Efeu - Die Kulturrundschau

Daran gewöhnt man sich irgendwann

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17.03.2017. Nonsense, Poesie, Dramatik und Pathos erlebt die Nachtkritik mit Alexander Giesches "White Out" in Luzern. Die taz stellt den afroamerikanischen Komponisten Julius Eastman und seine organische Musik vor. Matthias Schweighöfers Amazon-Serie "You Are Wanted" fällt bei der Kritik weitgehend durch. Die NZZ preist Walt Whitmans erst vor kurzem entdeckten Roman "Jack Engle" als virtuosen Genre-Mix. Außerdem erklärt sie, warum im Koreanischen Ironie nicht möglich ist.

Bühne


Maximilian Reichert in "White Out"

Alexander Giesche nennt seine zwischen Performance, Installation und Theater angesiedelten Stücke "Visual Poems". Am Luzerner Theater ist nun sein neues Stück "White Out - Begegnungen am Ende der Welt" zu sehen, in dem sich sechs Menschen auf das Ende der Welt vorbereiten, berichtet Geneva Moser in der Nachtkritik: "Alltägliches wird dekonstruiert, wird visuelle Poesie, absurder Nonsense, Fragment einer neuen Geschichte. Absurdes dagegen wird Normalität: Dass einer dieser Menschen sich nur fliegend fortbewegen kann, daran gewöhnt man sich irgendwann. Auch die Suchbewegung mit einem Metalldetektor, die Tanzeinlage im Zottelgewand, Eisblöcke aus der Bühne, ein sich hebender und senkender eiserner Vorhang - alles ganz normal. Technisch kommt das mit einer unglaublichen Nonchalance daher, durchaus auch mit Dramatik und Pathos (unbedingt!), aber immer eben so, als wäre es das einfachste der Welt, einen Eisblock aus der Bühne zu heben."

Weiteres: In der FR porträtiert Ulrich Seidler die Schauspielerin Valery Tscheplanowa, die am Samstag den Kunstpreis der Berliner Akademie der Künste verliehen bekommt. Für den Standard trifft Margarete Affenzeller den Schauspieler und Nestroypreisgewinner Rainer Galke, der ab heute in der Titelrolle Ödön von Horváths "Kasimir und Karoline" am Wiener Volkstheater zu sehen ist. Ebenfalls im Standard unterhält sich Stefan Ender mit der Regisseurin Amélie Niermeyer, deren Inszenierung von Rossinis "Elisabetta" heute im Theater an der Wien Premiere feiert.
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Film

Oh weh, so wird das wohl auch bis auf weiteres nichts mit dem lange versprochenen und mit Spannung erwarteten deutschen Serienwunder. Die ersten Kritiken zu Matthias Schweighöfers für Amazon produzierte Thriller- und Datenspionage-Serie "You Are Wanted" - die erste deutsche Produktion des früheren Online-Buchhändlers - fallen jedenfalls ziemlich durchwachsen aus. Mit der Last von Regie, Produktion, Mitarbeit am Drehbuch und Hauptrolle habe sich Schweighöfer eindeutig übernommen, seufzt Michael Hanfeld in der FAZ. Katharina Riehl von der SZ fühlt sich von dem Ergebnis - trotz toller Bilder - "streckenweise dann doch stärker an einen Tatort erinnert." Welt-Kritiker Elmar Krekeler rammt die Serie nach allen Regeln der Kunst ziemlich ungespitzt in den Boden. Nur Adam Soboczynski hegt in der Zeit durchaus Sympathien für Schweighöfers Versuch, sich aus dem "Rollenkorsett des schnuckeligen Trottels" zu befreien, und hält die Serie nach den zwei Episoden, die den Kritikern vorlagen, für vielversprechend. Im Welt-Interview präsentiert sich der ansonsten auf leichte, massenkompatible Komödien spezialisierte Macher gegenüber Hanns-Georg Rodek unterdessen von seiner bescheidenen Seite: "Mein Ziel ist, einmal einen Oscar und eine Goldene Palme abzuholen." Das dürfte dann wohl noch eine Weile dauern.

