Efeu - Die Kulturrundschau

Liebevoll verpackte Verzweiflungsdrops

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.02.2018. Eleganter italienischer Razionalismo war uns versprochen worden, bekommen haben wir ein hüftsteifes Aktenregal klagt die FAZ vor der neuen Ostfassade des Humboldt-Forums. Auf Zeit online fragt sich Jackie Thoma anlässlich des schwarzen Superheldenfilms "Black Panther": Muss eine Identifikationsfigur aussehen wie man selbst? Die SZ hört Musik aus dem Ostkongo. Die NZZ wirft einen Blick auf die Opernszene in Finnland.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2018 finden Sie hier

Architektur


Franco Stellas Ostfassade des Humboldt-Forums. Foto: SHF Architekt / Franco Stella mit FS HUF PG

FAZ
-Architekturkritiker Niklas Maak steht mit fast tränenden Augen vor dem Berliner Stadtschloss. Dass dem Bau, der das Humboldt-Forum beherbergen soll, ein Finanzloch droht, lässt ihn kalt. Aber die Ostfassade von Frank Stella, dieses "gigantische Abluftgitter", lässt ihn erschauern: Das ist kein eleganter italienischer Razionalismo! "Die Fassade ist eben nicht so präzise und hell und scharf-kühl und luftig-euphorisch wie die Bauten von Terragni, sie hat nicht die Eleganz und den Schwung der Hauptpost an der Piazza Bologna in Rom. Sie hockt mit ihren dicken steinernen Beinen und den Sprossenfenstern, die man ihr in die Rasterfelder klebte, so stramm und hüftsteif da wie alle Berliner Verwaltungsbauten: Hier steht ein preußisches Aktenregal, das davon träumt, in den Adelsstand erhoben zu werden.
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Musik

In der SZ stellt Judith Raupp den aus dem Ostkongo sendenden Youtube-Kanal Zik Plus vor, dessen Betreiber Yves Kalwira damit die Musik aus der Region vorstellen und unterstützen will: "Doch die lokalen Gäste von Zik plus werden politischer und kritischer. 'Wenn man hier im Osten lebt und die ganze Ungerechtigkeit sieht, kommt das automatisch', glaubt Kalwira. In Goma wächst deswegen seit einiger Zeit eine Gegenkultur heran. Die jungen Künstler verehren Alpha Blondie, Bob Marley, aber auch Widerstandskämpfer wie Patrice Lumumba oder Che Guevara. Rap, Beat, R&B sind ihr Sound. Kongolesischer Rumba, einst der Stolz der Nation, ist etwas für die Reichen in der Hauptstadt Kinshasa." Hier eine aktuelle Episode der Sendung:



Dirigent Antonello Manacorda hält wenig davon, das heutige Publikum zu umschmeicheln und damit zu unterfordern, wie er im FAZ-Interview Christopher Warmuth gesteht: "Mir kann doch niemand ernsthaft erklären, wenn er sämtliche Drogen konsumiert und ins Berliner Berghain zieht, sich zwei Tage mit Musik an den Rand des Menschenmöglichen bringt, dass für solche Leute dann Musik in einer Philharmonie zu komplex oder gar überfordernd sei. Das ist eine Lüge. Und absurd."

Weitere Artikel: Für The Quietus hat Patrick Clarke ein großes Gespräch mit den Manic Street Preachers geführt. Helmut Mauró schreibt in der SZ zum Tod des Jazzmusikers Didier Lockwood.

Besprochen werden Teresa Rotschopfs neues Album "Messiah" (Standard), neue Tape-Veröffentlichungen aus dem Feld der Experimentalmusik (The Quietus), neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Bartók- und Ravel-Einspielung von Patricia Kopatchinskaja und Polina Leschenko (SZ) und Madonnas vor 20 Jahren veröffentlichtes Album "Ray of Light" (The Quietus). Daraus das Titelstück:



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Film

Jackie Thoma hat für das Freitext-Blog auf ZeitOnline eine nur für Schwarze zugelassene Vorführung des neuen Marvel-Films "Black Panther" besucht. So richtig zufrieden war sie mit der Erfahrung offenbar nicht. Schon im Vorfeld hat sie sich "nie als Zielgruppe für Marvel-Produktionen gesehen, plötzlich bin ich es offenbar doch. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater ist Afrikaner. Ein Umstand, der nichts mit meinem Filmgeschmack zu tun hat. Dennoch muss ich jetzt - hahaha - Farbe bekennen. Ich könnte behaupten, dass der Hype um diesen Film mich genauso viel oder wenig angeht wie der neue Film von Steven Soderbergh. Geht der alle Weißen etwas an? Nein. Ich behaupte außerdem, dass ein Film dieser Größe und Resonanz es nicht nötig hat, dass man ihn derart einhellig lobt. ... Ich bezweifle, dass eine Identifikationsfigur aussehen muss wie man selbst."

