Efeu - Die Kulturrundschau

Schreien ist leicht

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06.10.2017. Rundweg einverstanden sind die Literaturkritiker mit dem neuen Nobelpreisträger für Literatur, Kazuo Ishiguro, ein Schöpfer weitgehend unbemerkt gebliebener Meisterwerke, wie die FAZ notiert. Die SZ bewundert zwei Wassertropfen im delirierenden Liebesrausch, die sich als "Paneum" verkleidet haben. Struktur ist alles, erklärt Robert Wilson im Tagesspiegel. Identität ist nur Behauptung, lernt die NZZ von den tierischen Skulpturen Jimmie Durhams.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2017 finden Sie hier

Literatur

Der Literaturnobelpreis geht in diesem Jahr an den britischen Schriftsteller Kazuo Ishiguro. Hier ein erstes Interview mit dem Preisträger:



Die Reaktionen auf die Auszeichnung fallen fast durchweg positiv aus: Süchtig nach den Werken des in Nagasaki geborenen, in Großbritannien aufgewachsenen Autors sei er zwar nicht geworden, bekennt Arno Widmann in der FR. Dafür reizt ihn an Ishiguros Romanen die Beschreibung der "Heimatlosigkeit und der nimmermüde Versuch, sich in immer neuen, selbst geschriebenen Heimaten zurechtzufinden: Japan im Zweiten Weltkrieg, Britannien im 5. Jahrhundert." Dieser Aspekt macht Ishiguro "in unserer globalisierten Welt voller Migrationbewegungen" zu einem "geradezu idealtypischen Literaturnobelpreisträger", kommentiert Gerrit Bartels im Tagesspiegel und freut sich, dass die Schwedische Akademie mit dieser Entscheidung sich insofern treu bleibe, da sie seit dem Nobelpreis 2014 für Patrick Modiano "ihren Literaturbegriff (...) geradezu programmatisch erweitert."

Worauf auch Dirk Knipphals in der taz zu sprechen kommt: Die Akademie stelle "mit ihren Preisentscheidungen zielgenau die Fragen, die die Literatur als ganze gerade mit sich herumträgt" und "genau so hält man Literatur im Gespräch", lobt er. Ansonsten herrscht in der taz allerdings wenig Einigkeit: Arno Frank etwa hält Ishiguros bislang letztes Werk, den mit Fantasy-Elementen reich durchsetzten Mittelalter-Roman "Der begrabene Riese" für einen "stilistischen Ausfallschritt", der auf ihn wirkt, "als hätte sich ein klassischer Komponist aus purer Spielfreude am Schlager versucht." Für Johanna Roth hingegen ist Ishiguro schlicht "ein außergewöhnlicher Erzähler", der in keinen Kanon passt.

Sanfte Kritik an der Entscheidung macht sich bei Tomasz Kurianowicz auf ZeitOnline laut: Nach den vorangegangenen, eher experimentellen Akademie-Entscheidungen sei Ishiguro nun der "perfekte Kompromiss-Kandidat", um die Wogen der letzten Jahre wieder zu glätten. Er ist nämlich "beileibe kein Unbekannter und doch der Schöpfer weitgehend unbemerkt gebliebener Meisterwerke", wie FAZ-Kritiker Hubert Spiegel die Position des Autors im Betrieb beschreibt. Und er führt weitere aus: "Herkunft, Identität und Erinnerung auf der anderen Seite, das sind die großen Themen dieses außergewöhnlichen Schriftstellers, der sich früh als Meister der Mimikry erwies und bislang nahezu jedem seiner Bücher ein anderes literarisches Gewand überzuwerfen wusste."

Ishiguro "hätte der Ken Loach der englischen Literatur werden können", schreibt Barbara Möller in der Welt. Doch "die Münze fiel auf die andere Seite: Keiner hat den Engländern stilvoller vor Augen gehalten, warum ihr Empire untergehen musste." Gregor Dotzauer würdigt im Tagesspiegel die "makellose Eleganz" von Ishiguros Englisch und lobt die "historische Stimmigkeit" seiner Romane, die "ihre moralische Glaubwürdigkeit einer Einbildungskraft verdanken, die auch in der konkretesten Szenerie das Universelle sucht."

In Ishiguro rumort "die Frage, wie ein Schriftsteller mit den Formen seiner Kunst umgehen muss, wenn er zu einem Geschichtenerzähler werden will, der zugleich ein Menschenerforscher seines Zeitalters ist", hält Lothar Müller in der SZ fest. "Ein solcher Schriftsteller lebt nicht allein von seinen Stoffen, er lebt vom Tonfall, in dem er erzählt." Außerdem erinnert Fritz Göttler in der SZ an die Verfilmungen von Ishiguros Werken. Eine kleine Zusammenstellung von Links zu Essays und Interviews mit Kazuo Ishiguro finden Sie hier.

