Efeu - Die Kulturrundschau

Am Ende fressen sie Staub

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08.03.2017. Absolut überwältigt sind die Kritiker von Barry Jenkins' poetischem Coming-of-Age-Film "Moonlight", der nun endlich auch in die deutschen Kinos kommt: Die SZ feiert ihn für seine schwarze Poesie, Berliner Zeitung für die Bewahrung der Zärtlichkeit, die Welt konnte Miamis schwüle Luft auf der Haut spüren. Die NZZ sieht beim Filmfestival in Ouagadougou das afrikanische Kino in der Bredouille. In Freitext erinnert der weißrussische Autor Viktor Martinowitsch an das Imperium der Feigheit. Und gegen Trump, meint ZeitOnline außerdem, hilft nur mehr Krach.

Film



Die Filmkritiker schwärmen von Barry Jenkins' "Moonlight", der bei den Oscars seinem Außenseiter-Status zum Trotz als "bester Film des Jahres" ausgezeichnet wurde. Auf Grundlage eines Theaterstücks von Tarell Alvin McCraney schildert der Film in drei Episoden das Coming-of-Age eines schwarzen schwulen Jungen in einer von Kriminalität geprägten Wohngegend. Klingt nach Zeigefinger-Kino, ist es aber nicht, sagt Felix Zwinzscher in der Welt: "Die Farben des Films haben einen fast schon überwältigenden Kontrast. Die Kamera tanzt poetisch zwischen den Figuren umher, taucht im Wasser unter und fliegt dramatisch über die Straßen von Liberty City. Der Zuschauer kann die feuchte heiße Luft Miamis spüren, so wie man in einem Traum den Regen auf der Haut spüren kann. Die Erfahrung ist real, auch wenn es der Regen nicht ist."

Auch Philipp Bühler sah "ein Wunderwerk", wie er in der Berliner Zeitung berichtet: "Was sich in der schwarzen R'n'B-Musik seit einigen Jahren mühsam seinen Platz zurückerobert hat, ist damit endlich auch im Kino angekommen: eine männliche Sensibilität, oder auch Feminität, die sich auf allen sonstigen Feldern auf dem Rückzug befindet. Es steckt viel Kampf in diesem wunderschönen Alptraum, und er gilt der Bewahrung der Zärtlichkeit." Der Filmemacher entwerfe "eine Poetik für ein schwarzes Kino", meint Philipp Stadelmaier in der SZ. Dem Regisseur war es wichtig gewesen, "die Hautfarbe tief leuchtend und die Körper plastisch auf die Leinwand zu bringen", erklärt Verena Lueken in der FAZ. Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche sieht in "Moonlight" einen "Film der Obama-Ära, doch er markiert tragischerweise auch deren Ende." Außerdem hat sich Busche mit Jenkins unterhalten.



Silber Bär und Goldener Yennenga für Alain Gomis' "Felicité".

Auf dem Fespaco Filmfestival in Ouagadougou zeigte sich NZZ-Kritiker David Signer die Bredouille des afrikanischen Kinos: Die meisten afrikanischen Filme werden vom Westen finanziert und wenden sich an ein europäisches Publikum. Alain Gomis' auch schon auf der Berlinale ausgezeichneter Gewinnerfilm "Félicité" (unsere Kritik) fiel bei Presse und Publikum in Burkina Faso durch, der Zweitplatzierte wurde dagegen frenetisch bejubelt: "'L'orage africain, un continent sous influence' des Beniners Amoussou. Aus europäischer Sicht handelt es sich um ein schlecht gemachtes, holzschnittartiges Stück Agitprop. Der Film handelt von einem afrikanischen Präsidenten, der die Rohstoffförderung seines Landes verstaatlicht. Damit verärgert er die weißen Profiteure des nationalen Reichtums, die vor keinen schmutzigen Machenschaften zurückschrecken, um ihre Macht und ihr Geld zu behalten. Sie zetteln sogar einen Bürgerkrieg an, um den guten Staatschef in die Knie zu zwingen. Aber am Ende fressen sie Staub, und die Nation triumphiert."

