Efeu - Die Kulturrundschau

Alles Torkeln und Taumeln auf dem Lebensweg

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19.05.2017. Talentierter Jungarchitekt müsste man sein, seufzt die SZ angesichts des plötzlichen Bedarfs am Arbeitsmarkt. In Cannes erliegen die Kritiker den Authentizitätseffekten von Valeska Grisebachs "Western". Der Literaturagent Andrew Wylie präsentiert sich in der Basler Zeitung als Mann ohne Eigenschaften. Und die FAZ geht vor der Sopranistin Adina Aaron auf die Knie, die in Brüssel die "Aida" singt.

Film


Meinhard Neumann in Valeska Grisebachs "Western"

Und weiter geht es in Cannes: Mit Valeska Grisebachs "Western" wurde in der Sektion "Un Certain Regard" der erste mit Spannung erwartete deutsche Film gezeigt. Es geht um einen in Bulgarien herumwandernden deutschen Bauarbeiter - die Reaktionen darauf fallen positiv aus: In der Berliner Zeitung spricht Daniel Kothenschulte von einer "inszenatorischen Meisterleistung": "In einem Ensemblespiel, das so dicht ist, dass kaum ein Klappmesser dazwischen passt, spielt Grisebach meisterhaft mit jenen Vorurteilen ohne die kaum ein Western auskäme" und aufs Neue befasst sich die Regisseurin darin mit den "Codes von Maskulinität". Der Film "lebt vor allem von seinen Authentizitätseffekten, von der Arbeit mit dem Laienensemble, das bis in die kleinste Nebenrolle mit echten Charakteren besetzt ist, von der groben Sprache am Bau, die doch Raum lässt für zärtliche Momente", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel ebenfalls sehr positiv angetan. Dominik Kamalzadeh vom Standard beobachtet "in den besten Momenten eine eigenwillige Form von Metaphysik." Frédéric Jaeger von critic.de sieht in dem Film "eine lebenslustige Erforschung des Anderen. Grisebach ist nicht nur offen für das Alberne und das Sentimentale, das um die Ecke schaut, wenn sich Leute kaum verstehen, aber unbedingt verstehen wollen. Sie fordert gleichermaßen Konflikte wie Annäherungen heraus:"

NZZ-Kritikerin Susanne Ostwald ist sehr enttäuscht von Todd Haynes' "Wonderstruck", den Michael Kienzl von critic.de wiederum als Opus Magnum bejubelt: Der Film basiert auf dem gleichnamigen Jugendroman von Brian Selznick, erfahren wir, und funktioniert "als unverhohlen kitschiger Tearjerker ebenso wie auch als Film über das Kino selbst. ... Haynes stellt die Künstlichkeit seiner filmischen Welt konsequent aus, macht uns dabei immer wieder bewusst, dass jede Geschichte auch etwas Gebautes ist, füllt sie zugleich aber derart geschickt mit Affekten, dass diese selbstreflexive Ebene die emotionale Wirkung des Films niemals beeinträchtigt."

Tim Caspar Boehme von der taz hat sich Andrei Swjaginzews "Loveless" angesehen - und berichtet davon, dass das Festival riesige Palmenkübel aufgestellt hat, um Terroranschläge mit rasenden LKWs zu verhindern. So sieht das vor Ort aus:


(Bild: Sven von Reden)

Besprochen werden Mike Mills' "Jahrhundertfrauen" (Tagesspiegel, FR, unsere Kritik hier), Ridley Scotts "Alien: Covenant" (FR, Welt, Tagesspiegel), die Drohnen-Doku "National Bird" (Tagesspiegel), die Fußball-Doku "You'll Never Walk Alone" von André Schäfer (FR) und die rassismuskritische Netflix-Serie "Dear White People" (FAZ).

