Efeu - Die Kulturrundschau

Der nackte weiße Wurm im Manierismus

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30.06.2017. Mit dem im Gropius-Bau ausgestellten "Prozess"-Manuskript von Franz Kafka würde Arno Widmann am liebsten eine ganze Nacht verbringen, bekennt er in der Berliner Zeitung. Die NDW-Pioniere Der Plan melden sich nach 25 Jahren Funkstille mit einem Plädoyer für Europa zurück, freut sich die taz. In Reiner Holzemers Filmporträt "Dries" lernen die Kritiker Dries van Noten als feinsinnigen Weltverwandler kennen. FAZ und Nachtkritik staunen über die kippenden Ebenen in Michael Laubs "Fassbinder, Faust and the Animists" im Berliner HAU.

Literatur


Hunde wollt ihr ewig leben? Franz Kafka bearbeitet sein "Prozess"-Manuskript (Bild: Berliner Festspiele/DLA-Marbach)

Der Martin-Gropius-Bau in Berlin stellt Kafkas Manuskript zu "Der Prozess" aus - ein Fest für Arno Widmann, der am liebsten 100 Euro ausgeben würde, um sich nachts ganz alleine über die Vitrinen beugen zu können. Die Ausstellung mache kenntlich, wie schnell und sicher Kafka gearbeitet habe, berichtet Widmann in der Berliner Zeitung. "Kafkas Stil, das ist hier überdeutlich, ist nicht das Ergebnis immer wieder neuer, immer feiner werdenden Schleifarbeiten. Er ist da. Einfach da. Die Korrekturen sind nicht wenige. ... Blickt man auf diese Blätter, so sieht man nicht den schüchternen, weltentrückt-träumerisch blickenden Kafka, sondern einen Souverän. Die 'Lust am Text' glaubt man ihm anzumerken an der Sicherheit, mit der er den ersten Text aufs Papier bringt. Die Korrekturen sind die eines Herrschers, der zu seinen Wörtern sagt: 'Hunde wollt ihr ewig leben!' und sie durchstreicht." Im Deutschlandfunk Kultur spricht Ute Welty mit Kafka-Biograf Reiner Stach über die Ausstellung.

Weiteres: Andrea Pollmeier berichtet in der FR von der Präsentation des "Jahrbuchs der Lyrik".

Besprochen werden Aras Örens "Wir neuen Europäe" (FR), neue Veröffentlichungen von J.M. Coetzee (NZZ) und Mary Millers "Big World" (ZeitOnline).
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Stichwörter: Franz Kafka, Der Prozess

Design


Szene aus Reiner Holzemers Film "Dries" (Bild: Prokino)

Reiner Holzemer
hat ein Filmporträt über den Modedesigner Dries van Noten gedreht - und das ist offenbar ziemlich sinnlich, ziemlich reich geraten. "Jeder Blick delektiert sich an feinsinnigen Details", schreibt Carmen Böker im ZeitMagazin. Und Brigitte Werneburg wundert sich in der taz darüber, "wie hässlich die Welt einem nach der Vorführung von 'Dries' erscheint. ... Wie andere Modemacher auch findet van Noten Inspiration in Kunst, Literatur, Musik, Popkultur und Film. Absolut fasziniert beobachtet man bei Holzemer, wie es Dries van Noten gelingt, seine Quellen dabei vollkommen zu verwandeln. Ein berühmtes Motiv wie Marilyn Monroe als Playboy-Centerfold druckt er so auf seine Männerhemden, dass man den nackten weißen Wurm im Manierismus des 17. und nicht der Popkultur des 20. Jahrhunderts verorten möchte." Für die Welt hat sich Katharina Dippold mit dem Regisseur unterhalten.
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Musik


Wieder da: Der Plan (Bild: Bureau B/Oliver Schultz-Berndt)

