Efeu - Die Kulturrundschau

Schwermütiger Spaß

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.09.2018. Die Filmkritiker erliegen der stillen, nachhaltigen Wucht von Eva Trobischs Filmdebüt "Alles ist gut", das die Geschichte nach einer Vergewaltigung erzählt. Die SZ befällt ein leichter Grusel beim Besuch der neuen Frankfurter Altstadt, wo jeder Quadratmeter 5000 bis 7000 Euro wert ist. Die FAZ amüsiert sich bei einer Lesung mit 14 weiteren Besuchern über das literarischen Gaunertum von Arno Schmidt und Hans Wollschläger. Die SZ erleidet einen Zuckerschock mit Nile Rodgers Comeback-Album.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2018 finden Sie hier

Film

Fundamentale Entfremdung: Eva Trobischs "Alles ist gut"

Ein Klassentreffen, Alkohol, ein sexueller Übergriff - und die vergewaltigte Frau richtet danach, ohne das Wort "Vergewaltigung" in den Mund zu nehmen, ihr Leben neu ein. Eva Trobischs in Locarno prämiertes Debüt "Alles ist gut" ist "ein Film von stiller, nachhaltiger Wucht", erklärt Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Man mag kaum glauben, dass es sich um ein Regiedebüt handelt." Und Dennis Vetter erklärt in der taz, dass in diesem Film "das Erzwungene und Übergriffige auch über den Körper hinaus zur sinnlichen Grundsituation einer Erzählung wird, die sich so lange weiterschraubt, bis alle Lebensräume der Figuren von Gewalt durchsetzt sind. ... Eva Trobisch skizziert eine fundamentale Entfremdung vom Körper, vom Leben. Die Verhältnisse tun dazu perfide und wie nebenbei ihren Teil, ebenso wie die unappetitliche Konstruiertheit, die den Film durchzieht. In einem bitteren Moment, wenn es um Abtreibung geht, wird beinahe ein Kind überfahren. Ausgerechnet."

Weiteres: Bert Rebhandl spricht für den Standard mit der Schauspielerin Paula Beer über ihre Zusammenarbeit mit Florian Henckel von Donnersmarcks für "Werk ohne Autor". In der taz skizziert Jens Mayer den medienübergreifenden Hype - Buchneuauflagen, Comics, Hörspielproduktionen, etc. -, der den Free-TV-Start der Serie "Babylon Berlin" begleitet. Für die NZZ porträtiert Urs Bühler den Schauspieler Viggo Mortensen, der das Zurich Film Festival mit einem Besuch beehrt. Egbert Tholl erinnert in der SZ an die Dreharbeiten zu Leni Riefenstahls "Triumph des Willens" auf dem Nürnerberger Reichsparteitagsgelände.

Besprochen werden Brad Birds Animationsfilm "Die Unglaublichen 2" (FR, Tagesspiegel, ZeitOnline, FAZ), Terry Gilliams "The Man Who Killed Don Quixote" (FR, mehr dazu hier und hier), Warwick Thorntons Western "Sweet Country" (Tagesspiegel, Zeit, hier dazu mehr), Asghar Farhadis "Offenes Geheimnis" (Standard, hier dazu mehr), Michael Herbigs Fluchtthriller "Ballon" (SZ, Berliner Zeitung) und der auf BluRay wiederveröffentlichte, psychedelische Animationsfilmklassiker "Der wilde Planet" aus dem Jahr 1973 von René Laloux (Tagesspiegel).
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Architektur

Wie frisch aus dem 3-D-Drucker: die neue Frankfurter Altstadt. Foto: DomRömer GmbH / Barbara Staubach
Schade, dass die modernen Pläne für die Frankfurter Altstadt so einfallslos waren, meint Laura Weissmüller in der SZ. Nur darum konnte sich die leicht gruselige Simulation dieser auf alt gemachten neuen Altstadt, wie sie jetzt da steht, durchsetzen. "Die Gebäude wirken wie frisch aus dem 3-D-Drucker", bedauert sie. "Vor allem aber machen die Miet- und Eigentumspreise für die neu gebauten Wohnungen in den oberen Stockwerken klar, dass wir uns im Zeitalter der Turbogentrifizierung befinden. Bot bis zum Zweiten Weltkrieg die Frankfurter Altstadt vor allem denjenigen eine Heimat, die sich kein anderes Zuhause leisten konnten, den Arbeitern, Großfamilien und Migranten, darf heute nur noch im Herzen der Stadt leben, wer es sich leisten kann. Die städtische Dom-Römer GmbH, die das 200-Millionen-Euro-Projekt durchgeführt hat, hat die Wohnungen für 5000 bis 7000 Euro pro Quadratmeter verkauft."
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Bühne

Katja Kollmann berichtet in der taz über das dreitägige Spezialprogramm zum neunten Todestag von Jürgen Gosch an der Berliner Akademie der Künste. Die FAZ reicht online einen Artikel von Kornelius Friz nach, der über die rumänische Theaterszene berichtet. Zum Tod des Schauspielers Ignaz Kirchner schreiben Barbara Petsch in der Presse, Peter von Becker im Tagesspiegel und Petra Kohse in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden ein Sammelband über She She Pop (nachtkritik), Roberto Ciullis Inszenierung des "Othello" im Theater an der Ruhr (SZ), Thomas Ostermeiers Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" an der Comédie Française ("Thomas Ostermeier hat an einem Ort, der weder dem Bühnenüblichen verpflichtet ist noch im Ruf des Experimentellen und der Provokation steht, mit großem Takt das Bühnenunübliche an Shakespeare ins Licht gestellt", lobt Jürgen Kaube in der FAZ)
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Archiv: Bühne

