Efeu - Die Kulturrundschau

Höllengejauchz und Schandgetriller

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10.06.2017. Ziemlich uneins sind sich die Kritiker nach dem ersten Tag der Documenta 14 in Kassel: Einen tief traurigen Bußgang erlebt der Tagesspiegel, die SZ entdeckt, wie Realismus im 21. Jahrhundert funktioniert und die NZZ lernt: Der Kurator ist Gott. FAZ und Nachtkritik schauen mit dem Belarus Free Theatre in die Unterwelt des Putin-Regimes. Auf Zeitonline erinnert sich Castorf-Biograf Robin Detje an schockierende Exzesse an der Volksbühne. Und in der FAZ verfällt Sibylle Lewitscharoff schließlich doch noch dem wollüstigen Ächzen des Teufels in Thomas Manns "Doktor Faustus".

Kunst


Marta Minujín, The Parthenon of Books, 2017, Stahl, Bücher, Kunststoffolie, Friedrichsplatz, Kassel, documenta 14, Foto: Roman März


So viel Gesellschaftskritik und doch so wenige starke Bilder, stöhnt Nicola Kuhn im Tagesspiegel, nachdem sie auf der Documenta 14 einen "Bußgang" nach dem anderen hingelegt hat: "Hier herrscht tiefste Traurigkeit. Die Documenta 14 nimmt sich die Schlechtigkeit der Welt zu Herzen, ob in Vergangenheit oder Gegenwart: Holocaust und Hungersnot 1943/44 in Bengalen, die Armut allgemein, Sklaverei, postkoloniale Ungerechtigkeit. Thema für Thema, Raum für Raum wird abgearbeitet, was auf der Liste der Untaten des Westens steht, insbesondere der Deutschen. Selten wurde die Kunst so massiv als kollektiver Vorwurf inszeniert."

"Wirklich kein Must", meint auch Brigitte Werneburg in der taz: "Es ist schon bestürzend, zu sehen, wie Adam Szymczyk und sein achtköpfiges Kuratorenteam gute, interessante und manchmal einfach den Umständen geschuldete, besondere künstlerische Arbeiten an ihre ebenso hochtrabenden wie floskelhaften Zielvorgaben verraten, damit 'eine ganz andere politische und poetische Landkarte Europas entsteht als jene, die wir von der Europäischen Union kennen'".

"Der Kurator ist Gott", lernt NZZ-Kritiker Philipp Meier in Kassel, denn: "Er stellt die Kunst unter eine These - unter seine These. Und jedes Mal, alle fünf Jahre, ist es wieder eine andere. Gleich bleibt sich nur, dass der Kurator, dieses Mal Adam Szymczyk, der Entscheidende und damit das Entscheidende ist - und nicht die Kunst. Er ist der Demiurg, der Schöpfergott - und somit der eigentliche Künstler. Seine Documenta ist eine riesige Installation, ein Gesamtkunstwerk. Die Künstler sind sein Personal, das die Exponate fabriziert, mit denen er seine Show bestückt." Und was nicht unter die These passen will, wird eben passend gemacht, meint Meier.


Wang Bing, Tie Xi Qu: West of the Tracks (2003), Digitalvideo, Farbe, Einkanal-Ton, 554 min

SZ
-Kritikerin Catrin Lorch entdeckt in Kassel hingegen einen "neuen Realismus für das 21. Jahrhundert", etwa in den Arbeiten des chinesischen Dokumentarfilmers Wang Bing, "die den Alltag in einer chinesischen Textilfabrik in Echtzeit verfolgen oder über Stunden das Sterben von 'Mrs Fang' begleiten. Selten hat man sich weiter entfernt gefühlt von den kurzen, kleinen Clips, mit denen Smartphone-Industrie und Internet-Seiten die Wirklichkeit darstellen. Dokumentationen sind zum eigenen Genre der Kunst geworden. Die bewegten Breitwandbilder haben die großflächige Leinwand der Historienmalerei abgelöst."

