Efeu - Die Kulturrundschau

Das Ding heißt Fahne

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.01.2018. Gott ist Licht und Licht ist Kino, lernt die taz im "1. Evangelium" von Kay Voges, frei nach Matthäus, Pasolini und Castorf. Die Welt bemerkt, dass die amerikanische Kunst ihre imperiale Lächelmaske ablegt. Die SZ lernt im Architekturmuseum Wien, warum es im Ersten Bezirk keine Bäckereien mehr gibt. Die Berliner Zeitung wirft einen Blick auf rassistische Blödeleien am Filmset. In der NZZ blickt Don DeLillo auf Donald Trump und in eine extrem gewaltvolle Zukunft. Und allenthalben herrscht Trauer um Paul Bocuse, den "Picasso der Kochkunst".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2018 finden Sie hier

Bühne



"Das 1. Evangelium" am Schauspiel Stuttgart. Foto: JU

Als Bildersturzflut" feiert SZ-Kritikerin Christine Dössel, was Kay Voges in 'Das 1. Evangelium', frei nach Matthäus, am Schauspiel Stuttgart auf die Bühne bringt, in Anlehnung an Pasolini und Fassbinder, Gilles Deleuze und Rolf Dieter Brinkmann: "Mit Live-Kameras gefilmt und auf der dauerkreisenden Drehbühne auf drei Leinwände übertragen. Für die Bildgestaltung zeichnet Volker 'Voxi' Bärenklau verantwortlich, der auch schon mit Schlingensief gearbeitet hat. Er leistet hervorragende Arbeit, wie alle im Team. 'Das 1. Evangelium' ist Theater von hohem Schauwert, das bei aller Coolness aber nicht vordergründig bleibt oder ironisch, sondern es inhaltlich durchaus ernst meint mit seinem Angebot an den Zuschauer, sich ein paar Fragen zu stellen. Woran glaubst du? Wie betest du? Wofür stehst du ein?"

In der taz fragt sich Julia Engel, ob sie vielleicht einem Gottesdienst beiwohnte: "So webt die Inszenierung gleich zu Beginn Kino und Evangelium zusammen. Denn Gott ist Licht, ohne Licht kein Leben, ohne Licht kein Kino." Wenig begeistert zeigt sich Shirin Sojitrawalla in der Nachtkritik.

Besprochen werden Katka Schroths Inszenierung "Das Licht im Kasten" im Linzer Landestheaters (gut möglich, dass Elfriede Jelinek doch noch die "Blume im Knopfloch der Nation" wird, bemerkt  Margarete Affenzeller im Standard süffisant), Christof Loys "Maria Stuarda" im Theater an der Wien (Standard) Ola Mafaalanis Bühnenstück "Kinder des Paradieses" nach von Marcel Carnés Filmklassiker "Kinder des Olymp" am Berliner Ensemble (taz, Nachtkritik), Ole Anders Tandbergs "Carmen"-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin (Tagesspiegel), Sebastian Hartmanns dramatisch unmögliche Zusammenfassung von James Joyce' "Ulysses" am Deutschen Theater in Berlin (FAZ) und die Show "Afrika! Afrika!" (Welt).
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Kunst

Gegen alle Unlust, hat sich Welt-Kritiker Hans-Joachim Müller nach Baden-Baden begeben und in der Ausstellung "America! America!" des Frieder Burda Museums tatsächlich viel List und Hintersinn entdeckt: "Die imperiale Lächelmaske, mit der sich die US-Kunst seit den Sechzigerjahren als Kronzeugin der unbegrenzten Möglichkeiten eingeprägt hat, setzt sich allenfalls noch Jeff Koons auf." (Bild: William N. Copley: Imaginary Flag for U.S.A., 1972. © William N. Copley Estate, New York.)