Literatur

Nur 14 Leute haben sich in Dortmund bei einer Lesung aus Arno Schmidts und Hans Wollschlägers nach vielen Jahren der Ankündigung in wenigen Wochen nun offenbar tatsächlich erscheinenden Briefwechsel eingefunden, berichtet Andreas Platthaus in der FAZ. Doch umso köstlicher war das Vergnügen, etwa als es um die Passage ging, als Wollschläger, Mitarbeiter beim Karl-May-Verlag, im Auftrag Schmidts in einer Nacht-und-Nebelaktion für dessen May-Exegese wertvolle Materialien beschaffen sollte: 1962 mündete das in einen Brief, in dem Wollschläger "über die letztlich gescheiterte Entwendung des Schlüssels zum Tresor, in dem der Verlag heikle Dokumente aufbewahrte, erzählt - ein Kabinettstück literarischen Gaunertums und Gaudiums, das in Wollschlägers bizarrem Fazit mündet: 'Ich bin kein Erzähler.' Nicht nur hier erwies er sich vielmehr als einer der besten. Aber auch Schmidt täuschte sich gehörig: Er rechnete mit 'schwermütigem Spaß, wenn unsere Korrespondenz erscheint'. Nein, sie verheißt unendlichen Spaß über diese beiden ebenso Hoch- wie Schwermütigen und dabei so federleicht Witzelnden."

Schriftstellerin Paula Fürstenberg rät im Freitext-Blog von ZeitOnline dringend dazu, sich auf Christa Wolfs literarisches Experiment, in jedem Tag über den 27. September zu schreiben, einzulassen: "Von der ersten Seite an nimmt mich die Gleichberechtigung der Alltäglichkeiten für den Text ein. Ich mag die darin ruhende Haltung zur Welt, die um die Gleichzeitigkeit der Lebensdinge weiß und sich einer skandalgeleiteten Aufmerksamkeitsökonomie widersetzt."

Weitere Artikel: In einem online nachgereichten Welt-Artikel berichtet Alem Grabovac von einer Tagung in Frankfurt über migrantische Erfahrungen in der deutschen Gegenwartsliteratur. Die NZZ dokumentiert Dorothee Elmiger Dankesrede zur Entgegennahme des Max-Frisch-Förderpreises. Rainer Moritz legt uns in der NZZ für die grauen Novemberabende Bücherstapel mit den Werken von Eduard von Keyserling ans Herz: "Hier ist ein gnadenloser Beschreibungskünstler am Werk, der so tut, als sei Gnadenlosigkeit ihm fremd."

Besprochen werden Mick Herrons "Slow Horses" und Jérôme Leroys "Die Verdunkelten" (Perlentaucher), Wolfgang Herrndorfs Erzählband "Stimmen" aus dem Nachlass (SZ), Andrea Winklers "Die Frau auf meiner Schulter" (Standard), Tamar Tandaschwilis "Löwenzahnwirbelsturm in Orange" (FR), Markus Ganz' "Zurück zu den Seen" (NZZ), Nora Krugs "Heimat" (Berliner Zeitung) und W. Daniel Wilsons Studie "Der Faustische Pakt: Goethe und die Goethe-Gesellschaft im Dritten Reich" (FAZ).
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Kunst

Wien wird hip - zumindest in der Kunst, versichert Eva Komarek in der Presse, nachdem sie sich mit Kunstsammlern und Galeristen unterhalten hat. Besprochen werden die Ausstellung "Zarte Männer in der Skulptur der Moderne" im Berliner Kolbe-Museum (Tagesspiegel), die Lotte-Laserstein-Ausstellung im Frankfurter Städel (taz), zwei Video-Werke von Bouchra Khalili im Essener Folkwang-Museum (SZ) und eine Ausstellung über das Motorradfahren in der Kunst in Turin (SZ).
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Musik

Sicher, mit seinem Comeback-Album "It's About Time" erfindet Chic-Musiker Nile Rodgers Discomusik weiß Gott nicht neu - aber Spaß kann man dennoch damit haben, versichert Jan Kedves in der SZ, "auch wenn das Songwriting völlig überzuckert ist, man bekommt erst mal einen Schock." Doch wird hier "noch einmal - diesmal nur mit prallerem, dem dritten Jahrtausend angepasstem Digitalstudio-Rumms - das große Versprechen aus den Siebzigerjahren beschworen. Dass die Disco nämlich jener geheimnisvoll glamouröse Ort sein kann, an dem sich die verschiedensten Menschen im Spaß und Exzess vereinen und nachts ein bisschen jene wunderbar friedliche, vom Endorphin berauschte Welt vorleben, wie sie doch draußen eigentlich auch immer sein sollte." Eine Hörprobe:



Weiteres: Für die taz plaudert Elise Graton mit dem Pariser Rapper MHD. Steffen Greiner hat für die taz mit den japanischen Kammerpop-Musikern Asa-Chang & Junray gesprochen.

Besprochen werden ein Robin Ticciati dirigiertes Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters (Tagesspiegel, hier zum Nachhören), Chers neues Album mit lauter ABBA-Coverversionen (Standard), Funny van Dannens "Alles gut Motherfucker" (Berliner Zeitung) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Sie werden dich lieben" von Theodor Shitstorm, dem Projekt der Songwriterin Desiree Klaeuskens und des Filmemachers Dietrich Brüggemann, die damit lautZeitOnline-Kritiker Jan Freitag eine Platte für die Thirtysomethings aufgenommen haben: "Hier tönt das neue Sprachrohr dieser verwirrten Alterskohorte."

Archiv: Musik
Stichwörter: Chic, Rodgers, Nile, Disco