Weiteres: Auf der Seite Drei der SZ unterhält sich Tobias Kniebe mit Josef Hader, dessen Regiedebüt "Wilde Maus" diese Woche im Kino anläuft. Für Deutschlandradio Kultur hat sich Susanne Führer mit ausführlich mit Hader unterhalten. Auf ZeitOnline beklagt Oliver Kaever den kreativen Niedergang Hollywood und die grassierende Recycling-Kultur der Blockbuster. Besprochen wird Raoul Pecks "Der junge Karl Marx" (Welt).
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Literatur

Die UdSSR war das Imperium der Feigheit und Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita" ist ihr Roman, schreibt der weißrussische Autor Viktor Martinowitsch im Freitext. "Wenn ihr wüsstet, wie ängstlich man wird, wenn sich rechts und links die Riegel mit Schlagstockgetrommel auf Metallschilden schließen, wenn die fliehende Menge eingesackt und auf die Transporter verteilt wird, die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet für die Operation, überall schrille Schreie und das Getrampel der Springerstiefel auf blutverschmiertem Eis. In meinem Land kämpfen sie wieder gegen die Feigheit: Tausende gehen in Minsk und anderen Städten auf die Straße, um zu zeigen, dass sie gegen den Schmarotzer-Erlass sind. Offenbar wurde eine neue Runde eingeläutet im Kampf des Lichtes gegen die Finsternis, des Mutes gegen jene, deren Arbeit es ist, Angst und Schrecken zu verbreiten."

Suhrkamp-Cheflektor Raimund Fellinger gestattet im Verlags-Logbuch einen Einblick in die Dokumente zu den Auseinandersetzungen zwischen Siegfried Unseld und Peter Weiss um "Die Ästhetik des Widerstands". Den späteren Klassiker der Studentenlektüre konnte Unseld hier noch nicht erkennen, schreibt er in einer Notiz. "Ich scheitere an dieser zähen Lektüre. Das ist eine Pflichtübung, die Weiss sich auferlegt hat, ich bin hier wirklich skeptisch. Das Gespräch mit Peter Weiss wird für ihn sehr enttäuschend werden."

Weiteres: Für die Berliner Zeitung befragt Sebastian Moll Siri Hustvedt nach ihrem Aktionismus in der Ära Trump.

Besprochen werden Julian Barnes' "Der Lärm der Zeit" (Freitag, Zeit), Daniel Schreibers "Zuhause" (NZZ), Bora Ćosićs "Konsul in Belgrad" (NZZ), Lukas Bärfuss' "Hagard" (online nachgereicht von der FAZ), Sarah Gliddens Comic "Im Schatten des Krieges" (Standard), Jörg Armbrusters "Willkommen im gelobten Land?" (ZeitOnline), Bora Ćosićs "Konsul in Belgrad" (SZ) und Birgit Birnbachers "Wir ohne Wal" (FAZ).

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Kunst


Pieter Hugo, Green Point Common, Cape Town. Aus der Serie Kin, 2006-2013. Bild © Pieter Hugo, Priska Pasquer, Cologne

Aufrüttelnd und präzise, schockierend und hochästhetisch findet Till Briegleb in der SZ die Bilder des südafrikanischen Fotografen Pieter Hugo, die das Kunstmuseum Wolfsburg gerade in der Austellung "Between the Devil and the Deep Blue Sea" zeigt: "Hugo verschiebt das Abgebildete bewusst ins Künstlerische, um ihm eine neue Qualität zu geben. Er konzentriert sich dazu nicht nur auf die Porträtfotografie, er zieht oft auch die Farbsättigung hinunter. Diese Besänftigung primärer Eindrücke verstärkt die Konzentration auf das Wesentliche, den menschlichen Ausdruck. Wo andere Fotografen gleich auf Schwarz-Weiß setzen, um die Prägnanz eines Porträts zu erhöhen, gibt Pieter Hugos subtile Annäherung an die Palette alter Malerei seiner Erzählung Afrikas die besondere Wucht des Tiefgründigen, des Bleibenden und Kontemplativen."

