Efeu - Die Kulturrundschau

Das schöne Pathos der Siebzehnjährigkeit

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16.03.2017. Die Presse freut sich über Jakob Lena Knebls respektlose Neuordnung der Sammlung im Wiener Mumok. In der FR graust es den Schriftsteller Iván Sándor davor, dass Imre Kertesz' Nachlass in Ungarn verwaltet werden soll. Die SZ hört Christiane Rösingers Lieder ohne Leiden in gewohnt knatschiger Och-nö-Tonlage. Die nachtkritik fragt, warum Gläubige auf deutschen Bühnen immer als Deformierte beschrieben werden. Die Filmkritiker lieben Altmeister Andre Techine für seine hinreißenden 17-Jährigen.

Film


Körper in Bewegung: André Téchinés "Mit Siebzehn"


Zwei Jungs verlieben sich ineinander und merken es lange nicht: Mit "Mit Siebzehn" ist Altmeister André Téchiné wieder ein für ihn ganz und gar typischer Film gelungen, freuen sich die Kritiker. Toll findet es etwa Ekkehard Knörer in der taz, dass der siebzig Jahre alte Regisseur sehr genau weiß, was es heißt, 17 zu sein. Besonders gefällt Knörer aber, "dass er nichts besser weiß, einerseits, sondern vollkommen solidarisch bleibt mit dem schönen Pathos der Siebzehnjährigkeit; er macht, andererseits, aber auch nichts mythisch Besonderes daraus. ... [Es] funktioniert, denn Téchiné ist ein Meister des filigranen Zusammenhaltens teils stark, teils subtil divergierender Kräfte. Schon immer, und hier ganz besonders. Er findet für die auseinanderliegenden, auch mal auseinanderfliegenden Perspektiven eine unaufdringliche Form."

Auch SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier ist bestrickt von diesem Film und der Inszenierung der Körper: Sie "kennen keine Müdigkeit, haben immer noch eine Reserve an Energie. Das Einzige, was sie determiniert, ist dieser Überschuss an Bewegung - keine 'sexuelle Identität'." FAZ-Kritiker Andreas Kilb freut sich, dass der Film sein Thema nicht nach Sitte deutscher Problemfilme behandelt. Hier außerdem unsere Kritik zur Berllinale-Premiere des Films im letzten Jahr. Zudem porträtiert Marli Felvoß in epdFilm die Schauspielerin Sandrine Kiberlain.

Hanns-Georg Rodek bringt in der Welt Details zur neuen Filmförderung, die künftig einen doppelt so hohen Etat verwalten kann: Vor allem die zuletzt eher mit anderen Ländern vorlieb nehmenden Großproduktionen und deren Budgets sollen damit wieder nach Deutschland gelockt werden: "Über den Daumen gerechnet, kassiert Schäuble für jede Million, die der DFFF zuschießt, zwischen zwei und vier Millionen Steuern - Einnahmen, die er nicht hätte, wäre das Projekt nach Prag oder London gewandert. Das deutsche Kino hat nun ziemlich viel Geld. Jetzt braucht es nur noch die Ideen."

Weiteres: Für Deutschlandradio Kultur unterhält sich Gesa Ufer mit Bert Rebhandl über Orson Welles' unvollendet gebliebene Hollywood-Satire "The Other Side of the Wind", die Netflix neuesten Meldungen zufolge fertig stellen will (mehr zu dieser legendären Filmruine hier in unserer Magazinrundschau). In einer Berliner Filmreihe hat Navid Kermani Werner Herzogs Dokumentarfilm "Grizzly Man" präsentiert, berichtet Julia Dettke in der FAZ. Früher waren Blockbuster in den USA auf die Sommermonate beschränkt, heutzutage sammeln Großproduktionen wie der neue "King Kong" und "Logan" ihr Publikum bereis im März ein, ist David Steinitz von der SZ aufgefallen.