Weitere Artikel: Cornelius Wüllenkemper besucht für die SZ haitianische Schriftsteller. Sieglinde Geisel berichtet auf Tell von einer Diskussion im Berliner LCB von Per Leo und Wolfgang Ullrich über die "Beschädigungen des öffentlichen Diskurses durch die Fundamentalopposition der Rechten". Im Ullstein-Blog Resonanzboden beleuchtet der Autor und Filmemacher Sascha Adamek kritisch die Folgen der WM-Vergabe 2022 an Katar.

Besprochen werden Gerhard Falkners "Romeo oder Julia" (Zeit), Marion Poschmanns "Die Kieferninseln" (NZZ), Ari Folmans und David Polonskys Comicadapation des Tagebuchs der Anne Frank (FR), Melinda Nadj Abonjis "Schildkrötensoldat" (NZZ), Florjan Lipušs "Seelenruhig" (Freitag), Burhan Sönmez' "Istanbul Istanbul" (Freitag), Tanya Lieskes "Mein Freund Charlie" (Tagesspiegel) und Andrea De Carlos "Ein fast perfektes Wunder" (SZ).

Architektur


Entwurf von Coop Himmelb(l)au für das Paneum

Gerhard Matzig besucht für die SZ das neue, von Coop Himmelb(l)au entworfene Brot-Museum "Paneum" in Asten bei Linz. Architekt Wolf D. Prix möchte es gern als Wolke gesehen wissen oder als "eine Art Arche Noah". Matzig zuckt die Schultern: "Das Bild vom Wolkenschiff ist poetisch. Man darf sich aber auch an den hervorquellenden Inhalt einer Knack&Back-Teigrolle erinnert fühlen. Oder an stählerne Zuckerwatte. Oder an einen aus titanischer Höhe ausgespuckten Kaugummi. Oder an das Amalgam-Wahrzeichen der Dentalindustrie. Oder an zwei Wassertropfen im delirierenden Liebesrausch. Das Schöne an solchen durchaus boshaft gemeinten Assoziationen ist, dass sie den begnadeten Ironiker Prix nicht ärgern. Denn zum Wesen seiner tatsächlich großen, expressiven und starken Baukunst gehört ja immer auch das entscheidende Moment, da die Architektur über sich selbst hinausweist und zum Zeichen jenseits der Baulichkeiten wird."

Außerdem: Im Guardian fragt sich Tyler Stiem nach dem Abriss des Empire Landmark Hotels bang, ob die brutalistische Betonarchitektur aus den Siebzigern bald ganz aus Vancouver verschwunden sein wird.

Bühne

Heute hat Robert Wilsons Bach-Stück "Luther dancing with the gods" Premiere im Berliner Boulez-Saal. Religion bedeutet ihm nichts, erklärt er im Interview mit dem Tagesspiegel. Aber Struktur. Und die findet er auch in Musikern wie Bach oder Wagner: "Oder denken Sie an Edith Clever - wer hat heute noch ein solches Sprachvermögen, wer verfügt über eine solche Technik - wie man die Stimme im Raum platziert, wie eine Geste der Hand die andere Seite dort hinten erreicht. ... Es geht um Haltung. Um Stille. Schreien ist leicht, das kann jeder, aber wie lernst du, leise zu sprechen? Durch die Struktur kommt man zum Ausdruck, zur Emotion. Ich habe beobachtet, wie Jessye Norman zu einem Musiker sagte: So nimmt man einen Geigenbogen nicht in die Hand! Pierre Boulez stand einmal lange schweigend vor dem Orchester, bis die Musiker richtig saßen, ihre Haltung gefunden hatten. Dann hob er den Taktstock."

Weiteres: Reinhard J.Brembeck besucht für die SZ den Komponisten Aribert Reimann, dessen neue Oper "L'invisible" (Der Unsichtbare) am Sonntag in Berlin Uraufführung hat.

Besprochen werden Karoline Grubers Inszenierung von Sergej Prokofjews Oper "Der Spieler" in Wien (Standard) sowie zwei Inszenierungen am Berliner Ensemble, Wallace Shawns schwarze Komödie "Evening at the Talk House" und Bettina Hoppes Solo "Die Frau die gegen Türen rannte" (Tagesspiegel).
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Musik

Der neue Saal der Berliner Staatsoper wird den Klang der Berliner Staatskapelle verändern, unterstreicht Ulrich Amling im Tagesspiegel nach dem Besuch des ersten Konzerts im Haus: "Das ist zunächst aufregend, kippt aber beim Einsatz des vollen Orchesters, wenn sich statt sonorer Tiefe eine gleißende, undurchdringliche Klangfront formiert - beinahe so, als klappten einem die Ohren bei hohen Schallpegeln einfach zu. Auf diese durchaus menschliche Reaktion des Saals weiß Barenboim noch keine wirkliche Antwort. ... Die Frage nach der Identität des Hauses stellt sich nach der Wiedersehensfreude damit umso dringlicher."