Die NDW-Pioniere Der Plan melden sich nach 25 Jahren Funkstille mit einem Plädoyer für Europa zurück, berichtet Steffen Greiner in der taz: "Unkapitulierbar" lautet der Titel des neuen Albums und steht energisch ein für die europäische Idee. Doch "wo sich der Titel kämpferisch gibt, ruht die Musik erstaunlicherweise in sich. Keine vorwärtstreibenden, quirlig-aufreibenden Hymnen wie früher sind da zu hören, sondern postironische, elektro-psychedelische Oden auf die Sonne und Reggae-Schleicher. Selbst wo es expliziter wird, im Agitprop-Song 'Grundrecht' etwa: Wut wäre auf diesem entspannt-engagierten Album fehl am Platz." Für Pinky Rose von ZeitOnline ist die Platte etwas zu behaglich: Es gibt "gemütlich ruckelnde Beats, Bossa-Rhythmen, entspannt schaukelnde Melodien und altersmilde Medienkritik" sowie am Ende gar der Eindruck eines "Revolutiönchens à la Helge Schneider". Hier ein aktuelles Video:



Weiteres: Luke Turner unterhält sich für The Quietus mit Algiers, deren neues Album im Standard besprochen wird. Für die NZZ berichtet Marco Frei vom Musikfestival in Aldeburgh, wo man sich wegen des anstehenden Brexit sorgt. Für das ZeitMagazin spricht Christoph Dallach mit Marc Almond, der kommende Woche sechzig Jahre alt wird. Welt-Kritiker Michael Pilz verneigt sich vor dem Virtuosentum der Metalband Mastodon. Das klingt dann zum Beispiel so:



Besprochen werden die jetzt erstmals veröffentlichten Aufnahmen des legendären Musikfestivals "Zaire 74" (NZZ), ein Klavieralbum von Hans Joachim Roedelius und Arnold Kasar (Spex), Laurel Halos "Dust" (The Quietus), ein Konzert der Stimmkünstlerin Kornelia Bruggmann (NZZ), das neue Mixtape des Rappers Young Thug (Jungle World), ein Konzert von The Cult (Standard), das neue Album von Lorde (FR), das Berliner Konzert der Avalanches (taz, Berliner Zeitung), der Auftritt des Sun Ra Arkestras im Festsaal Kreuzberg (Tagesspiegel), das neue Album der Drums (taz), und ein Konzert von Ellen Arkbro und Aki Onda (taz).
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Film

Frédéric Jaeger berichtet auf SpiegelOnline von seinen Sichtungen deutscher Filme auf dem Filmfest München. Im Tagesspiegel empfiehlt Christian Schröder eine dem tschechischen Regisseur Zbynek Brynych gewidmete Retrospektive in Berlin: "Brynych steht in der surrealen Tradition des tschechischen Kinos. Die Wirklichkeit seiner Filme gleicht oft einem Traum." Für ZeitCampus spricht Leonie Seifert mit der Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer, die in Helene Hegemanns Romanverfilmung "Axolotl Overkill" die Hauptrolle spielt.

Besprochen werden Jochen Hicks Dokumentarfilm "Mein wunderbares West-Berlin" über die queere Szene der Stadt (Tagesspiegel), Sofia Coppolas "Die Verführten" (FR, unsere Kritik hier), Albert Serras "Der Tod von Ludwig XIV" (Zeit, unsere Kritik hier), Sönke Wortmanns Ruhrpottfilm "Sommerfest" (FR, Tagesspiegel, FAZ), die Komödie "Girls Night Out" mit Scarlett Johansson (Tagesspiegel) und die Comicerfilmung "Wilson" mit Woody Harrelson (taz, Jungle World, Tagesspiegel).
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Kunst


Kasimir Malewitsch: "Schwarzes Quadrat", erstmals ausgestellt 1915 in der Tretjakow-Galerie Moskau, fotografiert vom Künstler

