Efeu - Die Kulturrundschau

Ungewohnte Winkel entdecken

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21.12.2016. Im Tagesspiegel verkündet Chris Dercon "radikales Repertoire" als sein Programm für die Volksbühne. Und: "Wir setzen das Prinzip Castorf fort." Die taz porträtiert den Choreografen Richard Siegal, der mit akademischem Spitzentanz die Schwerkraft aufheben will. In der NZZ erklärt Francis Kéré, wie Schönheit in die Architektur kommt. Und Vulture hofft auf eine Renaissance des Musikvideos.

Architektur


Damit die Menschen in Ouagadougou nicht nur nach Paris blicken, sondern auch auf ihre eigene Stadt: Francis Kérés Entwurf für ein Parlament

Im NZZ-Interview mit Ursula Seibold-Bultmann spricht der in Berlin lebende burkinische Architekt Francis Kéré über seine berühmte Schule in Gando, seine neuen Projekte in Burkina Faso oder in Berlin mit der Volksbühne und über die Schönheit von Architektur: "Ein schöner Bau muss Besucher und Nutzer beflügeln. Er darf ruhig Emotionen wecken. Er soll die Menschen berühren. Er braucht unerwartete Eigenschaften. In Burkina Faso ist die Lesbarkeit der Konstruktion wichtig. Ich habe dort mit meiner Architektur weit auskragende, unterlüftete Wellblechdächer eingeführt, die wie Regen- und Sonnenschirme funktionieren. Wenn die Leute sich das anschauen, dann merkt man, wie sie sich fragen: 'Warum ist das so? Wie hat er das gemacht?' Wenn sie sich intellektuell und visuell mit dem Bau befassen, dann sieht man, dass er sie beschäftigt. Und dann ist er schön."

Gina Thomas besichtigt für die FAZ die von Zaha Hadid neugestaltete Galerie der Mathematik im Londoner Science Museum.
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Bühne

Im Interview mit Rüdiger Schaper rücken der neue Volksbühnen-Intendant Intendant Chris Dercon und Programmleiterin Marietta Piekenbrock im Tagesspiegel jetzt endlich mit ihrem Programm heraus: "Wir setzen das Prinzip Castorf fort", sagt Dercon artig. Und Piekenbrock: "Einer der Schlüsselbegriffe unseres Programms ist das Repertoire. Ähnlich selbstverständlich wie es in einer Kunstsammlung Räume für die Klassische Moderne gibt, zeigt die Volksbühne in Zukunft Modellinszenierungen, Re-Lektüren legendärer Avantgarde-Stücke der Theater-, Tanz- und Musikgeschichte, so weit das mit Zeitzeugen, Dokumenten und Arciven möglich ist. Über die Idee dieses radical repertory antworten wir auf den Kult um das ständig Neue in der Kunst. Wir sind gegen diese konsumistische Haltung."

Auch der FAZ haben die beiden ein Interview gegeben, in dem sie viel von Vernetzung und Kooperation sprechen und auch erwähnen, den Filmemacher Apichatpong Weerasethakul, an das Theater zu holen.


Richard Siegals Choreografie "Metric Dozen".

In der taz porträtiert Sabine Leucht den amerikanischen Choreografen Richard Siegal, der in München ein neues Ensemble gegründet hat, das Ballet of Difference: "Siegal ist Brückenbauer zwischen Hoch- und Subkultur - und will in der neuen Compagnie das Individuum mit seinen Ecken und Kanten feiern. Immer schon schickte er gerne 'Typen' auf die Bühne, attackiert mit akademischem Spitzentanz die Schwerkraft und treibt ehrwürdigen Balletttempeln mit stampfenden Beats und laut kreischenden Klängen, etwa von Carsten Nicolai alias Alva Noto, die Heimeligkeit aus. Seine Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponisten, bildenden Künstlern, Programmierern und Modeschöpfern ist ebenso einzigartig wie es seine futuristisch anmutende Lichtregie und die oft halsbrecherischen Schrittkombinationen, Spagatsprünge und Turbo-Pirouetten seiner Tänzer sind, die am Körper ungewohnte Winkel entdecken."