Außerdem sehr schick: Ein illustriertes Glossar der New York Times zu David Lynchs "Twin Peaks".
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Bühne


"Aida" im Théâtre de la Monnaie

"Nicht falsch, nicht neu", gähnt Malte Hemmerich in der FAZ über Stathis Livathinos' Inszenierung von Giuseppe Verdis "Aida" im Ausweichquartier des Théâtre de la Monnaie in Brüssel. Dass der Kritiker am Ende doch begeistert ist, liegt vor allem an der Sopranistin Adina Aaron in der Titelrolle: "Wenn schon die Regie an vielen Stellen nicht für knisternde Spannung sorgen kann, so ist es schlicht das Warten auf die nächste ihrer Szenen, das aufregt. Mit kehliger Klage singt sie in der Tiefe, nachdem sie ihrem Geliebten Glück gegen das Vaterland wünschte, da stellen sich Nackenhaare auf. Und wo andere Sopranistinnen sich in der Partie auf harte Höhen verlassen, zeigt sie immer Mut zur durchdringenden Zärtlichkeit mit in jedem Ton knackig blühendem Timbre." (Mehr, auf Deutsch, beim Belgischen Rundfunk)

Besprochen werden Kirsten Fuchs' Cybermobbing-Stück "Alle außer das Einhorn" am Berliner Grips Theater (taz), Frank Hoffmanns Inszenierung von August Strindbergs "Rausch" bei den Ruhrfestspielen (SZ), Marie Chouinards Bosch-Reverenz "Garten der Lüste" bei den Tanztagen Potsdam (SZ) und Carlus Padrissas Inszenierung von Joseph Haydns "Schöpfung" am Theater an der Wien (SZ).
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Kunst


Die Wandelhalle der Gemäldegalerie (Foto: David von Becker)

"In neuem Licht", so der Titel der Ausstellung, präsentiert die Berliner Gemäldegalerie 70 Werke aus dem Depot in der neu hergerichteten Wandelhalle. Die großartige Inszenierung der Kunst deckt allerdings die Schwächen der übrigen Räume auf, meint Nicola Kuhn im Tagesspiegel: "Der Effekt der Spotlights in der Wandelhalle ist phänomenal, das rote Kleid von Giovanni Antonio Boltraffios Madonna strahlt quer durch die 70 Meter lange Halle. Wer von hier aus durch die offenen Türen in einen der Hauptsäle blickt, glaubt nur noch stumpfe Bildflächen zu sehen. So matt erscheinen die Gemälde der Hauptausstellung im gleichmäßigen Oberlicht, das zugleich zu viel und zu wenig Helligkeit in die Räume bringt."

Besprochen werden die im Leopold Museum gezeigte Ausstellung "The Conundrum of Imagination" im Rahmen der Wiener Festwochen (Presse, Kurier) sowie die fünfte Skulpturen-Biennale im Weiertal (Tages-Anzeiger).
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Architektur

Gerhard Matzig reibt sich in der SZ die Augen: Galten vor kaum 15 Jahren Architekten auf dem Arbeitsmarkt noch als schwer vermittelbar, werben heute praktisch alle namhaften Büros um Nachwuchs. Mit dem derzeitigen Bauboom ist das nicht zu erklären, glaubt Matzig: "Eher gelingt dies mit Blick auf die Studieninhalte, die sich ebenfalls seit einiger Zeit stark verändert haben. Wurden früher vor allem kreative Entwerfer an den Architekturabteilungen der Hochschulen ausgebildet, die im Zweifel später mal Kathedralen oder wenigstens das Wohnen von morgen gestalten würden, so sind das heute auch Klimadesigner, Baurechtler oder Immobilien-Ökonomen. Das Studium der Architektur wurde geerdet." Matzigs Fazit: "Am Bau braucht man Expertise. Nicht nur Extravaganz."

Besprochen wird eine Ausstellung über Schweizer Pavillon-Architektur im Zürcher Centre Le Corbusier (SZ).
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Stichwörter: Architekten

Literatur

Der Literaturagent Andrew Wylie tritt einem im Gespräch mit der Basler Zeitung ziemlich uninspiriert entgegen. Aber zum Ende hin versteht man, warum er so eigenschaftslos erscheint: "'Wenn ich mit Autoren zusammen bin, werde ich wie ein Schwamm oder wie eine weiße Leinwand.' Wer ihm begegne, von dem lasse er sich beeinflussen. In den Neunzigerjahren habe er einmal eine Filmkomödie gesehen, 'Dumm und Dümmer'. Zuerst habe er dem Streifen gar nichts abgewinnen können, doch dann habe er ihn noch einmal angeschaut, diesmal zusammen mit Martin Amis. 'Martin fand den Film super, und mit der Zeit begann ich, ihn mit seinen Augen zu sehen.'"