Weiteres: In der taz gratuliert Brigitte Werneburg dem Maler Georg Baselitz zu seinem morgigen Achtzigsten. Im Tagesspiegel meldet Nicola Kuhn, dass die Documenta nun doch gemeinnützig bleiben kann und nicht gewinnorientiert werden muss.
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Stichwörter: Koons, Jeff

Film

Anja Reich spricht in der Berliner Zeitung mit Shalini Sonntag, Katharina Lindenau und Gesine Cukrowski über deren Erfahrungen bei Dreharbeiten. Cukrowski ist Schauspielerin, die beiden anderen Frauen arbeiten hinter den Kulissen. Den Anlass zum Gespräch bot zwar #MeToo, doch Sonntag kommt auch auf Rassismus am Set zu sprechen: "Diese schwarzen Molton-Fahnen, die bei der Beleuchtung benutzt werden, wurden früher Neger genannt, und noch heute heißt es am Set: 'Kannst du mir mal einen Neger dahin stellen!' Und ich sage: 'Entschuldigung, das geht überhaupt nicht, das Ding heißt Fahne.' ... Beim letzten Dreh saß ein dunkelhäutiger Komparse in der Ecke, keiner kannte seinen Namen, und ich hörte den Kameramann zum  Beleuchter sagen: "Red doch mal mit dem Boateng-Verschnitt da drüben." Ich habe gesagt: 'Ich höre wohl nicht richtig.' Aber dabei blieb es nicht. Der Oberbeleuchter sagte dann auch noch: 'Vielleicht sage ich einfach der Fahne da hinten…' Ich habe gesagt: 'Jetzt reicht es.'"

Außerdem: In der FAZ empfiehlt Bert Rebhandl die Reihe "Saving Bruce Lee - Afrikanischer und arabischer Film in Zeiten sowjetischer Kulturdiplomatie" im Berliner Haus der Kulturen der Welt, die Schlaglichter darauf wirft, wie Filmemacher aus der globalen Peripherie zunächst in der Sowjetunion ausgebildet wurden, dann aber auf dieser Grundlage eigene Wege gingen.

Besprochen werden Julian Pölslers Verfilmung von Marlen Haushofers "Wir töten Stella" (Freitag), Michael Roes' "Zeithain" (FR), die Serie "The Alienist" mit Daniel Brühl (Welt) und Sylvester Stallones auf BluRay veröffentlichtes, im New York des Jahres 1946 spielendes Regiedebüt "Vorhof zum Paradies" aus dem Jahr 1978, das SZ-Kritiker David Steinitz auch heute noch beeindruckt: Der Film ist "mit erstaunlich sicherer Hand inszeniert, mit einem guten Gespür für die verrauchte und verbitterte New Yorker Nachkriegs-Tristesse".
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Archiv: Film

Architektur

Wer sich einfach nur über zu viel Brandschutz beschwert, soll nach London sehen, wo im Grenfell Tower 79 Menschen ums Leben kamen. Dennoch findet Laura Weißmüller in der SZ die Ausstellung "Form folgt Paragraph" im Architekturzentrum Wien klug und wichtig, die sehr differenziert beleuchtet, wo die Bauordnung in Wahnsinn umschlägt: "Etwa, wenn man, wie in Deutschland auch, Wohnen und Arbeiten wieder näher zusammenbringen will, was Voraussetzung für ein lebendiges Quartier ist, aber in Wien zum Beispiel nicht einmal eine Bäckerei im 1. Bezirk backen darf, weil der Geruch des Brotes unter 'Luftverschmutzung' fällt. Oder wenn der Brandschutz der Barrierefreiheit widerspricht, weil ersteres eine Tür fordert, die mit einem Kraftaufwand von 30 Newton zu öffnen ist, letzteres aber nur 25 Newton zulässt. Oder weil die Kinderspielplätze zu Orten der Eintönigkeit verkommen, weil die Sicherheitsauflagen so hoch sind..."
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Literatur

Die NZZ hat Thomas Davids großes Gespräch mit Don DeLillo aus der Ausgabe vom vergangenen Samstag online nachgereicht, in dem beide auf die Karriere des Schriftstellers zurückblicken. Unter anderem kommt die Sprache dabei aber auch auf Trump: "Für einen Amerikaner ist es sehr schwer, über den kulturellen Augenblick nachzudenken, ohne über den Präsidenten zu sprechen, der alles verändert hat. Der unsere Haltung zur Regierung verändert hat. Der der Regierung unseres Landes etwas Surreales verliehen hat und bisweilen für dieses Land und andere Teile der Welt eine extrem gewaltvolle Zukunft andeutet. Das scheint mir einer der erdrückendsten Aspekte des gegenwärtigen Augenblicks in diesem Land zu sein."

