Efeu - Die Kulturrundschau

Vergangenheit von morgen

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22.11.2016. Krach in der Volksbühne: Soll Chris Dercon aus dem Amt gemobbt werden, bevor er auch nur angetreten ist? Und wer bezahlt die 5 bis 8 Millionen teure Abfindung, fragt die Berliner Zeitung. Krach an den Münchner Kammerspielen: Matthias Lilienthal stellt sich seiner Kritikerin Christine Dössel von der SZ. Epd-Film porträtiert den kanadischen Filmemacher Denis Villeneuve als Philosophen. Die SZ besucht das umgebaute London Design Museum. Die Spex hört French House mit epischen Motown-Chören.

Bühne

Seit der designierte neue Berliner Kultursenator Klaus Lederer von der Linken in einem Radiointerview beiläufig erklärt hat, die Berufung Chris Dercons als Castorf-Nachfolger überprüfen zu wollen, ist in Berlin ein Sturm ausgebrochen. In der Berliner Zeitung können Jens Balzer und Christian Schlüter es nicht fassen und liefern eine saftige Abrechung mit der selbstzufriedenen Volksbühne und dem "Klientelismus und Dilettantismus" Lederers und des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller, der Dercon erst holen und jetzt absägen lässt: "Was für ein lausiges Amts- und Kulturverständnis des Regierenden! Vor diesem Hintergrund zeigt sich jedenfalls, wie wenig Klaus Lederer mit seiner Äußerung zu Dercons Verbleib an der Volksbühne gegen den Koalitionsfrieden verstoßen hat. Allerdings wissen die Damen und Herren Politiker auch, dass es - erstens - einen von beiden Seiten unterschriebenen Vertrag mit Chris Dercon gibt und dass - zweitens - dieser Vertrag nicht gekündigt werden kann, solange Dercon nicht goldene Löffel klaut." Dercon solle schlicht aus dem Amt gemobbt werden, bevor er antritt. 5 bis 8 Millionen wird die Abfindung kosten, glauben die beiden. "Dafür muss eine verrentete Linkspartei-Wählerin lange stricken."

In der Krise stecken auch die Münchner Kammerspiele unter Matthias Lilienthal, berichtet Patrick Guyton im Tagesspiegel. Lilienthal stellte sich in München einer offenen Diskussion mit seiner schärfsten Kritikerin, Christine Dössel von der SZ, und einem Kritiker der Abendzeitung: "Die Grundfrage lautet: Macht der Berliner Matthias Lilienthal, der im Herbst vergangenen Jahres angefangen hatte, zu viel Performance, zu viel Experiment und zu wenig von dem, was man als klassisches Sprechtheater bezeichnet? Und besteht die Gefahr, wie Christine Dössel, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung (SZ), befürchtet, 'dass hier ein Theater an die Wand gefahren wird'?" Immerhin hat dieser Streit auch etwas Positives: "Das Interesse an den Kammerspielen ist rasant gestiegen, in der vergangenen Woche wurden doppelt so viele Karten verkauft wie sonst üblich." In der nachtkritik resümiert Tim Slagmann die Veranstaltung, bei der es zu keiner Annäherung kam: "Im Wesentlichen liegt dies freilich daran, dass die Kritiker ihre ästhetischen Urteile bei aller Differenzierung letztlich doch in normative Kategorien gießen wollten, die Lilienthal, seine Regisseure und sein Ensemble aber nicht akzeptieren werden. Sonst wäre das Experiment ja auch allzu schnell an sein Ende gelangt."

In der Welt porträtiert Marc Reichwein den Intendanten des Stadttheaters Konstanz Christoph Nix, der gerade Neil LaBute in die badische Provinz gelockt hat, als "eine der schillerndsten" und bestvernetzten Persönlichkeiten im deutschen Theaterbetrieb. Tilman Krause erinnert sich in der Welt an seine Begegnungen mit dem verstorbenen Heribert Sasse.

