Efeu - Die Kulturrundschau

Adelig, zickig, lebensuntauglich

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14.03.2017. Die FAZ möchte sich gern von dem neuen Suhrkamp-Verlagsgebäude aus dem sinnlichen Entzugskoma reißen lassen, in das Berlins Architektur sie vor zwei Jahrzehnten versetzte. Die taz streift in Moskau durch die Ruinen des Konstruktivismus. Die NZZ würdigt die Noblesse der Sopranistin Anja Harteros. Die SZ erlebt in der Ed-Atkins-Schau im Frankfurter MMK Avatare in echter Sartre-Stimmung. Die Welt stichelt gegen die Verehrer der Paula Modersohn-Becker. Und in der Zeit baut David Grossman am großen Bollwerk gegen den Rechtspopulismus.

Architektur


Der Entwurf von Bundschuh Architekten für das Suhrkamp-Verlagshaus in Berlin-Mitte. Bild: Bundschuh Architekten

FAZ-Kritiker Niklas Maak hat einen ersten Blick auf die Entwürfe für das neuen Suhrkamp-Verlagshaus geworfen, und kann sich den Bau mit seinem aus "Rückzug, Intimität und Öffnung" gut in der - noch - großstädtischen Torstraße vorstellen: "Die Verlagsräume, die sich hinter einer Metall- und Glasfassade befinden, scheinen an einer riesigen skulpturalen Betonstele befestigt zu sein, die das Treppenhaus verbirgt. Von den ersten Renderings her kann man über die Wirkung nicht viel sagen, aber es sieht so aus, als ob die Fassade lebendiger und leichter wirken wird als die nachhaltig wärmeisolierten, protestantisch-aseptischen kalkweißen Putzfassaden, mit denen die Berliner Immobilienentwickler die Passanten sonst so oft ins sinnliche Entzugskoma treiben."

Selbst als halbe Ruine ist das Moskauer Narkomfin-Gebäude für Sonja Vogel in der taz noch eines der schönsten Häuser der Stadt und eine Ikone der Moderne sowieso. Narkomfin hat nämlich fünf Stockwerke, aber nur zwei Korridore, die eineinhalbgeschossigen Wohnungen sind nach oben und unten gekippt: "Gebaut wurde das Gebäude mit Gemeinschaftsblock und 54 Duplexwohnungen von 1927 bis 1930 von dem Architekten Moisei Ginzburg für die höheren Angestellten des Kommissariats für Finanzen, kurz: Narkomfin. Es gilt als radikalste Umsetzung eines modernen Wohnkonzeptes. 'Diese Periode war die wichtigste der russischen Architektur überhaupt', sagt Alexei Ginzburg, der Enkel des Architekten und nun selbst Architekt des neuen Eigentümers. 'Aber bis heute gilt sie als die hässlichste.' In Russland hat der Konstruktivismus einen schlechten Ruf. Die stalinistische Diskreditierung der Avantgarde war so nachhaltig, dass, als Narkomfin 1931 bezugsfertig war, seine Zeit bereits vorbei war." (Foto: CC BY-SA 2.5)
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Literatur

Die Zeit dokumentiert eine Rede des Schriftstellers David Grossman, in der dieser die Literatur als Bollwerk gegen den grassierenden Rechtspopulismus stark macht. In einer Zeit bewusst gesteuter Diffusionen bringe "eine gute Geschichte uns wieder mit einer nicht zu erschütternden Wahrheit in Berührung: mit einem fast physischen Wissen um das, was gut und was böse ist. ... Natürlich kann der Journalismus rascher auf die Wirklichkeit reagieren, aber von großer Literatur ist, nicht weniger als von großen Historikern, zu erfahren, wie die feinen psychologischen, sozialen, persönlichen und nationalen Prozesse ablaufen - Prozesse, die den Mechanismus diktatorischer Regime und den Charakter brutaler und manchmal auch verrückter Despoten geformt und hervorgebracht haben."

Weiteres: Im Internet stößt Tagesspiegel-Kritiker Gregor Dotzauer auf Licht und Schatten der Germanistik.