Besprochen werden Marita Nehers und Tatjana Turanskyjs "Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen" (der für Fabian Tietke in der taz "eine mögliche andere Form selbstreflexiven politischen Kinos" in Aussicht stellt), Michaël Dudok de Wits kunstvoller Animationsfilm "Die rote Schildkröte" (Perlentaucher), Robert Beavers' avantgardistischer Tagebuchfilm "From the Notebook of..."(Perlentaucher), Disneys Neuverfilmung von "Die Schöne und das Biest" (NZZ, FAZ) und Felix Hern­grens "Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand" (taz).
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Literatur

Sehr bewusst habe Imre Kértesz seinen Nachlass in Berlin eingelagert. Nun will eine von der Orbán-Regierung großzügig ausgestattete ungarische Stiftung den Nachlass verwalten. Bei dem Schriftsteller Iván Sándor löst dies blankes Entsetzen aus, wie in der FR nachzulesen ist: Auch andere ungarische Schriftsteller wurden von der Regierung bereits vereinnahmt, deren politische Vorläufer im Geiste jene seinerzeit aus dem Land getrieben haben. "Darauf, was jetzt mit seinen Werken geschieht, würde Imre Kertész gewiss mit seinem bekannten Lachen reagieren, das ich seit unseren gemeinsamen Spaziergängen am Balaton in Erinnerung habe. Die Abwegigkeit der Angelegenheit würde ihn nicht überraschen, denn er hatte die Absurdität schon immer für einen Bestandteil der Weltordnung gehalten. ... Moralisch halte ich diese 'Übereignung' so lange für ungültig und inakzeptabel, bis ein von Kertész selbst unterzeichnetes, durch glaubhafte Zeugen bestätigtes Dokument auftaucht." (Mehr dazu in unserer Magazinrundschau hier und hier)

Weiteres: In der NZZ erinnert sich der serbische Dichter Bora Ćosić daran, wie er im Winter 1951 auf den Futurismus gestoßen ist. Im Verlagsblog Hundertvierzehn fordert Thomas von Steinaecker die Würdigung unvollendeter Werke. Besprochen werden Natascha Wodins "Sie kam aus Mariupol" (SZ) und Eva Menasses "Tiere für Fortgeschrittene" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur

Kunst


Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung, mumok Wien. Photo: mumok / Lisa Rastl

Die queere Wiener Künstlerin Jakob Lena Knebl hat die Sammlung im Wiener Mumok neu aufgestellt. In der Presse ist Almuth Spiegler restlos begeistert: "Es ist eine für kanonische Gemüter völlig respektlose Mischung von Mode, Kunst, Design und Clubkultur - samt Special-Appearance der Seventies, der 1970er-Jahre, die Knebl besonders am Herzen liegen. Denn hier sieht sie die Urzellen der sexuellen Befreiung und des politischen Bewusstseins liegen, die sich zu bequemen Sitzsäcken ausgewachsen haben. Von diesen und anderen Sitzgelegenheiten gibt es genug in der Ausstellung - etwa eine Sofalandschaft, von der aus man in einem biederen hölzernen Wandverbau kunsthistorischen Nippes bewundern kann, einen Messingkopf von Sophie Täuber etwa, aber auch einen männlichen Rückenakt Johanna Kandls oder ein Video mit einem sozusagen fokussierten männlichen Vorderakt, nämlich einem Penis (der hier Erleuchtung bedeutet, also den Lichtschalter bedient) von Anna Jermolaewa. Derartige assoziative Gruppen - 'Begehrensräume' - bilden den Rhythmus der ganzen Ausstellung..."


Lawrence Alma-Tadema, Unconscious Rivals, 1893 Bristol Museums & Art Gallery, Foto: © Bristol Culture, Bristol Museum and Art Gallery

Er prägte unser Bild von der Antike, inspirierte Hollywood und beeinflusste Gustav Klimt: "Sein Métier: die malerische Wiedererweckung der römischen und griechischen Antike", erzählt Roman Gerold im Standard anlässlich einer Ausstellung von Werken des niederländischen Malers Lourens Alma-Tadema im Belvedere in Wien. "In akribisch recherchierten, ungemein detailgenauen Bildern ließ Alma-Tadema, dieser Archäologe mit dem Pinsel, das alte Rom, Pompeij und Ägypten aufleben. Historischer Begebenheiten nahm er sich an, aber auch ganz alltäglicher Szenen von der Straße, schuf Bilder quasi 'zum Betreten'. Besonderen Anklang fanden auch sonnenlichtdurchflutete, mediterrane Visionen von müßiggehenden Reichen und Schönen. Von Patrizierfrauen etwa, die sich in der Villa am Meer mit 'Pool' an exotischen Karpfen erfreuen (Silberne Lieblinge, 1903). Mit derlei Illusionen identifizierte sich die viktorianische Elite gern."

