Efeu - Die Kulturrundschau

Knarzer, Nöhler, Kratzer

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.04.2017. In der Nachtkritik fordert der Theaterwissenchaftler Thomas Schmidt eine Entmachtung der Intendanten. Die FAS schreibt in der Diskussion um kulturelle Aneignung bei der Whitney-Biennale: "Es gibt keine Zensur in einer Demokratie, auch keine aus verletzten Gefühlen." Die SZ blickt mit Bangen einem neuen Monumentalismus in der Kunst entgegen. Die FAZ hört bei Wolfgang Rihms "Requiem-Storphen" die Flüsse erstarren. Und während Bob-Dylan-Fans in den Feuilleton die Entgegennanhme des Nobelpreises bejubeln, seufzt die Welt: "Kein Sänger hat so pubertäre Anhänger wie er."

Bühne

In der Nachtkritik fordert Thomas Schmidt ein neues Modell der Mitbestimmung an den Bühnen: "Die deutschen Theater werden von einem Diskurs der Macht dominiert, in dessen Zentrum der Erhalt der Intendanz steht... Indem der Intendant, sich über seinen ureigenen künstlerischen Arbeitsbereich hinaus Macht aneignet, folgt er einer machiavellistischen Strategie: nicht nur darauf zu vertrauen, was ihm an Autorität durch den Intendantenvertrag verliehen wird, sondern auch darauf, was er durch Charisma, Erfahrung, Gestaltungswillen, Usurpation, Netzwerke und Informationen an Macht darüber hinaus anzusammeln vermag - im administrativen Bereich des Theaters, in Jurys, Verbandsspitzen, Aufsichtsräten. Abgesichert wird diese durch personelle Rochaden, um sich eine fleißige, loyale zweite Reihe aufzubauen."


Enrico Lübbes Inszenierung "Die Maßnahme / Die Perser" am Schauspiel Lepzig. Foto: Bettina Stöß

In Leipzig hat Enrico Lübbe Brechts "Maßnahme" und Aischylos' "Perser" auf die Bühne gebracht. Atmosphärisch dicht und historisch sehr schlüssig findet Irene Bazinger in der FAZ diesen Doppelabend: "Die zeitlich so weit voneinander entfernten Dramen korrespondieren in dieser schönen wie intelligenten Aufführung aufregend miteinander und mit uns, sie geben keine Ruhe und kein Pardon. Fast erlösen 'Die Perser' die verpönte 'Maßnahme'. Man muss viel Vertrauen zum Theater und zur Welt haben, um von solchen historischen Balancen zu träumen."

Besprochen werden Stephan Suschkes Inszenierung von Shakespeares "Sturm" am Linzer Schauspiel (Standard, Presse), Tony Kushners "Willkommen in Deutschland" am Schauspiel Frankfurt (Nachtkritik), Susanne Kennedys "Selbstmordschwestern" an den Münchner Kammerspielen (die Annette Walter in der taz wichtigteurisch und substanzlos findet), Christopher Wheeldons "Alice in Wonderland" am Bayerischen Staatsballett (SZ) und Christian Stückls Inszenierung von Ibsens "Solness" am Münchner Volkstheater (SZ).
Archiv: Bühne

Kunst

Nun greift auch die FAS die Diskussion über "kulturelle Aneignung" auf. Die amerikanische Malerin Dana Schutz hat sich in einem Gemälde, das zur Zeit in der Whitney-Biennale ausgestellt wird, mit einem Mord an einem schwarzen Jungen aus der Zeit der Bürgerrechtsbewegung auseinandergesetzt. Ihre Konkurrentin Hannah Black rief zur Zerstörung dieses Gemäldes auf, weil sich hier eine weiße Künstlerin schwarzen Leids bemächtige (Bild und unser Resümee). Boris Pofalla macht seiner Empörung Luft: "Man muss kein Gewaltopfer sein, um eines zu malen. Sich andere Erlebnisse anzuverwandeln, ist eine Triebkraft jeder Kreativität. Kunstgeschichte besteht aus Akten kultureller Aneignung. Wer will festlegen, wer zu was legitimiert ist? Es gibt keine Zensur in einer Demokratie, auch keine aus verletzten Gefühlen oder beleidigtem Geschmack. Schutz' Bild, das in der Tradition des Andachtsbildes steht, kann man kritisieren, aber man kann ihm in einer freien Gesellschaft nicht die Legitimation absprechen."


Walter De Maria: Der vertikale Erdkilometer. documenta 6, 1977. Foto: Nils Klinger.

