Efeu - Die Kulturrundschau

Der bodenlose Ozean des Lebens

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10.03.2017. Der populäre russische Schriftsteller Zakhar Prilepin befehligt ein Bataillon in der Donezker Volksrepublik, berichtet die NZZ. Der Guardian staunt über den Künstler Robert Sikoryak, der die iTunes-AGB zu einem Comic adaptiert hat. Die taz freut sich beim neuen Album der Magnetic Fields über ganz viel Disco, ganz viel Dancing. Die FAZ vergewissert sich im Louvre einmal mehr der Meisterschaft Vermeers. Und die SZ verirrt sich in Daniel Libeskinds neuem Zentralgebäude der Uni Lüneburg.

Architektur


Audimax Lüneburg (Foto von San Andreas unter CC-Lizenz auf Wikipedia veröffentlicht)

Letztlich doppelt so teuer und drei Jahre später als geplant, wird das von Daniel Libeskind entworfene Zentralgebäude der Universität Lüneburg morgen endlich eröffnet, berichtet Till Briegleb in der SZ: "Das übliche faltenreiche Antlitz, mit dem Libeskind Shopping Malls wie Apartmenthäuser umhüllt, verjüngt sich hier im Inneren zu einem erquickenden Repertoire an hellen Räumen, von dem keiner dem anderen gleicht. Um am besten Platz zu beginnen: Dort, wo streng hierarchisch der Präsident säße, können nun die Studenten die Aussicht, hm, genießen. In den oberen Geschossen des Turms liegen Arbeitssäle mit Fernblick auf die Altstadt, Wälder und hässliche Stadtrandsiedlungen mit Heizkraftwerk."

Weiteres: Luise Wagner hat für die Welt das neu eröffnete Trump-Hotel in Vancouver besucht. In der NZZ meldet Marc Zitzmann, dass Frank Gehry mit dem Bau eines Kulturzentrums in Paris beauftragt ist.
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Literatur

Im Guardian stellt ein absolut hingerissener Sian Cain den Künstler Robert Sikoryak vor, dessen neuester Comic "Terms and Conditions" ein bemerkenswertes Stück Konzeptkunst sei: "Its panels of text and dialogue are word-for-word true to the 20,669-word terms and conditions, published by iTunes in 2015 (Apple has since adopted a lighter 7,000-word version). The book sees the late Steve Jobs transformed on every page into famous comic characters as he reels off Apple's user agreement. On one page, he's Snoopy, solemnly contemplating the rules of pre-orders as he lays on his little kennel. In another, he's Hulk going green while explaining iTunes Match. It is baffling, weird and - strangely for a book put together with text, design and characters created by other people - entirely original."

In der NZZ schreibt Urich M. Schmid über die politischen Aspirationen des russischen Schriftstellers Zakhar Prilepin, der sich als neuer Puschkin inszeniert, sich mit national-chauvinistischen Positionen in der Donezker Volksrepublik hervortut und offenbar nach dem Rang des Nationaldichters strebt. Das mache ihn zu einer "sehr ambivalenten Erscheinung in der russischen Literatur". Denn "einerseits ist er ein äußerst gebildeter Autor, der seine Romane und Erzählungen mit höchster kompositorischer und stilistischer Kunstfertigkeit verfasst. Andererseits vertritt er extreme politische Positionen, die er notfalls auch mit Gewalt durchsetzen will. Diese Kombination ist in der russischen Kulturgeschichte nicht neu: Bereits Dostojewski - für Prilepin nicht zufällig der 'Top-1-Autor' der Weltliteratur - verband höchste künstlerische Innovation mit einer chauvinistischen und aggressiven Ideologie."

Weiteres: Judith von Sternburg unterhält sich in der FR mit Chamissopreisträgerin Barbi Markovic unter anderem über Besonderheiten im Sprachtransfer zwischen Deutsch und Serbisch. Die SZ dokumentiert Friedrich Christian Delius' Laudatio auf Abbas Khider, der ebenfalls mit dem Chamisso-Preis ausgezeichnet wurde.

