Efeu - Die Kulturrundschau

Zwischendurch viel sinnloses Zeug

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28.06.2017. Der Guardian erinnert daran, wie Londons Kunstszene aussah, bevor Nicholas Serota das Tate-Imperium errichtete. Die SZ fragt, warum die Kuratoren so am unpolitischen Begriff des Südens hängen. Die NZZ bricht eine Lanze für den orgiastischen Neosurrealismus des Ersan Mondtag. Respekt ringt es ZeitOnline ab, wie sich Helene Hegemann mit ihrer Axolotl-Verfilmung aus der Umklammerung ihrer wohlmeinenden Kritiker gelöst hat.

Film


Von Ulist und Depression befreit: Jasna Fritzi Bauer in Helene Hegemanns "Axolotl Overkill". Constantin Film

Party-Veteran und Szene-Auskenner Jens Balzer verhehlt nicht, dass er weder an Helene Hegemanns Roman "Axolotl Roadkill" noch am damaligen Literaturkritiker-Hype um das Buch viel Gefallen fand. Hegemanns Eigenverfilmung ihres Romans findet er jetzt aber doch grandios. Woran liegt's? Die Regisseurin hat ihren Stoff "von jeglichen Formen der Selbstkasteiung und des schlechten Gewissens befreit, von den Auren der Unlust und des Depressiven, und damit auch von der Interpretierbarkeit als Generationenporträt. Hegemann hat ihr Buch gewissermaßen entrezipiert, aus der tödlichen Umklammerung durch die wohlmeinenden Kritiker gelöst", erklärt Balzer auf ZeitOnline. Den Schauspielerinnen und Schauspielern sieht er gerne dabei zu, "wie sie tanzen, sich lieben und sich beschimpfen und - ganz wichtig - zwischendurch viel sinnloses Zeug reden". Kurz: "Ein klassisch-strukturalistischer Nouvelle-Vague-Film mit glänzend selbstbezüglich agierenden Protagonisten." Der Film ist noch besser als das Buch, meint auch Hannah Lühmann in der Welt: "minimalistische, ultrasouveräne Großstadtpoetik".

Weiteres: Auf Dazed spricht Tilda Swinton über ihre Rolle in Bong Joon-Hos neuem Film "Okja", der diese Woche bei Netflix online geht. Für Deutschlandfunk Kultur hat sich Christine Watty auf der documenta mit dem Experimentalfilmregiseur Jonas Mekas getroffen.

Besprochen werden Sofia Coppolas "Die Verführten" (SZ) und Hans-Christian Schmids für die ARD entstandene Serie "Das Verschwinden", die beim Filmfest München präsentiert wurde (Welt).
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Kunst

In seiner dreißigjährigen Ägide hat Nicholas Serota die Tate Galleries zu einem Imperium der modernen und zeitgenössischen Kunst ausgebaut. In ihrer Hommage auf den scheidenden Museumsdirektor erinnert Charlotte Higgins im Guardian an die Trümmerlandschaft, die Londons Kunstszene in den siebziger Jahren war, als Serota seine Mission anging, die Briten für das Schräge und Abseitige zu gewinnen: "Die schillernden Gallerien, die Kunstmessen, die alle Rekorde brechenden Auktionen bei Christie's und Sotheby's, der Aufstieg der Superreichen aus allen Ecken der Welt -  all das war noch Jahrzehnte entfernt. Große Teile der Stadt waren noch immer beschädigt und gezeichnet von den Bomben des Blitzkriegs. Im Osten  Londons waren der Hafen und die Docks der Themse so verlassen, dass die Leute glaubten, es würde für immer so sein."

Mag sein, dass der Begriff der Dritten Welt überholt ist, aber kann ihn der vage geografische, eher sehnsüchtige als politische Begriff "Süden" ersetzen, fragt Thomas Steinfeld in der SZ: "Überhaupt hält, wie schon bei den vorhergegangenen Biennalen, die Figur des Flüchtlings viele der diversen Anliegen zusammen. Fragt man jedoch einmal genauer, was denn in dieser oder jener Gegend und mit diesen oder jenen Menschen geschehen soll, nachdem die Kunst für sie gesprochen hat, stößt man kaum auf konkrete Forderungen, geschweige denn auf theoretische Einsichten, gar eine Erklärung der Ereignisse, die eine Landschaft so verwandelten, dass man sie in großen Scharen verlassen muss."