Catrin Lorch blickt in der SZ mit Bangen auf die drei Großereignisse, die der Kunstwelt in diesem Sommer bevorstehen: Die Documenta in Kassel und in Athen, die Biennale in Venedig und die Skulptur Projekte in Münster. Denn in der zeitgenössischen Kunst sei ein neuer Monumentalismus ausgebrochen, der vom Markt, aber auch von dem Willen zur lauten Botschaft befeuert werde: "Was sich da verändert hat, wird umso deutlicher, wenn man kurz zurückblickt in das Jahr 1977, in dem der 'Vertikale Erdkilometer' von Walter De Maria vor dem Fridericianum im Boden versenkt wurde. Zu sehen war nicht viel, nur eine kleine Metallscheibe im Boden. Dieser Metallstab von tausend Metern Länge, der mit hohem Aufwand in die Erde getrieben wurde, bestimmte die Diskussionen der sechsten Documenta... Verdichtet man die Kriterien der aktuellen Kunst 2017, würde man Walter De Maria wohl abraten, so viel Größe einfach in den Grund zu rammen. Ein paar Hundert Meter des Metallstabs könnten doch auch, goldfunkelnd, in die Luft ragen?"

Simon Baur schreibt in der NZZ zum Tod des Malers James Rosenquist, der bis zuletzt noch mit einer Energie und einem Einfallsreichtum arbeitete, "dass einem die Spucke wegbleibt". Weitere Nachrufe auf Rosenquist in der SZ von Gottfried Knapp und im Tagesspiegel von Nicola Kuhn.

Besprochen wird eine Ausstellung des Porträtmalers Jean-Jacques Karpff, der auf hauchfeinem Elfenbein arbeitete, im Musée Unterlinden in Colmar (FAZ).
Archiv: Kunst

Film

Beim Arabischen Filmfestival in Berlin läuft auch der Film "Haus ohne Dach" der in Berlin lebenden, deutsch-kurdischen Regisseurin Soleen Yusef, den Andreas Busche vom Tagesspiegel besonders hervorhebt: "Dieser Versuch eines Unterhaltungskinos mit politischem Anspruch [ist] ein nötiger Impuls für das deutsche Kino, dessen Geschichtsbewusstsein bislang ausschließlich um die eigene Vergangenheit kreist."

Weiteres: Im Standard resümieren Dominik Kamalzadeh und Michael Pekler die Diagonale, bei der "Die Liebhaberin" von Lukas Valenta Rinner "durchaus überraschend" als bester Spielfilm ausgezeichnet wurde. Bei dem Film handle es sich um "eine stoisch erzählte Studie der Entgrenzung" mit einer "Buñuel'schen Note", erfahren wir. Für die Welt porträtiert Christian Meier den Produzenten und langjährigen Kirch-Mitarbeiter Jan Mojto, dessen Firma Beta Film auch an aktuellen Prestige-Serien wie "Der geteilte Himmel" und "Berlin Babylon" beteiligt ist. Der Erotikfilm-Auteur Radley Metzger ist gestorben: Auf Keyframe bietet David Hudson einen ersten Überblick über internationale Nachrufe. Besprochen wird die auf Netflix gezeigte Dokumentarfilmreihe "Five Came Back" über Hollywood und den Zweiten Weltkrieg (SZ).
Anzeige
Archiv: Film
Stichwörter: Deutsches Kino, Netflix

Literatur

Deutschlandradio Kultur bringt ein Feature von Barbara Wahlster über den kongolesischen Schriftsteller Alain Mabanckou. FR-Kritikerin Sylvia Staude lässt sich von Krimi-Autor Graeme Macrae Burnet ins entlegene schottische Nest Culduie führen, wo dessen neuer Roman "Sein blutiges Projekt" spielt. In seiner neuen Ausgabe widmet sich das LitMag dem Essay - hier der Überblick. Das Schreibheft würdigt in seiner aktuellen Ausgabe T.S. Eliot, berichtet Jürgen Kaube in der FAZ. Äußerst aufschlussreich findet der Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Wagner in der FAZ wiederentdeckte Radioaufnahmen aus dem Jahr 1952, in denen Paul Celan eine Handvoll seiner Gedichte in hymnischem Ton vorträgt. Sie entstanden drei Tage nach der legendären Lesung vor der Gruppe 47, bei der der Dichter für seine Vortragsweise enorm kritisiert wurde. (Einige seiner Gedichte, von Celan selbst vorgetragen, kann man bei lyrikline hören.)  Kerstin Holm (FAZ), Sonja Zekri (SZ) und Ulrich M. Schmid (NZZ) schreiben zum Tod des Schriftstellers Jewgeni Jewtuschenko.