Besprochen werden Yuval Sharons Inszenierung der "Walküre" in Karlsruhe (FR) und Thomas Ostermeiers Schnitzler-Inszenierung "Professor Bernhardi" an der Berliner Schaubühne (dessen Kritik am Populismus Esther Slevogt in der taz selbst reichlich populistisch erscheint, (FR).
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Literatur

Peter Rehberg würdigt Didier Eribon im Freitag als einen der wichtigsten Intellektuellen des Jahres, auch wenn dieser bei seinen Berliner Auftritten vor wenigen Jahren eher wenig mitreißend auftrat. Doch "die Enttäuschung über die schwache Publikumswirksamkeit des Autors kann auch eine Befreiung sein. Eine Chance, den Mythos des öffentlichen Intellektuellen nicht zu parodieren, wie Žižek als 'faschistischer Feuilletonclown' (Eribon) es mehr oder minder freiwillig tut, sondern diese Figur mitsamt ihrer nervigen Machogesten endlich hinter sich zu lassen."

Weiteres: In der FR schreibt Otto A. Böhmer über das Leben Gotthold Ephraim Lessings.

Besprochen werden Jonathan Safran Foers "Hier bin ich" (Welt), Cora Stephans "Ab heute heiße ich Margo" (NZZ), Balzacs "Typenlehre der Presse" (NZZ), Carel van Schaiks und Kai Michels "Das Tagebuch der Menschheit - Was die Bibel über unsere Evolution verrät" (NZZ), Evgenij Vodolazkins "Laurus" (SZ) und Klaus Nüchterns Buch über Heimito von Doderer (FAZ).
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Musik

Die Renaissance des Musikvideos der letzten Jahre hat sich 2016 noch einmal mit entschiedenem Nachdruck weiterentwickelt: Immer mehr Künster veröffentlichen ihre Alben in ausgearbeiten Kurz- und sogar Langfilmen, schreibt Dee Lockett auf Vulture in seinem Ranking der zehn besten Vertreter der Form. Hier sein Beispiel Nr. 8, Anohnis "Drone Bomb me":



Weiteres: In Zürich dirigiert heute Omer Meir Wellber  das Tonhalle-Orchester. Julia Spinola von der NZZ ist sich sicher, dass Wellber, neben Järvi, der das Orchester vor kurzem dirigierte, gute Chancen auf den Posten des Hausdirigenten habe, der ab 2018 neu zu vergeben ist. Für den Freitag hört Simon Schaffhöfer das erste von einer Künstlichen Intelligenz komponierte und getextete Weihnachtslied, das ihn allerdings gar nicht auf die Festtage einstimmt, sondern nur so "klingt, als hätte Kanye West einen Schlaganfall." Magdalena Geisler schreibt im Freitag zum Tod der Chansonsängerin Gisela May. Außerdem kann man beim WDR das hervorragende, von Dominik Graf gesprochene Feature "Black Noise" von wittmann/zeitblom über Klangkulturen und Klangtechniken sowie deren militärischen Einsatz nachhören.

Besprochen werden die Zusammenstellung "Singles" von Sun Ra (Standard), das Pariser Konzert von Jean-Michel Jarre (The Quietus), Bachs "Weihnachtsoratorium" in der Aufführung des Windsbacher Knabenchors (NZZ), ein Konzert des London Philharmonic Orchestras unter Vladimir Jurowski (Standard), ein Auftritt der Manfred Mann's Earth Band (FR) und das neue Album von Genetikk, auf dem "von Yves Saint Laurent bis Joseph Beuys und Tiffany alles in einen Jacuzzi gekippt" werde, wie Timon Karl Kaleyta im Freitag erklärt.

Und Musik zum Runterkommen am Jahresende: Low Light Mixes hat die besten Ambientplatten 2016 zusammengestellt.


