Efeu - Die Kulturrundschau

Archaisch erscheinen die bossierten Fensterstürze

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15.03.2017. Im Perlentaucher erkennt Daniele Dell'Agli im Ambient des Brian Eno die subversivste aller Avantgarden. Die taz entdeckt bei der MaerzMusik Walter Smetaks mikrotonal zirpende Expansionsmusik. Der Freitag reist mit dem deutsch-iranischen Regisseur Sohrab Shahid Saless zu einer Retrospektive nach Teheran. Außerdem denkt Aminatta Forna im Freitag über die afrikanische Gegenwartsliteratur nach. Und die NZZ freut sich, dass Zürich wieder auf das Neue Bauen setzt.

Musik

Im Perlentaucher meditiert Daniele Dell'Agli über Brian Enos neue Ambient-CD "Reflection" und entdeckt in Ambient ein höheres Subversionspotenzial als in allem, "was die Avantgarden des 20. Jahrhunderts bis hin zu Free Jazz und Artrock mit ihren Konflikt-, Protest- und Radaudramaturgien einst zu mobilisieren versuchten. Zu einem Zeitpunkt, da diese ungebrochen auf das Erweckungspotenzial von Schock- oder Verstörungsästhetiken setzten, begann Ambient Music gelassen und unauffällig mit der Positivierung jener Selbstfremdheit, die uns seit Poes Folterkammern als abgründig, unheimlich und auf jeden Fall als bedrohlich perhorresziert wurde."

Zur Freude von Diedrich Diederichsen wird in Berlin der Schweizer Komponist Walter Smetak im Rahmen der MaerzMusik wiederentdeckt. Bei Smetak handelt es sich um einen "Zürcher Bratschisten, den es wegen Kriegsangst und Arbeitsmangel 1937 nach Brasilien verschlägt", wo er "in die Kreise des brasilianischen musikalischen Modernismus" geriet, erklärt der Kritiker in der taz. Zu hören gibt es "nonlineare, mikrotonal zirpende Expansionsmusik mit und ohne Partitur, die sich das Nebeneinander der Lebensformen von Wiesen und Regenwäldern als Prinzip geliehen zu haben scheint." Smetaks im Handel kaum auftreibbares Album "Interregno" von 1980 kann man auf Youtube hören:



Auf ihrem neuen Album "Spirit" präsentieren sich Depeche Mode "als Salon-Revoluzzer mit rotem Anstrich", stellt Max Dax ein wenig unterwältigt in der SZ fest. Auch fänden sich "die besseren der insgensamt doch eher öden neuen Depeche-Mode-Songs unter einem Berg aus allzu Bekanntem."

Weiteres: Natalie Mayroth empfiehlt in der taz das Berliner Festival Female Voice of Iran. Für die Berliner Zeitung hat sich Katja Schwemmers mit Chily Gonzales und Jarvis Cocker über deren gemeinsames Album "Room 29" unterhalten. Der Reggaeton erlebt derzeit ein Comeback, schreibt Hans Keller in der NZZ. Karl Fluch (Standard) und Jan Wiele (FAZ) gratulieren Ry Cooder zum 70. Geburtstag. Dazu hat der Standard ein 2013 veröffentlichtes Gespräch mit dem Musiker aus dem Archiv erstmals ungekürzt online gestellt.

Besprochen werden die Kollaboration zwischen Drone-Gitarrist Dylan Carlson und Elektro-Produzent The Bug (Standard), das neue Album von Magnetic Fields (Standard), ein Konzert des Kammerorchesters Arpeggione (NZZ) und das Münchner Beethoven- und Mozart-Konzert des Pianisten Grigorij Sokolov (SZ).
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Bühne

In der Welt echauffiert sich Manuel Brug über Kuratoren-Geschwurbel. Hans Jörg Jans feiert in der NZZ den Bürgersinn des italienischen Städtchens Camogli, das aus eigener Kraft sein Theater wiedereröffnet hat, ein "Juwel der Theater-Architektur ". Der Wiener Staatsoperndirektor Bogdan Roščić muss nach Plagiatsvorwürfen seine Dissertation überprüfen lassen, melden Standard und Presse.

