Efeu - Die Kulturrundschau

Pracht und Attacke

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07.09.2016. Die NZZ feiert die irisierende Schönheit von Muranoglas, dem die Münchner Pinakothek der Moderne eine Ausstellung widmet. Die FR erlebt in Venedig David Lynch als bildenden Künstler. In der SZ warnt Amelie Deufland die Volksbühne, sich von falschen Freunden  zum Stadttheater machen zu lassen. Der FAZ kommen bei den Köthener Bachtagen die Zähren.

Design


Objekt "Arcobaleno", Anzolo Fuga für A.Ve.M., c. 1956, Vase "Siderale", c. 1952, Flavio Poli für Seguso Vetri d'Arte, Foto: Anna Seibel

Gabriele Detterer freut sich sehr, dass die Museen wieder Muranoglas in ihr Programm aufgenommen haben. Die Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne zeige sehr schön die Kunstfertigkeit der venezianischen Glasproduktion, deren Ruf durch die Massenproduktion arg gelitten habe: "Glasklar oder opak, monochrom oder vielfarbig, Naturformen stilisierend oder minimalistisch abstrakt - die in der Pinakothek ausgestellten Objekte spiegeln Stilrichtungen der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts wider. Würden sich die grün-gelben Farbkreise der Vase Siderale von Flavio Poli drehen, wäre dieses 1952 entstandene Gefäß ein Objekt früher kinetischer Kunst, während die im gleichen Jahr entstandene Vase Olaf von Dino Martens die Stilrichtung Informel mit Elementen der Op-Art kombiniert. Die Meisterschaft schlichter Ästhetik verkörpern die Millerighe-Vasen, die Aureliano Toso 1954 entwarf und dabei die historische Technik des Fadenglases neu, aber reduziert einsetzte."
Archiv: Design

Kunst


Rudolf Goessl, Innenblick, 1973 Foto: Ernst Kainerstorfer.

Im Standard empfiehlt Andrea Schurian eine Ausstellung mit den frühen Arbeiten des österreichischen Malasketen Rudolf Goessl im Wiener 21er-Haus: "Die grellpoppige, konstrast reiche Farbigkeit seiner abstrakten Kompositionen wich allerdings bald einer zunehmend asketischen Malerei. Das Farbspektrum reduzierte sich auf Grau-, Schwarz- und Brauntöne. Goessl verhängte die klar umrandeten Leinwände mit extrem dünn aufgetragenen Farbschichten, schuf räumliche Tiefen aus Schatten und Licht."

Leider etwas spät preist Ulrich Schmid die bereits geschlossene Ausstellung "The Arab Nude" in der American University in Beirut, die arabische Aktmalerei aus der Zeit der Nahda zeigt, der arabischen Renaissance am Ende des 19. Jahrhunderts: "Die Neuerer kultivierten einen dezidiert maskulinen und heterosexuellen Erotizismus; dass dazu weibliche Ergebenheit gehörte, war für sie selbstverständlich."

Weiteres: Das lange Zeit verschollene Bilderbuch, das Otto Dix 1925 für seine damals fünfjährige Tochter Hana gemalt hat, ist wieder aufgetaucht, freut sich Gottfried Knapp in der SZ. In der FAZ  berichtet Kerstin Holm vom Auftakt des Land-Art-Festivals im russischen Nationalpark Ugra.

Besprochen werden die Ausstellung "Facing the Future - Art in Europe 1945-68" in Brüssel (Tagesspiegel) und Edmund Kuppels Schau in der Akademie der Künste in Berlin (FR).

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Literatur

In der FAZ bekundet Martin Lhotzky sein Missfallen über Marlene Streeruwitz' Fortsetzungsroman zum österreichischen Wahlkampf "So wird das Leben", den die Autorin in wöchentlicher Folge online veröffentlicht: "Will 'So wird das Leben' tatsächlich als Kommentar auf den Wahlkampf an Relevanz gewinnen, wird sich Marlene Streeruwitz noch sehr anstrengen müssen."