Weiteres: Mit regem Interesse hat Hans Jörg Jans von der NZZ die diesjährige Zusammenkunft der Italian Opera Academy unter der Anleitung von Maestro Riccardo Muti im Teatro Alighieri in Ravenna besucht, wo man Muti ausführlich über Verdi dozieren hören konnte. In der Berliner Zeitung unterhält sich Steven Geyer mit Rammstein-Keyboarder Flake, der dieser Tage seine Autobiografie veröffentlicht hat. Thomas Winkler plaudert in der taz mit der Berliner Sängerin Elif, die gerade ihr neues Album "Doppelleben" herausgebracht hat.

Besprochen werden neue Alben von Wanda (Standard), Kaytlin Aurelia Smith (taz, Pitchfork), und Ibeyi (Spex), ein Konzert von Alexander Lonquich (NZZ), weitere neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Liam Gallagher, den Jens Balzer als "Titan des Muffs" bezeichnet (ZeitOnline) und das neue Album "Take Me Apart" von Kelela (Pitchfork, SpOn).


Film


Fundamentale Entfremdung: Szene aus "Blade Runner 2049"

Denis Villeneuves
"Blade Runner 2049" (unsere Kritik hier) reizt Georg Seeßlen zu einem seiner legendären Groß-Essays über populäres Kino. Auf ZeitOnline rät er dazu, sich nicht nur dem apokalyptischem Liebreiz dieses Films anheim zu geben, sondern den Film "auch als Porträt des Rebellen als Metapher der Selbstwidersprüchlichkeit" zu betrachten. "Manche Szenen in diesem Film erhalten einen ganz anderen Stellenwert, wenn man sie als Projektionen sehr realer Bedingungen des Widerstands gegen ein totales System betrachtet. ... Wenn man es zuspitzen will, geht es in 'Blade Runner 2049' um die Frage, ob es gegen einen Diktatur und Religion gewordenen Kapitalismus neoliberaler Prägung noch eine wirksame Form der Rebellion geben kann. Und darum, was eine solche Rebellion mit seinen Subjekten macht. Allgemeiner könnte man es indessen auch fassen: Die fundamentale Entfremdung sucht nach einem aufklärerischen Halt."

Weiteres: Im Cargo-Blog bringt Bert Rebhandl Sichtungsnotizen vom Filmfestival Toronto. Tobias Kniebe schreibt in der SZ zum Tod der Schauspielerin Anne Wiazemsky.

Besprochen werden das Biopic "Tom of Finland" über den Künstler Touko Laaksonen (SpOn) und Alain Gomis' kongolesisches Drama "Felicité" (Tagesspiegel, taz, unsere Berlinale-Kritik hier).

Kunst


Jimmie Durham, Alpine Ibex, 2017, Courtesy of the artist, Foto: Nick Ash

In der NZZ ist Thomas Ribi ziemlich beeindruckt von Jimmie Durhams Spiel mit - tierischen - Identitäten, das man derzeit im Migros Museum in Zürich sehen kann. Anders als seine Kritiker erkennt Durham nämlich durchaus, dass Identität nie etwas reines ist oder vielleicht sogar nur eine Behauptung: "Unter dem Titel 'God's Children, God's Poems' sind vierzehn Skulpturen versammelt. Sie zeigen europäische Wildtiere: Elch, Bison, Braunbär, Rothirsch, Rentier, Moschusochse und wie sie alle heißen. Das heißt, sie zeigen sie natürlich nicht. Sie imitieren sie, gewissermaßen. Durham tut so, als ob er Tiere darstellen würde. An den witzigen Assemblagen aus Holzlatten, Blech, Möbelteilen, Wolldecken, Metalldrähten, Leitungsrohren und Papiermaché sind nur die Schädel natürlich. Doch was heißt das schon? Sie stammen von richtigen Tieren, aber aus Zuchten, zum Teil deshalb, weil die Tierarten vom Aussterben bedroht sind. Und überhaupt, um echt oder falsch, natürlich oder künstlich geht's da ja eigentlich nicht. Das heißt, vielleicht doch. Aber auf hintergründige Weise..."

Weiteres: Im Interview mit Monopol erklärt die Kuratorin Alison Gingeras, warum sie für die Frieze London eine Schau mit dem Titel "Sex Work" ausgerichtet hat. Art interviewt den Galeristen Johann König, der gerade eine Dependance in London eröffnet hat und nun bang auf den Brexit blickt. Ebenfalls auf Art porträtiert Marie Fürste die Malerin Anita Rée.

Besprochen werden eine Ausstellung von Gerhard Rühm im Wiener Kunstforum (Standard), die Retrospektive Gerold Herold im Kunstmuseum Bonn (Art) und die Klee-Ausstellung in der Fondation Beyeler (SZ).