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Design


Der Pallas-Tisch von Konstantin Grcic in der Galerie Max Hetzler.

Der Designer Konstantin Grcic stellt gerade in der Galerie Max Hetzler aus. Im Tagesspiegel unterhält sich er sich mit Jens Müller mit über die Anbindung von Design an die Kunst und, naja, auch den Kunstmarkt: "Wir zeigen in der Mehrzahl Dinge, die wir für die Industrie entwickelt haben, aber in einer Ausführung, die es kommerziell so nicht gibt. Die Hochglanzlackierung der beiden 'Pallas'-Tische ist aufwändiger als die Pulverbeschichtung der Serie. Da vorne steht ein Holzstuhl, der ist über Jahre verwittert. Es gibt einen Kunststoffhocker, den die Industrie einen Bastard nennt: Bei einem Farbwechsel in der Spritzgussmaschine entstehen Möbel, die dann - beim Farbwechsel von Weiß auf Rot etwa - weiß und rot sind. Solche Teile werden normalerweise entsorgt. Für die Industrie ist dieses Ding nutzlos. Ich nehme es aus dem Prozess und stelle es hier aus." Und prompt ist es wieder etwas wert.
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Stichwörter: Designer, Konstantin Grcic

Film



Robert Zemeckis
' "Allied", in dem Brad Pitt und Marion Cotillard auf den Spuren von Humphrey Bogart und Ingrid Bergman durch ein altmodisches Hollywoodabenteuer streifen, lässt die Kritiker uneins zurück. SZ-Kritiker Tobias Kniebe kann sich kaum satt sehen an diesem nostalgischen Ausstattungsschinken mit all seinen Unwahrscheinlichkeiten nach alter Sitte. FAZ-Kritiker Andreas Kilb stößt unterdessen übel auf, wie sehr der Film sich an Michael Curtiz' "Casablanca" heranwerfe, ohne dem Klassiker auch nur das Wasser reichen zu können. Kilb vermisst "eine Verstrickung der Blicke, einen gemeinsamen Rhythmus der Körper, die uns für Momente davon überzeugen, dass die Liebe, von der das Kino redet, kein leeres Wort ist." Dieser Film sitze zwischen den Stühlen, meint denn auch Michael Pekler im Standard: "Er weiß selbst nicht, für wen er gemacht sein soll."

Weiteres: Sarah Khan empfiehlt im Freitag die neuen Staffeln der Serien "Halt and Catch Fire" und "Black Mirror". Tim Schenkl und Alexis Waltz führen in Das Filter ein Filmgespräch über "Der traumhafte Weg" von Angela Schanelec, "Certain Women" von Kelly Reichardt und "Personal Shopper" von Olivier Assayas, die sie beim Berliner Festival "Around the World in 14 Films" sehen konnten. Jerry Lewis macht dem Hollywood Reporter im Videointerview das Leben zur Hölle - köstliche sieben Minuten! Nach dem viral frisch aufgekochten Skandal um Bertoluccis und Brandos "Butterszene" aus dem "Letzten Tango" plädiert Mithu M. Sanyal In der taz dafür, mit dem Thema Vergewaltigung im Film per se sensibler umzugehen. Für die Berliner Zeitung plaudert Anke Westphal mit Wolfgang Petersen über dessen neuen Film, die in Berlin entstandene Gangsterklamotte "Vier gegen die Bank".

In der Welt schreibt Gerhard Midding zum Tod der Schauspielerin Michèle Morgan. Hier führt sie als Spülmagd Milly 1943 den Rest der Dienerschaft "Higher and Higher":



Besprochen werden Tom Fords "Nocturnal Animals" (ZeitOnline), Werner Herzogs "Salt & Fire" (Freitag), die israelische Netflix-Serie "Fauda" (FR), der neue Disney-Animationsfilm "Vaiana" (NZZ) und Britta Langes Buch über den 1916 entstandenen Science-Fiction-Film "Die Entdeckung Deutschlands durch die Marsbewohner" (Welt).
Archiv: Film