Efeu - Die Kulturrundschau

Ein bisschen Lebenslust

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.04.2017. Der Guardian jubelt über die große Schau der Tate Britain zu hundert Jahren schwuler Kunst. In der taz erklärt Feridun Zaimoglu, warum ihn Luther mehr interessiert als der knallverrückte Thomas Müntzer. Die NZZ lässt sich von der magischen Stimme des Juan Diego Flórez betören. Die SZ feiert Ibrahim Amirs böse Migrationskomödie "Homohalal" und wünscht sich mehr politisch unkorrektes Theater. Und der Tagesspiegel freut sich, dass Sam Raimis Horrorklassiker "Tanz der Teufel" endlich freigegeben ist.

Kunst


William Strang: Lady With a Red Hat, 1918. Glasgow Museums and Libraries Collections

Im Guardian bejubelt Adrian Searle die Schau "Queer British Art" in der Tate Britain, die schwules und queeres Leben in der britischen Kunst über ein Jahrhundert verfolgt, von 1861-1967: "Queere britische Kunst ist oft sexy, ausgelassen und lustig. Aber sie ist auch oft herzzerreißend und tragisch. Der frühe Präraffaelit Simeon Solomon wurde für Sex auf Toiletten erst in London, dann in Paris verhaftet und verbrachte 20 Jahre seines Lebens im Arbeitshaus St. Giles, als Alkoholiker und verlassen von seinen früheren Freunden. Andere hatten mehr Glück. Es gibt ein Foto der Künstler Denis Wirth-Miller und Richard Chopping, die sich 1937 getroffen haben und 2005 ihre Lebensgmeinschaft eintragen lassen durften. In einer Keksdose bewahren sie ihre Sammlung von 200 Uniformknöpfen auf, jeder steht für die Liaison mit einem in ihrer Nähe stationierten Soldaten. Ich war nicht dabei."

Gisela Stamer porträtiert in der taz den nach Kuba ausgewanderten Maler Siegfried Kaden, der sich in der Kunstszene von Havanna als "el Siggi" oder als "loco alemán" unverzichtbar gemacht hat: "'Ich hatte einfach keine Lust mehr auf die aufgeblasene und völlig überteuerte Kunstszene Münchens.' Den Kunsthype, bei dem er in den Neunzigern noch selbst mit im Mittelpunkt stand, tauschte er gegen eine Szene ein, in der Kreativität ganz existenziell gefragt ist und bis heute gelebt wird. Umtriebigkeit, Engagement und Produktivität, diese für Kaden typischen Eigenschaften, fördert der komplizierte Lebensalltag in Havanna ungemein."

Weiteres: Die internationale Kunstkarawane campiert nun auch am Fuße des Himalaya, Sabine B. Vogel berichtet in der NZZ von der ersten Kunst-Triennale in Kathmandu, die es ihrer Ansicht nach schafft, "tief in der Stadt verankert zu sein, ohne zu romantisieren". Im Tagesspiegel unterhält sich Nicola Kuhn mit dem Künstler-Duo Elmgreen & Dragset über ihre im Herbst beginnende Istanbul-Biennale.

Besprochen werden eine Schau mit Richard Serras frühen Skulpturen im Museum Wiesbaden (FAZ), die Ausstellung "Das versunkene Geheimnis Ägyptens" im Zürcher Rietberg Museum, die Überreste des Osiris-Kultes aus dem Mittelmeer zeigt (Standard) und die Schau "Technische Paradiese" über die Zukunft in der Karikatur des 19. Jahrhunderts in Hannover (SZ) .
Archiv: Kunst

Bühne


Tatjana Gürbacas Inszenierung von Massenets "Werther" am Opernhaus Zürich.

Völlig hingerissen ist NZZ-Kritiker Christian Wildhagen von Jules Massenets "Werther", den Tatjana Gürbaca mit Juan Diego Flórez und Anna Stéphany am Opernhaus Zürich inszeniert hat. Vor allem der Tenore di grazia hat es ihm angetan: "Entrückt zwischen Wachen und Träumen - es dauert an diesem Abend im Opernhaus Zürich nicht einmal zehn Minuten, bis sich jener besondere Zauber entfaltet, wie ihn nur das Musiktheater in seinen besten Momenten verbreiten kann: eine Magie, die das Publikum gebannt jedes Husten vergessen und unwillkürlich den Atem anhalten lässt. Denn was wir erleben in diesem Augenblick, ist nicht der profane Auftritt irgendeines Sängers, sondern eine Erscheinung: eine Epiphanie, deren irrealer Schimmer in die Beschaulichkeit einer sehr kleinen Welt hineinleuchtet."

