erkundet mit Antje Majewski und Issa Samb die Wissensarchive der Fische und Elefanten. Die NZZ hört Igor Levitt Musik über Musik spielen. Die Jungle World erinnert an die frühe Intervention der Kinks gegen die entgrenzte Selbstverwirklichung. Der Freitag fürchtet die Rache des Patriarchats in Hollywood.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2018 finden Sie hier

Kunst

Piero della Francesca: Resurrezione, ca. 1460. Museo Civico di Sansepolcro

Thomas Steinfeld freut sich in der SZ über die Restaurierung von Piero della Francescas Fresko "Auferstehung" und sieht in der begleitenden Ausstellung im Museo Civico in Sansepulcro, wie die Perspektive in Francescas Kunst zu einer neuen "absoluten Ordnung" wurde: "Diese Ordnung ist etwas Neues, das im 15. Jahrhundert hervortritt, zuerst in der italienischen Malerei, um sich dann innerhalb relativ kurzer Zeit in Kunst und Architektur allgemein durchzusetzen. Sie unterscheidet sich wesentlich von der mittelalterlichen Ordnung, in der die Sphären des Göttlichen und des Weltlichen getrennt erscheinen. An die Stelle dieser Trennung tritt die Zentralperspektive, auf die alle dargestellten Gegenstände gleichermaßen bezogen sind und in der es keine fremden, nicht integrierten Elemente mehr gibt. Die Welt erscheint nunmehr als Einheit, und zwar zunehmend diesseitigen Charakters."

Issa Samb & Antje Majewski, Rue Jules Ferry 17, Detail, 2016 © Courtesy of the artist und neugerriemschneider, Berlin

Wie Poesie auf Wahrheitspolitik trifft, erlebt taz-Kritikerin Sabine Weier in der Ausstellung "How to talk with birds, trees, fish, shells, bulls and lions" imm Hamburger Bahnhof in Berlin, in der die Künstlerin Antje Majewski auch ihre Weggefährten versammelt zu Wort kommen lässt, darunter Ökofeministinnen und polnische Kommunen. Oder den kürzlich verstorbenen senegalesischen Künstler Issa Samb: "Die Natur spielte für Samb eine zentrale Rolle. Ökosysteme seien voller Geschichten, Wissensarchive, aus denen wir lernen können, wenn wir nur zuhören, glaubte er. Poesie und politische Aktion waren für ihn keine Widersprüche. Daran, dass das Poetische politisch ist, lässt auch die Ausstellung keine Zweifel. Den Gesprächen mit Samb stellt Majewski Gemälde und Zeichnungen aus dem Laboratoire Agit'Art gegenüber, auf denen uns Fische, Elefanten und mythische Wesen begegnen. Eine Wand hat Majewski mit aus literarischen Werken kopierten Seiten tapeziert, die der polnische Konzeptkünstler Paweł Freisler ihr vorgeschlagen hat: als Korrektur zum Unesco-Weltdokumentenerbe, das für den Senegal bisher nur kolonial geprägte Werke vorsieht."

Weiteres: Im Standard befragt Roman Gerold den amerikanischen Künstler Ed Ruscha zu Pop-Art, Flaggen und Donald Trump. Besprochen wird die große Eduardo-Chillida-Retrospektive im Kunstmuseum Wiesbaden (FAZ).
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Film

In der Jungle World rückt Martin Hesse Netflix mit Adorno zu Leibe: Die Verlagerung des Fernsehens ins neue Medium Internet, die zeitliche Souveränität der Rezeption, gestiegene Schauwerte, zumindest vorgeblich avanciertere Erzähltechniken - alles ein ideologischer Verblendungszusammenhang, hinter dessen Schleier kulturindustrielle Ähnlichkeiten weiterhin Bestand haben. "Dass die Serie dem Film allmählich den Rang abläuft und viele prominente Regisseure bereits die Seiten gewechselt haben, spiegelt nicht die Episodisierung spätkapitalistischer Biografien und spricht auch nicht für eine Renaissance des Romans, wie es das Feuilleton zu sehen beliebt. Die Entwicklung bezeugt nur einmal mehr die ungeheure Kreativität der Kulturindustrie und den Primat des Profits. ... Indem die Liebhaber sich an ihre favorisierten Serien anschmiegen und ihre Vorlieben in den sozialen Netzwerken und am Arbeitsplatz kundtun, mutieren die couch potatoes zu unbezahlten Marktschreiern und Datenlieferanten. Der Konsument wird in den Worten von Timo Daum zum 'produktiven Fernsehproletarier'."