Besprochen werden Andreas Stichmanns "Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk" (taz), Kathy Zarnegins "Chaya" (NZZ), Imbolo Mbues "Das geträumte Land" (ZeitOnline) und Klaus Reicherts "Wolkendienst" (Berliner Zeitung).

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Bühne



Bei der Welturaufführung der Diktatorensatire "Just Call Me God" in der Elbphilharmonie können weder das Stück noch der Aufführungsort FAZ-Kritiker Hubert Spiegel restlos überzeugen. Hauptdarsteller John Malkovich macht das alles jedoch wett: "Die Doppelzüngigkeit des Westens, die perversen Mechanismen der Macht, das Quotenspiel der Medien, die Faszination der Amoral, alles wird kurz angerissen und von Malkovich gaumig wieder ausgespuckt. ... Nichts soll vom Star ablenken. Und Malkovich ist tatsächlich eine Wucht an Präsenz und Präzision, ein psychopathischer Komödiant der Macht, giftig und schillernd wie eine Viper."

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Patrick Marbers "Drei Tage auf dem Land" am Schauspiel Frankfurt (SZ) und Ruud Gielens Dramatiseirung von Kamel Daouds "Der Fall Meursault" am Theater Neumarkt in Zürich (NZZ).
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Musik

Sehr hingerissen berichtet Jens Uthoff in der taz vom neuen Konzeptalbum von Stephin Merritts Projekt The Magnetic Fields, das sich als Parforceritt durch die Geschichte der Popmusik entpuppt: "Da ist die Story dieses liebenswerten Außenseiters auf der einen, da ist die Blütezeit der Popkultur auf der anderen Seite. Merritt erzählt diese Geschichten parallel und wirft einem fast im Sekundentakt die Stichworthäppchen zu, die man nur aufzuschnappen braucht, damit sich größere Referenzräume öffnen: Judy Garland, Jefferson Airplane, Vietnam. Summer of '69 und Hustle '76. Neu! und Can. New Romantics und Tetris. Ganz viel Disco, ganz viel Dancing." Hier das aktuelle Video:



Weiteres: Auf ZeitOnline hält Daniel Gerhardt Ausschau nach einem deutschen Pendant zum meckernden Klassenbewusstsein der britischen Sleaford Mods, die gerade ein neues Album herausgebracht haben. Jennifer Beck stellt in der Spex die Musikerin Vagabon und deren "Globetrotter-Propaganda-Musik" vor. Im Tagesspiegel porträtiert Gunda Bartels den Tubaspieler Andreas Martin Hofmeir.

Besprochen werden das Debüt "Everybody Works" von Jay Som (Pitchfork), ein Konzert der Wiener Symphoniker unter Philippe Jordan (Standard), ein Konzert von Daniel Barenboim und Radu Lupu (Tagesspiegel), ein Münchner Konzert von Gideon Kremer und Martha Argerich (SZ), das Album "In Between" der Feelies (taz), das Comeback-Album "Moh Lhean" des Rappers Why? (taz) und eine Ausstellung über das Freejazz-Kollektiv FMP im Haus der Kunst in München (SZ).
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Film


Warum sich hetzen? Isabelle Huppert und Louis Garrel in "Falsche Vertraulichkeiten" von Luc Bondy (Bild: Arte / Jess Hoffman)

Ins Kino wird "Falsche Vertraulichkeiten", der letzte, im Schnitt von seiner Frau Marie-Louise Bischofberger fertiggestellte Film von Luc Bondy, nicht mehr kommen. Dafür präsentiert Arte den mit Isabelle Huppert besetzten Film derzeit im Netz. Er basiert auf einem Theaterstück von Pierre Carlet de Marivaux. "Ein Theaterfilm nicht nur, weil fast alle Szenen im Gebäude des Théâtre de l'Odéon spielen", schreibt dazu Simon Strauß auf der Medienseite der FAZ, "sondern auch, weil die Gänge und Gesten der Schauspieler ihrem Wesen nach Theatergänge und Theatergesten sind. ... Ein Film von einem, der sich nach Schönheit und Ruhe sehnt. Allein wie oft hier jemand auf Kissen oder ins Bett sinkt, wie langsam gesprochen, wie wenig sich bewegt wird - das Leben könnte doch auch endlos sein, warum sich also hetzen?"