Disney-Experte Daniel Kothenschulte ärgert sich in der FR gründlich über die digital hochgerüstete Real-Neuverfilmung des Trickfilmklassikers "Die Schöne und das Biest": Diese "verhöhnt förmlich Disneys Erbe, indem sie die Anmut des Zeichentricks für obsolet erklärt. Gerade weil sie meint, sich daran messen zu können." Und dann auch noch das: "Die zusätzlichen Lieder [halten] quälend auf."

Besprochen werden Michael Dudok de Wits kunstvoller Animationsfilm "Die rote Schildkröte" ("eine kostbare Filmerfahrung", schwämt Daniel Kothenschulte in der FR, unsere Kritik hier), Marita Nehers und Tatjana Turanskyjs "Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen" (Tagesspiegel), Andŕe Téchinés "Mit Siebzehn" (Freitag, mehr im Efeu von gestern), Feras Fayyads Dokumentarfilm "Die letzten Männer von Aleppo" (taz, FAZ) und das von Margit Tröhler und Jörg Schweinitz herausgegebene Buch "Die Zeit des Bildes ist angebrochen" mit Texten französischer Intellektueller zum frühen Kino (FAZ).
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Literatur


Walt Whitman, fotografiert von George C. Cox in New York (1887)

In der NZZ schwärmt Jürgen Brôcan von Walt Whitmans erst vor kurzem entdeckten Roman "Jack Engle" (hier als Download), den Brôcan derzeit für eine kommentierte Ausgabe ins Deutsche überträgt. "Ein kleiner, sehr feiner Roman" sei das, der sich ganz der guten Unterhaltung verpflichtet fühlt, versichert er. Es handle es sich gewissermaßen um "ein Kompendium der seinerzeit beliebten Literaturformen, und allein das macht ihn zu Unterhaltung auf hohem Niveau. Das Erstaunlichste an 'Jack Engle' ist die Vielzahl der Genres, die Whitman auf eng begrenztem Raum auf virtuose und raffinierte Weise einsetzt. Elemente der Familien-, Kriminal- und Liebesgeschichte stehen neben lyrischen Beschreibungen einer Flussfahrt, einem geradezu dokumentarisch anmutenden Friedhofsbesuch und vitalen Schnappschüssen aus der fortschrittlichen, lebensprühenden Stadt New York mit ihren unterschiedlichen Berufen, sozialen Schichten und Religionen."

Ironie, Selbstironie gar gibt es in Korea praktisch nicht. Ein Grund dafür ist die Sprache, erklärt Hoo Nam Seelmann in der NZZ. "Die koreanische Sprache besitzt eine stark hierarchische Struktur, die das Aufkommen eines formell allgemeinen Kommunikationsstils behindert. Die Kategorie des Honorativs, des sprachlichen Respektausdrucks, der in den europäischen Sprachen nicht existiert, spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Herausbildung des Honorativs hat sich auf die Struktur der Sprache prägend ausgewirkt und formte auch den Blick auf die soziale Wirklichkeit. Aber sprachlich vorgegebene Respektbezeugung lässt kaum Raum für die Ironie." 

Weiteres: Für die Welt besucht Tilman Krause den Literaturkritiker Herbert Wiesner, der dieser Tage 80 wird und 1986 das Berliner Literaturhaus mit auf den Weg gebracht hat. Auf ZeitOnline berichtet Ann-Kristin Tlusty von ihrem Treffen mit der Comicjournalistin Sarah Glidden. Für die SZ hat Lothar Müller Ingo Schulzes Berliner Lesung besucht, auf der dieser sein für den Herbst angekündigtes Buch "Peter Holtz - Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst" vorstellte. Und der Bayerische Rundfunk liest aus Texten von Zelda Fitzgerald.

