Efeu - Die Kulturrundschau

Mit Lust aufs Quatschen

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29.06.2017. Die NZZ bewundert die japanische Landwirtschaft in Bürogebäuden. Die Zeit fragt anlässlich des geplanten  Museums des 20. Jahrhunderts in Berlin: Warum sind kulturpolitische Entscheidungen so intransparent? Im Standard erklärt Matthias Lilienthal die neue Kluft zwischen alten und jungen Theaterbesuchern. In der SZ erklärt Jan Wagner, warum Formzwang die Freiheit erhöht. Die Filmkritiker streiten über das Frauenbild in Sofia Coppolas "Die Verführten".

Architektur


Anbau in der Pasona Urban Farm. Foto: Kono Designs

Bürohäuser, in denen Schweine gezüchtet oder Bohnen gezogen werden, sind im Trend, besonders japanische Architekten gehen da voran, erzählt Ulf Meyer in der NZZ: "Die Pasona Urban Farm wurde von dem japanischstämmigen Architekten Yoshimi Kono aus New York entworfen. Sein neungeschossiges Bürohaus macht alle vier Jahreszeiten direkt am Arbeitsplatz erlebbar. Das fünfzig Jahre alte Gebäude hat Kono gründlich umgekrempelt: Von den 20 000 Quadratmetern Geschossfläche wurden 4000 als Anbaufläche für Nutzpflanzen abgezwackt: Obst, Gemüse und Getreide werden im Haus geerntet und in der hauseigenen Cafeteria zubereitet und verspeist. 'Farm-to-table office' nennen Experten dieses neue, radikale Konzept. 'Agrarspezialisten' unterstützen die Angestellten bei der Pflege der mehr als 200 Pflanzenarten im Haus."

Die Berliner können sich über ein Museum des 20. Jahrhunderts so viele Gedanken machen wie sie wollen, ohne vernünftige Stadtplanung bleibt das von der vielbefahrenen Potsdamer Straße zerschnittene Kulturforum ein trostloser Ort, meint Thomas E. Schmidt in der Zeit: Er plädiert für eine Untertunnelung der Postdamer Straße an dieser Stelle, damit "das Kulturforum einen eigenen Charakter als öffentlicher Platz entwickeln kann". Überhaupt sollte man das ganze neu ausschreiben: "Die Entscheidung, eines der letzten großen Museen in Berlin an falscher Stelle zu bauen, war von keinem Gremium getroffen worden. Das wirft einen nachträglichen Schatten auch auf den Architektenwettbewerb, den eine Expertenjury entschieden hat. Doch auch hier: Wer stellte die Jury zusammen, wer formulierte die Ausschreibungsbedingungen? War die Behörde der Kulturbeauftragten des Bundes federführend oder die Berliner Stadtentwicklungsbehörde? Vor allem: Wer befand eigentlich darüber, welche Architekten geladen wurden und welche ausgeschlossen blieben? Kulturpolitische Entscheidungen fallen noch immer erstaunlich intransparent."

Weitere Artikel: Alexander Menden lässt sich in London für die SZ von der Architektin Amanda Levete durch das "Exhibition Road Quarter" führen, eine neue Erweiterung des Victoria & Albert Museums (mehr dazu im Guardian und bei Designboom).
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Kunst


Fernando Castro Pacheco, Aquiles Serdán y su familia inician en Puebla la revolución armada, 18 de noviembre de 1910, 1947. Kunsthaus Zürich

Zeitgenössische mexikanische Künstler spielen eine große Rolle im heutigen Kunstbetrieb, worauf ihre Arbeiten fußen, wissen wir nur selten, meint Thomas Ribi in der NZZ. Außer Frida Kahlo und Diego Riviera ist in Europa kaum ein mexikanischer Künstler bekannt. Um so mehr freut er sich über eine Ausstellung mit mexikanischer Grafik aus dem 20. Jahrhundert im Kunsthaus Zürich zeigt. Meist spielten politische Themen eine Rolle: "Stichel, Stift und Papier sind Waffen der Künstler im Kampf gegen Unrecht und Unterdrückung. Und man ertappt sich in der Ausstellung dabei, dass man der Harmlosigkeit der Motive nicht mehr vertraut und plötzlich sogar die schlichte Darstellung von drei Melonenschnitzen auf eine politische Botschaft hin abklopfen will."

Weitere Artikel: Hanno Rauterberg hat für die Zeit Anne Imhofs preisgekrönte Performance in Venedig protokolliert.

