Efeu - Die Kulturrundschau

Auseinandersetzung in Zeitlupe

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09.06.2017. In der Zeit verbittet sich der Sänger Cornelius Hauptmann die Instrumentalisierung der Elbphilharmonie für Protest gegen den G20-Gipfel. Die nachtkritik amüsiert sich beim Bregenzer Frühling mit dem Stück "Ich glaube" des aktionstheater ensembles. Welt und FAZ kehren schwer enttäuscht von der Documenta aus Kassel zurück. Und das Zeit Magazin wünscht deutschen Jugendlichen einen Politiker in Turnschuhen.

Musik

Der Sänger Cornelius Hauptmann wehrt sich in einem Gastbeitrag auf ZeitOnline gegen eine Indienstnahme der Elbphilharmonie für den Protest gegen den Hamburger G20-Gipfel. Die Elbphilharmonie solle Haltung zeigen gegenüber den G20-Mächtigen, hatte zuvor der Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen der Evangelischen Kirche in der Beilage "Christ und Welt" der Zeit gefordert. Hauptmann sieht demgegenüber den Gipfel als "Aushängeschild" unter anderem "für die Offenheit unserer Gesellschaft und für unseren Kulturreichtum. Und natürlich für die künstlerische Qualität unserer Musiker. Diese Gelegenheit sollten wir wahrnehmen, um der Welt, die bei diesem Gipfel nach Hamburg blickt, zu zeigen: Wir schaffen es, Hochkultur zu bieten, ohne liebedienerisch oder affirmativ der Politik gegenüber aufzutreten. Wir sind selbstbewusst. Wir spielen nicht, weil die Staats- und Regierungschefs da sind; die Staatschefs sind an diesem Abend in der Elbphilharmonie, um die Musiker zu hören."

Standard-Kritiker Karl Fluch schlafen beim Anhören von Roger Waters' neuem, von wütenden Politismen durchsetztem Soloalbum "Is This The Life We Really Want?" sichtlich die Füße ein. Schon bei Waters' alter Band Pink Floyd nervte Fluch das Spiel ins "Komatöse. Oft wusste man nicht, behandeln Pink Floyd das Thema der geschundenen Kreatur noch oder sind sie schon dafür verantwortlich. Auf 'Is This The Life We Really Want?' geht der 73-Jährige nun also in den Infight mit Trump. Man darf sich das als Auseinandersetzung in Zeitlupe vorstellen. Positiv gestimmt lässt sich das als Atmosphäre bezeichnen, doch Waters' Zorn wird von dieser Trägheit unfreiwillig karikiert."

Weiteres: Die hitzige Debatte um Streamingdienste legt sich langsam, beobachtet Nadine Lange im Tagesspiegel. Christine Lemke-Matwey spricht in der Zeit mit Bundestagspräsident Norbert Lammert, der nebenbei ein Libretto für den Komponisten Stefan Heucke verfasst hat. Berthold Siegler erinnert in der FAZ an das von Musikern selbst organisierte Hippie-Festival in Monterey von 1967, dessen Veranstalter "die ganze Bandbreite der Popkultur ihrer Zeit abbilden wollten".

Besprochen werden neue Elektro-Alben aus Köln von GAS, Superpitcher und Michael Mayer (taz), Nick Broomsfields und Rudi Dolezals Doku "Can I Be Me" über Whitney Houston (Tagesspiegel), ein Auftritt von Guns n' Roses (NZZ, Tages-Anzeiger), Perera Elsewheres Album "All of this" (taz), ein Liederabend mit Camilla Nylund (FR) und das neue Album von Mike Hadreas (SZ).
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Bühne

"Das muss schief gehen", befürchtet Petra Nachbaur in der nachtkritik angesichts der wilden Mischung, die das aktionstheater ensemble mit dem Stück "Ich glaube" beim Bregenzer Frühling präsentiert: Fakten und Anekdoten aus Theorie und Praxis verschiedener Konfessionen, unterbrochen von Varieté-Einlagen und Abschweifungen in so "banal-exotische Angelegenheiten wie Analbleaching oder Schönheitsoperationen im Zahnfleischbereich". Doch es geht nicht schief, stellt Nachbaur ziemlich mitgerissen fest: "Salve steht hier aber nicht nur für den Gruß der Himmelskönigin, sondern auch für das konzertierte Abfeuern von Schusswaffen: Zum ballernden Sound (Kristian Musser) fetzen Kirill Goncharov und Jean Philipp Viol in wilden Arpeggien und höchsten Lagen über die Saiten und Griffbretter von Violine und Viola... Den Ton trifft Arrangeur Kristian Musser nicht zuletzt durch ganz leichte Verfremdungen der Schlager und Schnulzen mit den beiden anti-schwelgerischen Streichern. So gelangen unmögliche Lieder zu verblüffender Wirkung." Weitere Besprechungen im Standard und der Tiroler Tageszeitung.