Weiteres: Frankreich diskutiert über einen 2011 erschienenen Roman Édouard Philippes, berichtet François Misser in der taz: Der neue Premierminister lege darin "eine rückwärtsgewandte Sicht auf Frauen" dar. Michael Krüger (NZZ) und Martin Ebel (SZ) gratulieren dem Schweizer Germanisten Peter von Matt zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Karl Ove Knausgårds "Kämpfen", mit dem der norwegische Autor sein Mammutprojekt mit autobiografischen Romanen abschließt (Tagesspiegel), Roberto Bolaños Gedichtband "Die romantischen Hunde" (NZZ), Lyonel Trouillots "Yanvalou für Charlie" (FR), der von Anke Fesel und Chris Keller herausgegebene Band "Berlin Heart Beats - Stories from the wild years, 1990-present" (Berliner Zeitung), Maria DiBattistas und Deborah Epstein Nords Studie "At Home in the World. Women Writers and Public Life. From Austen to the Present" (online nachgereicht von der Literarischen Welt), Ulrich Ammons, Hans Bickels und Alexandra N. Lenz' "Variantenwörterbuch des Deutschen" (FR), eine von Fanny Esterházy herausgegebene Bildbiografie von Arno Schmidt (SZ) sowie eine von Schmidt übersetzte Ausgabe von William Faulkners "New Orleans - Skizzen und Erzählungen" (SZ).
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Musik

Country-Klassik trifft auf zeitgenössischen Alternative Folk: Für sein neues Album "Best Troubadour" hat sich Bonnie "Prince" Billy ein Bündel Klassiker von Merle Haggard geschnappt und diese Stücke seinem eigenen Werk anverwandelt. In der taz schreibt Dirk Schneider sehr ausführlich über dieses musikalische Gespräch über die Jahrzehnte hinweg: Das Ergebnis erinnert ihn an "Hausmusik, nah und ungezwungen, und das macht einige der Songs so lebendig, wie sie es vielleicht ursprünglich nie waren: Die intimen Texte, viele davon im Duett gesungen, entwickeln einen Sog, den man bei Haggards Einspielungen nicht findet, so staatstragend und onkelhaft wirken sie bisweilen. ... Im Vergleich zu Haggards männlichem Bariton bekommen dessen Songs bei Oldham eine ganz andere Gültigkeit: Wenn Oldhams gebrochener Gesang mal wieder gerade so die Kurve zum harmonischen Abschluss bekommt, als sei darin alles Torkeln und Taumeln auf dem Lebensweg enthalten, vielleicht auch alle Lüge, die dann am Ende doch zur Wahrheit wird (und umgekehrt)." Hier das aktuelle Video (im modernen 360*-Modus):



In der Jungle World zeigt sich Kristof Maria Künssler enttäuscht von dem Comeback der Post-Hardcore-Band At The Drive-In, die um 2000 im Underground für ziemlich viel Aufsehen gesorgt haben und deren Mitglied sich seitdem in einer Vielzahl von Bands, darunter die Prog-Band The Mars Volta, verstreut haben. Das neue Album ist demgegenüber eher lasch und innovationslos: "Möglicherweise ist die Halbwertzeit von Post-Hardcore abgelaufen; und vielleicht klingt diese Musik in den Ohren von Teenagern frischer. Die Band ist zumindest weit davon entfernt, sich zu einer Karikatur ihrer selbst zu degradieren...  Aber: Man wildert gelegentlich erschreckend nah am musikalischen Revier des Nu-Metal." Wir wagen dennoch ein Ohr:



Weiteres: Ryan Dombal spricht auf Pitchfork mit Sufjan Stevens über dessen neues Album "Planetarium". Für The Quietus spricht Patrick Clarke mit der Band Saint Etienne über den Einfluss, den David Lynchs "Twin Peaks" auf deren Werk ausübt. Chris Cornell, Sänger der Grunge-Band Soundgarden, hat sich umgebracht: Nachrufe schreiben Michael Pilz (Welt), Gerrit Bartels (Tagesspiegel), Julian Weber (taz) und Stefan Hentz (NZZ).

Besprochen werden ein Konzert von Cameron Carpenter (FR), ein Auftritt von Bilderbuch (Standard), das Album "Black Origami" von Jlin (Pitchfork), Blondies "Pollinator" (Spex), Jane Weavers "Modern Kosmology" (The Quietus), Juana Molinas "Halo" (Spex), Helene Fischers neues Album (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Burials in Several Earths" des Radiophonic Workshop (ZeitOnline).
Archiv: Musik