Efeu - Die Kulturrundschau

Ja, die gute alte Fiktion

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.11.2016. Die NZZ porträtiert den neuen Bühnenstar, die Schauspielerin Stefanie Reinsperger. Wie sie Künstler in aller Welt mit dem Atombombenabwurf auf Japan auseinandersetzten, lernt das Art Magazin in einer Münchner Ausstellung. Die FAZ besucht die nach 225 Jahren endlich fertig gestellte neue Nationalkirche Polens, den "Tempel der Göttlichen Vorsehung". In der NZZ denkt Kathrin Röggla über Literatur in der postfaktischen Gesellschaft nach. Die SZ unterhält sich mit dem Kulturwissenschaftler James Hamilton über schwarze und weiße Musik.

Kunst


Maruki Iri und Toshi, Fire (Panel II), aus der Serie Hiroshima Panels (15 Panels), 1950-82, Maruki Gallery, Higashi-Matsuyama, Saitama, Japan

Mirja Rosenau besucht fürs Art Magazin im Münch­ner Haus der Kunst die Ausstellung "Postwar" über Reaktionen internationaler Künstler auf die Atombomben in Hiroshima und Nagasaki und bekommt "eindrücklich" vorgeführt, "wie unterschiedlich, je nach Standort, und zugleich verbindend die Perspektiven auf ein weltbewegendes Phänomen wie die Atombombenabwürfe 1945 aussehen können. Während der US-Amerikaner Roy Lichtenstein die Verflachung des weltweit massenmedial verbreiteten Atompilzsymbols comichaft reflektiert, malt das japanische Künstlerpaar Iri & Toshi Maruki auf wandfüllenden 'Hiroshima-Tafeln' die brennenden Körper am Boden. Isamu Noguchi, ein in den USA geborener Bildhauer mit japanischen Wurzeln, verleiht dem zerrissenen Selbstverständnis Form, indem er Schieferplatten zu einem fast menschengroßen, nur in sich selbst Halt findenden Gebilde mit Namen 'Humpty Dumpty' ineinandersteckt (im Kinderreim fällt dieser bekanntlich unheilbar auseinander)."

Weiteres: Im Guardian porträtiert Charlotte Higgins die Favoritin für den Turner Preis, Helen Marten, als "Künstlerin des Jahres". Kwerfeldein zeigt eine Fotoreportage des Wiener Fotografen Robert Rutöd aus Litauen. Und LensCulture zeigt Fotos aus Birgit Püves Reihe "Estonian Documents: Portrait of A Nation".

Besprochen wird eine Ausstellung zu Max Beckmann in New York im Metropolitan Museum in New York (art).
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Architektur

Polen schlägt selbst noch Berliner Bauverhältnisse: Dort hat es schlappe 225 Jahre gebraucht, bis die Nationalkirche, der "Tempel der Göttlichen Vorsehung", nun endlich fertiggestellt wurde. Felix Ackermann von der FAZ hat den unter den säkularen Kräften des Landes nicht unumstrittenen Monumentalbau in Warschau besucht. Dem Bau bescheinigt er "von weitem den Charme eines Staatsbaus postsozialistischer Diktatoren ... Doch im Inneren folgen die klaren Linien des Schalbetons der nach oben zulaufenden Streben der Entwicklung moderner polnischer Kirchenbauten, die noch in den achtziger Jahren ihrer Zeit weit voraus waren. Diese Gotteshäuser entwickelten in Polen eine Formensprache, die nie mit der Tradition brach, aber oft beeindruckend modern war. Der fertiggestellte Tempelbau zeigt, dass es einfacher war, symbolische Bauten der Freiheit zu Zeiten der Diktatur zu errichten, als in einem freien Polen diese Tradition fortzuführen."
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Stichwörter: Kirchenarchitektur, Polen

Film


Ethos der Einübung in Zukunft: Eleganz in "Arrival".

Oh weh, das passiert den Besten: Denis Villeneuves intellektueller Science-Fiction-Film "Arrival" wurde vom ursprünglichen Termin auf zwei Wochen später verschoben - die Mail des Verleihs hatten wir allerdings übersehen. So kommt es, dass wir diesen sehenswerten Film vor zwei Wochen nicht nur besprochen, sondern anhand erster Kritiken bereits in der Kulturrundschau berücksichtigt haben. Zum Starttermin holen jetzt auch die Feuilletons auf - und stehen den bisherigen Kritiken an Begeisterung immerhin nicht nach: Der Film, der die Kontaktaufnahme mit einer Gruppe Aliens zum Thema hat, "versprüht ein Ethos der Einübung in Zukunft als Risiko - und tut das in einer arrivierten Form", freut sich Drehli Robnik in der Filmgazette. Dem Filmemacher attestiert er, "eine sichere Bank für philosophierfreudige Genrekino-Variationen" zu sein. Robert Weixlbaumer staunt im Standard über die "Eleganz und Sicherheit", mit der Villeneuve sein Szenario gestaltet. Für IndieWire spricht Bill Desowitz mit Jóhann Jóhannsson, der versichert, den ziemlich fantastischen Ambient-Soundtrack zum Film weitgehend mit analogen Klangquellen erstellt zu haben. Weitere positive Besprechungen in SZ und FAZ.