Weiteres: In Bonn wurden bereits vor der großen für Herbst angekündigten Schau erste Bilder aus dem Gurlitt-Fund gezeigt, berichtet Jörg Häntzschel in der SZ. Auch die New York Times war da.
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Musik

"Ist das jetzt das dandyistische Raffinement des Einfachen oder die Simplifizierung hochkultureller Komplexität", fragt sich Thomas Hübener von der Spex beim Besuch des Konzerts der Pet Shop Boys in Hannover. "Jedenfalls ist die Verbindung von highbrow und dance culture, verweisungsreichem intellektuellen Anspruch und Dancefloor-Volksnähe bei keinem anderen Popduo der Welt so zwanglos und charmant geknüpft wie bei den beiden Briten."

Weiteres: Im Tagesspiegel schreibt Frederik Hanssen über Vladimir Jurowskis Pläne für das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Für die taz trifft sich Andreas Hartmann Matthias Gordon, der von einem Kreuzberger Hinterhof aus jährlich tausende 2nd-Hand-Vinylplatten in alle Welt verkauft. Für NPR porträtiert Simon Reynolds das nordbritische Weirdpop-Duo Let's Eat Grandma.

Besprochen werden die von Tocotronic zusammengestellte Compilation "Coming Home" (taz), eine Zusammenstellung von 1967 in Hamburg entstandenen Aufnahmen der Monks (Pitchfork), Robbie Williams' Auftritt in Dresden (SZ), das Debüt von Sophia Kennedy (FR), ein Konzert der Bläserserenaden Zürich (NZZ), ein Konzert der Münchner Philharmoniker unter Krzysztof Urbański (SZ) und ein neues Soloalbum von Dan Auerbach, dem Karl Fluch vom Standard ansehnliche Sommeralbenqualitäten zuspricht: "Sonnenschein und Sprudelwein. 'Uuh, uuh! Ooh, ooh!', singt Auerbach dazu. Herrlich." Dazu ein Video:

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Architektur

Auf der neuen sonnendurchfluteten Piazza vor Londons Victoria and Albert Museum kommt sich Guardian-Kritiker Oliver Wainwright ein wenig vor wie in Marbella. In der NZZ weiß Corinne Elsesser die Architekturführer von DOM Publishers zu schätzen, die auf abseitigen Wegen nach Venedig, Astana oder auch Pjöngjang führen.
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Literatur

Für den Freitag plaudert Linus Volkmann mit Stephan Katz vom Comicduo Katz & Goldt.

Besprochen werden Christoph Heins "Trutz" (taz), James Gordon Farrells "Singapur im Würgegriff" (Tagesspiegel), Michael Köhlmeiers Gedichtband "Ein Vorbild für die Tiere" (NZZ), Birk Meinhardts "Brüder und Schwestern" (FAZ), Jeanette Erazo Heufelders Biografie über Felix Weil (Standard) und Frank Schäfers Nacherzählung des Lebens von Henry David Thoreau (SZ). Der Bayerische Rundfunk lässt dazu passend aus Thoreaus Werk lesen.

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Bühne


Beate Zschäpe gebiert ein krankes Hirn: Ersan Mondtags "Erbe" bei den Münchner Kammerspielen. Foto: Armin Smailovic

Ersan Mondtags
NSU-Stück "Das Erbe" ist bei den meisten Journalisten auf wenig Gegenliebe gestoßen, in der NZZ kann aber Kritikerin Daniele Muscionico dem orgiastischen Neosurrealismus des Kunstgrenzgänger durchaus etwas abgewinnen. Ihr haben sich die Bilder der Tina Keserovic, die in der Rolle der Beate Zschäpe auf der Bühne das Böse gebärt, tief eingeprägt. Und noch etwas: "Die Definition von Gut und Böse verschwimmt in unserem Alltag leicht. Dieses Dilemma ist der Urgrund von Mondtags Sicht. Der NSU-Prozess erweist sich im Gerichtssaal als Kapitulation des deutschen Rechtsstaates vor dem Begriff Schuld."

Im Standard huldigt Helmut Ploebst der Choreografin Meg Stuart, die beim Festival Sommerszene Salzburg mit dem Stück "Built to Last" gastiert: "Immer wieder baut Meg Stuart den Beklommenen dieser Welt neue Bühnenzellen, der grassierenden Paranoia neue Nischen, der Depression neue Dunkelräume. Und das mit einem eher bodenlosen als bloß abgründigen Humor."

Weiteres: Kaum zu ertragen fände Udo Badelt im Tagesspiegel, wenn nach dem OST-Schriftzug auch noch das Räuberrad der Volksbühne demontiert würde: "Noch unerträglicher allerdings wäre sein Stehenbleiben." Regine Müller berichtet in der taz vom Impulse-Festival in Köln, Düsseldorf und Mühlheim, bei dem sich kaum noch Grenzen zwischen Konzert, Schauspiel, Installation, Lecture und Diskussion erkennen lassen konnten.
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