Und in der FR fühlt sich Ingeborg Ruthe zur Selbsterkenntnis herausgefordert: "Bei der Distanzierung von den klassischen Kunst-Idealen hat diese Großschau eine weitere Stufe des Konzeptuell-Komplexen erklommen. Simple Bilderlust und Augenschmaus sind passé. Es wird kategorisch aufgeklärt über den bedenklichen, gefährlichen Zustand der Welt." Für das art-magazin haben Ralf Schlüter, Till Briegleb, Tim Sommer und Ute Thon erste Eindrücke von der Documenta gesammelt.

Aus sieben Galgen hat der amerikanische Konzeptkünstler Sam Durant eine Holzskulptur komponiert, die auf die rassistischen Dimensionen der amerikanischen Justiz aufmerksam machen soll, berichtet Andrea Köhler in der NZZ. Die Installation, die aktuell auf dem Boden von Dakota-Indianern steht, deren Vorfahren Opfer der größten öffentlichen Massenhinrichtung in der amerikanischen Geschichte wurden, soll nun wegen ihrer "potentiell traumarisierenden Wirkung" in einer rituellen Zeremonie verbrannt werden. Köhler fragt: "Soll in Zukunft wirklich der ganze Prozess - Schaffung des Kunstwerks, Protest, Mediation und Zerstörung - 'Vorbild einer sozial engagierten künstlerischen Praxis sein', wie die Schriftstellerin Arouna D'Souza vorschlägt? Ginge es nicht vielmehr darum, zu konzedieren, dass - allen gutgemeinten Intentionen zum Trotz - kein Kunstwerk in einem Vakuum existiert? Anders gesagt: dass der Ort einer Installation im Raum von diesem selbst nicht zu trennen ist?"

Weiteres: Angetan berichtet Rose-Marie Gropp in der FAZ von den Skulptur Projekten in Münster: "Die Skulptur Projekte Münster sind, schon allein von ihren Dimensionen her, die am ehesten menschlichem Maß gemäße Superkunstschau dieses Sommers. Und sie sind sehr wahrscheinlich die nachhaltigste - nicht nur wegen der Änkäufe durch die Stadt. Der Zehnjahresrhythmus macht einen Zeitschnitt möglich, Entschleunigung ist da nicht Schlagwort, sondern angewandte Technik." Für das monopol-magazin hat sich Silke Hohmann mit der Kuratorin Britta Peters über ihr Konzept, den Standort Marl und die Aufgabe von Kunst im öffentlichen Raum unterhalten. In der Berliner Zeitung spricht die Künstlerin Ayse Erkmen über ihren Unterwasser-Steg bei den Skulptur Projekten, die aktuelle Lage in der Türkei und die anstehende Istanbul-Biennale.

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Literatur

Im literarischen Wochenend-Essay der FAZ berichtet Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff davon, wie es ihr geglückt ist, zum ihr viele Jahre kaum zugänglichen "Doktor Faustus" von Thomas Mann doch noch ein gutes Verhältnis zu entwickeln. Nicht zuletzt der Auftritt des Teufels - den sie in jungen Jahren stets recht schmonzettig fand - hat es ihr bei der altersweisen (oder altersmilden?) Neu-Lektüre angetan: "Der eishauchumwehte Kerl verkündet alsbald, auch im Reich der Hölle (...) habe man eine besondere Beziehung zum Klang. Er versteht sich auf das Geschäft, den Komponisten zu ködern. Wert wird auf infamen Schall gelegt: Ein abgedichteter Keller, tief unter Gottes Gehör, wie es heißt, ist erfüllt von Gilfen und Girren, Heulen, Stöhnen, Brüllen, Gurgeln, Kreischen, Zetern, Griesgramen, Betteln und Folterjubel. Gleichzeitig ist von Höllengejauchz und Schandgetriller die Rede und vom ungeheuren Ächzen der Wollust. Lodernde Schmerzen und lodernde Freuden gehören zur Hölle. Zahnwehhaft zugespitzt, schmerzstechend laut ist es dort. Bisweilen sind die Stimmen ins Gurgelnde herabgedimmt."

