Efeu - Die Kulturrundschau

Ein einzelnes Männerknie

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21.02.2018. In der FAZ  ruft der Dramatiker Ayad Akhtar Muslime auf, ins Theater zu gehen. Im Standard glaubt Regisseur Stefan Bachmann an radikales, anarchisches, erotisches Theater ohne Machtmissbrauch. Die NZZ lernt vom Fotografen Balthasar Burkhard, wie menschliche Körper zu Landschaften werden. Navid Kermani pocht in der ebenfalls in der NZZ darauf, dass Europa von den Unterschieden lebt, nicht von der Gleichheit. Die SZ meint: Uniforme und belanglose Städte brauchen nicht weniger moderne Architektur, sondern mehr:.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2018 finden Sie hier

Kunst


Installationsansicht: Das Knie, Kunsthalle Basel, 1983, Balthasar Burkhard © Estate Balthasar Burkhard. Fotostiftung Schweiz.


Die Fotostiftung Schweiz und das Fotomuseum Winterthur widmen dem Schweizer Fotografen Balthasar Burkhard gerade große Ausstelllungen. In der NZZ versucht sich Daniele Muscionico einen Reim darauf zu machen, was es mit einer Grandiosität auf sich hat: "Es ist ein Sprung durch Raum und Zeit! Burkhard erobert hier nicht nur die zweite, sondern auch die dritte Dimension. Körper sind Skulpturen, Menschenhaut wird Landschaft, ein Torso das Riesengebirge. Der Künstler sucht nach Entwürfen für eine ideale menschliche Proportion... Der Wille zur Monumentalität ist kein Exotismus um der Schlagzeilen willen. Burkhards Untersuchungen sind formale und inhaltliche Expeditionen ins Offene. Denn, dass ein einzelnes Männerknie es wert sei, auf einem Bildträger genauso behandelt zu werden wie Jahrhunderte früher eine ganze Jesusfigur - das musste erst einer behaupten."

Besprochen werden die Werkschau des Fotografen Andreas Gursky in der Londoner Hayward Gallery (NZZ) und eine Ausstellung des Autors und Illustrators Edward Goreys im Wadsworth Atheneum in Hartford in Connecticut (FAZ)
Archiv: Kunst

Bühne


Ayad Akhtars "Geächtet" am Schauspielhaus Graz. Foto: Lupi Spuma

Im FAZ-Interview mit Simon Strauß zeigt der amerikanische Dramatiker Ayad Akhtar sehr schön, wie er mit seinem islamkritischen Stück "Geächtet" auf der ganzen Welt anecken konnte. Kleine Kostprobe: "Nun, es gibt nicht sehr viele Theatergänger unter den Muslimen. Dabei richtet sich 'Geächtet' in der Tat gerade an ein muslimisches Publikum. Es ist wie in einem dieser wunderbaren Schiller-Stücke, in denen die Hauptfigur das Publikum attackiert. Daher kann das Stück wohl auch nicht in einem islamischen Land aufgeführt werden, weil wahrscheinlich das Theater angezündet würde. Aber auch im Westen gibt es nicht nur eine muslimische Stimme. Eine vorherrschende Ansicht ist: 'Wir verstehen, was du tust. Aber warum tust du es vor einem weißen Publikum? Tu das nicht, es lässt uns schlecht aussehen.' Es sind Leute, die es nicht gewohnt sind, kritisch gesehen zu werden."

Im Standard stellt sich Regisseur Stefan Bachmann hinter den Offenen Brief, mit dem MitarbeiterInnen des Wiener Burgtheaters Machtmissbrauch und Schikanen unter Intendant Matthias Hartmann beklagt hatten. Es müsse um die Benennung von Personen gehen, meint er, und um die Erkundung des Systems: "Die Fatalität besteht in der Neigung, ein solches Verhalten zu bewundern. Oder es wird zur Voraussetzung dafür erklärt, dass jemand 'genial' arbeiten kann. Das halte ich für fast noch gefährlicher als den betrüblichen Einzelfall. Von diesem Missstand müssen wir uns schleunigst emanzipieren. Es ist gute, radikale, wahnsinnige, anarchische oder eben auch erotische Kunst möglich, ohne mit den Mitteln des Machtmissbrauchs zu arbeiten. "

Weiteres: In der Welt freut sich Eva Biringer, wie unterhaltsam Simon Stone Strindbergs Frauenhass am Wiener Akademietheater in Szene setzt  Dorion Weickmann bemerkt in der SZ, wie schwer sich das Ballett noch mit der #MeToo-Debatte tut.

Besprochen werden Florentina Holzingers Bullriding-Choreografie "Apollon" im Wiener Tanzquartier (die Helmut Ploebst im Standard als nicht jugendfrei empfiehlt) Frank Castorfs Inszenierung von Eugene O'Neills "Haarigem Affen" am Hamburger Schauspielhaus (taz, Standard, FAZ), Barbara Freys Inszenierung von Horvaths "Zur schönen Aussicht" in Zürich (FAZ) und Claus Guths Inszenierung von Händels Oratorium "Saul" an der Wiener Staatsoper (FAZ).
Archiv: Bühne

Literatur

Für seinen neuen Reportagenband "Entlang den Gräben" ist Navid Kermani durch Osteuropa bis nach Isfahan gereist. In der NZZ spricht er mit Claudia Mäder über die Erfahrungen und Eindrücke, die er dabei gewinnen konnte. Jede Homogenisierung sei zu vermeiden: Eine solche entspreche nicht "dem Kerngedanken des europäischen Projekts, wie es seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entstanden ist", schließlich sei das Projekt "nicht von Politikern, sondern von Dichtern und Denkern betrieben worden. Diesen ging es stets um das Bestehenlassen von Unterschieden. ... Europa war als Republik des Geistes gedacht, und der Geist lebt immer von Eigenheit, nie von Einebnung."