Besprochen werden ein prächtiger "Sommernachtstraum" des neuen Tanzchefs am Nationaltheater Mannheim, Stephan Thoss (FR), Richard Wherlocks Choreografie "Robin Hood" für das Ballett Basel (NZZ), Martin McDonaghs Stück "Hangmen" in Wiesbaden (FR), Grillparzers "Medea" am Wiener Volkstheater (nachtkritik, Presse, Standard) und Nurkan Erpulats Revue "Love It or Leave It" am Berliner Gorki-Theater (Freitag).
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Film


Menschlich bleiben: Frau Adams verhindert einen Krieg - Denis Villeneuves "Arrival".

In epdFilm porträtiert Patrick Seyboth den kanadischen Regisseur Denis Villeneuve, der sich mit ambitionierten, verschlungen strukturierten Indiefilmen einen Namen gemacht hat und nun mit "Arrival" (hier unsere Kritik) im Segment des avancierten Science-Fiction-Kinos gelandet ist. Aber auch in Hollywood erweise sich der Filmemacher als "ein Philosoph, dessen Blick vom Staunen über die Rätsel der menschlichen Seele und der Welt geprägt ist. Und die Wege seiner filmischen Erzählungen sind auch Wege ins Unbewusste der Figuren; seine Filme werden immer labyrinthischer, je näher man sie betrachtet. ... Das 'krumme Holz', aus dem laut Kant die Menschen gemacht sind und aus dem nie etwas ganz Gerades werden kann - in der Welt Denis Villeneuves herrschen darüber keine Illusionen, alles ist von Widersprüchen und Grenzüberschreitungen geprägt. Am ehesten scheinen Frauen fähig, fatale Dynamiken zu durchschauen. So ruht auch in 'Arrival' die Hoffnung auf der von Amy Adams gespielten Linguistin, die mit den auf der Erde gelandeten Außerirdischen kommunizieren soll, um Missverständnisse - also den Krieg - zu vermeiden."

Weiteres: Der Opportunismus des Stephen Bannon kennt offenbar keine Grenzen: Bevor dieser Herausgeber von Breitbart wurde und bei Trump politische Karriere machte, war die umstrittene Figur rege im Independent-Film tätig, berichtet Eric Kohn von IndieWire, der herausgefunden hat, dass Bannon in dieser Zeit neben zahlreichen Kritikerlieblingen mitunter auch queere, ästhetisch sensible Filmkunst produziert hat. Marco Koch vom Filmforum Bremen führt durch Aktualitäten aus der Filmblogosphäre. Und gefunden bei Keyframe Daily: Google Arts & Culture bringt eine sehr schöne, multimediale Online-Ausstellung über Sergei Eisenstein.

Besprochen werden der Fantasystreifen "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" (SZ) und Feo Aladags fürs Fernsehen entstandenes Rassismus-Drama "Der Andere" (FR, hier in der Mediathek).

Und der Oscar-Regisseur David O. Russell hat im Auftrag einer italienischen Bekleidungsfirma einen 12-minütigen Werbe-Kurzfilm gedreht:

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Literatur

Zum hundertsten Todestag Jack Londons schreiben Peter Henning (Berliner Zeitung) und Werner von Koppenfels (FAZ). Den Nachruf auf den irischen Autor William Trevor schreibt Angela Schader in der NZZ.

Besprochen werden William H. Gass' zwanzig Jahre alter Roman "Der Tunnel" (den Sieglinde Geisel bei tell als noch immer hochaktuelles Porträt der "Enttäuschten" des Midwest empfiehlt), Frank Schulz' "Onno Viets und der weiße Hirsch" (Freitag), Yvonne Adhiambo Uwuors Debütroman "Der Ort, an dem die Reise endet" (Tagesspiegel), Gregor Webers Krimi "Asphaltseele" (Welt), neue Bücher über Luther und die Reformation (NZZ), zwei Bücher zur Entstehung des Islam (FR) und zwei Ausstellungen zum 500. Jubiläum des Romans "Vom besten Zustand des Staates und der neuen Insel Utopia" im flämischen Leuven (taz).