In Hildesheim findet heute und morgen noch das Prosanova-Festival für Nachwuchsliteratur statt, von dem Sascha Ehlert in der Literarischen Welt eine erste Zwischenbilanz liefert. Ein bisschen umhäkelt und umpäppelt findet er die Veranstaltung, auch wenn ihm insbesondere der Auftritt von Maren Kames ziemlich gut gefallen hat. Dennoch überwiegt die Skepsis: Denn "die inhaltliche Setzung wirkt weiterhin zu mutlos und unnötig insiderisch bis verkopft. Wo soll die große, laute, wütende, böse Literatur entstehen, die unsere Gegenwart auch mal nachhaltig kritisiert, wenn die talentiertesten Nachwuchsautorinnen und -autoren bei ihrem großen Jahrestreffen nur über öde-abstrakte Begriffe wie Material und Prozesse reden?"

Weiteres: Susanne Messmer stellt in der taz den jungen, bibliophil ambitionierten Verlag Das kulturelle Gedächtnis vor. Deutschlandfunk Kultur holt ein Schulklassengespräch mit Uwe Johnson aus dem Jahr 1964 aus dem Archiv. Tobias Schwartz erinnert in der taz an den portugiesischen Nationaldichter Luís de Camões, der in Deutschland einst einen ähnlichen Rang wie Shakespeare hatte, heute aber nur noch unter Experten bekannt ist.

Besprochen werden Kate Tempests Lyrikband "Brand New Ancients/Brandneue Klassiker" (Literarische Welt), Mary Gaitskills Pferderoman "Die Stute" (NZZ), Graham Swifts "Ein Festtag" (NZZ), eine Neuübersetzung von Joseph Conrads "Die Schattenlinie" (SZ), J.R.R. Tolkiens "Beren und Lúthien" (Literarische Welt) und der zweite Band der Ingeborg-Bachmann-Gesamtausgabe (FAZ). Und der Rolling Stone empfiehlt zehn Comics für den Strand.

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Musik

Die britische HipHop- und Grime-Szene hat sich beim zurückliegenden Wahlkampf hinter Jeremy Corbyns Labourpartei gestellt, erklärt Julian Weber in der taz. Henriette Harris hat sich für die taz mit dem Geiger Noah Bendix-Balgley getroffen, der erster Konzertmeister bei den Berliner Philharmonikern ist. Auch für Klassikhörer werden die Streamingdienste immer interessanter, schreibt Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Juliane Liebert porträtiert in der SZ die Musikerin Katy Perry. Diviam Hoffmann berichtet in der taz vom Musikfestival Sakifo, das auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean stattgefunden hat. Für die taz ist Henning Kober in die israelische Wüste zum Midburn Festival gereist. Im Radiofeature auf Bayern 2 erklärt Patrick Obrusnik, wie Deutschland in den 80ern Prince verfiel.

Besprochen werden das letzte, postum veröffentlichte Album von Chuck Berry ("der finale Mittelfinger dieses einzigartigen Musikers", sagt Frank Junghänel in der Berliner Zeitung), ein Adams- und Dvorak-Konzert der Berliner Philharmoniker unter Gustavo Dudamel (Tagesspiegel), Big Thiefs Album "Capacity" (Pitchfork), das neue Album "Relaxer" von Alt-J (Ivo Ligeti klagt in der Welt über "gähnende Langeweile"), ein Konzert der Beach Boys in Berlin (Tagesspiegel), der Auftritt des Elektro-Kollektivs Kairo beim Berliner Torstraßenfestival (Tagesspiegel) und ein von Andrés Orozco-Estrada dirigiertes "Frühlingsopfer" mit hr-Sinfonieorchester (FR).
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Stichwörter: Jeremy Corbyn, Katy Perry

Film



Die intellektuell-kommunistische Komödie "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" des Filmhochschulabsolventen Julian Radlmaier handelt von einem Filmhochschulabsolventen namens Julian, der einen kommunistischen Film drehen will, vom Arbeitsamt aber zum Äpfelernten nach Brandenburg abgeordert wird. Die Kritiker haben bei diesem gewitzt mit den Meta-Ebenen spielenden Fim gut lachen. Thomas Assheuer von der Zeit etwa sah einen "wundervoll komischen, unglaublich raffinierten und vor Anspielungen berstenden Film, und er ist es gerade deshalb, weil er selbst mit franziskanischer Geste auftritt - klein, unscheinbar und lachhaft unvernünftig, gleichsam als Idiot der cineastischen Familie. Ästhetische Armut ist Radlmaiers bevorzugtes Mittel, sein Film hat etwas kunstvoll Improvisiertes." Laut FAZ-Kritiker Bert Rebhandl stellt der Film einen "Versuch eines zeitgenössischen, linken, engagierten Films dar, und was dabei nahezu notgedrungen herauskommt, ist in hohem Maß reflexiv." Unsere Berlinale-Kritik finden Sie hier.

