Efeu - Die Kulturrundschau

Ich werde immer meinen, was ich sage

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01.03.2017. Die Welt blickt in der Ost-Modezeitschrift "Sibylle" ins Sehnsuchtsland DDR. Die SZ sucht Erlösung im Underground-Sound von Vaporwave. Außerdem besucht sie Thomas Manns "Weißes Haus des deutschen Exils" in Kalifornien. Die NZZ untersucht die Schnittstellen von Kunst und Design und findet sie in einer Wurstkette. Martin Scorceses "Silence" spaltet die Kritik. Und der Standard nimmt ungepflegte, weiße Männer mit nach Hause.

Film


Anachronistisches Spektakel: Andrew Garfield beim Brotverzehr in Martin Scorseses "Silence".

Martin Scorseses
"Silence" erzählt die Geschichte zweier Jesuiten im Japan zur Zeit der Christenverfolgung im 17. Jahrhundert. Die Kritik ist sich uneins über den Film. "Die ideologische Verbohrtheit beider Parteien, der christlichen wie der japanischen, übersetzt Scorsese in kalte und trostlose Bilder, mit denen er diese Geschichte in der kargen Küstenlandschaft erzählt", schreibt David Steinitz in der SZ. Der Film sei "ein Lehrstück über die Gefahren jeder Religion, weil die Grenze zwischen Glaube und Fundamentalismus von allen Richtungen her schnell überschritten wird." Sehr intensiv fand Michael Kienzl von critic.de diesen von Gewaltszenen durchsetzten Film: "Das Leiden hat hier nichts Erhabenes oder Triumphierendes, sondern bleibt sinnlos und bestialisch. Man muss kein Atheist sein, um sich zu fragen, warum sich jemand freiwillig diesen Martern aussetzt."

Bert Rebhandl von der FAZ stößt sich an der Form: "Scorsese stellt sich in religiösen Dingen auf eine Position heiliger Einfalt, weil er an ein Kino glaubt, das für ihn eine große 'analogia entis' ist - eine Widerspiegelung des heilsgeschichtlichen Dramas in den Schmerzen der irdischen Kreatur. ... In jeder Sekunde von 'Silence' hat man das Gefühl, eher einem seltsamen, anachronistischen Spektakel zuzusehen."


Innen gut, außen mit Hut: Jung-Philosophen in "Der junge Karl Marx"

Karl
-Marx-Experte Mathias Greffrath kann mit Raoul Pecks "Der junge Karl Marx" wenig anfangen, erklärt er im Tagesspiegel: "Die hölzernen Dialoge in sepiagetönten Interieurs [beschränken sich] auf Stichworte für Eingeweihte: ob es um die verbale Hinrichtung des christlich-proletarischen Agitators Weitling durch die 'Doktoren der Revolution' geht oder um die Häme, mit der der hegelianisch geschulte Jungphilosoph den sozialistischen Autodidakten Proudhon lächerlich macht - immer ist Marx der Überlegene. Aber wer es nicht schon weiß, begreift auch hier nicht, warum." Jenni Zylka von der taz war unterdessen sehr angetan.

Besprochen werden Kelly Reichardts "Certain Women" mit Laura Dern und Kristen Stewart (Welt), der neue Superheldenfilm "Logan" (Standard) sowie die Serien "Occupied" und "Fauda" (Freitag).
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Kunst

Im Hamburger Bahnhof ist aktuell die bereits auf der Kunst-Biennale Venedig 2015 gezeigte Arbeit "The Probable Trust Register" der amerikanischen Philosophin und Künstlerin Adrian Piper zu sehen. Piper fordert die Besucher zu simplen ethischen Vertragsabschlüssen auf. In der FR staunt Ingeborg Ruthe: "Was für eine Ansage in Zeiten der Aushöhlung demokratischer Werte in vielen Teilen der Erde, sogar in 'Mutterländern' der Demokratie wie den USA, sind die drei Wandtexte hinter den goldenen Tresen. Sie entsprechen jeweils den Vertragstexten, also den Spielregeln: 'Ich werde immer zu teuer sein, um gekauft zu werden', so steht es hinter dem einen. 'Ich werde immer meinen, was ich sage', hinter dem anderen. Und hinter dem dritten: 'Ich werde immer das tun, was ich sage.'" In der taz ereilen Lorina Speder Selbstzweifel: "Die eigene Integrität ist gefragt - niemand außer wir selbst wissen, ob wir uns an den Pakt halten werden. Selten ist ein Kunstwerk so deutlich und direkt."


