Efeu - Die Kulturrundschau

Im Modus des suspendierten Zweifelns

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11.11.2016. Leonard Cohen ist tot. In amerikanischen Zeitungen finden sich schon erste lange Nachrufe. Die SZ zieht eine ernüchterte Zwischenbilanz von Matthias Lilienthals Intendanz an den Münchner Kammerspielen. Das Konzert von Sampha im Berghain tröstet die Berliner Zeitung vorübergehend über das Trump-Fiasko hinweg. In der NZZ denkt Christian Saehrendt über aufgebende Künstler nach. Denis Villeneuves Science-Fiction-Film "Arrival" lässt die Kritiker mit einem dumpfen Sehnen zurück.

Musik

Der große kanadische Songwriter, Schriftsteller und Dichter Leonard Cohen ist tot. Larry Rohter führt in der New York Times noch einmal durch das Leben und die Karriere des enigmatischen Künstlers: "Mr. Cohen was an unlikely and reluctant pop star, if in fact he ever was one. He was 33 when his first record was released in 1967. He sang in an increasingly gravelly baritone. He played simple chords on acoustic guitar or a cheap keyboard. And he maintained a private, sometime ascetic image at odds with the Dionysian excesses associated with rock 'n' roll." (Foto: Rama)

Im Rolling Stone schreibt Richard Gehr einen Nachruf: "Cohen was the dark eminence among a small pantheon of extremely influential singer-songwriters to emerge in the Sixties and early Seventies. Only Bob Dylan exerted a more profound influence upon his generation, and perhaps only Paul Simon and fellow Canadian Joni Mitchell equaled him as a song poet."

Erst vor wenigen Wochen hatte sich Cohen mit David Remnick vom New Yorker über das Sterben unterhalten: "I am ready to die. I hope it's not too uncomfortable. That's about it for me." Die Aufregung, die diese Aussage unter seinen Fans auslöste, bemühte sich Cohen kurz darauf wieder einzufangen: "I think I was exaggerating. I've always been into self-dramatization. I intend to live forever."



Auf der Suche nach Trost nach dem Trump-Fiasko hat Jens Balzer von der Berliner Zeitung das Berghain aufgesucht - und ist beim Konzert von Sampha inmitten von "Menschen verschiedener Hautfarben und sexueller Orientierungen" tatsächlich fündig geworden. Für ihn ist der Künstler mit seinen berührenden Stücken "ohne Frage der interessanteste neue Soulsänger der Stunde" und das ohne "die Nostalgie des Retro-Soul": "Seine bis zur Körperlosigkeit zarten Melodien umkränzt er mit geloopten Gehauch- und Gehechelfragmenten, mit sparsamen Pianofiguren und unaufdringlich komplex klackernden Beats. Und im Konzert ist er sogar noch besser als in den Studioarbeiten - so virtuos verflicht er mit seiner Band analoge und elektronische Klänge, gesampelte Stimmfragmente und dramatisch extemporierenden Gesang, kontemplative Passagen und hinternkickende Tanzmusik." Für die taz war Lorina Speder auf dem Konzert. Hier das aktuelle Video:



Weiteres: In der taz stellt Detlef Diederichsen das Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou aus Benin vor, das Funk mit den Voodoo-Rhythmen seines Heimatlandes kombiniert.

Besprochen werden das neue Album "Ich will alles von dir wissen" der Indie-Popband Doctorella ("Damenlyrik vom Reißbrett", ärgert sich Kristof Schreuf in der Jungle World), das Album "We are the Halluci Nation" von A Tribe Called Red (taz), ein Kozert von Erik Truffaz (FR) sowie weitere neue Popveröffentlichungen, darunter von Kim Gordons Band Body/Head (ZeitOnline).
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Kunst

"Wie viele Künstler geben eigentlich jedes Jahr auf?" fragt sich der Kunsthistoriker Christian Saehrendt in der NZZ und verweist in diesem Zusammenhang auf das Projekt "Art Amnesty" des britischen Künstlers Bob and Roberta Smith: "Vor dem New Yorker Museum PS 1 ließ er Container mit der Aufschrift aufstellen: 'Throw Your Art Away'. Man konnte Formulare ausfüllen mit dem Versprechen 'I promise never to make art again'. Einzelne, ungeliebte Kunstwerke konnten mit einem Signet 'I never want to see this work of art again' zur Zerstörung freigegeben werden. Ausdrücklich hingewiesen auf diese Möglichkeit der Selbstentlastung wurden Künstler, die sich, wie etwa Gerhard Richter, öffentlich beklagt hatten, ihnen sei es unangenehm, dass ihre Werke auf dem Kunstmarkt so hohe Preise erzielten (diese Erfolgskünstler ließen sich allerdings nicht blicken)." (Foto: Peter Burka)

Julian Hans von der SZ ist nach Nischni Archys in den Kaukasus gereist, wo Künstler derzeit ein altes astronomisches Observatorium bespielen (mehr dazu in der FAZ).