Weiteres: Im Tagesspiegel porträtiert Nina Praddy den amerikanischen Comic-Künstler Trenton Doyle Hancock, der gerade in der American Academy in Berlin residiert. Maria Becker würdigt in der NZZ das 150-jährige Bestehen der Graphischen Sammlung der ETH Zürich. In der SZ unterhält sich Carin Lorch mit Susanne Gaensheimer über ihre Berufung zur neuen Leiterin der Kunstsammlung NRW. Brigitte Werneburg meldet in der taz, dass die Kunstsammlung des Verlegers Rudolf Mosse gemeisnam von amerikanischen Erben und deutschen Institutionen erforscht werden soll.
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Musik

Mit einem ganzen Katalog an Forderungen richtet sich Nicklas Bascheck auf ZeitOnline an den Gegenwartspop, der sich endlich wirkungsvoll gegen Trump auflehnen solle. Eine Rückkehr zum Sloganeering eines John Lennon ("Imagine") kommt für ihn nicht in Betracht. Stattdessen: "Mehr Krach. Mehr Industrial, mehr Irritation und mehr Minimal Music. Mehr nackten Lärm. Mehr Unklares. Weniger Text, weil gute Mehrdeutigkeit schwierig herzustellen ist. Weniger Erläuterungen und Bekenntnisse, weil das Publikum dann wieder selbst nachdenken dürfte. Mehr 'Was könnte das heißen?'. Weniger Protestmusik, die genau so schon heißt. Keine weiteren Vereinfachungen mehr, bitte. Mehr Widerhaken. Und mehr Verkomplizierungen. Mehr Unverständnis."

Weiteres: In ihrer Freitag-Reportage stellt Annette Kammerer ein Moskauer Techno-Kollektiv vor, das sich vor dem Frust der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in ihrem Land in ihren selbst auf die Beine gestellten Club flüchtet. Andreas Knobloch porträtiert im Freitag die 92-jährige Sängerin und Schoah-Überlebende Esther Bejarano, die heute gemeinsam mit Rappern vor den Gefahren des Faschismus warnt. Für das ZeitMagazin haben Moritz Müller-Wirth und Bernd Ulrich ein großes Gespräch mit dem Jazzpianisten Michael Wollny über dessen kreative Arbeitsweise geführt. Ueli Bernays denkt in der NZZ über die Überforderung des Musikhörers im Zeitalter offener Streaming-Archive nach und wie sich das auf unsere Hörgewohnheiten ausübt. Gregor Dotzauer berichtet im Tagesspiegel vom Streit bei der Planung und Konzipierung des Berliner House of Jazz, bei denen sich eine eher konservative Haltung und die eher an freien Ausdrucksformen orientierte Szene gegenüber stehen. Für die NMZ spricht Andreas Kolb mit Kurator Frank Kämpfer über die aktuelle Ausgabe des Forums Neuer Musik in Köln. Für The Quietus spricht Robert Barry ausführlich mit Manuel Göttsching von Ash Ra Tempel.

Besprochen wird ein Konzert des Pianisten Abdullah Ibrahim (Standard).

Und in ihrem Jazzblog Mellowtown bietet Franziska Buhre zum heutigen Internationalen Frauentag einen guten Überblick über Frauen im Jazz mit einer geradezu epischen Liste von Musikerinnen.
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Bühne

"Seelenruhige Zeitverlorenheit" umflirrte NZZ-Kritiker Bernd Noack in Toshiki Okadas "Nō-Theater" an den Münchner Kammerspielen, das nach strengen ästhetischen Regeln und mit minimalen Gesten von einer Welt erzählt, in der Götter, Geister und Dämonen neben Menschen existieren: "Die Tragik kommt hinterhältig auf leisen Sohlen daher, aus der Ruhe entspringt die Empörung und all das Nichtgesagte, Angedeutete setzt sich fest als Klage und hat eine größere Wucht als das Ausgesprochene, das wie nebenbei gehört verfliegt." (Foto: Kammerspiele, Julian Baumann)

Weiteres: Ziemlich toll findet Michael Cerha im Standard, wie das Stadttheater Klagenfurt mit Thomas Bernhards "Vor dem Ruhestand" den Geburtstag des Reichsführers SS feierten: "Mehrfach von Theater heute zum Schauspieler des Jahres gekürt, ist der Hamburger Michael Prelle ein Protagonist, der Massenmord und Poesie mit erschreckender Selbstverständlichkeit unter eine Offizierskappe bringt." Annette Walter berichtet in der taz vom Brecht-Festival in Augsburg, bei dem unter anderem Selcuk Caras Adaption der "Maßnahme" gezeigt wurde. Manuel Brug schreibt in der Welt zum Tod des Opernbass Kurt Moll, in der SZ Wolfgang Schreiber.

Besprochen werden Christiane Kalss' Stück "Die Erfindung der Sklaverei" an Theater Drachengasse in Wien (Standard) und Mike Daiseys Kabarettshow "Trump" am Schauspiel Dortmund (Standard)
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