(Foto: Universalmuseum Joanneum/ N. Lackner)

Von Schwindel und Kontrollverlust erfasst wird Colette M. Schmidt im Standard bei der Ausstellung "Taumel" im Kunsthaus Graz. Etwa bei Laurel Nakadete: "Die Künstlerin sprach Männer, allesamt weiß, alleinstehend und ungepflegt aussehend, auf der Straße an und ging mit ihnen - alleine - nach Hause, wo sie die Fremden zur Nummer Oops, I did again von Britney Spears umtanzte und das Ganze filmte. Das Ausgesetztsein der jungen Frau, aber auch die Unsicherheit der Männer lösen Unbehagen beim Zuschauer aus."

Im Monopol-Magazin vermisst Sebastian Frenzel Ironie und Erkenntnis in Nicola Graefs Dokumentarfilm "Neo Rauch - Gefährte und Begleiter". Unfreiwilligen Witz findet er trotzdem: "Rosa Loy, Malerin und Ehefrau von Neo Rauch, tritt vor eine Leinwand ihres Mannes und beginnt damit, ihrem Gatten Ratschläge zu geben: Hier das Ohr solle er noch mal malen, belehrt sie ihn. Die Mütze auf dem Kopf eines Mannes setze sich nicht vom Haar ab, da müsse er noch mal ran. Der weiblichen Figur solle er noch Perlenohrringe malen oder vielleicht sogar eine Perlenkette. Und Neo Rauch? Nickt und macht."

Weiteres: Dass Jan Vermeer keineswegs ein Einzelgänger der holländischen Genremalerei war, sondern Parallelen zu Künstlern wie Gerard Dou, Jan Steen, oder Frans van Mieris aufweist, entdeckt SZ-Kritiker Joseph Hanimann in der Ausstellung "Vermeer et les maîtres de la peinture du genre" im Louvre. In der NZZ ergründet Kerstin Stremmel nicht nur das "Erzieherische von Gewalt" in den Otto-Dix-Ausstellungen in Düsseldorf und Friedrichshafen: "Dix' misanthropisch und misogyn gefärbte Kunst spricht auch von der verführerischen Wirkung, die von Gewalt ausgeht." Und die New York Times verkündet den Rücktritt von Thomas P. Campbell als Direktor und Vorstandschef des Metropolitan Museum of Modern Art.

Besprochen wird: Die Ausstellung "Unter italischen Himmeln" im Albertinum Dresden (FAZ).
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Design

(Bild: Cover SIBYLLE, 1959/5, Foto: Altendorf (Ausschnitt))

Staatlich subventioniert, weit entfernt von Subversion, aber auch nicht nur die "Vogue des Osten" - für die Welt hat sich Dirk Pilz die knapp vierzigjährige Geschichte der DDR-Modezeitschrift Sibylle in einer Rostocker-Ausstellung angesehen: "In der 'Sibylle' war der Aufbruchsgeist ästhetisch konserviert bis 1989. 11. Plenum der Partei für volksnähere Künste 1965, Erich Honeckers Konsum- und Konfektionsprogramme in den Siebzigern und das Dahinsiechen der DDR während der Achtziger - wer sich am Abend in den Bauhaus-Sessel setzte, die 'Sibylle' aufschlug und die Fotos von Sven Marquardt, Ute Mahler und Sibylle Bergemann betrachtete, sah in ein Sehnsuchtsland. Wohin man kam, im bohemistischen bis bürgerlichen Osten, die 'Sibylle' lag schon da, die 'Zeitschrift für Mode und Kultur'."

(Bild: David Bielander, 2007. Bracelet Argent cuivré et élastiques. Image © Simon Bielander)

Außerdem stellt die NZZ zwei außergewöhnliche Schmuckdesigner vor, die derzeit im Designmuseum Mudac präsentiert werden: "Aldo Bakker schafft Objekte von geradezu japanisch anmutender Reduktion und Perfektion", schreibt Roman Hollenstein. Die Ausstellung führe "vorbei an organisch geformten Gegenständen, die bald an Kannen oder Vasen, bald an Altäre erinnern, wie ein Hochamt der Schönheit - so dass man mitunter Weihrauch zu atmen, dann wieder hinter all dem glänzenden Lack den Kitsch zu sehen glaubt. Doch die bald harfenförmigen, bald wirbelartigen oder gehörnten Gefässe (...) sind letztlich kunstvolle Dekorationsobjekte." Und Susanne Koeberle porträtiert David Bielander, der die Grenzen zwischen Schmuck, Kunst und "sauschlechtem Design" veruneindeutigt, wie etwa an seiner Wurstkette: "Die 'Untersuchung' der Wurstkette führte zu einer Umsetzung in ein Schmuckstück aus Holz. Als Material dienen ihm alte Thonetstühle. 'Ich greife in das Design der Wurst wenig ein, ich nehme das, was dieser Stuhl mir bietet', erläutert er seine Vorgehensweise. Interessant wird es, wenn jemand so eine Wurstkette trägt. Natürlich löst sie Erstaunen aus, vielleicht will man sich dieser Person beziehungsweise der Wurstkette nähern." 