Besprochen werden Franz Doblers "Ein Schlag ins Gesicht" (Tagesspiegel), Lukas Bärfuß' "Hagard" (taz), Daniel Schreibers Essayband "Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen" (taz), Franz Schuhs "Fortuna. Aus dem Magazin des Glücks" (NZZ), Jean Luc Seigles "Ich schreibe Ihnen im Dunkeln" (NZZ), Michail Ossorgins erstmal auf Deutsch erschienener Klassiker "Zeugen der Zeit" (Tagesspiegel), Honoré de Balzacs "Mercadet oder Warten auf Godeau" (Jungle World), Charles Fosters "Der Geschmack von Laub und Erde" (SZ) und Franzobels "Das Floß der Medusa" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Bühne


Anja Harteros und Jonas Kaufmann in Andrea Chénier. Bild: Münchner Staatsoper.

In München feierte der Tenor Jonas Kaufmann nach langer Krankheitspause seine Rückkehr auf die Opernbühne. Doch heldenhaft findet Marco Frei in der NZZ eher die Sopranistin Anja Harteros, die in Philipp Stölzls Inszenierung von Umberto Giordanos "Andrea Chenier" dem stimmlich noch angeschlagenen Kaufmann sehr entgegenkam: "Eine derart noble, edle Geste authentisch gelebter Mitmenschlichkeit erlebt man am Theater ganz selten." Auch SZ-Kritiker Reinhard Brembeck feiert die Ausnahme-Sopranistin: "Anja Harteros gelingt ein Wunder. Ihre Maddalena ist die vielleicht klischeehafteste Opernfrau überhaupt: adelig, zickig, lebensuntauglich, reaktionär. Aber sie ist eine ganz große Liebende, die die Leidenschaft zu Chénier wie ein Blitz durchfährt. Dieses Leuchten und Rasen formt Harteros mit Stolz, Ruhe und einer Unbedingtheit fern von Triumph und gängiger Opernliebesleidenschaft." In der Welt sieht Manuel Brug allerdings Regisseur Stölzl zwischen gestern und heute stecken geblieben, ungefähr wie in seinen Winnetou-Filmen

Weiteres: Irgendwie auch tröstlich findet Wolfgang Kraliczek in der SZ Joachim Meyerhoffs Bühnenversion von Thomas Melles "Die Welt im Rücken" am Wiener Akademietheater. Dass Martin Walsers "Ehen in Philippsburg" Judith von Sternburg noch einmal so beeindrucken würde, hätte sich die FR-Kritikerin nicht vorstellen können, doch nach Stephan Kimmigs Inszenierung am Schauspiel Stuttgart meint sie: "Welch ein Vergnügen und was für ein sehenswertes Ensemble."
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Design

In einem Laden von Yves Saint Laurent haben einige Feministinnen zum Ausklang der Pariser Fashion Week eine laustark empörte Protestaktion gegen die als sexistisch empfundene jüngste Plakataktion des Labels durchgeführt (hier der passende Hashtag dazu). Über soviel prüden Contenance-Verlust kann Annabelle Hirsch von der taz nur genervt mit den Augen rollen: "Surrealisten wie Hans Bellmer wären eingesperrt worden für ihre sadistischen Deformationen weiblicher Körper, großartige Modefotografen wie Guy Bourdin wären bei Vogue nicht einmal bis in die Eingangshalle gelangt, die meisten französischen Schriftsteller wären gelyncht worden. Vor allem aber wären französische Frauen nicht diese faszinierenden, selbstbewussten, freien Wesen, die sie sind. Das Leben wäre sicher immer sehr respektvoll und korrekt, nur wäre es auch unendlich farblos und langweilig und von jeglicher Erotik befreit. In diesem Sinne: Vive la mode! Vive Paris! Vive la liberté!"
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Kunst


Ed Atkins: "Corpsing" im Frankfurter MMK

Als Post-Internet und Post-Corporate erklärt uns Jörg Heiser in der SZ die computeranimierten Videoarbeiten des britischen Künstlers Ed Atkins, die im Frankfurter Museum für Moderne Kunst zu sehen sind: "Stimmungen wie aus Beckett-Dramen oder Sartre-Romanen. Absurdität und Ekel, Ennui und Angst, überzogen mit einer dünnen Haut bitteren Humors... Auch hier also: Verfügbarkeit und Entwertung. Atkins macht die Avatare von der Stange zu seinem Alter Ego. Die Figur, die multipliziert Computerspielwelten bevölkern soll, wird zum Protagonisten digitaler Einsamkeit. Ein schnittiger Typ mit trainiertem Body übrigens."