Besprochen wird Mayo Thompsons Ausstellung "?" in der Galerie Buchholz in Berlin (taz).
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Architektur

Besprochen wird die (von der Gruppe selbst kuratierte) Ausstellung zum Schaffen der Bjarke Ingels Group im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt (FAZ).
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Bühne

Kündigende Schauspielerinnen, abgesagte Inszenierungen, fliehendes Publikum, Unmut in der Münchner Öffentlichkeit: Die Münchner Kammerspiele befinden sich im zweiten Jahr von Matthias Lilienthals Intendanz in einer handfesten Krise. Die SZ geht dem mit einem Themenschwerpunkt nach. Christine Dössel bekennt sich enttäuscht dazu, Lilienthal bei Antritt in München zu unkritisch umarmt zu haben. Statt großem Diskurs werden jedoch "die Zuschauer - wie auch die Schauspieler - an Lilienthals Kammerspielen permanent unterfordert. Viel lieber wäre man überfordert, herausgefordert, zum Schäumen oder Nachdenken angestachelt. Überfordert ist man aber nur auf der sehr chaotischen Internetseite des Hauses, wo man nie genau weiß: Ist das ein Gastspiel, eine Eigenproduktion oder ein Kochabend mit Syrern?"

Egbert Tholl wertet unterdessen die Zahlen der ersten Saison Lilienthals aus, die noch einigermaßen solide wirken. Doch "zu Beginn von dessen zweiter schaut es düsterer aus." Christopher Schmidt schließlich beleuchtet die wechselhafte Intendanten- und Streitgeschichte des Hauses und mahnt die Kritiker zu mehr Gelassenheit. Zieht man die Perspektive nur weit genug auf, entspanne  sich die Lage nämlich.

Weiteres: In der SZ wirft Reinhard J. Brembeck einen Blick auf die Programmankündigung der Salzburger Festspiele unter dem neuen Intendanten Markus Hinterhäuser.

Besprochen wird David Hermanns Zürcher Inszenierung der "Entführung aus dem Serail", die ohne Dialoge laut Lotte Thaler von der FAZ "eine echte Mogelpackung [ist]. Es steht zwar Mozart drauf, aber es ist kaum Mozart drin" sowie Max Emanuel Cencics Inszenierung der Hasse-Oper "Siroe" in Lausanne (NZZ).
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Literatur

In der NZZ unterhält sich Anja Jardine mit Rüdiger Safranski über dessen Familie und seinen Werdegang. Am Ende des Gesprächs resümiert Safranski: "Auf meiner Bühne hatten die Eltern noch eine Monopolstellung, eine Schicksalsmächtigkeit. Das immunisierende Milieu der Familie dämpfte eine Reihe anderer Einflüsse, das war früher stärker als heute. Und nimmt immer mehr ab. Ich habe das Gefühl, dass die Familie in ihrer Prägekraft heute viel stärker konterkariert wird, auch von anonymen Stimmen aus dem Internet. Die familiäre Schale steht immer weiter offen. In Zukunft werden Prägungsgeschichten schwerer zu erzählen sein, weniger übersichtlich."

Besprochen werden Matthias Wittekindts Krimi "Der Unfall in der Rue Bisson" (FR), Jonathan Safran Foers "Hier bin ich" (online nachgereicht von der FAZ) und Hergés früher Comic "Die Abenteuer von Jo, Jette und Jocko" (SZ).
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Stichwörter: Rüdiger Safranski

Film



Denis Villeneuves
Science-Fiction-Film "Arrival" bringt die Hirne und Herzen der Filmkritiker ordentlich zum Rauchen. Nino Klingler schreibt auf critic.de mit der Traurigkeit eines sehnenden, aber enttäuschten Liebenden über diesen Film, der von der Begegnung zwischen Mensch und Aliens und den Hindernissen auf dem Weg zum gegenseitigen Verständnis handelt: Der Film "ist ein luftdicht verpacktes Raum-Zeit-Gefühl-Rätsel. Wie bei seinen letzten Filmen weiß man nicht genau, ob man Villeneuve selbstbewusstes Erzählen bewundernswert oder diktatorisch finden soll. ... 'Arrival' ist Sci-Fi im Modus des suspendierten Zweifelns, ohne großes Weltzerstörgewitter oder Glücksverheißung am Ende. Die Aliens erscheinen, und sie verschwinden irgendwann. Zurück bleibt nur ein dumpfes Sehnen."

Michael Kienzl von der Spex und Perlentaucher Thomas Groh deuten den Film bereits vor der Kulisse aktueller politischer Großereignisse: Dieses "Plädoyer für eine Zukunft mit in jeder Hinsicht offenen Grenzen ist ein unmissverständliches Statement", schreibt Michael Kienzl. Thomas Groh sieht in diesem Film den "ersten großen Film der frisch angebrochenen Ära Brexit und Trump."

Weiteres: Zum Tod des Nouvelle-Vague-Kameramanns Raoul Coutard hat der Filmdienst ein Porträt von 2004 online gestellt. Ralf Schenk schreibt im Filmdienst zum Tod des Filmkritikers Hans-Joachim Schlegel.

Besprochen werden "Nocturama" von Bertrand Bonello (SZ), Woody Allens "Café Society" (Zeit), der neue "Jack Reacher"-Film mit Tom Cruise (FAS, unsere Kritik hier), Heidi Specognas Dokumentarfilm "Cahier Africain" (FAZ, kino-zeit.de), Jakob M. Erwas "Die Mitte der Welt" (Welt, ZeitOnline) und die neue Netflix-Serie "The Crown" über das Leben von Elisabeth II., die Ursula Scheer von der FAZ über den Ausstattungsaufwand staunen lässt.
Archiv: Film