Besprochen werden Konstantin Richters "Die Kanzlerin" (FAS), Jérome Leroys "Der Block" (FAZ, unsere Kritik hier), Dave Eggers' "Bis an die Grenze" (FR) und Alex Beers "Der zweite Reiter" (Welt).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Norbert Hummelt über Hermann Lenz' "Pirol":

"Er flog übern Weg,
Im Sommer bei sanftem Wind:
Ein gelber Vogel mit schwarzen Flügeln,
..."
Archiv: Literatur
Stichwörter: Paul Celan, Gruppe 47, Lyrik

Architektur

In der taz freut sich Sophie Jung über Roger Bundschuhs Pläne für ein neues Suhrkamp Verlagshaus an der Torstraße, die sogar Grünfläche und Späti miteinschließen. Der Architekt, Stadtplaner und einstige Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann versucht sich in der FAZ reichlich niedergeschmettert zu erklären, wie die Katastrophe der Europacity am Berliner Hauptbahnhof geschehen konnte.
Archiv: Architektur

Musik

Halleluja, es ist vollbracht: Still und heimlich, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, hat Bob Dylan am 1. April in Stockholm den Literaturnobelpreis entgegen genommen, nachdem ihn ein Konzert seiner "Never Ending Tour" ohnehin nach Stockholm gebracht hat. Die Feuilletons dagegen quellen über. Fabian Jones hat sich für ZeitOnline ein lustiges Dramolett über die klandestine Übergabe einfallen lassen. In der taz schreibt Klaus Walter in einer großen Würdigung auch übers neue Album "Triplicate" mit Neueinspielungen aus dem Great American Songbook und das Problem mit der Stimme: Dylan bleibe "ein Knarzer, Nöhler, Kratzer.  ... Natürlich scheitert Dylan an dem Versuch, diese Lieder wie Sinatra zu singen. Aber es ist ein geplantes Scheitern, eine kommentierende Neuaufführung. Wenn er 'As time goes by' singt, das Lied aus 'Casablanca', dann unterstreicht seine brüchige Stimme, was ihr Besitzer gerade verkündet: Zeit vergeht, was für eine Zumutung." Christian Bos von der Berliner Zeitung hält das Album unterdessen zunächst einmal für "eine ungemein liebevoll kuratierte Sammlung aus drei Mal zehn Songs, in denen Dylan das Wesentliche aus diesen Unterhaltungsperlen für harte Zeiten herauskitzelt."

Über soviel Deutologie kann Michael Pilz unterdessen nur mit den Augen rollen: "Kein Sänger hat so pubertäre Anhänger wie er", schreibt er in der Welt. "Jede Boygroup wird gelassener behandelt von den Mädchen als der 75 Jahre alte Schrat von älteren Männern." Auch das neue Album nervt ihn gewaltig: "Dylan singt das, was die Männer, die ihn anhimmeln, immer für minderwertig hielten. Weil es aus den Hitfabriken stammte und von Sängern wie Bing Crosby vorgetragen wurde, weil es Schlager sind, die ihre eigenen Mütter früher mochten." Dass nicht alle Dylanologen mit dieser Spätphase im Werk des Künstlers ohne weiteres mitgehen, beweist unterdessen dieses Gespräch auf Deutschlandradio Kultur mit Helmut Heimann.

Von Stockholm nach München: Dort hat das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons im Rahmen der Musica Viva Wolfgang Rihms neue Komposition "Requiem-Strophen" uraufgeführt. FAZ-Kritikerin Eleonore Büning ist hin und weg: "Der Fluss erstarrt. Alle Farben verblassen. Nur feine Paukenschläge trennen die vom Chor tief gesprochenen, geflüsterten Silben: Li-be-ra me... Be-frei-e! Mich! Der Chor des Bayerischen Rundfunks raunt, sprüht, funkelt. Er ist einfach eine Wucht, glänzend in Form." Aus dem einstigen Avantgardisten ist ein Nostalgiker geworden, schreibt Reinhard J. Brembeck in der SZ: Die Komposition sei "eine Verbeugung vor Richard Strauss, Claude Debussy, Gustav Mahler. Diese Musik hat nicht mehr die Zukunft im Sinn, sie blickt sehnsüchtig und mild zurück auf die emotionale Unmittelbarkeit der Spätromantik." Wer das alles nachvollziehen möchte, dem bietet sich dazu in dieser Videoaufnahme Gelegenheit. Das Festivalprogramm bringt außerdem ein Gespräch mit Rihm, der seine neue Arbeit darin ausführlich kommentiert.

Weiteres: Für die NZZ spricht Ueli Bernays mit Martin Gore von Depeche Mode über deren neues, ausgesprochen düsteres Album "Spirit". Kein Wunder: "Als ich am neuen Repertoire zu arbeiten begann, hatte ich den Eindruck, mit der Welt gehe es bergab", sagt er. Für die Welt porträtiert Peter Huth den früheren Genesis-Gitarristen Steve Hackett, der jetzt auf Tour nach Deutschland kommt. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Andreas Platthaus über "Walls Come Tumbling Down" von The Style Council:



Besprochen werden ein Konzert der simultan dirigierenden Sängerin Barbara Hannigan (NZZ), ein Auftritt von Heinz Rudolf Kunze (es gab "Rockähnliches und Schlagernahes", weiß Thomas Mauch in der taz zu berichten), Carsten Josts neues Album "Perishable Tactics" (taz) und ein Konzert der Sopranistin Julia Lezhneva (NZZ).
Archiv: Musik