Im NZZ-Interview mit Paul Ostwald spricht die kenianische Autorin Yvonne Owuor über die großen Fluchtbewegungen, die Europa und Afrika gleichermaßen betreffen. Dass in Kenias großem Flüchtlingscamp Terrorismus genährt wird, fürchtet sie nicht: "Es gibt immer Einzeltäter, die Menschlichkeit ausnutzen werden. Aber gerade bei Menschen, die offensichtlich vor islamistischem Terror geflohen sind, werden Sie am wenigsten Sympathie für diese Gruppen finden. Gewalt reist leider trotzdem immer mit."

Weiteres: Für den Tagesspiegel wagt Julius Heinrichs einen Blick in die Welt der Bücherblogger.

Besprochen werden Gerhard Falkners für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman "Apollokalypse" (taz), Christian Krachts "Die Toten" (Tagesspiegel), William Gibsons Science-Fiction-Roman "Peripherie" (Freitag), Andreas Maiers "Der Kreis" (Freitag), Varujan Vosganians "Das Spiel der hundert Blätter" (FR), Silke Scheuermanns "Wovon wir lebten" (FR), Margaret Atwoods Comic "Angel Catbird" (Tagesspiegel), Peter Moores "Das Wetterexperiment" (SZ), Thomas Jonigks "Liebesgeschichte" (FAZ) und Bücher von César Aira (SZ).
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Archiv: Literatur

Bühne

Der Streit um die Volksbühne wirkt auf Amelie Deuflhard, die künstllerische Leiterin des Hamburger Kampnagel, in seiner Polarität befremdlich: Die Öffnung der Häuser, die Einbeziehung angrenzender Disziplinen sei längst etabliert - und gerade Castorfs Volksbühne habe hierfür notwendigen Raum geschaffen, schreibt sie in der SZ. Die Volksbühne werde "von falschen Freunden auf ein ganz normales Stadttheater reduziert. Nein, es sollte nicht um Imperatoren gehen in dieser Debatte, sondern um kuratorische Konzepte, die das Theater seiner Repräsentationsfunktion partiell entheben, seine Funktionen erweitern und einen Kunst-Lebens-Diskursraum schaffen, der sich tief in unsere internationalen Stadtgesellschaften hineingräbt. Wir sollten nachdenken über das Theater der Zukunft."

An der Wiener Staatsoper hatte Wagners "Lohengrin" Premiere. Von Andreas Homokis Inszenierung zeigt sich Daniel Ender im Standard nur mäßig begeistert, aber die Musik findet er ausgesprochen kraftvoll: "Der Star am Dirigentenpult, Yannick Nézet-Séguin, sorgte schon durch seine pure Anwesenheit für Begeisterungsstürme und animierte das Orchester zu geballter Pracht und Attacke." Ähnlich sieht das Wilhelm Sinkovicz in der Presse.

In der Welt kann sich Manuel Brug den positiven Resümes des Tanz im August nicht anschließen (unser gestriges Efeu). In seinen Augen hat sich die eigentlich neugierige Leiterin Virve Sutinen zu sehr von der HAU-Community  und ihren Diskursen vereinnahmen lassen: "Beim Tanz im August kommt die fröhlichste Art der Künste verkniffen, borstig, grau und mürrisch daher."

Im FR-Gespräch mit Judith von Sternburg und Claus-Jürgen Göpfert blickt Noch-Intendant Oliver Reese vor seinem Wechsel zum Berliner Ensemble auf seine sich ihrem Ende neigende Zeit am Frankfurter Schauspiel zurück. Besprochen wird Johan Simons' bei der Ruhrtriennale gezeigte Inszenierung "Die Fremden" (FR).
Archiv: Bühne

Musik

Jan Brachmann berichtet in der FAZ von eigenwilligen Bach-Interpretationen, die sich ihm bei den Köthener Bachtagen dargeboten haben: Demnach verbinde das aus Spezialisten zusammengesetzte BachCollektiv Einzelsätze von Bachs Suiten und Konzerten mit Arien aus den Kantaten und Passionen: "Der Abend soll Bachs Innerlichkeit in seiner Köthener Zeit erkunden. Er führt aus der Trauer zum Fest, aus der Kleinteiligkeit zur großen Form, schert sich nicht um die Sektorengrenzen zwischen Geistlichem und Weltlichem, denn es ist stets der gleiche Mensch, der hier trauert und tanzt, betet und feiert. Das ist klug gemacht, zielt auf Konzentration statt auf Zerstreuung. Aber ist es wirklich Bach? Oder ist es nicht vielmehr der Hörer von heute, um dessen Zähren willen die Musik hier zum Rohstoff der Rührung gemacht wird?"