Besprochen werden eine große Schau im Pariser Grand Palais zum hundertsten Todestag Auguste Rodins (FAZ, Guardian, Zeit) und die auf drei Museen verteilte Ausstellung "Made in Germany" in Hannover (Zeit, Tagesspiegel).
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Stichwörter: Mexikanische Kunst

Bühne

Im Interview mit dem Standard diagnostiziert Matthias Lilienthal, Intendant der Münchner Kammerspiele, bei seinen Abonnenten "ein Auseinanderdriften zwischen dem, was Theater tun, und speziellen Zuschauerinteressen. Wir arbeiten mit einer Gruppe relativ junger Regisseure, und wir stellen die komplette Veränderung von Sehweisen fest. Die heute Zwanzigjährigen, die keine Zeitung lesen, kein Fernsehen gucken, die Bücher lesen unter anderen kulturellen Tätigkeiten - für die ist zum Beispiel Kino genauso museal geworden wie Theater. ... Für die ist Theater immer wieder neu zu begründen. Dabei gilt es, die ältere Generation nicht zu verlieren. Ein wahnsinnig schwieriger Akt der Balance. Und dann bin ich halt so ein kleiner Berliner Bohemien mit Lust aufs Quatschen. Da hatte ich immer das Gefühl, dass genau das der Stadt München fehlt."

Weitere Artikel: Claus Peymann und Frank Castorf verabschieden sich am Wochenende mit letzten Vorstellungen und Party als Intendanten des BE respektive der Volksbühne, meldet die Berliner Zeitung. Eigentlich wollte die Volksbühne ihr Räuberrad auf Tournee mitnehmen, aber der Abbau scheiterte erst mal unter den teilnehmenden Augen der Zaungäste, die es sich in Liegestühlen bequem machten, berichten im Tagesspiegel Andreas Conrad und Rüdiger Schaper. In der nachtkritik berichtet Philipp Bovermann von der "Scholl 2017"-Aktion des Zentrums für politische Schönheit. In der NZZ resümiert Daniele Muscionico die vergangene Spielzeit am Theater Neumarkt in Zürich.

Besprochen werden Christoph Marthalers "Tiefer Schweb" und Ersan Mondtags "Erbe" an den Kammerspielen München (ersteres ist "fantasielos und gedankenblass ... macht sich wichtig und ist doch nichtig", letzteres "ein Unsinn..., der den Aufwand wert ist", versichert Michael Skasa in der Zeit, in der NZZ schwärmt Daniele Muscionico: "'Tiefer Schweb' flutet die Herzen des Publikums") und Choreografien der israelischen Batsheva Dance Company in Hellerau bei Dresden (SZ).
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Musik

Im Standard spricht Ljubisa Tosic mit Dirigent Omer Meir Wellber, der ein Buch über Mozart geschrieben hat. Stefan Hentz (NZZ) und Jan Künemund (SpiegelOnline) schreiben Nachrufe auf die Jazzpianistin Geri Allen.

Besprochen werden das postum veröffentlichte letzte Album von Chuck Berry ("ein würdiges Erbe", freut sich Karl Fluch im Standard), ein Konzert von Mark Lanegan (FR) und ein Auftritt des Sun Ra Arkestras (taz).

Außerdem präsentiert die Spex ein neues Video von Kendrick Lamar:

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Literatur

Für die SZ unterhält sich Nicolas Freund mit dem frischgebackenen Büchner-Preisträger Jan Wagner, der auch darüber Auskunft gibt, warum er sich in seinen Gedichten gerne auf traditionelle Formen einlässt. Altmodisch findet er das nicht unbedingt: "Lyrik bleibt ewig jung. Und so ist es auch mit gewissen Formen. Diese Formen sind da und niemand muss sie nutzen. Für mich wäre es aber ein Verlust an Freiheit, sie nicht zu nutzen, weil sie alle ihren eigenen Reiz haben und sie ganz neue poetische Kräfte freisetzen können, wenn man mit ihnen spielt. Jede von ihnen übt einen besonderen Zwang aus. Und der führt dazu, dass man vollkommen neue Bilder und Gedanken entwickeln muss."

Ror Wolf wird fünfundachtzig Jahre alt. Arno Widmann gratuliert in der FR "einem der bedeutendsten lebenden deutschen Autoren. Er ist einzigartig. Keiner schreibt wie er, keiner erzählt wie er. ... Wer Ror Wolf liest, rechnet mit dem Schrecklichsten. Er weiß aber auch, dass es danach weitergeht. Es mag blamabel sein, was der Mensch alles wegstecken kann, aber diese Fähigkeit befördert ihn ins Leben. Ror Wolfs Texte erzählen nicht nur von solchen stets travestierten Erfahrungen. Sie bilden sie auch ab, imitieren sie in der Textproduktion selbst." Tim Caspar Boehme attestiert Wolf in der taz "einen besonders wachen Sinn für die gesprochene Sprache, wie für ihn überhaupt fast alle Wörter der Dichtung würdig sind, verbunden mit einem Formsinn, der keine Furcht vor gereimten Versen im Allgemeinen oder vor Sonetten im Speziellen kennt."

Weitere Artikel: Lest mehr Luigi Pirandello, rät uns Thomas Schmid in der Welt - der Nobelpreisträger wäre dieser Tage 150 Jahre alt geworden. Die FR druckt eine Geschichte von Oskar Maria Graf aus dem Jahr 1968. In der Welt präsentiert die feministische Autorin Laurie Penny ihre Lieblingsbücher.