Weiteres: Mit dem Superheldinnenfilm "Wonder Woman" gelingt Regisseurin Patty Jenkins "die feministische Utopie, die das Jungsgenre Superheldenfilm so dringend gebraut hat", schreibt Philipp Bovermann in der SZ.

Besprochen werden Ounie Lecomtes "Ich wünsche dir ein schönes Leben" (taz), der neue "Mumien"-Film mit Tom Cruise (Standard, FR, unsere Kritik hier) und die Serie "I Love Dick" nach dem gleichnamigen Roman von Chris Kraus (Tagesspiegel).
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Bühne

Bild: Maria Alyokhina und Maria Alechina. Szene aus "Burning Doors", Belarus Free Theatre. Foto: Alex Brenner.

Erschreckende Einblicke in die "Unterwelt des Putin-Regimes" hat FAZ-Kritikerin Kerstin Holm in Hamburg bei der vom Belarus Free Theatre gezeigten Doku-Tanz-Performance "Burning Doors" erhalten, bei dem unter anderem "Pussy Riot"-Mitglied Maria Alechina ihre eigene Geschichte spielt: "während im Hintergrund ein fahles Schwarzweißvideo von dem wilden 'Pussy Riot'-Punkgebet in der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale läuft, wird sie im schwarzen Trikot wieder zur Gefangenen. Sie erzählt davon, wie die Häftlinge gedemütigt werden, etwa durch ausgiebige Leibesvisitationen. Die Schauspielerin, die dabei die Gefängnisgynäkologin verkörpert, verhöhnt sie mit süßer Stimme. Manchmal wird dabei - wie drei Schauspieler mit Alechina vorführen - das Opfer auch am Seil aufgehängt."

Und in der nachtkritik meint Katrin Ullmann: "Man kann sich an der Text- und Informationslast stören und vor allem an dem ernsthaften und mehrfach wiederholten Versuch, echte Folter - Kopf unter Wasser tauchen, Tritte ins Gesicht, Würgen - mit Schreck- und Schockeffekt auf der Bühne nachzuspielen. Man kann, könnte, vieles kritisieren an diesem Abend. Aber tatsächlich kann - und sollte - man sich einfach zurücklehnen. Einatmen, ausatmen und feststellen, wie beruhigt und angstfrei man in diesem demokratischen Deutschland Kunst machen, Festivals veranstalten und Gastspiele anschauen kann."

Auf Zeitonline nimmt Frank-Castorf-Biograf Robin Detje sehr persönlich Abschied von dem Intendanten, für den er selbst einst arbeitete: "Es gab Angestellte des Theaters, die jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit heulten. In der Kantine war man nach fünf Sekunden besoffen, einfach vom Bier- und Schnapsdunst, der in der Luft hing. Gerüchte wucherten wie Schimmelpilze, sie erzählten von schockierenden Exzessen, die angeblich kein Spiel mehr waren. Ich war noch nie an einem so finsteren Ort gewesen. Bert Neumann und Frank Castorf studierten Stalin-Biografien, ich saß in einem düsteren Innenhof vor Glasbausteinen und rauchte Zigarillos. Nach ein paar Wochen war ich überzeugt, dass tief unter diesem Hof der Gott Baal selbst hauste, dem Haus alle Energie absog und daraus seine Droge für perverse Orgien kochte."
 
Besprochen wird: Katharina Wagners Rekonstruktion der Bayreuther "Lohengrin"-Inszenierung ihres Vaters Wolfgang von 1967 am Prager Nationaltheater (FAZ), Akin Isletmes Inszenierung "Ein Fest für Atatürk am Staatstheater Nürnberg (Nachtkritik), Jan Bosses Inszenierung von Thomas Melles Roman "Die Welt im Rücken" am Wiener Akademietheater (Nachtkritik) und Katrin Boyds Inszenierung von Nicolas Barreaus Liebesroman "Das Lächeln der Frauen" am Fritz Remond Theater in Frankfurt (FR).
Archiv: Bühne