Besprochen werden Stephan Kimmigs Walser-Adaption "Ehen in Philippsburg" am Schauspiel Stuttgart (SZ) und Thomas Morses Oper "Frau Schindler" in München (Standard).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Stephan Kimmig

Film



Der iranische Regisseur Sohrab Shahid Saless gehört zu den außergewöhnlichsten Protagonisten des BRD-Kinos: Nach ersten Arbeiten aus seiner Heimat geflohen, erfand er sich mit intensiven, präzisen Dramen im deutschen Kino und Fernsehen neu. Heute sind seine Arbeiten hierzulande weitgehend vergessen und in seiner Heimat kaum greifbar. Nach einer Retrospektive im Berliner Zeughauskino ist diese nun auch in Teheran selbst zu sehen gewesen, wo sie auf reges Interesse gestoßen ist, wie Vivien Kristin Buchhorn im Freitag berichtet: "An einigen Tagen ist nach der Vorführung eine Debatte möglich, an anderen nicht. In Teheran kann man nie wissen, was am nächsten Tag gilt. Wird die Debatte gestattet, verlässt kaum jemand den Saal mit dem Abspann. ... Erinnerungskultur funktioniert hier anders. Sie wird durch politische Unterdrückung essenziell, um Zukünfte zu entwickeln. Keiner hat Saless vergessen, so viel wird deutlich, wenn man die Filmabende in Teheran miterlebt. Es scheint, als hätten alle auf den Moment gewartet, sich gar auf ihn vorbereitet. Ein Moment, in dem für Minuten ein Mehr an Freiheit und Zugang zu kulturellen Bedürfnissen herrscht."

Weiteres: Für die FR spricht Susanne Lenz mit Feras Fayyad über dessen (im Tagesspiegel besprochenen) Dokumentarfilm "Die letzten Männer von Aleppo". Dorian Waller führt im Standard durch das Programm des auf die Arbeiten von Frauen fokussierten Animationsfilmfestivals Tricky Women.

Besprochen werden Bill Condons Real-Neuverfilmung von Disneys Trickfilmklassiker "Die Schöne und das Biest" (Welt, SZ) und André Téchines "Mit Siebzehn" (Welt, FAZ).
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Archiv: Film

Literatur

In einem aus dem Guardian entnommenen Beitrag schreibt die Autorin Aminatta Forna im Freitag über die Aufgaben der afrikanischen Gegenwartsliteratur: Es geht um einen Akt der Emanzipation äußerer Zuschreibungen. "Für die erste Generation afrikanischer Schriftsteller, die gleichsam zusammen mit ihren Ländern erwachsen wurden, bedeutete dies: den Afrikanerinnen und Afrikanern eine Existenz zu erschreiben. ... Jede Generation baut auf dem Fundament der vorherigen Generation auf, auch die der afrikanischstämmigen Schriftstellerinnen. Aber wir eignen uns nicht nur aufs Neue unsere Geschichten an, wir wenden auch den Blick auf die, die uns sehen." Bereits 2015 befasste sich Forna in einem Guardian-Essay ausführlich mit Fragen nach der Identität und Identitätszuweisungen in der Literatur - hier das Resümee in unserer Magazinrundschau.

John Lambert übersetzt Emmanuel Carrère vom Französischen ins Englische. Auf Work in Progress, dem Blog seines Verlages Farrar, Straus & Giroux, erklärt er die Feinheiten des carrèristischen Stils: Es handelt sich dabei um eine besonders strikte Form ultrapräziser Exaktheit.

Weiteres: In den radioTexten des Bayerischen Rundfunks spricht Antonio Pellegrino mit Georg Stefan Troller, der im Anschluss aus seinem neuen Buch "Unterwegs auf vielen Straßen" liest (hier der erste Teil der Sendung). Für den Tagesspiegel unterhält sich Christian Schröder mit Nora Bossong über deren (im Freitag und im CrimeMag besprochene) Sexarbeit-Reportage "Rotlicht". Bei der lit.Cologne diskutierten Autorinnen Dagrun Hintze und Wiebke Porombka über Fußball, berichtet Joachim Güntner in der NZZ. Für die taz spricht Cornelius Oettle mit Astrid Vehstedt, die vom Vorsitz des Berliner Landesverbands deutscher Schriftsteller zurückgetreten ist, nachem sich einer ihrer Kollegen als AfD-Aktivist entpuppt hat. Für die taz hat Susanne Messmer Paul Austers Berliner Lesung besucht. Im Comic treten derzeit vermehrt neue Heldinnenfiguren auf, bemerkt Tagesspiegel-Kritikerin Lara Keilbart.