Mounia Meiborg reibt sich in der SZ vor Freude die Hände über Ibrahim Amirs böse Migrationskomödie "Homohalal" am Staatsschauspiel Dresden. Zumal am Theater alle gern die Demokratie beschwören, wie Meiborg meint, aber keine abweichenden Meinungen akzeptieren wollen: "An diesem Abend bekommen alle ihr Fett weg: homophobe Muslime, deutsche Frauen mit Helfersyndrom, irakische Weiberhelden, Salafisten, Identitäre. Als erstes ist der Theaterbetrieb dran. Mit dem hat der Autor Ibrahim Amir so seine Erfahrungen gemacht. Vor einem Jahr sollte sein Stück 'Homohalal' am Wiener Volkstheater uraufgeführt werden. Zwei Monate vor der Premiere sagte das Theater die Produktion ab. Die Leitung fürchtete, das Stück könne in der aufgeheizten Lage falsch rüberkommen und Rechtsextremen Futter bieten."

Besprochen werden das Tony-Kushner-und-Marlene-Streeruwitz-Doppel "Willkommen in Deutschland" am Schauspiel Frankfurt (FR), der Tanzabend "Gesicht der Nacht" am Nationaltheater Mannheim (FR), Barry Koskys Aufführung von Modest Mussorgskis "Jahrmarkt von Sorotschinzi" an der Komischen Oper Berlin ("Redlich, grundgütig, todernst", winkt Jan Bachmann in der FAZ ab, Tagesspiegel, Berliner Zeitung) und Giorgio Battistellis in Hannover uraufgeführte Musiktheater-Parabel "Lot" (FAZ).
Archiv: Bühne

Literatur

In der taz unterhält sich Friederike Gräff mit Feridun Zaimoglu über dessen neuen (in der SZ besprochenen) Roman "Evangelio", für den sich der Schriftsteller intensiv in die Sprachwelt Luthers versenkt hat. Warum er sich für Luther, über den im Luther-Jahr ohne alle schreiben, entschieden hat, nicht aber für dessen Zeitgenossen Thomas Müntzer, erfahren wir auch: "Wenn man Müntzers Schriften liest, stößt man leider Gottes auf knallverrückte, esoterische, ziemlich durchgedrehte Ansichten." Luther hatte zwar auch einige hässliche Ansichten, aber er war auch einer, "der endlich begriff, dass er aus der Klosterzelle und der Gelehrtenkammer hinausgehen musste. Ich bin kein Freund heutiger akademischer Schreibweisen, dieser Verbrämung und Versaubeutelung der Sprache. Ich bin als Salonhooligan bei denen, die das nicht gelernt haben. Luther ist der Stubengelehrte, der hinausgeht und den einfachen Menschen, den Angehörigen verschiedener Zünfte, den Handwerkern Worte ablauscht und sie als passend für die Übersetzung erfindet. Er hat es begriffen: Man braucht das ­Rabiate und das Ruppige."

Sein aktueller Comic "Geisel" berichtet von der Geiselnahme Christopher Andrés im Jahr 1997, bekannt geworden ist der kanadische Comicautor Guy Delisle zuvor mit Reportagen etwa aus Pjöngjang, Birma und Jerusalem. Als Journalist sieht er sich dennoch nicht, verrät er gegenüber Thomas von Steinaecker im SZ-Interview: Seine Reisen seien stets anderweitig beruflich oder privat motiviert gewesen. "Die Bücher fühlen sich vielmehr an wie lange Postkarten an meine Familie. Ich schreibe also eher Postkarten als Reportagen. ... Als es in Jerusalem Explosionen gab, hatte ich nicht den journalistischen Impuls: 'Uh, ich muss da vor Ort sein, um der Sache nachzugehen.' Mir geht es nicht um Ausnahmesituationen, in denen etwas Einmaliges passiert. Mir geht es um das, was sonst unter den Tisch fällt: der Alltag."

Weiteres: In einem 1937 gehaltenen Vortrag kam Robert Musil bereits auf das heutige Phänomen der Negativzinsen zu sprechen, erklärt Mathias Mayer in der NZZ.

Besprochen werden u.a. Julian Barnes' "Der Lärm der Zeit" (Tagesspiegel), Roman Ehrlichs "Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens" (NZZ) und eine Ausstellung über französische Underground-Comicmagazine der 70er im Museum La Boverie in Lüttich (FAZ). Außerdem liegt der SZ heute eine große Krimibeilage bei, die wir in den kommenden Tagen wie gewohnt an dieser Stelle auswerten.

