Efeu - Die Kulturrundschau

Die Grazie dieses Denkens

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27.06.2017. Die SZ überquert mit Frank Bowling den schwarzen Atlantik und entdeckt im Haus der Kunst einen ganz neuen Kontinent. Die NZZ besucht die Gärten der Kunst-Triennale in Aarhus. New Filmkritik bewundert die bösen Lichteffekte im Heimatfilm "Heiße Ernte" von 1956. Im Tagesspiegel plädiert Helene Hegemann gegen zu viel Klarheit: "Man darf auch mal was nicht verstehen." Außerdem gelingt dem Tagesspiegel die große Versöhnung von Volksbühne und Stadtschloss.

Kunst


Frank Bowling: Middle Passage, 1970. Hales Gallery.

Etwas wirklich Neues hat Barbara Knopf vom Bayerischen Rundfunk in der Ausstellung "Mappa Mundi" erkundet, die das Münchner Haus der Kunst dem dem heute 83-jährigen Maler Frank Bowling widmet: "Seine map paintings leuchten in gelb, orange, blau, grün, rosa, lila; unter diesen lodernden Lasuren werden die Umrisse von Kontinenten sichtbar: Afrika, Südamerika, auch Australien, mal hell umwölkt, mal blutrot umrandet. Darüber ist in vielen dünnen Schichten Acrylfarbe aufgetragen. Manchmal glaubt man im dunkelsten Dunkelblau noch Verläufe zu erkennen als sähe man aus großer Höhe auf die Linien unterirdischer tektonischer Platten. Driftende Kontinente in abstrakten Farbpanoramen. Nicht der ausbeuterische Blick eines Eroberers spiegelt sich in diesen map paintings. Diese Welt scheint Grenzenlosigkeit einzufordern."

Auch für SZ-Kritikerin Catrin Lorch ist das besondere an dem Künstler aus British-Guyana, dass er den Blick über den Atlantik spannt: "Im Gegensatz zu 'radikalen schwarzen Kulturnationalisten, die eine explizite Identifikation hinsichtlich Inhalt, Emotionalität, Ästhetik und Ideologie propagierten', konstatiert Enwezor, habe Bowling sich 'Guyana und Südamerika und den schwarzen Atlantik zu eigen gemacht'. Dass Frank Bowling den universalen Anspruch dabei so leuchtend und sanft ausklingen lässt, dass man auch an die Seerosenbilder von Monet denkt, an die Feuchtigkeit der Meerbilder von Turner oder die sprühend gespachtelten Licht- und Regenlandschaften Constables, das macht die besondere Grazie dieses Denkens."

Susanna Koeberle berichtet in der NZZ aus dem dänischen Aarhus, dessen neu initiierte Kunst-Triennale sich mit dem Garten und unserem Bild von Natur befasst: "Gemäß diesem Bild hat Natur eben auch grün zu sein und nicht leuchtend pink und weiß wie bei der 4000 Quadratmeter großen gesprayten Farbinstallation, die Katharina Grosse auf einer Wiese bei der Küste schuf... Dass Natur nämlich nicht mit Idylle gleichzusetzen ist, zeigt auch die eindrückliche Arbeit von Ismar Cirkinagic (lebt und arbeitet in Kopenhagen). Für 'Herbarium' sammelte er verschiedene Pflanzen, die auf Massengräbern in Bosnien-Herzegowina wuchsen."

Weiteres: So bescheiden wie souverän findet Gina Thomas in der FAZ den indigoblauen Serpentine-Sommerpavillon des Architekten Francis Kéré in London (mehr hier).

Besprochen wird die Ausstellung "Die Erfindung der Pressefotografie", in der das Deutsche Historische Museum Bilder aus der Sammlung Ullstein präsentiert (Berliner Zeitung, Welt).
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Bühne

Von der Volksbühne ist der OST-Schriftzug abmontiert, das Räuberrad wird folgen. Im Tagesspiegel ätzt Rüdiger Schaper über Berlins Kleingeistigkeit: "Die Stadt hat die Teilung überwunden, um in kleinere Einheiten zu zerfallen, die einander misstrauen und die Symbole bestreiten. Ist ein Kreuz auf der Kuppel des Humboldt Forums das geeignete Zeichen für ein Haus der Weltkulturen? Doch nicht. Aber es kommt aufs Dach. So wie das lustige Denkmal der Einheit gebaut wird, die Wippe. Im Grunde liebt Berlin diesen Kitsch. Sich in Erinnerungen wiegen, in Debatten hochschaukeln. Nächste Spielzeit: Kreuz auf die Volksbühne, 'OST' aufs Schloss."



Die beiden jüngsten Inszenierungen an den Münchner Kammerspiele lassen Sabine Leucht in der taz sehr klar die Unterschiede zwischen den Regisseuren Ersan Mondtag und Christoph Marthaler vor Augen treten: "Während Mondtags Projekt einen schrägen Abgesang auf den Menschen anstimmt, hält Marthaler sanft die Sehnsucht nach ihm wach: Mag er auch noch so unzulänglich sein." In der FR schreibt Erik K. Franzen über die beiden Stücke.

