Efeu - Die Kulturrundschau

Wunderbar klar und glockenhell

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26.07.2017. Deutschtum als Soap erlebt der Tagesspiegel vergnügt mit Barrie Koskys "Meistersingern" in Bayreuth. Die NZZ verfolgt bei den Salzburger Festspielen, wie das 20. Jahrhundert historisch wird. Der Guardian lernt von Rose Finn-Kelcey, die eigene Position zu überdenken. Die taz erkennt in Amsterdams Problemviertel Bijmelmeer endlich die Schönheit des Betonbrutalismus. Die SZ kapituliert in Dünkirchen vor Christopher Nolans Großangriff auf die Sinne.

Kunst


Rose Finn-Kelcey: The Restless Image: a discrepancy between the felt position and the seen position, 1975. Bild: The Estate of Rose Finn-Kelcey

Im Guardian schwärmt Laura Cumming vom subtilen Witz der britischen Künstlerin Rose Finn-Kelcey, deren Fotografien in der Modern Art Oxford gezeigt werden: "Drunter und drüber: So kann man Rose Finn-Kelceys einprägsamste Arbeit beschreiben, ein Foto der Künstlerin, die einen perfekten Handstand am Strand vollführt. Es ist eine ausgelassene Szene, die beim Betrachter sofort den gleichen Impuls hervorruft. Und doch ist sie rätselhaft, denn der Faltenrock, den sie trägt, scheint nach oben zu fallen, er bedeckt ihren Torso und ihren Kopf wie ein Fächer aus Papier, so dass ihre Identität verborgen bleibt. Ein Bild von berauschender Spontaneität erweist sich als Ergebnis genauer Überlegung."

Außerdem: Im Standard meldet Stefan Weiß, dass dem Alpinen Museum der Schweiz in Bern das Aus droht, das Schweizerische Bundesamt für Kultur will die Fördermittel auf ein Viertel kappen. Besprochen wird eine Ausstellung über die Frankreichreise von Zar Peter dem Großen im Lustschloss Grand Trianon von Versailles (NZZ).
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Stichwörter: Rose Finn-Kelcey

Bühne


Barrie Koskys "Meistersinger". Foto: Bayreuther Festspiele

In einer ersten Kurzkritik berichten Christiane Peitz und Ulrich Amling im Tagesspiegel vergnügt von Barrie Koskys Bayreuther Regie-Debüt, das sich aus den "Meistersingern" einen großen Spaß machte: "Cosima hat Migräne, Wagner packt Pakete aus, feine Stoffe, Parfüms, Liszt weilt zu Besuch, genau wie der 'Parsifal'-Dirigent Hermann Levi, der berühmteste jüdische Künstler in Bayreuth, von Wagner seinerzeit mies behandelt. Ende des Vorspiels, und schwupps, Levy wird zu Beckmesser und fühlt sich unwohl dabei, Cosima zu Eva, Liszt zu Vater Pogner und Wagner, klar, zu Sachs. Deutschtum als Soap, die Bürgerstube als Comic mit Mittelalterroben. Das Orchester unter Dirigent Philippe Jordan agiert ungemein wendig und transparent, während sämtliche Sänger sichtliche Lust an wilder Gestik und Komik entwickeln."

Schlüssig findet auch Wolfgang Behrens auf der Nachtkritik Koskys Konzept, wenn es die typische Wagner-Verteidigung aufspießt: "Ja, okay, Wagner war Antisemit, aber, was soll's, die Musik ist doch so schön. Kosky verurteilt diese exkulpierende Haltung in seiner Inszenierung nicht direkt, aber er beharrt doch merklich auf einem Punkt: Wagner ist nur als Gesamtpaket zu haben."

Im Standard bilanziert Helmut Ploebst recht ambivalent die Plattform [8:tension] der jungen Choreografen beim Wiener Impulstanz-Festival: Die Generation um die dreißig steckt tief im Pop- und Medienmorast fest, meint er. Samira Elagoz' Dokuperformance "Cock, Cock.. Who's There?" über ihre eigene Vergewaltigung hat ihn allerdings sehr berührt: "Überlegen und getroffen, offen, ironisch und unnachsichtig führt Elagoz vor, wie sich Männer mit verkorksten Sexfantasien und eitlen Gockeleien zu lächerlichen Würsteln machen. Sie zeigt, auf welchen Irrwegen sie sich befinden und wie sie dazu neigen, sich an Frauen für ihre Verlorenheit zu revanchieren."