Weiteres: Philipp Kressmann von der Spex lässt sich beim Berliner Festival Pop-Kultur Berufseinsteiger-Tipps von Musikjournalismus-Veteran Jon Savage geben. Mark Andrews plaudert für The Quietus mit den Sisters of Mercy.

Besprochen werden das neue Album "Aim" von M.I.A., die darauf den Subalternen zu Gehör verschafft (Tagesspiegel), das Album "Away" von Okkervil River (eine "wirklich ganz herrlich dahingehauchte Krisenplatte", schreibt Julian Doerr in der Spex), der Auftakt des Musikfests Berlin (Berliner Zeitung) und das neue Album von Angel Olsen (ZeitOnline).
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Film



In Venedig schreiten die Filmfestspiele munter voran. Einscheidende Großereignisse bleiben offenbar auch weiterhin aus. Allerdings häufen sich die "wilden Genremixe", stellt Christiane Peitz im Tagesspiegel fest. In der FR schwärmt Daniel Kothenschulte von dem per Crowdfunding finanzierten Dokumentarfilm "David Lynch: The Art Life", der den Filmemacher als bildenden Künstler, der er von Berufs wegen eigentlich ist, porträtiert: "Mitreißend wie kaum ein anderer Film über Kunst erzählt 'David Lynch' von Inspiration und Selbstzweifeln." Einen Löwenfavoriten hat Kothenschulte allerdings auch noch immer nicht ausgemacht.

Tim Caspar Boehme von der taz rätselt derweil immer noch über Amat Escalantes "La región salvaje", wo es unter anderem um Außerirdische und um Sex geht: "Warum Escalante diese sexuelle Befreiungsgeschichte erzählt, ob es ihm dabei ernsthaft um Befreiung geht oder er einfach nur vor intimen Kontakten mit Außerirdischen warnen möchte, bleibt bei alledem herzlich unklar. Wenn hinter der offenkundigen Symbolik noch eine tiefere psychoanalytische Botschaft schlummern sollte, die halbwegs Sinn ergibt, hat Escalante sie gründlich in seinem konfusen Werk versteckt."



Sehr dankbar ist Ekkehard Knörer von Cargo für Andrew Dominiks Nick-Cave-Musikdoku "One More Time With Feeling", die ihm zunächst als handelsüblicher Promofilm erscheint, bis sich die Trauer um Caves 2015 gestorbenen Sohn unter die Textur des Filmes hebt: "'Nothing really matters when you lose someone you love' lautet eine Zeile des ergreifendsten Songs von Skeleton Tree. Wie banal das klingt. Aber Cave gelingt, was dem Film, aus dem ich beinahe geflohen wäre, am Ende gelingt, was Texten zu Musik dank der Musik, wenn es gelingt, gelingt: Sehr banale werden zu sehr wahren Sätzen. Suzie und ich, sagt Cave, wir ziehen einen Schluss aus dem nicht wieder gutzumachenden Verlust. Wir sind füreinander da. Wir wenden uns den anderen zu. Das ist ein sehr schöner Schluss."

Mehr aus Venedig auf kino-zeit.de und beim Filmdienst. Internationale Stimmen sammelt David Hudson auf Keyframe Daily. Rüdiger Suchsland ist auch weiterhin verstummt.

Weiteres: Im Standard empfiehlt Thomas Groh Freundes des körperbetonten Horrors Fede Alvarez' "Don't Breathe", über den  Dietmar Dath auch in der FAZ schreibt. Für die SZ spricht Susan Vahabzadeh mit dem Schauspieler Michael Fassbender über dessen neuen Film "The Light Between Oceans". Das Berliner Kino Arsenal widmet sich in einer Filmreihe dem Komponisten Krzysztof Komeda, berichtet Jenni Zylka in der taz. Zu sehen ist dabei auch Jerzy Skolimowskis "Le Départ" aus den Sechzigern (hier unsere Besprechung), in dem eine besonders magische Szene Komedas Musik einiges verdankt:

Archiv: Film