Abbas Khider

Ohrfeige

Roman
Cover: Ohrfeige
Carl Hanser Verlag, München 2016
ISBN 9783446250543
Gebunden, 224 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Ein Flüchtling betritt die Ausländerbehörde, um ein letztes Mal seine zuständige Sachbearbeiterin aufzusuchen. Er ist wütend und hat nur einen Wunsch: dass ihm endlich jemand zuhört. Als Karim drei Jahre zuvor von der Ladefläche eines Transporters ins Freie springt, glaubt er in Frankreich zu sein. Bis dorthin hat er für seine Flucht aus dem Irak bezahlt. In Wahrheit ist er mitten in der bayerischen Provinz gelandet. - Er kämpft sich durch Formulare und Asylunterkünfte bis er plötzlich seinen Widerruf erhält und abgeschoben werden soll. Jetzt steht er wieder ganz am Anfang. Dieser Roman wirft eine der zentralen Fragen unserer Gegenwart auf: Was bedeutet es für einen Menschen, wenn er weder in der Heimat noch in der Fremde leben darf?

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.02.2016

Rezensentin Meike Fessmann vermutet leichten Überdruss bei Abbas Khider. Sein Thema der Flucht und Assimilation in der Fremde kann der Autor laut Rezensentin diesmal nicht überzeugend vermitteln. Die Geschichte um einen verzweifelten Asylbwerber zwischen 2001 und 2004 in Deutschland scheint Fessmann dann doch etwas zu sehr zusammengestoppelt und klischeebeladen, auch wenn die jüngsten Ereignisse aus der Wirklichkeit während der Entstehung des Romans nicht absehbar waren. Sprachlich und dramaturgisch hat das Buch laut Fessmann unübersehbare Schwächen. Weder als Schelmenroman noch als Reportage taugt ihr der Text. Dabei hätte die Grundidee durchaus mehr hergegeben, meint sie.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.02.2016

Einen aktuellen und doch zeitlosen Roman hat Katharina Granzin in Abbas Khiders Buch "Ohrfeige" entdeckt, das die Geschichte eines Flüchtlings hintersinnig und fesselnd erzählt. Geradezu virtuos erscheint der Kritikerin Khiders Gabe, die existentielle Verzweiflung seines Protagonisten Karim in komischen und absurden, gelegentlich grotesken Momenten zu schildern und dabei die Traurigkeit und Tragik des Schicksals nur vage durchschimmern zu lassen. Und so muss die Rezensentin während der Lektüre meist lächeln, etwa wenn sie liest, wie der Iraker Karim, der sich in Europa seine Brüste wegoperieren lassen will, die abweisende Sachbearbeiterin der Asylbehörde an einen Stuhl fesselt, um seine ganze Geschichte zu erzählen. Diesem außergewöhnlichen und nachhallenden Roman wünscht Granzin viele Leser.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2016

Rezensent Hubert Spiegel bewundert die dunkle poetische Kraft von Abbas Khider, der in seinem neuen Roman wiederum und nicht erst im Angesicht der Krise, wie Spiegel betont, Flüchtlinge, Ausgegrenzte und Entwurzelte zeigt. Diesmal, so erklärt Spiegel, begleitet Khider einen Asylbewerber zur Zeit des zweiten Irak-Krieges von Bagdad nach Bayern, folgt ihm durch Gefängniszellen, Wohnheime, Moscheen und Kulturvereine, lässt ihn Polizisten, Schlepper, Dealer und Sachbearbeitern begegnen, die nicht hören wollen, und erzählt von Sehnsüchten, Träumen, Wut, Verzweiflung und Gewalt. Den Rezensenten hat das so beeindruckt, dass er selbst in seiner Kritik die Ohnmacht der Entwurzelten eindringlich nachzeichnet.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.02.2016

Bei Büchern, die sich allzu aktuellen Themen widmen, ist Rezensent Ijoma Mangold skeptisch, ob da nicht auf die Schnelle etwas zusammen geschustert wurde. Angesichts der Prominenz der Flüchtlingskrise in den Medien wirkt der Roman eines irakisch-deutschen Schriftstellers über das Elend von Flüchtlingen unter deutscher Verwaltung auf den Rezensenten zunächst jedenfalls verdächtig. Und tatsächlich kommt Mangold Abbas Khiders "Ohrfeige" gerade im Vergleich zu dessen letzten Büchern, die der Rezensent durchaus mochte, ziemlich unausgegoren vor. Schludrig, betulich, langweilig sind Adjektive, die in diesem Zusammenhang fallen. Aber Khiders Charme und  "umwerfend gutes" Aussehen wird es beim deutschen Leser schon richten, glaubt Mangold, der mit diesem Satz zeigt, dass er dem Autor an Unausgegorenheit nicht nachsteht.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 30.01.2016

Gerade jetzt einen Roman über Flüchtlingsschicksale zu veröffentlichen, mag opportun wirken, doch tatsächlich schreibt Abbas Khider, selbst in den Neunzigern aus dem Irak nach Deutschland gekommen, seit geraumer Zeit zu diesem Thema, erklärt Rezensentin Fatma Aydemir. Gelungen ist ihm ein Buch von beträchtlicher Wucht, dem es aber auch an Humor nicht mangelt, versichert die Rezensentin. Im Mittelpunkt steht der junge, Asyl suchende Karim aus dem Irak, der seine Zukunft von der deutschen Gesetzeslage verbaut sieht, deshalb seine Sachbearbeiterin fesselt und ihr die Ohrfeige aus dem Buchtitel verpasst, wobei unklar bleibe, ob es sich dabei lediglich um eine Fantasie der Figur handelt. Klingt drastisch, doch drastisch seien auch Khiders Schilderungen, wie Flüchtlinge in der hiesigen Behördenmaschinerie gefangen sind und sich um dieses Elend ein ganzes, klandestines Wirtschaftssystem bildet. Der Rezensentin jedenfalls bleiben "zutiefst traurige, ärgerliche, lebendige Szenen" im Gedächtnis haften.
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