Weiteres: Kino-zeit.de befragt die beiden Preisträger des Siegfried-Kracauer-Preises, Ekkehard Knörer und Patrick Holzapfel (beide im übrigen - hier und dort - auch für den Perlentaucher als Autoren tätig), zum State of the Art der avancierteren Filmkritik. In der taz empfiehlt Andreas Busche das Berliner Festival "Around the World in 14 Films", das handverlesene, von Verleihern aber übersehene oder schlicht nicht marktkompatible Gegenwarts-Filmkunst präsentiert. Für die Berliner Zeitung unterhält sich Anke Westphal mit Ken Loach über dessen neuen (im Tagesspiegel besprochenen) Films "I, Blake" und über die lichterloh brennenden Baustellen des gegenwärtigen Klassenkampfs.

Matthias Dell war im Auftrag des Freitag beim Dokumentarfilmfestival in Leipzig. Sarah Khan geht im Freitag der Frage nach, wie sich die gegenwärtigen Serien aufs Sexleben der jungen Generation auswirken - schon gebe es wahre "Netflix-Paare", die gemeinsam eher bingen statt schmusen. Im Filmdienst-Essay begibt sich Jens Hinrichsen auf die Suche nach der Lüge im Kino. Und die Schauspielerin Christiane Paul wurde am Wochenende in New York als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle in dem ARD-Film "Unterm Radar" mit einem Emmy ausgezeichnet: Hans Hoff gratuliert in der SZ.

Besprochen werden Stephen Frears' Biopic über die Sängerin Florence Foster Jenkins mit Meryl Streep (ZeitOnline), Khavn De La Cruz' "Alipato - The Very Brief Life Of An Ember" (critic.de), die neue "Gilmore Girls"-Staffel auf Netflix (NZZ), Jochen Hicks Dokumentarfilm "Ost-Komplex" (Freitag), Peter Zachs "Beyond Boundaries - Brezmejno" (Cargo) und das Buch "Die geheime Geschichte von Twin Peaks" vom Serien-Co-Autor Mark Frost (online nachgereicht von der FAS).
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Literatur

Die NZZ veröffentlicht einen Auszug aus der zweiten Poetikvorlesung, die Kathrin Röggla in Zürich gehalten hat. Was kann Literatur in Zeiten des Rechtspopulismus leisten, überlegt sie. Zwischengeschichten, Maulwurfsgeschichten schreiben? Hier der Anfang: "Die postfaktische Gesellschaft soll es also sein, in der wir jetzt gelandet sind. Das will man glauben oder eben nicht. Es ist in diesen Tagen jedenfalls besser, keine Reden zu halten, sondern um sie herumzukommen, indem man Geschichten erzählt. Ja, die gute alte Fiktion, die für mich gar keine gute alte Fiktion ist, vielmehr eine neue Fiktion, da ich sie bisher für verdächtig hielt, weil sie als ein zu leicht verfügbarer Möglichkeitsraum in einer unmöglichen Gesellschaft auftritt."

Weitere Artikel: Rainer Moritz schreibt in der Welt den Nachruf auf den irischen Autor William Trevor.

Besprochen werden Jane Gardams "Letzte Freunde", der letzte Band ihrer Old-Filth-Trilogie (Tagesspiegel), Arno Camenischs Reisebuch "Die Launen des Tages" (Freitag), Botho Strauß' Band "Oniritti Höhlenbilder" (Freitag), Roberto Zapperis Buch "Freud und Mussolini" (Freitag), Geoff Dyers Roman "Aus schierer Wut" (Standard), Cornelia Funkes Kinderbuch "Drachenreiter - Die Feder eines Greifs" (FAZ), die Reportagensammlung "Die Flüchtlingsrevolution" (FAZ), Rebekka Habermas' Studie "Skandal in Togo" (NZZ), Brigitte Kronauers Roman "Der Scheich von Aachen" (NZZ), die Autobiografie John le Carrés (Zeit) und Boris von Brauchitschs fotografische Reiseerinnerungen "9" (taz).
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Bühne


Stefanie Reinsperger als Medea in Grillparzers gleichnamigen Theaterstück. Foto © Lupi Spuma

In der NZZ porträtiert Bernd Noack die junge Schauspielerin Stefanie Reinsperger, die gerade als Medea am Wiener Volkstheater Furore macht, wo sie auch ganz gut hinpasst, findet der Kritiker: "Sie ist kein süßes Mädel und kommt doch irgendwie aus der Vorstadt. Direkt, unberechenbar, eine Wucht, wenn sie aufbraust, in ihrer Verletzlichkeit trotzig, im Zorn gefährlich; mit rauem Charme, mit exhibitionistischer Körperlichkeit, mit einer Komik, vor der man sich in acht nehmen muss, weil sie tiefer geht als nur bis zum Zwerchfell."