Nicht unbedingt gegen die Malerin Paula Modersohn-Becker selbst, aber doch gegen ihre Bewunderer, die sie zu einem deutschen Picasso stilisieren wollen, richtet Hans Joachim Müller in der Welt eine milde Polemik: "Dabei ist der Picasso-Vergleich völlig lächerlich. Neben der stilistischen und thematischen Stringenz, mit der der junge Picasso der blauen und rosa Periode seine privaten und weltschmerzgetönten Idiosynkrasien verarbeitet, wirkt das Suchen, Probieren und schnell wieder Verwerfen der Malerin wie Schülerattitüde."

Weiteres: Antonia Herrscher feiert in der taz die umfangreiche Werkschau, die der Martin-Gropius-Bau dem austroamerikanischen Architekten, Bühnenbildner, Designer, Künstler und Theoretiker Friedrich Kiesler widmet. Im Standard empfiehlt Colette Schmidt die Schau, die der Grazer Kunstverein dem Schriftsteller und Kommunisten Ernst Fischer widmet. Im Tagesspiegel-Interview schwärmt Neo Rauch von den mitteldeutschen Rübenfeldern, anhaltinischen Städten und, ähem, Schießübungen: "Das Schießen auf Scheiben ist ein sehr meditativer Vorgang. Ich übe die Zielgenauigkeit, das ist gut zur inneren Austarierung."
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Musik

Welt-Kritiker Michael Pilz freut sich über die Wiederveröffentlichungen, mit denen das Label Earth Recordings auf den in Vergessenheit zu geraten drohenden, britischen Folkpionier Bert Jansch aufmerksam macht: "Von allen, die damals als 'britischer Bob Dylan' angehimmelt wurden, Donovan und alle anderen Schüler von Bert Jansch, war er der sperrigste, auch menschlich und sozial. Er saß lieber mit der Gitarre da und sang, als darüber zu sprechen. Wenn ihn wieder einer nach Bob Dylan fragte, stand er auf und ging."

Georg Renöckl schreibt in der NZZ über 150 Jahre Donauwalzer von Johann Strauss: "Eine strapazierfähigere Melodie wird man vergeblich suchen; selbst ihre Verwendung als Notdurft-Hintergrundmusik in der bei Touristen beliebten Vienna Opera Toilet kann ihrer Aura nichts anhaben." Immerhin wurde das Stück auch schon zu erhabeneren Zwecken eingesetzt:



Besprochen werden Laura Marlings "Semper Femina" (Pitchfork), Anohnis neue EP "Paradise" (Popmatters), Vladimir Jankélévitchs Buch "Die Musik und das Unaussprechliche" (NMZ) und Eva Riegers Biografie "Frida Leider - Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit" (NMZ).
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Film

Vor wenigen Jahren stand Adrineh Simonian noch als Mezzosopranistin auf der Bühne und dem Feminismus eher skeptisch gegenüber - heute dreht sie experimentelle Pornofilme, die sie als feministischen Akt begreift. Judith E. Innerhofer von der Zeit hat sich mit ihr unterhalten und umreißt dabei auch die Ästhetik von Simonians Filmen: "Zu exhibitionistisch veranlagt sollen die Darsteller nicht sein, Simonian will keine vermeintlichen Amateur-Homevideos in billigem YouPorn-Stil erzeugen. Es sind filmtechnische Experimente, Spiele mit Licht und Schatten, Körpertexturen und Bewegungen, das Ambiente reduziert, der Schnitt rhythmisch. Geschlechtsteile sind zu sehen oder auch nicht, es kann penetriert werden oder auch nicht, der Orgasmus ist kein obligatorisches Finale."

Weiteres: Die US-Zeitschrift Empire bringt den Regisseur Edgar Wright mit Actionmeister Walter Hill ins Gespräch. In der Neuen Musikzeitung befasst sich Viktor Rotthaler mit den Soundtracks von Martin Scorseses Filmen. Andrian Kreye hält in der Jazzkolumne der SZ Ausschau nach Jazzfilmen, in denen es nicht auf die eine oder andere Weise darum geht, dass sich Weiße der schwarzen Musikkultur bedienen (fündig wird er - oh weh - erst im Jahr 1990, in Spike Lees "Mo' Better Blues"). Im aktuellen Essay auf kino-zeit.de interessiert sich Patrick Holzapfel für das Essen von Blumen im Film. Das arte-Videomagazin Blow Up schlendert in seiner aktuellen Ausgabe unterdessen über die Dächer im Kino.



Besprochen werden Jordan Vogt-Roberts' Monstersause "Kong: Skull Island" (taz) und eine von Menschen gespielte Neuauflage des Disneyklassikers "Die Schöne und das Biest" (Tagesspiegel).
Archiv: Film