Besprochen werden David Aldens Inszenierung von Catalanis Oper "Loreley" als Riesenspektakel bei den Festspielen St. Gallen (NZZ), Aribert Reimanns "Gespenstersonate" an der Berliner Staatsoper (Tagesspiegel), Senecas "Thyestes" als Auftakt des Welt-Theater-Festival Art Carnuntum (Standard), Peter Brooks "Battlefield" bei den Wiener Festwochen (Welt) und Mikhail Baryshnikovs Choreografie zu Gedichten von Joseph Brodsky unter der Regie von Alvis Hermanis (FAZ).
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Literatur

Im Tagesspiegel erinnert sich der russische Dichter Valery Schubinsky an die Geschichte der spätsowjetischen Literatur, die sich aufteilte in eine offizielle Betriebsliteratur und eine widerständige "zweite Kultur" mit einer klandestinen Infrastruktur. "Diese 'zweite Kultur' wusste von sich nicht, dass sie in Wirklichkeit die erste war und die Texte schuf, die in Zukunft am wichtigsten sein würden." Im Berliner Literaturhaus wird Schubinsky heute Abend über dieses Thema diskutieren.

Weiteres: Beim Berliner Poesiefestival diskutierte man unter anderem über das Verhältnis zwischen Poesie und Propaganda, berichtet Ulrike Baureithel im Tagesspiegel. Die Literarische Welt hat Stefanie Bolzens Porträt von Hilary Mantel aus der Ausgabe vom vergangenen Samstag online nachgereicht. Gregor Dotzauer bereist für den Tagesspiegel schon mal vorsorglich Georgien, das 2018 Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird. Lena Fiedler (ZeitOnline) und Sylvia Staude (FR) erinnern an die Veröffentlichung des ersten "Harry Potter"-Romans vor 20 Jahren.

Besprochen werden Michael Fehrs "Glanz und Schatten" (Tagesspiegel), Rachel Cusks "Transit" (Berliner Zeitung), ein Band mit den gesammelten Gedichten von Dorothy Parker (FAZ) und die Wiederveröffentlichung von Richard Adams Lockes "Neueste Berichte vom Cap der Guten Hoffnung über Sir John Herschel's höchst merkwürdige astronomische Entdeckungen, den Mond und seine Bewohner betreffend" (NZZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.

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Musik

Cord Riechelmann war für die taz bei der von Mark Terkessidis und Jochen Kühling konzipierten Konferenz "Ein Traum von Weltmusik" im HAU Berlin. Technokünstler Wolfgang Voigt sinniert auf The Quietus über seine früheren Projekte. Streamingdienste senken ihre Lautstärke, um die Dynamik beim Hören zu verbessern, meldet Bernd Graff in der SZ. Bei den Schostakowitschtagen in Gohrisch kamen bislang unbekannte Werke von Schostakowitsch und Mieczysław Weinberg zur Aufführung, berichtet Michael Stallknecht in der SZ. Gerald Felber hat für die FAZ die Musikfestspiele in Potsdam-Sanssouci besucht.

Besprochen werden die erstmalige Veröffentlichung von Theolonious Monks Aufnahmen für den Soundtrack von Roger Vadims "Les Liaisons Dangereuses" (SZ), Laurel Halos "Dust" (taz) und ein Dokumentarfilm über Whitney Houston (NZZ).
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Stichwörter: Streamingdienste

Film




Verständnislos: Szene aus Helene Hegemanns "Axolotl Overkill"

Für den Tagesspiegel plaudert Nadine Lange mit Helene Hegemann, die ihren Roman "Axolotl Roadkill" unter dem Titel "Axolotl Overkill" einfach kurzerhand selbst verfilmt hat. Während das deutsche Kino oft zum betulichen Auserzählen neigt, geht Hegemann gerade den umgekehrten Weg, erzählt sie: "Einige Szenen sind rausgeflogen, die das Ganze weniger verwirrend gemacht hätten. Genau deshalb mussten sie dann auch raus. Szenen, die nur dazu da sind, die Zusammenhänge zu erklären, hätten das Filmerlebnis geschmälert. ... Man darf auch mal was nicht verstehen, das ist ja auch im eigenen Leben auch oft so."

Weiteres: Auf New Filmkritik erinnert der Filmhistoriker Werner Sudendorf an Hans H. Königs außergewöhnlichen Heimatfilm "Heiße Ernte" von 1956: "Kameramann Kurt Hasse umgibt Helmut Schmid mit Lichteffekten als ob dieser das Böse permanent ausschwitzen würde." Mehr zu dem Film hier. Im Blog Jugend ohne Film berichtet Rainer Kienböck von seinen ersten Entdeckungen beim filmhistorischen Festival in Bologna.

Besprochen werden Sofia Coppolas "Die Verführten" (Spex, ZeitOnline), Fernando Muracas aus Frauenperspektive erzählter Mafiathriller "Das Land der Heiligen" (SZ), die Ausstellung "Mômes & Cie" über Kinder im Kino in der Cinémathèque in Paris (Standard) und Asli Özarslans Dokumentarfilm "Dil Leyla" über die Deutsche Leyla Imret, die im kurdischen Cizre Bürgermeisterin wird und dann spurlos verschwunden ist (Welt).
Archiv: Film