In der Frankfurter Anthologie stellt Matthias Weichelt Kornelia Koepsells Gedicht "Der Mann, der lacht" vor:

"Wie schnell zerfällt zur Nachtzeit eine Seele
in Teile, wenn sie einsam und speziell
sich selber überlassen ist im grell
verrückten Flackern einer Lichterhöhle.
..."
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Stichwörter: Reformation

Kunst

Julia Smirnova besucht für die Welt das große Observatorium im kaukasischen Wissenschaftlerstädtchen Nischni Archys, wo man derzeit eine Ausstellung mit Kunstwerken zum Thema Sterne bewundern kann: "Mit dem religiösen Aspekt befasste sich die Künstlerin Irina Korina, die auf den Straßen von Nischni Archys ihre 'Lichttempel' ausstellte, 'märchenhafte Objekte, die den Träumen und Rätseln gewidmet sind, die wir nicht entschlüsseln können', wie sie selbst erklärte. Anja Titowa wählte für ihre Installation 'Wozu arbeiten?' die Werkstatt des Wissenschaftlerstädtchens aus. 'Wenn die Sterne irgendwo gemacht wurden, dann war das hier', sagt die Künstlerin über den Ort. Die Zuschauer und Werkstattmitarbeiter können sich auf die Bank setzen, und wenn sie nach oben schauen, sehen sie, wie sich aus Neonröhren über ihren Köpfen das Antlitz des Windgottes Aiolos zusammensetzt. Wenn sie wieder aufstehen, haben sie 'Sternenstaub' auf ihren Sohlen."

Besprochen werden die Ausstellung "Ikonen moderner Kunst" in der Fondation Louis Vuitton (NZZ), eine Ausstellung des Wiener Künstlers Peter Wechsler im Zürcher Kunsthaus (TagesAnzeiger), die Anselm-Kiefer-Schau im Londoner White Cube Bermondsey (Guardian), ein Schau von Monica Bonvicini im Baltic in Gateshead (Guardian) und Omer Fasts Installation "Reden ist nicht immer die Lösung" im Berliner Gropius-Bau (FR). Nachträglich online gestellt hat die FAZ Niklas Maaks Besprechung der Modeausstellung "The Vulgar. Fashion Redefined" im Londoner Barbican Centre.
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Musik

Warum die French-House-Band Justice, die nach fünf Jahren Funkstille mit "Woman" ein neues Album vorlegt (hier eine Hörprobe), mit ihrem nostalgischen Disco-Sound auch heute noch funktioniert, erklärt uns Laura Aha in der Spex: "Epische Motown-Chöre eröffnen die Songs mit eingängigen Melodien, verschwurbelte Electro-Sounds katapultieren die wohlige Disco-Ästhetik kurz aus der Retroschiene in die Jetztzeit, nur um dann umso verlässlicher zum Slap-Bass zurückzukehren. ... Das Duo transportiert dieses unbestimmt melancholische Sehnsuchtsgefühl, das den Moment jetzt schon zur verklärten Vergangenheit von morgen stilisiert."

Mit seiner Einspielung von Bachs Französischen Suiten "überzeugt Murray Perahia durch eine Art überzeitliche Deutung", freut sich Georg-Albrecht von Eckle in seiner von der Zeit online nachgereichten Besprechung. "Mit aller Diskretion vollzieht er den Prozess des Kontrapunkts genau in der Art des Bachschen Zugriffs auf den französischen Stil, bei dem 'die kontrapunktischen Details ästhetisch unauffällig sind', wie es bei Carl Dahlhaus so schön heißt. Aus Figur und Ornament lässt er immer wieder auch etwas Romantisches wie Stimmung leuchten und steigert so das Sympathische von Werk und Interpret jenseits jeder Ideologie." Bei der Deutschen Grammophon gibt es Hörproben.