Die SZ übersetzt Charles McGraths vor kurzem in der New York Times erschienes Gespräch mit Philip Roth: "Wie naiv war ich, 1960 zu denken, dass ich ein Amerikaner bin, der in absurden Zeiten lebt! Wie drollig!"

Außerdem: Für den Freitag hat sich Mladen Gladić mit Howard Jacobson zum Gespräch über dessen Trump-Satire "Pussy" getroffen. Erik Wenk porträtiert im Tagesspiegel den Comicautor Niklas Fiedler. Besprochen werden unter anderem Haruki Murakamis "Die Ermordung des Commendatore" (SZ, Berliner Zeitung), Nell Zinks "Nicotine" (Welt), die Neuauflage von Ernst Lothars "Die Rückkehr" (Standard), Fernando Aramburus "Patria" (Zeit), Michael Schwaigers Biografie über den Reporter Leo Lania (Zeit). Sebastian Guhrs "Die Verbesserung unserer Tränen" (SZ),  und neue Hörbücher, darunter Paul Plampers Hörspiel "Dienstbare Geister" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans Christoph Buch über Yitzhak Laors Gedicht "Herbst":

"Die Falten? Keine Sorge die sind
Das Blattgold. Was für ein Herbst
..."
Archiv: Literatur

Design

In der NZZ schreibt Urs Bühler zum Tod des französischen Spitzenkochs Paul Bocuse, den er als den "Picasso der Kochkunst" bezeichnet: "Er prägte die Rolle des modernen Chefs, der Gäste nicht nur bekocht, sondern auch empfängt und den Betrieb sogar als (Mit-)Besitzer prägt. Dass man Bocuse gerne als Erfinder der Nouvelle Cuisine bezeichnet, die als Gegenbewegung zur Landestradition deftiger Braten und wuchtiger Saucen eine ebenso einflussreiche wie befreiende Bewegung wurde, ist allerdings weniger zwingend. Diese Ehre gebührt anderen, wie Michel Guérard, der früh auf diesen antiklassischen Stil setzte. Jedoch war Bocuse, als die Nouvelle Cuisine aufkam, das Gesicht der französischen Küche."

In der Libération verehrt der Koch Pierre Gagnaire Bocuse als den "Johnny Halliday der Gastronomie". In einem Interview mit der FAS erklärt Gastro-Kritker Jürgen Dollase: "Bocuse war sicherlich nicht der größte aller Köche - aber er war möglicherweise der wichtigste aller Köche." Weitere Nachrufe in Le Monde und der New York Times.
Archiv: Design
Stichwörter: Bocuse, Paul, Gastronomie

Musik

"Schwabenseattle scheint sich Richtung Kalifornien und Sixties geöffnet zu haben", schreibt Jens Uthoff in der taz nach dem Durchhören neuer Veröffentlichungen aus der Stuttgarter Postpunk-Szene, die rund um Die Nerven floriert: Die Bands dort "haben eine Formensprache entwickelt, die den Geist von Punk sachte in die Gegenwart transportiert". Insbesondere Peter Muffin ist ihm dabei aufgefallen:



Außerdem: Isabel Herzferld gratuliert im Tagesspiegel dem Cellisten Frank Dodge zum 30-jährigen Bestehen dessen Kammermusik-Konzertreihe Spectrum Concerts.

Besprochen werden Hollie Cooks "Vessel of Love" (Spex), Porches' "The House" (The Quietus), ein Schostakowitsch-Konzert von Igor Levit (Tagesspiegel), ein Konzert der HR-Sinfoniker mit dem Solisten Antoine Tamestit (FR) und ein Konzert des Estonian Festival Orchestras unter Paavo Järvi (NZZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Stefan Trinks über "Zombie" von den Cranberries, deren Sängerin Dolores O'Riordan vor kurzem gestorben ist.


Archiv: Musik