Ein weiteres Gespräch mit dem Schriftsteller hat Joachim Frank für die FR geführt. Darin geht es unter anderem um die Perspektive der West-Deutschen, für die Europa in Richtung einst an der Grenze zur DDR aufhörte - womit auch ein Verlust des sinnlichen Überlieferungszusammenhangs und ein Gespür für die Geschichte verloren gegangen sei: "Wir haben es uns zu leicht gemacht mit all den Leiden des Krieges. In Osteuropa hat fast jede Familie eine Katastrophengeschichte. ... Für unser Bewusstsein ist das am Eisernen Vorhang hängen geblieben, und wir im Westen waren die Lucky Ones."

Weitere Artikel: Gregor Dotzauer ärgert sich im Tagesspiegel darüber, dass Marlene Streeruwitz in Interviews so unscharf vom Neoliberalismus rede. Der Bayerische Rundfunk bringt den zweiten Teil seiner Lesung aus Thomas Bernhards "Städtebeschimpfungen".

Besprochen werden unter anderem Josefine Rieks' Debüt "Serverland" (SZ), Peter Stamms "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt" (NZZ), Nicol Ljubićs "Ein Mensch brennt" (SZ), André Kubiczeks "Komm in den totgesagten Park und schau" (FR), Peter Roseis "Karst" (FR), Gert Loschütz' "Ein schönes Paar" (ZeitOnline) und Dario Fos Roman "Christina von Schweden" aus dem Nachlass (FAZ).

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Archiv: Literatur

Film

Mit Lav Diaz' "In Zeiten des Teufels" über Marcos' Kommunistenjagd auf den Philippinen in den Siebzigern verlängert die Berlinale ihren diesjährigen zeithistorischen Schwerpunkt. Gus van Sant widmet sich unterdessen auf sentimentale Weise dem grantelnden Cartonisten John Callahan. Alles dazu und mehr rund ums Festival: Im aktuellen Pressespiegel in unserem Berlinale-Blog.

Außerdem: Thomas Magenheim bringt in der FR Hintergründe zu den neuen Besitzverhältnissen bei der Constantin Medien: So sitze einer der Investoren derzeit in Untersuchungshaft.

Besprochen werden Steven Spielbergs Journalismusdrama "Die Verlegerin" mit Meryl Streep und Tom Hanks (SZ) und John Dickies von Arte ins Netz gestellte Reportage "Hinter dem Altar" über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche (FR, FAZ).
Archiv: Film

Architektur

In der SZ springt Gerhard Matzig dem geprügelten Münchner CSU-Stadtrat Manuel Pretzl nur halb zur Seite, der Münchens moderne Architektur, vor allem in den neueren Wohnvierteln, als "belanglos und uniform" abgetan hatte, Dar ist zwar richtig, meint Matzig, aber schuld daran sind eben nicht die Architekten: "Den eigentlichen Entscheidern, darunter gerne Betriebswirte und Juristen sowie Immobilienkaufleute, dienen Architekten am Ende zumeist nur als Verhübscher und Fassadisten - die daran natürlich auch oft genug scheitern...  all die schnell und möglichst billig hochgezogenen Wohn-Ungereimtheiten, die die Städte wie Furunkel entstellen, verdanken sich keinem Mangel an architektonischer Finesse oder Divergenz, sondern sind einem Mangel an architektonischer Planung und stadträumlicher Gestaltungshoheit geschuldet. Es ist also nicht so, dass man sich die Städte von den Architekten zurückholen müsste: Man muss die Architekten umgekehrt endlich in die Städte und die Alltäglichkeit hineinholen."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Csu

Musik

Im Standard würdigt Karl Fluch den Soulsänger O. V. Wright: "Er riss jeden Song an sich, versenkte ihn in seinem Herzen und gab ihn als dreiminütige Beschwörung wieder. Wrights Balanceakte zwischen Eleganz, Emotion und spontaner Eingebung im Vortrag ist von zeitloser Intensität; ein Lied wie 'This Hurt Is Real' beschreibt sein Werk mit fast schon manifester Wahrheit." Davon lassen wir uns gerne überzeugen:



Weitere Artikel: Bei der Fachtagung "The Art of Music Education" waren sich die Intendanten der Konzerthäuser weitgehend einig, dass die Klassik auf die Gesellschaft zugehen müsse, berichtet Marcus Stäbler in der NZZ. In der SZ-Popkolumne freut sich Jan Kedves, dass Flora Fishbachs an 80er-Reminiszenzen nicht armes Album "À ta merci" nach einjähriger Verspätung nun auch in Deutschland erscheint. Daraus ein Video:



Besprochen werden das neue Album "How to Solve Our Human Problems" von Belle & Sebastian (taz, Pitchfork, die FR bespricht ein Konzert), "In a Poem Unlimited" von den U.S. Girls (Pitchfork), ein Auftritt von Helge Schneider (FR), Konzerte von Pierre-Laurent Aimard und Daniil Trifonov (Standard) und Len Sanders neues Album "The Future of Love" (NZZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Wright, O.V., Soul