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Anzeige
Archiv: Literatur

Film





Lag lange Zeit in Ketten: Sam Raimis Horrorklassiker "Tanz der Teufel" (Bild: Sony)

Im Tagesspiegel freut sich Andreas Busche darüber, dass Sam Raimis in Deutschland jahrezehntelang nicht nur für Jugendliche indizierter, sondern auch für Erwachsene per Gerichtsbeschluss verbotener Horrorklassiker "Tanz der Teufel" jetzt in jedem Kaufhaus legal auf BluRay erhältlich ist - und zwar mit einer Freigabe ab 16: Mit Blick auf diese seit dem Videoboom der 80er Jahre grassierende Zensurgeschichte zeigt sich Busche "die Willkür der Behörden, die sich (...) sogar anmaßen, die künstlerische Qualität von Filmen zu beurteilen. Dass die juristische Vorgeschichte von Raimis Film eine Farce ist, zeigt schon der im Internet dokumentierte Schriftverkehr zu den Revisionsklagen." Dieses epische, sehr materialreiche Dossier ist tatsächlich eine ziemlich irrsinnige Reise durch die verschlungenen Pfade einer außer Rand und Band geratenen Jugendschutz-Jurisdiktion. Hintergründe zur Re-Legalisierung des Films bietet auch der Deutschlandfunk in einem Gespräch mit dem Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger.

Weiteres: In der Presse stellt Norbert Mayer einen Dokumentarfilm vor, den der Schriftsteller Peter Stephan Jungk über seine Großtante gedreht hat, die Wiener Fotografin Edith Tudor-Hart, die im britischen Exil für den KGB spionierte und die Cambridge Five inspirierte. Für die taz berichtet Carolin Weidner vom österreichischen Filmfestival Diagonale, wo sie besonders eine Reihe zur Geschiche des Verhältnisses zwischen Pop und Film im österreichischen Kino aufgefallen ist (hier dazu als PDF-Datei der umfangreiche Katalog). Im Blog des Film Comment wirft sich Regisseur Olivier Assayas der französischen Schauspiellegende Jean-Pierre Léaud zu Füßen. Besprochen werden Amma Asantes "A United Kingdom" (kino-zeit.de, SZ) und das Anime-Remake "Ghost in the Shell" mit Scarlett Johansson (Standard, unsere Kritik hier).
Archiv: Film

Musik

In Berlin feierten die Musiker des Jazzlabels ACT dessen 25-jähriges Bestehen, berichtet Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. Im Standard spricht Ljubisa Tosic mit dem Komponisten Christian Mühlbacher über dessen Arbeit. Für The Quietus spricht David McKenna mit Ian F. Martin über dessen Buch zur Geschichte des japanischen Pop- und Rock-Undergrounds. Außerdem hat Ben Graham für The Quietus ein großes Gespräch mit Debbie Harry und Chris Stein von Blondie geführt. Frederik Hanssen vom Tagesspiegel wirft einen Vorabblick aufs Programm des Verdifestivals in Parma. Eleonore Büning gratuliert dem Komponisten Salvatore Sciarrino in der FAZ zum 70. Geburtstag. Jan Kedves schreibt in der SZ zum Tod des Synthesizer-Entwicklers Ikutaro Kakehashi, der mit seiner Firma Roland unter anderem den legendären Drumcomputer TR-808 entwickelte. Zu hören ist dieser unter anderem in Marvin Gayes "Sexual Healing":



Besprochen werden Bob Dylans neues Album "Triplicate" samt seiner neuen Bücher (NZZ), ein von einem absoluten Bilderverbot begleiteter Auftritt der Popkünstlerin Anohni in der Elbphilharmonie ("So pathetisch die Darstellung ist, so banal ist sie auch", moniert Ulrich Stock auf ZeitOnline), das neue Album der Magnetic Fields ("lässt sich verschlingen wie eine gute Serie", meint Jens Friebe in der Zeit), die Ambient-Compilation "Mono No Aware" (Pitchfork), ein Konzert von Andris Nelsons und Yefim Bronfman mit dem Koninklijk Concertgebouworkest (FR), das Berliner Konzert von Sinkane (Tagesspiegel), Außerdem bringt das Logbuch Suhrkamp eine neue Folge von Thomas Meineckes "Clip//Schule ohne Worte".
Archiv: Musik