Besprochen werden Brigitta Behrs Graphic Novel "Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4 und die Zeit der versteckten Judensterne" (SZ), Flurin Jeckers Debüt "Lanz" (NZZ), Marlon James' "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" (Tagesspiegel) und Luigi Capuanas erstmals auf Deutsch vorliegender Roman "Giacinta" aus dem Jahr 1879 (SZ).
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Stichwörter: Walt Whitman, Ironie, Korea

Kunst


Maria Lassnig: "Zwei Arten zu sein (Doppelselbstporträt)", 2000. © Maria Lassnig Stiftung

"Kluge Beschränkung" attestiert Ursula Scheer in der FAZ der Retrospektive der 2014 verstorbenen österreichischen Malerin Maria Lassnig im Essener Folkwang-Museum: "Auswahl und Hängung folgen der Strategie von Blick und Gegenblick, brechen die Chronologie auf und schaffen Zusammenhänge über freien Raum hinweg - was mit den von Maria Lassnig am liebsten leer gelassenen Hintergründen in ihren Gemälden korrespondiert. "
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Stichwörter: Maria Lassnig

Musik


Bild: Donald W. Burkhardt / Berliner Festspiele

Die Berliner MaerzMusik erinnert an den afroamerikanischen Komponisten Julius Eastman, dessen Leben und Werk Tabea Köbler in der taz ausführlich vorstellt. Unter anderem kommt sie dabei auch auf die Ende der 70er entstandenen Arbeiten "Evil Nigger", "Gay Guerilla" und "Crazy Nigger" zu sprechen, die Eastmans von ihm selbst als "organische Musik" bezeichneten, minimalistischen Stil illustrieren: "Kleine Motive werden motorisch wiederholt und verwandeln sich bruchlos - neue Elemente werden eingewoben, alte laufen aus. Während viele Werke bekannter Minimal-Music-Vertreter wie Steve Reich ein fast maschinengleicher Puls ausmacht, prägt diese Stücke ihre Emotionalität. Nichts wirkt abstrakt. In furioser Getriebenheit baut sich etwa 'Evil Nigger' aus einem winzigen Element zu einer dichten, gewaltigen Klangmasse auf, in der unzählige Gefühle einander zu bedrängen scheinen. Dann zählt eine Stimme: 1, 2, 3, 4 - und in einem wilden Ausbruch stürmen vier Klaviere plötzlich hervor. Sie greifen an, sie rütteln auf." Mehr zu Eastman in Tim Tetzners Spex-Artikel.

Reinhard J. Brembeck porträtiert in der SZ den Dirigenten Theodor Currentzis, der von manchen wie ein Erlöser gefeiert werde. Worin besteht aber dessen Geheimnis? Die Antwort: "Bei ihm wird weniger eine vorgefertigte Interpretationsidee realisiert, sondern die Musik in eine kommunikative Improvisation verwandelt, die dem Klassikbetrieb eine so sonst unbekannte Lebendigkeit und Aktualität zurückgibt." Zudem synthetisiere Currentzis den Westen mit dem Osten: "Europa bedeutet für ihn Aristoteles: Logik, Wissen. Der Osten aber Plato, wozu er Emotionalität, Offenheit, Religion und etwas weniger Disziplin rechnet. Und Currentzis bringt als Mediator das Beste beider Richtungen zusammen."

Weiteres: Jens Balzer rauft sich auf SpOn mächtig die Haare darüber, dass sich die Volksbühne als Premierenort für Rammsteins neuen Konzertfilm hergibt: "Das ist der komplette Konkurs einer einstmals emanzipatorischen Institution." Für taz-Kritiker Philipp Rhensius sind die klassenbewussten Sleaford Mods in gewisser Hinsicht das musikalische Pendant zu Didier Eribon. Frederik Hanssen schaut sich für den Tagesspiegel in der Welt der e-Pianos um.

Besprochen werden die neue EP "Paradise" von Anohni (Pitchfork), Wallis Birds "Home" (taz), das Zürcher Konzert der Tedeschi Trucks Band (NZZ), ein Konzert des Rappers Oddisee (Tagesspiegel), ein Auftritt von Patricia Petibon und Susan Manoff in Wien (Standard), ein Konzert des Tonhalle-Orchesters unter Jan Willem de Vriend (NZZ) und das neue Album "Spirit" von Depeche Mode (Welt, Standard, FAZ).
Archiv: Musik