Weitere Artikel: Für die taz spricht Volker Zander mit dem Neue-Musik-Pianisten John Tilbury, der in den kommenden Tagen in Köln mit einigen Vorträgen und experimentellen Beatles-Bearbeitungen präsent sein wird. Mit seinen jüngsten, wütenden Ausbrüchen hat sich Kanye West als der Popstar der heraufdämmernden Ära Trump empfohlen, merkt Felix Zwinzscher in der Welt an. Für Popmatters hat sich Hayden Mears mit dem Filmkomponisten James Newton Howard unterhalten. In der taz stellt Sven Hansen die Sängerin Mai Khoi vor, die in ihrer vietnamesischen Heimat politisch für einigen Wind sorgt. Der legendäre Londoner Club Fabric muss nun nach Verhandlungen und Auflagen doch nicht schließen, meldet unter anderem Spin. Max Nyffeler (FAZ) und Stefan Schickhaus (FR) gratulieren dem Komponisten, Dirigenten und Musikphilosophen Hans Zender zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden das Berliner Konzert von Autechre (taz), das neue Album von Doctorella (online nachgereicht von der FAZ), das neue Metallica-Album (ZeitOnline, mehr dazu hier), das Abschlusskonzert der Nordamerika-Tour der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel), das Wiener Konzert von Anne-Sophie Mutter und dem London Philharmonic Orchestra (Standard), ein Konzert von Arcadi Volodos (Tagesspiegel), ein Konzert von Jake Bugg (Tagesspiegel), ein Konzert des DSO unter Sir Roger Norrington (Tagesspiegel), das Jubiläumskonzert an der Berliner Volksbühne zum 30-jährigen Bestehen der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot (taz), das neue Album von Sting (FR), neue Tapes (The Quietus) und das neue Album von Soft Hair (SZ).

Außerdem jetzt online bei Arte: Das Konzert zur Eröffnung des neuen Musikforums in Bochum (mehr dazu hier in unserer Presseschau).
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Architektur


L. Mies van der Rohe, Convention Hall, Chicago 1952-54 Interior perspective. Preliminary version, 1953. New York, Museum of Modern Art (MoMA). Marbleized paper cut-out photographs (of roof-truss model and 1952 Republican Party Convention) on composition board

Schwierig findet es Andreas Rossmann von der FAZ, wie das Museum Ludwig Forum in Aachen versucht, die am Rande von Großaufträgen entstandenen Collagen von Mies van der Rohe als "eigenständige Kunstwerke" innerhalb des Werks zu kompilieren - etwas, was nicht einmal dem Architekten selbst in den Sinn gekommen war: "Waren die Arbeiten für Mies doch vor allem Möglichkeiten, sein Verständnis und auch den Nutzen der räumlichen Situation zu reflektieren: Als Studien und Interpretationen zum Ein-Raum oder Universalraum befassen sie sich mit dem Thema, das ihn wie kein anderes in seiner amerikanischen Zeit beschäftigt hat und in seinem transparenten, ebenfalls Papier gebliebenen Entwurf für das Nationaltheater Mannheim (1952) kulminiert. Die Collagen aus diesem Zusammenhang herauszuheben widerspricht seiner ganzheitlichen Auffassung von Architektur."

Das London Design Museum ist von seiner bisherigen, eher ungünstig gelegenen Position umgezogen und zwar direkt ins Zentrum der Stadt, ins ehemalige Commonwealth Institute. Umgebaut hat das Gebäude John Pawson, berichtet in der SZ Alexander Menden, der das Ergebnis überzeugend fand: Geglückt sei hier eine "Vermählung jenes selbstbewussten Brutalismus, für den das ursprüngliche Gebäude stand, mit zurückhaltendem, nie geschmäcklerischem Gegenwartsmodernismus. Vom alten Gebäude blieben nur die einander überlagernden, parabolischen Dachschalen aus Beton. Die Blickachsen auf diese spektakuläre Struktur hat der Architekt so weit wie möglich offengehalten, alles darunter aber von Grund auf neu errichtet ... Alles wirkt offen und transparent." Einige Eindrücke bietet Instagram.
Archiv: Architektur