Weiteres: Die russische Staatsführung lässt nicht davon ab, den Regisseur Kirill Serebrennikow und seine Kollegen vom Gogol-Center zu drangsalieren, berichtet Kerstin Holm in der FAZ, jetzt hängen sie ihm Korruptionsverfahren an. In der SZ fragt Mounia Meiborg sich, ob der neue Trend zur "Immersion" im Theater eigentlich wirklich so toll ist, denn abseits der Kunst fallen ihr eher abschreckende Immersionserlebnisse ein: Ikea-Märkte oder Sekten. Marianne Zelger-Vogt besucht in Zürich Dagny Beidler, eine Urenkelin Richard Wagners. Im Standard-Interview mit Margarete Affenzeler spricht der Schauspieler Burghart Klaußner über Brecht und die Melancholie Hans Eislers.
Archiv: Bühne

Musik

Die Feuilletons berichten von den ersten Konzerten der Salzburger Festspiele. Michael Stallknecht wagt in der NZZ eine erste Einschätzung der neuen Intendanz des Pianisten Markus Hinterhäuser: "Uraufführungen scheinen ihn wenig zu interessieren, dafür widmet er sich umso intensiver dem 20. Jahrhundert. Wo die gesamte Musik der Moderne noch immer gern als 'zeitgenössisch' bezeichnet wird, darf man das durchaus als Paradigmenwechsel begreifen. Auch das 20. Jahrhundert wird nun in Salzburg historisch, wird dafür aber als selbstverständlicher Teil des Kanons behandelt." Für "etwas bedächtig" hält allerdings Reinhard J. Brembeck in der SZ das Programm und mutmaßt, dass das damit zu tun haben könnte, dass "die Festspiele zuletzt allzu kunstkulinarisch glatt geworden sind."

Igor Levit und Markus Hinterhäuser gelang in ihrer gemeinsamen Darbietung von Olivier Messiaens "Visions de l'Amen" eine "sehr stimmungsvolle und vielschichtige Wiedergabe des komplexen Stücks", schreibt Reinhard Kager in der FAZ: "Kantig, oft mit ganzkörperlichem Nachdruck spielt Igor Levit seinen Part, stets wunderbar klar und glockenhell; viel breiter legt Markus Hinterhäuser seine Stimme an, bedingt auch durch intensive Pedalisierung, wodurch vieles weicher wirkt als bei Levit." In der Welt verteidigt Manuel Brug die Festspiel-Saison vor dem Verdacht, bloßer "L'Art pour l'Art"-Zeitvertreib für Bessergestellte zu sein: "Oper, Theater, Konzert, die stets dieser Tage aufs Neue startende Versicherung unseres abendländischen Erbes, das schon viele Veränderungen gesehen hat und noch sehen wird - sie wäre keine, wäre sie nur schön, harmonisch und friedvoll."

Mit Fragen nach der Männlichkeit im Rap befassen sich Zeit und Welt: Der deutsche Rap entdeckt breite Schultern, Muskelshirts und einen dicken Eiweiß-Panzer auf den Rippen, erklärt Lars Weisbrod in der Zeit. Dem Muskel-Rap inklusive Trainingsratschläge gehe es "um Abgrenzung, ums richtige Feindbild. Hier bei uns die Hantelbank, dort drüben bei euch die Yogamatte. ... 'Bruder, besser, du hast ein Rumpsteak parat / Denn jeder weiß, der Bizeps schrumpft von Salat', rappen Kollegah und Majoe. Muskeltraining ist Notwehr: gegen die zugezogenen Foodies und Kompressionswäsche-Jogger vom anderen Ende der Stadt." Felix Zwinzscher kommentiert in der Welt unterdessen das Quasi-Coming-Out von Tyler, The Creator: "Das Genre tut sich weiterhin schwer mit Homosexualität, besonders männlicher."

Weiteres: Zum Nachhören gibt es die sehr schöne Sendung von Françoise Cactus auf RadioEins. Die Spex beginnt ihre neue Reihe "Zehn Videos zur Zeit von..." mit der Kuratorin Ann Kristin Kreisel, die ihre zehn momentanen Lieblingsvideos vorstellt, darunter "Unterstanding" von Martin Creed:



Besprochen werden das neue Album von Lana Del Rey (Pitchfork, Tagesspiegel), Stephan Sulkes neues Album "Liebe ist nichts für Anfänger" (Freitag), das Album "Sex Tape" von Heather Leigh und Peter Brötzmann (The Quietus), ein Konzert von Feist (Berliner Zeitung, Tagesspiegel, taz), das neue Album "Halo" von Juana Molina (FR), Robbie Williams' Konzert in Berlin (Tagesspiegel) und das Album "Stack Music" von Konrad Sprenger, der jeder der Stimmen auf dieser Platte laut Tabea Köhler von der Jungle World "auf der Basis des euklidischen Algorithmus programmiert" hat.
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Literatur

In der SZ-Reihe über Aufbruch und Innehalten berichtet die Schriftstellerin Teresa Präauer von einem Reiseerlebnis.