Besprochen werden der erste Band der Ingeborg-Bachmann-Gesamtausgabe (taz, Zeit), Victor Gardons "Brunnen der Vergangenheit" (NZZ), Katja Kettus "Feuerherz" (NZZ), F.W. Bernsteins "Frische Gedichte" (Freitag), eine neue Auswahl von Annemarie Schwarzenbachs Reportagen (Freitag), Rudolph Herzogs "Truggestalten" (Freitag), Louis-Philippe Dalemberts "Die Götter reisen in der Nacht" (FR), neue Kriminalromane von Michael Connelly und Adrian McKinty (FR), eine Ausgabe der Briefe zwischen Artur und Therese Schnabel (FR), Boris Sawinkows "Das schwarze Pferd" (SZ), Franz Schuhs "Fortuna" (FAZ, SZ) sowie neue Fallada- und Luther-Biografien (Freitag).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur

Kunst

Vor Ehrfurcht zitternd geht Jonathan Jones im Guardian in die Knie vor Michelangelo und Sebastiano del Piombo, denen die National Gallery eine große Schau der Künstlerfreundschaft widmet. In einem ersten Interview spricht Kurator Adam Szymczyk über die in vier Wochen in Athen eröffnende Documenta, ohne wirklich viel zu verraten.

Andreas Kilb berichtet in der FAZ von der Ausstellung "Bellini e i bellianiani" in der venezianischen Provinzstadt Conegliano, die allerdings nicht Bellinis große Schüler wie Giorgione oder Tizian zeige: "In Conegliano hängen die Kleinmeister, die Schüler, die braven Könner." Joseph Hanimann meldet in der SZ, dass der Luxuskonzern LVHM  an die Stelle des Musée des Arts et Traditions populaires (ATP) in Paris ein neues Zentrum für Kunsthandwerk errichten wird. Welt-Kritiker Marcus Woellner lernt in der Wolfsburger Schau des südafrikanischen Fotografen Pieter Hugo, sich selbst zu misstrauen: "Man muss seine Bilder als Aufforderung verstehen, immer mal wieder zu überprüfen, was man als fremd oder außergewöhnlich empfindet."

Besprochen wird die Egon-Schiele-Ausstellung in der Wiener Albertina (FAZ).
Archiv: Kunst

Architektur


Europaallee Baufeld G in Zürich. Foto: GraberPulver Architekten

In der NZZ freut sich Jürgen Tietz, dass die Architektur wieder auf die ästhetischen Qualitäten des Neuen Bauens setzt. Besonders gut gefällt ihm das Zürcher Neubauquartier an der Europaallee, etwa das Haus von Marco Graber und Thomas Pulver im Baufeld G mit seiner "delikat modellierten Metallfassade": "Obwohl sich der Bau auf kein konkretes Vorbild bezieht, meint man doch Erinnerungen an die amerikanischen Stahl-und-Glas-Bauten eines Ludwig Mies van der Rohe oder an den Bleicherhof Otto Rudolf Salvisbergs in Zürich nachklingen zu hören. Dieses Spiel mit der Baugeschichte treiben Adam Caruso und Peter St John, die sich dabei auf die amerikanische Hochhaustradition beziehen, mit den Betonfertigteilen ihres Bauteils gleich gegenüber noch einen Schritt weiter: Wie ein Kinovorhang wellen sich da die grüngefärbten Partien, archaisch erscheinen die bossierten Fensterstürze, während die Fenster selbst von durchlöcherten Elementen eingefasst werden im Duktus der fünfziger Jahre."

In der Welt glaubt Marcus Woeller, dass der geplante Suhrkamp-Bau seiner Berliner Umgebung gut tun wird.
Archiv: Architektur