Weiteres: Simone Reber freut sich im Tagesspiegel über den Gabriele Münter Preis für die Münchner Künstlerin Beate Passow. Besprochen werden Astrid Esslingers "Strichcodesklaven" in der Werkstatt Graz (Standard), die Polke-Ausstellung im Burda-Museum in Baden-Baden (FR) und die Schau zur Künstlerfreundschaft Michelangelo und Sebastiano in der National Gallery in London (Zeit).
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Bühne

In der nachtkritik ärgert sich Dirk Pilz über die Darstellung von Gläubigen auf deutschen Theaterbühnen: Sie träten "fast nur als Zerrbild auf, als Mängelwesen und bedauernswerte Tropfe, die den Anschluss an die Welt der Aufklärung und Vernunft verpasst zu haben scheinen. Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderung, Homosexuelle, Alte und Gebrechliche gehören mit wachsender Selbstverständlichkeit gottlob zum Theater dazu, ohne dass sie auf Alter, Geschlecht oder Herkunft reduziert würden. Zumindest lässt sich hier ein zunehmend kritisches Bewusstsein beobachten. Für Gläubige gilt das jedoch nicht. Wie kommt das?"

Im Gespräch mit dem Standard stellen Autor Michael Köhlmeier und Theaterregisseur Antú Romero Nunes den Antikenschwerpunkt des Wiener Burgtheaters vor. Wie aktuell das sein kann, erklärt Nunes am Beispiel des Chors in der "Orestie": "Es handelt sich um antike Fake News, alternative Wahrheiten. Der Chor verdrängt auch permanent. Wenn Kassandra bekennt, dass ein Fluch auf ihr lastet, weil ihren Voraussagen niemand Glauben schenkt - dann folgt eine Stelle, wo der Chor ihr dennoch glaubt. Was wird hier also verdrängt, und von wem?"

Besprochen werden Michael Gruners Solostück "Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen" nach Kafka und Beckett im Wiener Hamakom-Theater (Standard, Presse) und Maria Lilith Umbachs Inszenierung von "Nasser #7Leben" am Grips-Theater in Berlin (Tagesspiegel).
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Musik

SZ-Kritiker Josef Wirnshofer staunt über die neue "Gelassenheit", mit der die sonst für ihre brillant schlechte Laune bekannte  Christiane Rösinger auf ihren neuen Album "Lieder ohne Leiden" zu Werke geht: So gelöst klang die Berliner Indie-Grande-Dame noch nie. "Das liegt vor allem an dem wattigen, zurückgelehnten Sound, den Andreas Spechtl den neun Stücken verpasst hat. ... In 'Lob der stumpfen Arbeit' lässt Spechtl eine melodieverliebte Gitarre um Rösingers Gesang tänzeln. In 'Joy of Ageing' verbreitet eine gleißende Akustische etwas Glitzer, während die 56-Jährige singt: 'Alles Essig, alles Mist / wenn du aus Schwermut Forest bist', die Stimme dabei in der gewohnt knatschigen Och--Tonlage." Und das ist wirklich sehr, sehr hinreißend:



Weiteres: Jürg Zbinden porträtiert für die NZZ die Sängerin La Lupa. Gaby Sohl unterhält sich für die taz mit der portugiesischen Sängerin Cristina Branco. Steffen Kolberg schreibt in der Spex über die Sängerin Yasmine Hamdan, die mit Jim Jarmuschs "Only Lovers Left Alive" einem größeren Publikum bekannt geworden ist. Außerdem hat die Zeit heute ein kleines Musikspecial über u.a. den Klarinettisten Andreas Ottensamer, das israelische Omer Klein Jazztrio und die erste Opernkomponistin Francesca Caccini.

Besprochen werden das neue Album der Siebziger-Referenz-Freunde Spoon ("von Dinosaurierblähungen keine Spur", frohlockt Karl Fluch im Standard), das neue Album der Shins ("die Synthesizer-Elemente sind liebenswürdig nerdig", freut sich Karl Fluch im Standard), ein Auftritt von Warpaint (FR), ein Elvis-Costello-Konzert (taz), ein Konzert der Tuareg-Band Tinariwen (Tagesspiegel), ein Mozart-Abend mit Teodor Currentzis und MusicAeterna (Tagesspiegel), ein Konzert des türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say mit der Kammerakademie Potsdam (Tagesspiegel) und der neue Konzertfilm von Rammstein (Tagesspiegel).

Außerdem: Das neue Video von Snoop Dogg (via Donald Trump):


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