Besprochen werden Simon Strauß' "Sieben Nächte" (Berliner Zeitung), Moyshe Kulbaks erstmals ins Deutsche übersetzter Roman "Montag" (NZZ), David Albaharis "Das Tierreich" (NZZ),  Paulus Hochgatterers Erzählung "Der Tag, an dem mein Grossvater ein Held war" (NZZ), Ingeborg von Lips' "Joseph Roth. Ein Frankfurt-Lesebuch" (FR), Mariana Enríquez' Erzählband "Mariana Enríquez" (Tagesspiegel), Yasmina Rezas "Babylon" (FAZ) und Ralf Königs Comic "Herbst in der Hose" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Architektur


Die Schönheit des Washbetons: Kleiburg. Foto: Marcel van der Burg. NL Architekten.

In der taz erzählt Klaus Englert, wie NL Architekten und XVW Architektuur die Wohnburg Kleiburg im heruntergekommenen Amsterdamer Viertel Bijlmermeer sanierten, nachdem die Wohnungen zu einem symbolischen Preis von einem Euro verkauft worden waren: "Die Menschen sollten mehr Freiheit erhalten.' Der Kleiburg-Block verblieb als einziger unter den renovierten Wohnblocks im ursprünglichen Zustand. Die Architekten, die durch Rem Koolhaas' Rotterdamer Kaderschmiede hindurchgingen, wollten jeden Postmoderne-Kult, der noch in den Köpfen verblieb, austreiben: 'Wir wollten die Schönheit des modernistischen Betonbrutalismus freilegen und keineswegs die Uniformität des Ganzen übertünchen.'"

In der FAZ fordert Hans Kollhoff den Wiederaufbau von Schinkels Bauakademie.
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Film


Minimalistische Großproduktion: "Dunkirk" von Christopher Nolan (Bild: Warner)

Mit seinem auf 70 Millimeter gedrehten Kunstfilm-Blockbuster "Dunkirk" blickt Christopher Nolan zurück auf die legendäre Rettungsaktion von Dünkirchen, bei der es Großbritannien in einer konzertierten Evakuierung gelang, den Großteil seiner auf dem europäischen Festland stationierten Armee vor den Nazis zu retten. Der Film sei "ein Großangriff auf die Sinne, einer der bisher größten im Genre des Kriegsfilms und sicherlich der größte in Nolans bisherigen Schaffen", schreibt dazu Tobias Kniebe in der SZ. "Er ist aber auch, mit seinem durch nichts gemilderten Fokus auf die Sensorik des Überlebenskampfs, ein erstaunliches Werk des Minimalismus."

Fabian Tietke von der taz ist sehr begeistert: "Indem Nolan gegen die Erwartungshaltungen an Kriegsfilme rebelliert und auf der Eigengesetzlichkeit filmischen Erzählens beharrt, eröffnet er neue Zugänge zu einem Zeitraum der Geschichte, der in der Repräsentation erstarrt ist." Ordentlich durchgerüttelt fühlt sich Danny Gronmaier von critic.de, der "bereit nach einer Viertelstunde völlig erschöpft" ist. "Aber das birgt vielleicht Vorteile. Man wird immun gegen den Gestus der Eindrücklichkeit, bekommt die spannenden Konstellationen und Motive hinter der Großspurigkeit des Rhythmischen (wieder) in den Blick."

Auf kino-zeit.de macht Patrick Holzapfel allerdings einige Vorbehalte stark: In Nolan sieht er einen "Regisseur, der einen historischen Krieg hier gleich einem Spielbrett für sein Überwältigungskino missbraucht. Vielleicht ist eine ethische Frage an den Film verfehlt, vielleicht ist es aber auch verfehlt von Nolan, einen Kriegsfilm zu machen. Manchmal ist ein 'Wow' nicht genug."

Weiteres: In der NZZ fragt sich Christoph G. Schmitz, ob Netflix mit seiner Strategie möglichst viele Eigenproduktion durch Fremdkapital zu finanzieren, nicht zu riskant ist. Für den Tagesspiegel spricht Jenni Zylka mit Regisseurin Sally Potter über deren neuen Film "The Party". Besprochen wird Edgar G. Wrights Actionfilm "Baby Driver" (ZeitOnline).

Im Youtube-Kanal des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt erklärt der Filmhistoriker Christoph Draxtra, welche Abenteuer man bei der Beschaffung und Restaurierung historischer Kopien aus italienischen Beständen erleben kann - und wie man sich dabei die Finger mit Kleber verschmiert.

Archiv: Film