Früher sah man im Kino Frauen, die sich ihre Chefs angeln, um sozial aufzusteigen, jetzt, da immer mehr Frauen auf solche Manöver dank besserer Ausbildungen verzichten können, rächt sich das fragile Patriarchat im Kino durch eindeutige Szenen, meint Jutta Brückner im Freitag: "Filme zeigen heute eine große Bandbreite von Vergewaltigern und Serientätern und die Opfer sind vorwiegend Frauen. Diese Bilder befeuern Fantasien über die archaischen Formen der Macht und die Sehnsucht nach männlicher Potenz ohne Moral. Es ist bezeichnend, dass #MeToo im Filmbusiness begann, denn hier entstehen die Geschlechterbilder, die massentauglich sind. Frauen begegnen heute im Kino dem 3.000 Jahre alten Bodensatz an Misogynie."

Weitere Artikel: taz-Redakteurin Susanne Memarnia erinnert sich an ihre 17 Jahre als Darstellerin bei der "Lindenstraße". Tobias Kniebe schreibt in der SZ zum Tod des Drehbuchautors William Goldman.

Besprochen werden Hu Bos "An Elephant Sitting Still" (FAZ, unsere Kritik hier), Paolo Sorrentinos Berlusconi-Film "Loro" (Freitag), der für Netflix produzierte Western-Episodenfilm "The Ballad of Buster Scruggs" der Coen-Brüder (SZ), Sam Levinsons "Assassination Nation" (taz), Cary Fukunagas Serie "Maniac" (Freitag) und Terence Hills Comeback-Film "Mein Name ist Somebody" (SZ).
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Bühne

Als Wunder preist heute auch Hans-Klaus Jungheinrich in der FR György Kurtágs Beckett-Oper "Fin de partie", die an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde. Besonders froh ist er, dass Opernintendant Alexander Pereira, der das Werk vor zehn Jahren in Auftrag gegeben hatte, über all die Jahre gegenüber Kurtág nicht locker ließ: "Er war als äußerst zögerlicher Arbeiter bekannt. Außerdem hatte er noch niemals etwas geschrieben, was länger als eine halbe Stunde dauerte. Es gab kaum jemanden, der auf ein fertiggestelltes Kurtág-Großwerk hätte wetten wollen."

Besprochen werden Barbara Wysockas Inszenierung von Schillers "Don Karlos" am Wiener Volkstheater (der Standard-Kritiker Ronald Pohl viele Einfälle, aber keine richtige Idee attestiert), Jan Bosses KI-Collage "Frankenstein / Homo Deus" am Thalia Theater in Hamburg (die Nachtkritiker Falk Schreiber noch etwas unausgegoren findet) Burkhard Kosminskis Saisonstart mit Wajdi Mouawads "Vögel" und Robert Ickes "Orestie" am Schauspiel Stuttgart (FR), Anne Lenks Inszenierung von Samuel Becketts "Endspiel" am Münchner Residenztheater ("in größter, schönster Freiheit"", wie die SZ versichert), Falk Richters Musical "Lazarus" nach David Bowies am Schauspielhaus in Hamburg (Nachtkritik, Welt), Clemens Setz' neues Stück "Die Abweichung" am Staatstheater Stuttgart (Nachtkritik), Timofej Kuljabins Aufführung von Ibsens Klassiker "Nora" in Zürich (bei der die deprimierte NZZ-Kritikerin Daniele Muscionico nur Schauspieler zu sehen bekam, die über ihre Smartphones chatteten) und die Performance-Reihe "Permanente Beunruhigung" im Berliner Ballhaus Naunynstraße (Tagesspiegel).
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Stichwörter: Kurtag, György, Scala

Literatur

Schriftsteller Tom Schulz sammelt in der NZZ Eindrücke vom Generalstreik in Buenos Aires. Jakob Hayner spricht in der Jungle World mit Hanna Mittelstädt ausführlich über Leben und Werk des kommunistischen Schriftstellers Franz Jung. Nicolas Freund berichtet in der SZ von einer Veranstaltung beim Literaturfestival München, wo über die Auswirkungen des Brexit auf die Literatur diskutiert wurde. Beim Open-Mike-Wettbewerb in Berlin zeigte sich die Lyrik gegenüber der Prosa als besonders stark, berichtet Samir Sellami in der SZ. Der skandinavische Krimi könnte wieder etwas mehr Sozialkritik vertragen, meint Eva Erdmann im Freitag.