In der NZZ bietet Beatrice Eichmann-Leutenegger einen Überblick über die lebhafte Theaterszene in Bern. Besprochen werden das Tanzstück "ur.kunft" der Butoh-Tänzerin Yuko Kaseki im Berliner Theater Thikwa (taz) und Oliver Frljićs Skandalinszenierung "Der Fluch", die am Berliner Gorki-Theater gastiert (SZ).
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Film

Sehr ausführlich befasst sich Jenni Zylka in der taz mit dem halbstündigen, am kommenden Samstag in Hamburg gezeigten Essayfilm "Da muss es ja ein was weiß ich was Gutes geben". Darin umkreist der Filmemacher Florian Dedek ein maßgebliches Ereignis seiner Biografie: Als er zwei Jahre alt war, wurden seine mit der RAF sympathisierenden Eltern verhaftet und nach einem langwierigen Prozess auch verurteilt - für ein Verbrechen, das sie allerdings nie begangen haben, und wegen Falschaussagen eines Polizeibeamten. In der Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie sei ein "spezieller, atmosphärisch dichter und enorm persönlicher Hybrid aus Kunst- und Dokumentarfilm" entstanden, schreibt Zylka. "Wut spürt man in diesem erstaunlichen filmischen Werk über eine Ungerechtigkeit im Rechtsstaat, die eine Familie zerrissen und einen Jungen von seinen Wurzeln gekappt hat, tatsächlich kaum. Er frage sich selbst, erzählt der Regisseur, ob er denn nicht eigentlich wütend sein müsste auf den Staat, auf die Eltern, warum das nicht so ist. 'Aus diesem Nichtwütendsein, aus dieser Fehlstelle heraus hab ich meine Fragen gezogen.'" Bereits im vergangenen Jahr gab es auch ein Radiofeature über diese Geschichte - beim SWR kann man es noch nachhören.

Weiteres: Für den Standard unterhält sich Michael Pekler mit Arman Riahi über dessen Komödie "Die Migrantigen". Geri Krebs spricht in der NZZ mit Jean-Stéphane Bron über dessen Dokumentarfilm "L'Opéra de Paris".

Besprochen werden Julian Radlmaiers "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" (FR, unsere Kritik hier), Kleber Mendonça Filhos "Aquarius" ("Wenige Filmemacher vermögen mit vergleichbarem Nuancenreichtum vom Miteinander der Generationen zu erzählen", schreibt Dominik Kamalzadeh im Standard), Martin Provosts "Ein Kuss von Beatrice" mit Catherine Deneuve (Tagesspiegel, Welt, unsere Kritik hier) und das Remake von "Die Mumie" mit Tom Cruise (Welt, unsere Kritik hier).
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Archiv: Film

Literatur

Gestern wurde in Hildesheim das Prosanova-Festival für junge Literatur eröffnet, das noch bis zum 11. Juni dauert. Lena Vöcklinghaus und Florian Kessler haben dennoch schon das gesamte Festival erlebt und bieten im Merkur-Blog einen vorgereichten Rückblick. Wie also wird das Fazit gewesen sein? "Es war mal richtig doof und mal sehr klug, in all den politischen Slogans und Behauptungen oft echt dumpf und nervig und dafür aber manchmal auch endlich einmal wirklich polarisierend, bisweilen etwas inhaltsleer und dann doch immer wieder reine zuckende literarische Gegenwart voller Texte und Gedanken und Ideen. Kann man Festivals weniger krude machen? Ja! Sollte man. Nein, nein, nein!"

Besprochen werden Ilija Trojanows "Nach der Flucht" (Tell), Tomas Espedals "Biografie. Tagebuch. Briefe" (NZZ), Juliana Kálnays "Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens" (Tagesspiegel), Bandis "Denunziation - Erzählungen aus Nordkorea" (NZZ), Lesley M. M. Blumes "Und alle benehmen sich daneben. Wie Hemingway seine Legende erschuf" (Tagesspiegel) und Peter Schneiders "Club der Unentwegten" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Kunst

"Ist die zeitgenössische Kunst vielleicht am Ende? Gehen ihr die Mittel aus?", fragt sich Swantje Karich nach dem Besuch der Documenta 14 in Kassel in einem ziemlich niederschmetternden Fazit in der Welt: "Das Drama dieser Documenta ist, dass sie diesen Eindruck stützt, obwohl sie das Gegenteil erreichen wollte. Die gezeigte Kunst ist visuell und inhaltlich extrem schwach, vollzieht keinerlei Abstraktionsleistung, die Kunst sonst über nationale und geistige Grenzen hinweg wirken lässt, lokale von internationaler Kunst unterscheidet... Die Documenta sperrt die Kunst, die Künstler in ein moralinsaures Gedankengefängnis."

Ein "tiefsitzendes Unbehagen an der Kunst" attestiert Kolja Reichert in der FAZ der Documenta: "Dieses Unbehagen zeigt sich in der deutlichen Abkehr von am Markt erfolgreichen Positionen. Und in der Hinwendung zu Werken aus nichtmodernen Traditionen... Man kann sich des Eindrucks schwer erwehren, dass ein überbesetztes Kuratorenteam zweitklassige Werke aus möglichst weiter Entfernung benutzt, um ihr Desinteresse am Status quo der Kunst zu demonstrieren."

Besprochen werden eine Werkschau des im vergangenen Jahr verstorbenen Bildhauers Joannis Avramidis im Wiener Leopold Museum (Kurier) und eine Ausstellung mit Werken von Maria Lassnig in der Municipal Gallery of Athens (NZZ).
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Stichwörter: Documenta 14

Design

Im ZeitMagazin führt Christoph Amend im Schnelldurchlauf durch die Geschichte der Mode deutscher Politiker - von Joschka Fischers berühmtem Auftritt in Nikes bis zu Merkel heute. Politiker wie Helmut Kohl und Gerhard Schröder haben mit ihrem Modestil noch Marken gesetzt, sagt er. Allerdings sei Mode in diesem Zusammenhang oft auch nur ein "platter Gag" - siehe die "18" damals auf Guido Westerwelles Sohlen. "Heute regiert wieder das Prinzip Unauffälligkeit - bei deutschen Politikerinnen wie bei Politikern, wenn man von Claudia Roth absieht. Das muss nichts Schlechtes bedeuten, aber manchmal wünsche ich für die 11-Jährigen von heute, dass auch sie einen Moment mit der deutschen Politik erleben wie ich damals, als ich das Foto von Joschka Fischer in den Nikes sah."
Archiv: Design
Stichwörter: Mode, Helmut Kohl