Die Berlinale wandelt unterdessen auf zeithistorischen Pfaden - mit Filmen über die Operation Entebbe, über Anders Breiviks Anschlag vor einigen Jahren und über ein großes Interview mit Romy Schneider - alles dazu im aktuellen Pressespiegel in unserem Berlinale-Blog.

Außerdem: Der österreichische Ex-Justizminister Wolfgang Brandstetter ist der neue Präsident des Filmarchivs Austria, meldet der Standard. Besprochen werden Steven Spielbergs "Die Verlegerin" (NZZ) und die Netflix-Serie "Everything Sucks" (FAZ).
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Kunst

Rolf Brockschmidt lässt sich für den Tagesspiegel am Telefon von der Berliner Kuratorin Julia Gonnella, Leiterin von Katars Museum für Islamische Kunst in Doha, die Situation im Land erklären, die von der Blockade durch die arabischen Nachbarn geprägt ist: "Die Stimmung im Land ist sehr gut. Die Blockade schweißt die Menschen zusammen. Der Emir ist populär, eine charismatische Persönlichkeit. Viele junge Leute tragen sein Konterfei als Sticker. Familienbande wurden durch die Blockade zerschnitten, da die Saudis und andere Staaten ihre Bürger zurückgerufen haben."

Besprochen werden die Ausstellung "Never Ending Stories" im Kunstmuseum  Wolfsburg, die den Loop als Erscheinung in Kunst und Kulturgeschichte präsentiert (SZ) sowie eine Ausstellung für Kirchenbedarf in Augsburg (der die SZ heute ihren Feuilletonaufmacher widmet).
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Stichwörter: Kunstmuseum Wolfsburg, Katar, Loop

Literatur

Besprochen werden "Das Leben des Vernon Subutex 2" von Virginie Despentes (taz), Angelika Klüssendorfs "Jahre später" (Welt, FAZ), Wilhelm Genazinos "Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze" (NZZ) und Detlev Meyers "Sonnenkind" (SZ).
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Bühne


Panikherz. Bild: Julian Roeder

Oliver Reeses Inszenierung von Benjamin von Stuckrad-Barres heißer Kokser-Autobiografie "Panikherz" am Berliner Ensemble lässt die Kritiker doch eher kalt. In der FR staunt Dirk Pilz: "Dass unbekümmert gesungen, geraucht und ins Publikum gezwinkert wird. Dass die Bühne - eine Treppe, hinten eine Bar, an den Seiten Live-Musiker - bloßer Laufsteg für's Szenen-Show-Business ist. Viel Nebel, viel buntes Licht - und immer diese sonderbare gute Laune. Selbst wenn sie auf der Bühne Zusammenbrüche bebildern: alles bestens zu konsumieren. Ein Abend liebevoll verpackter Verzweiflungsdrops." Christine Wahl bedauert im Tagesspiegel: "Es kracht nicht!" Und FAZ-Kritiker Jan Wiele kratzt sich am Kopf: Warum hat Oliver Reese für seine erste eigene Regie als neuer Intendant des BE eine Buchadaption gewählt, die"durchaus das Zeug dazu hat, den 'Eventbuden'-Vorwurf von der Volksbühne weg und auf sein eigenes Haus zu ziehen"? Nur Welt-Kritiker Kevin Hanschke ist begeistert von dieser "poetischen Selbstreflexion, die die großen Fragen des Lebens stellt".

Weitere Artikel: In der NZZ wirft Marco Frei einen interessanten Blick auf die sehr konservative Opernszene in Finnland. Daniele Muscionico unterhält sich in der NZZ mit Klaus Maria Brandauer über das Theater.

Besprochen die Uraufführung von Peter Turrinis Integrations-Volksstück "Fremdenzimmer" in Wien (SZ), die Uraufführung von Gesine Schmidts Dokumentartheaterprojekt "Vermögend" am Theater Regensburg (nachtkritik), Julia Burgers Inszenierung von Sybille Bergs Frauenrevue "Missionen der Schönheit: Holofernesmomente" im Wiener Werk X (nachtkritik), die Dreigroschenoper von Kurt Weill und Bert Brecht in Halle (nmz), Händels "Alcina" bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe (FR) und ein Shakespeare-Abend mit der britischen Theatertruppe "Forced Entertainment" im Frankfurter Mousonturm (FAZ).
Archiv: Bühne