Im Zentrum Paul Klee und Kunstmuseum Bern zeichnet die Ausstellung "Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!" die Entwicklung der Avantgarden im 20. Jahrhundert nach. Hans-Joachim Müller nimmt die Schau in der Welt zum Anlass für einen sehr angeregten kunstgeschichtlichen Essay: "Kaum war das neue Jahrhundert angebrochen, da jagte eine künstlerische Revolution die andere. Und mit jeder sollte das dekadent Vorangegangene vollends erledigt sein. Die Ausdrucksgestik der Expressionisten. Die kubistische Gegenstandszerlegung. Die futuristische Huldigung an den technischen Fortschritt. Die Übersetzung des raumlos gewordenen Zeitgefühls in abstrakte Farbformen. Nie mehr war die Agenda der bildnerischen Neuerfindungen so dicht. Und dann zeigte Malewitsch auch noch sein 'Schwarzes Quadrat'. Vielleicht die Klimax im revolutionären Kunstbeginn des 20. Jahrhunderts. Das war 1915, als Lenin und seine Bolschewiki die Rückreise aus dem Schweizer Exil ja erst noch vor sich hatten."

Besprochen werden die Fotoausstellungen "State of Nature" von Claudius Schulze in der Freelens-Galerie Hamburg (taz) und "Message to the Future" von Danny Lyon im Fotomuseum Schweiz in Winterthur (NZZ).
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Bühne


Die Ebenen fallen ineinander: Michael Laubs "Fassbinder, Faust and the Animists" am Berliner HAU. Foto: Roger Rossell

Mit "Fassbinder, Faust and the Animists" hat Michael Laub im Berliner Theater Hebbel am Ufer Rainer Werner Fassbinders filmische Selbstreflexion "Warnung vor einer heiligen Nutte" für die Bühne adaptiert, wobei der Film selbst als Projektion Teil der Inszenierung ist, berichtet Sophie Diesselhorst in der Nachtkritik: "Nacheinander stellen sich die Filmfiguren vor und rattern gleich alles runter oder spielen kurze Szenenschnipsel nach - manchmal auch als Karaoke, während im Hintergrund der Originalfilm läuft. Oder es läuft auf der rechten Seite der Leinwand der Originalfilm, auf der linken die nachgestellte Szene mit Laubs Schauspieler*innen, und davor performen sie sie noch einmal live. Die Ebenen fallen ineinander und um wie Dominosteine."

"Beobachtung erster, zweiter und dritter Ordnungen" ergeben sich für Simon Strauss (FAZ) dabei: "Was einem im ersten Moment fast improvisiert vorkommt, ist in seiner Beiläufigkeit perfekt choreographiert und aufeinander abgestimmt. Die spielerischen Szenen geben den Stimmungswert vor, den der Tanz dann umwandelt... Laubs Fassbinder-Stück ist somit nie nur Kopie, sondern immer auch Aneignung. Ein Werkkommentar, der sich eigene Ableitungen erlaubt und von den Zwängen der Selbstreferenz befreit."

Weiteres: Vor dem Intendantenwechsel an der Berliner Volksbühne erinnern sich in der taz Ulrich Gutmair, Rolf Lautenschläger, René Hamann, Bert Schulz und Susanne Messmer sowie in der Welt Matthias Heine an prägende Ereignisse in der Ära Castorf. Für die NZZ unterhält sich Bernd Noack mit Bettina Hering, der neuen Schauspielchefin der Salzburger Festspiele. In der SZ berichtet Martin Krumbholz vom Impulse-Festival in Köln.

Besprochen werden die von Beate Baron inszenierte literarisch-musikalische Collage "Eine kleine Sehnsucht" an der Berliner Staatsoper (Tagesspiegel), Mark-Anthony Turnages Oper "Greek" und das Multimediaprojekt "catarsi" (SZ, BR, Deutschlandfunk, FAZ) und die Percussion-Performance "Stomp" in der Alten Oper Frankfurt (Frankfurter Neue Presse, FR)
Archiv: Bühne