Im Théâtre du Soleil in Vincennes versuchen Ariane Mnouchkine und ihre Theatertruppe den Schrecken der Gegenwart zu trotzen, indem sie für ihr Stück "Une chambre en Inde" Szenen aus Shakespeares "King Lear" mit den Mitteln des südindischen Straßentheaters erzählen. Keine Tragödie, versichert Eberhard Spreng im Tagesspiegel über Mnouchkines Theater angesichts der berauschenden Farben: "Hilfe muss auch noch Anton Tschechow leisten, der mit Schnurrbart und Arzttasche hereinschneit, Cornélia den Puls fühlt und über berühmte Regisseure mit ihr plaudert, Stanislawski, Peter Stein, Giorgio Strehler. Die Aufführung beschließt ein zum Humanismus bekehrter IS-Kämpfer mit Schnurrbärtchen, der Chaplins berühmte Rede am Ende des 'Großen Diktators' rezitiert." Eine weitere Besprechung schickt Thomas Rothschild für die nachtkritik.

Weiteres: Die nachtkritik stellt die zehn interessantesten Theaterinszenierungen der Woche vor. Besprochen wird außerdem Tschaikowskys "Eugen Onegin" an der Oper Frankfurt (FR).
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Musik

Für die SZ unterhält sich Jan Kedves mit dem Kulturwissenschaftler James Hamilton über die Rolling Stones, vor allem aber den Blues und die Rockmusik - und wie es dazu kam, dass heute ersterer zwar sehr selbstverständlich als schwarze, zweitere aber davon losgelöst als weiße Musik einsortiert wird. "Eine wichtige Rolle spielte [bei diesem Rückfall] der Musikjournalismus. Der ist bis heute eine Domäne von weißen Männern. Sie haben die Deutungshoheit für sich gepachtet und die Tendenz, das Genie von weißen Musikern zu feiern und zu überhöhen. ... Wenn weiße Rockmusiker aus ihrem Genre 'ausbrechen' und im Rock Einflüsse einarbeiten, die als 'fremd' gelten, werden sie von Kritikern meist für ihren Mut gelobt, etwas Neues zu wagen. Während schwarze Musiker, wenn sie ihre Bereiche Soul oder R&B verlassen, dafür meist kritisiert werden. Es heißt dann, sie würden nicht bei ihren Wurzeln bleiben, sie würden ihr Erbe verraten, solche Dinge." In seinem Buch "Just around Midnight Rock and Roll and the Racial Imagination" legt Hamilton seine Thesen genauer dar.

In einem großen, von vielen Hörbeispielen unterlegten NZZ-Essay spürt Ueli Bernays den vielfältigen Einsatzweisen der Chor-Ästhetik im Gegenwarts-Pop nach: "Es sind vor allem persönliche und gesellschaftliche Krisen, die Musiker motivieren, das Gewicht der eigenen Stimme in Chor-Arrangements zu relativieren. Und der Rückgriff auf den Chor ist dabei längst nicht immer ein Rückzug zum Gospel. ... Man [findet] statt harmonischer Chöre viel häufiger eine andere, eher dissonante oder schizophrene Art von Mehrstimmigkeit. Fast könnte diese als Signatur des Gegenwarts-Pop gelten."

Weiteres: In New York bietet sich derzeit die Möglichkeit, am "majestätischen Zerfallsprodukt" Iggy Pop anhand von Aktzeichnungen ganz neue Facetten und Details zu erkennen, berichtet Konstantin Nowotny, vom feministischen Konzept der Ausstellung allerdings etwas irritiert, im Freitag: "Iggys Körper ist eine Message für sich, mit jeder Falte seines Hinterns." Im SWR2-Forum diskutieren Eleonore Büning, Alexander Liebreich und Joachim Mischke darüber, warum die Konzertsäle derzeit überall wie Pilze aus dem Boden schießen. Für die NZZ berichtet Thomas Schacher vom Lucerne Festival, wo unter anderem Nareh Arghamanyan und Cameron Carpenter auftraten.

Besprochen werden eine Schubert-Aufnahme von Adam Laloum ("eine Freude", schwärmt Michael Jäger im Freitag), das Comeback-Album von A Tribe Called Quest (Welt), das neue Album von Alicia Keys (online nachgereicht von der FAS), ein Klavierkonzert von Maurizio Pollini (FAZ), das neue Album von Madness (Standard) und ein Konzert von Jethro Tull, die es zur Überraschung des Lesers tatsächlich noch immer gibt, in ihrem Spiel allerdings auch weniger überzeugen als ihre unzähligen Tributbands, wie Stefan Michalzik in der FR berichtet.
Archiv: Musik