Besprochen werden Karl Ove Knausgårds "Kämpfen" (online nachgereicht von der FAZ), der Briefwechsel zwischen Franz Fühmann und Wieland Förste (Tagesspiegel), Tijan Silas Debütroman "Tierchen unlimited" (Tagesspiegel) und Jussi Valtonens "Zwei Kontinente" (FR).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film


Von Texturen absorbiert: Kirsten Dunst hat das Nachsehen in Sofia Coppolas "Die Verführten".

Lahmgelegte Männerkörper sind das bestimmende Thema dieser Kinowoche: In Sofia Coppolas "Die Verführten", einer Neuverfilmung eines Romans von Thomas P. Cullinan, den in Siebzigern bereits Don Siegel mit Clint Eastwood fürs Kino adaptiert hatte, landet in den Wirren des US-amerikanischen Bürgerkriegs ein verwundeter Soldat in einem züchtigen Mädcheninternat, wo der Neuankömmling für Friktionen sorgt. "Im Gegensatz zu Sofia Coppolas früheren Arbeiten ist 'Die Verführten' weniger ein Film der spiegelnden Oberflächen als vielmehr ein Film der absorbierenden Texturen", beschreibt Katrin Doerksen im Perlentaucher die beengt-gedämpfte Southern-Gothic-Atmosphäre des Films. Interessant findet Susanne Ostwald in der NZZ die "Umkehr von vermeintlich typisch fraulichen Tugenden, die hier auf den Prüfstand gestellt werden." Zudem lobt sie den "lakonischen Humor" des Films.

Der Film stößt allerdings nicht nur auf Begeisterung: Er denunziere Frauengemeinschaften, beklagt sich Gunda Bartels im Tagesspiegel und wirft der Regisseurin eine "unfertige Charakterzeichnung" vor. Unangenehm stößt Fabian Tietke in der taz auf, dass Coppola eine schwarze Nebenfigur - eine Sklavin - aus der Vorlage gestrichen hat und ihren Film damit entpolitisiere: Sie "porträtiert eine weiße Gesellschaft, die ganz mit sich selbst beschäftigt ist". Auf diesen insbesondere in den USA laut gewordenen Vorwurf reagiert die Regisseurin im Standard-Interview gegenüber Dominik Kamalzadeh: Die Streichung sei bewusst gewesen. "Die Sklavenfigur war mir zu stereotyp, dies ist ein zu wichtiges Thema, um es über eine Nebenfigur abzuhandeln. Es gab auch eine Frau mit einem inzestuösen Verhältnis - auch das ließ ich weg, weil ich keinen Exploitation-Film drehen wollte." Im Deutschlandfunk Kultur spricht Patrick Wellinski mit der Regisseurin. Auf Hazlitt schreibt Soraya Roberts ausführlich über das Werk Sofia Coppolas.


Ein wertvolles Geschenk: Jean-Pierre Léaud in Albert Serras "Der Tod von Ludwig XIV"

Siechtum eines Sonnenkönigs - darum geht es in Albert Serras "Der Tod von Ludwig XIV", in dem der einstige Nouvelle-Vague-Star Jean-Pierre Léaud die in ihren letzten Zügen liegende Titelfigur spielt. Die Kritiker sind beeindruckt: Peter Nau freut sich in der taz über "ein sehr wertvolles Geschenk", der Regisseur plädiere hier für "die Wiederentdeckung des Unvergänglichen in der vergänglichen Zeit: des Seins in der Existenz." Dennis Vetter attestiert dem Film in der Jungle World eine "sezierende Rohheit." Serra, lobt Frédéric Jaeger auf Spon, interessiert weniger der Blick hinter die Kulissen als "die vielen kleinen Absurditäten des Alltags und die gehobene Augenbraue von Jean-Pierre Léaud".  Und Patrick Holzapfel von kino-zeit.de konstatiert: "Was bleibt in diesem Film ist die Präsenz, was stirbt ist die Repräsentation."

Der Regisseur befasse sich in seinen Filmen mit dem "Problem der Verkörperung", stellt Lukas Foerster im Perlentaucher fest. Um dokumentarisches Protokollieren geht es dabei gerade nicht: "Nicht das Geringste haben die Filme zu tun mit den derzeit geläufigen Rhetoriken der Authentizität, mit Handkamera-Unmittelbarkeit oder Low-Tech-Artefakten. Jedes Bild ist exakt als Bild ausgearbeitet, Kamerabewegungen sind auf ein Minimum reduziert, der Fokus liegt auf Gesichtern, die von der Kamera geduldig, fast bildhauerisch bearbeitet werden."

Besprochen werden außerdem die Komödie "Girls' Night Out" mit Scarlett Johansson, Kate McKinnon und Demi Moore (Standard), Helene Hegemanns "Axolotl Overkill" (taz, SZ, mehr dazu hier und hier), M. Night Shyamalans auf DVD veröffentlichter Horrorfilm "Split" (taz) und Sönke Wortmanns "Sommerfest" (Welt).
Archiv: Film