Besprochen werden Ottessa Moshfeghs "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" (online nachgereicht von der NZZ), Nora Bossongs Gedichtband "Kreuzzug mit Hund" (Tagesspiegel), Natascha Wodins "Irgendwo in diesem Dunkel" (Freitag), Lilly Maiers "Arthur und LIlly. Das Mädchen und der Holocaust-Überlebende" (Berliner Zeitung), Rachel Ingalls' "Mrs. Calibans Geheimnis" (FR), der dritte Teil aus Jason Lutes' Comicsaga "Berlin" (Zeit), der Band "Randgebiete der Arbeit" mit nachgelassenen Texten von Tomas Tranströmer (Tagesspiegel), Martin Suters "Allmen und die Erotik" (FR), Larry Browns Romane "Fay" und "Joe" (Standard), Heinz Helles "Die Überwindung der Schwerkraft" (SZ), neue Hörbücher, darunter die "Poets' Collection" mit über 14 Stunden Lyrikerin im Originalton (FAZ), und weitere neue Bücher, darunter Michael Lentz' "Schattenfroh" ("schwankt leider zu sehr zwischen genialer Idee und - sorry, Michael - deutscher Opferkult-Scheiße", meint Andreas Merkel im Freitag).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Mathias Mayer über Gottfried Benns "Aprèslude":

"Tauchen mußt du können, mußt du lernen,
einmal ist es Glück und einmal Schmach,
..."
Archiv: Literatur
Stichwörter: Brexit

Musik

Ein Abend mit Igor Levit findet mitunter von Bach mit Brahms über Liszt zu Meyerbeer, Wagner und Schubert, berichtet Christian Wildhagen in der NZZ bass erstaunt. "Diese Zusammenstellung, alles andere als gängig, hätte an sich schon einen Preis verdient; doch sie enthält noch mehr: Sie ist durchweg 'Musik über Musik', die selbst wiederum eine Botschaft in sich schließt. ... Levit ist inzwischen zu einem tief vergeistigten Künstler gereift, der Propaganda, weiß Gott, nicht nötig hat. Er meidet auch in seinem Spiel alles Äußerlich-Pianistische und veredelt damit sogar manches Passagenwerk bei Busoni und Liszt, obwohl er den dynamischen Rahmen des Flügels ausschöpft wie kein Zweiter."

Uli Krug erzählt in der Jungle World kundig und höchst detailliert, wie die Kinks mit ihrem wunderlichen 68er-Album "The Kinks Are the Village Green Preservation Society" fast schon sehenden Auges einen Karriereknick heraufbeschworen, langfristig gesehen aber eines ihrer besten Alben vorlegten: Die Band bewies "ein geradezu provokantes Gespür dafür, was der fortschrittlich Gesinnte jener Tage peinlich fand: Sie treten als Gesellschaft zur Verdammung von Bürokomplexen und als Vereinigung von Fassbierliebhabern auf, erflehen Gottes Schutz für die tapferen Träger des Georgskreuzes, die Vielfalt der Erdbeermarmeladen und die erste landesweit erfolgreiche Drag-Show, den Music-Hall-Act 'Old Mother Riley' von 1934. ... Derlei wollte 1968 niemand so recht hören - doch begannen sich die Vorbehalte der Kinks gegen die aufscheinende neue Welt entgrenzter Selbstverwirklichung alsbald zu bewahrheiten."



Weitere Artikel: Für die Welt am Sonntag spricht Martin Scholz mit Countrysängerin Rosanne Cash, die ihre Musikerkollegen dazu aufruft, sich vom rechten Image des Country loszusagen. In der NZZ begeistert sich Ueli Bernays für die Musik des Kaleidoscope String Quartets. Besprochen werden Marianne Faithfulls Album "Negative Capability" (PItchfork), ein Konzert des Saxofonisten Maceo Parker (Tagesspiegel), ein Auftritt der Black Eyed Peas (Tagesspiegel), ein Konzert des Klaus Heidenreich Quartetts (FR) und ein Bach-Abend der hr-Bigband (FR).

Und im Machtdose-Podcast stellt Roland Graffé wieder aktuelle Netzmusik vor:

Archiv: Musik
Stichwörter: Kinks, 1968, Levit, Igor