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Musik

In der SZ schreibt Juliane Liebert über das Underground-Genre Vaporwave, das die Müllsounds des Spätkapitalismus ins Unheimliche verrückt und damit direkt in die Melancholie der Gegenwart zielt: Interessant an Vaporwave sei, "ob, und wenn ja wie, sich darin eine neue Art von Science-Fiction-Utopismus Gehör verschafft. Früher träumten die Menschen von all den Möglichkeiten der Technik und entwickelten daraus die kühnsten politischen Erlösungsfantasien. Heute ist ein Gutteil dieser Möglichkeiten Realität, ein anderer scheint nur eine Frage der Zeit, aber trotzdem sind alle unerlöst." Als erstes Vaporwave-Album gilt "Ecco Jams Vol. 1" von Daniel Lopatin, der unter dem Namen Oneohtrix Point Never bekannt geworden ist.



Weiteres: In der taz berichtet der Punk-Autor Nagel live aus dem Tourbus der deutschen Thrashmetal-Band Kreator von den Bedenken vor deren Auftritt im Bataclan: Wie lassen sich deren Gewaltrhetorik (ihre Website nennt sich kreator-terrorzone.de) und dieser historisch aufgeladene Ort miteinander in Einklang bringen? Wolfgang Sandner gratuliert Harry Belafonte in der FAZ zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden eine Ausstellung im ehemaligen Tower-Records-Laden auf dem Sunset Strip (SZ), die Uraufführung von Rudolf Kelterborns "Musica Profana" unter dem Dirigat von Heinz Holliger (NZZ), ein Konzert des Pianisten Oliver Schnyder (NZZ) und das neue Album von Sinkane (Standard). Daraus das aktuelle Video:

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Stichwörter: Vaporwave, Bataclan

Literatur

Auf zwei Seiten bringt das SZ-Feuilleton Sebastian Stumpfs neue Fotografien der vor kurzem durch die Bundesregierung erworbenen Thomas-Mann-Villa in Kalifornien. Heinrich Detering von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sieht in dem Gebäude in den beistehenden Zeilen "das Weiße Haus des deutschen Exils." Bei den Tagen russischer Literatur in Zürich stand vor allem die Geschichte Russlands und der Sowjetunion auf der Agenda, berichtet Judith Leister in einem online nachgereichten Artikel aus der NZZ am Sonntag: Die russische Gegenwartsliteratur arbeite sich derzeit massiv an der Vergangenheit ab (hier alle Diskussionen und Lesungen im Videoarchiv). Sieglinde Geisel und Frank Heibert debattieren auf Tell über Rolle und Notwendigkeit des Mythos in der Literatur. Beim Hanser Verlag werden unterdessen erbitterte Diskussionen um den hausinternen Kaffeekonsum geführt, berichtet Verlagschef Jo Lendle in der Welt.

Besprochen werden Peter Mays Krimi "Moorbruch" (Standard), Simone Meiers "Fleisch" (Freitag), Andrej Platonows "Die Baugrube" (SZ) und die Gesamtausgabe von Hanns Dieter Hüsch (FAZ). Außerdem räumt Arno Widmann im Perlentaucher wieder zahlreiche Bücher vom Nachttisch.

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Bühne

Mit Sebastian Hartmann und Martin Laberenz mischen gleich zwei Leipziger das Deutsche Theater in Berlin auf, freut sich Mounia Meiborg in der SZ. Bürgerschreck Hartmann überzeugt mit seiner Inszenierung von Ibsens "Gespenster": "Es sind vielleicht diese feinziselierten - und ja, Sebastian Hartmann: psychologischen - Szenen, die am stärksten sind. Das verkrampft Ödipale nervt ein bisschen, dass der Sohn unbedingt noch schnell die Mutter vergewaltigen muss … Oft aber ist dieser Abend zart und poetisch, witzig und bilderstark." Und auch Laberenz bewältigt Elfriede Jelineks Ohnmachts-Suada "Wut" mit "mehr Witz, als man für möglich gehalten hätte. Bisher war Laberenz in Berlin eher unangenehm aufgefallen."

Weiteres: In der SZ findet Wolfgang Schreiber, dass die "offen lodernde Homosexualität" in Andrea Lorenzo Scartazzinis "Schwulenoper" "King Edward II" an der Deutschen Oper Berlin nicht über die  Mängel hinwegtäuscht: Die "Regie erschöpft sich in plakativ aufgeputschten Aktionen." In der nachtkritik spult Teresa Prääuer René-Pollesch-Sätze nach. Etwa den Titel des aktuellen Stücks "Ich kann nicht mehr": "Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, würde jemand diesen Satz sagen, nicht am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Sondern zum Beispiel dieser neue Twitter-Präsident: I'm done. No idea how to go on. Oder die Kanzlerin bei Anne Will am Sonntag."
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