Weiteres: Für den Freitag spricht Michael Angele mit Josef Hader, dessen (in der FAZ besprochenes) Regiedebüt "Wilde Maus" diese Woche anläuft. Dominik Kamalzadeh empfiehlt im Standard eine Filmreihe zum BRD-Kino der Adenauerzeit im Österreichischen Filmmuseum. Auf Moviepilot wird Rajko Buchardt ganz nostalgisch, weil Sam Raimis in Deutschland jahrzehntelang per Amtsgerichtsbeschluss auch für Erwachsene verbotene Horrorklassiker "Tanz der Teufel" ab dieser Woche legal (und mit einer Freigabe ab 16...) in den Kinos laufen darf.

Besprochen werden Barry Jenkins' "Moonlight" (Perlentaucher, Freitag, mehr dazu hier), der Dokumentarfilm "Original Copy" über einen indischen Kinoplakatmaler (Tagesspiegel), Baran bo Odars Actionthriller "Sleepless" (Perlentaucher, Tagesspiegel), der neue "King Kong"-Blockbuster (Tagesspiegel, Filmgazette), Michael Kochs "Marija" (Tagesspiegel) und die saudi-arabische Komödie "Barakah meets Barakah" (Tagesspiegel, FAZ).
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Kunst


Jan Vermeer: "La lettre interrompue" (1665-1667)

Im Louvre sind zwölf Gemälde Jan Vermeers zusammen mit siebzig Werken seiner niederländischen Zeitgenossen zu sehen. Die Nebeneinanderstellung lädt FAZ-Kritiker Kolja Reichert zum Vergleich ein. Wenn er sich etwa fragt, warum Vermeers "La Lettre interrompue" nicht kitschig wirkt, dann liegt es für ihn daran, dass "hier nichts Effekt um des Effektes willen ist, sondern es bei Vermeer immer zuallererst um die Frage geht, was ein Bild kann. Vermeer braucht auch keine servil mit dem Schwanz wedelnden Hunde, wie sie bei Metsu, Gerard ter Borch oder Jan Steen selbstverständlich sind. Und er verzichtet auf historisierende römische Säulen wie von Caspar Netscher. Lieber gibt er der Reihe Delfter Kacheln Raum, die unten am Boden die Wände säumen, ohne eine Bedeutung tragen zu müssen."

Der britische Maler Howard Hodgkin ist gestorben. In der NZZ schreibt Philipp Meier einen Nachruf, in dem er auch mit dem verbreiteten Irrtum aufräumt, Hodgkins Bilder seien abstrakt. Was sie darstellen, sei zwar schwer fasslich, aber gleichwohl konkret: "Stimmungen wie Düfte, wie flüchtige Erinnerungen, die Hodgkin während langer Malprozesse auf den Bildträger bannt, aus seinem tiefsten Inneren der Empfindung auf ein Holzbrett überträgt, Pinselstrich um Pinselstrich. Bis, vielleicht nach Monaten oder Jahren, alles da ist: die in der Erinnerung wieder auflebende Gefühlsregung, der rare Augenblick, der kostbare Moment: einer zwischenmenschlichen Begegnung vielleicht, eines Landschaftseindrucks, einer abendlichen Wetterlage beim Spaziergang, eines Glücksgefühls wenig konkreter Art auch - eine jener Perlen eben aus dem bodenlosen Ozean des Lebens." Weitere Nachrufe im Guardian und in der FAZ.
Archiv: Kunst