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Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.08.2016. Im Standard ruft Elfriede Jelinek ihre Schriftsteller-Kollegen zum Protest gegen die Festnahmen in der Türkei auf. Die FAZ hört bei Daniil Trifonow einen überraschend authentischen Sergej Rachmaninow 2.0. Die Zeit erfindet mit einem grummelig unheimlichen John Coltrane die Tanzmusik des 21. Jahrhunderts. Die SZ entdeckt bei Harry Potter die geistige Heimat des Brexit. Außerdem schaut sie mit Alberto Rodriguez' "La Isla Minima" fasziniert ins Unterbewusstsein der Spanier. Der Welt schaudert es bei der Aktualität von Hieronymus Bosch im Prado.
"Virtuosen Irrsinn" gab es bei Daniil Trifonows Klavierkonzert beim Festival in Verbier zu erleben, berichtet FAZler Malte Hemmerich, der kaum glauben kann, was sich da auf der Bühne und anschließend im Saal abspielt: "Obwohl das alles wie aus der Welt von gestern klingt, wirkt es doch authentisch ... Gut siebzig Jahre jüngste Musikgeschichte ignoriert er einfach und verkörpert durch seine Präsenz absolut glaubhaft eine Art Sergej Rachmaninow 2.0. Das Publikum steht, trampelt, schreit." Hier gibt es einen kompletten Mitschnitt des Konzerts, sowie hier einen Ausschnitt:
"Grandios. Unheimlich" findet währenddessen Ulrich Stock von der Zeit die für Atlantic entstandenen Aufnahmen John Coltranes, die sich nun gesammelt in Mono (sofern die Monobänder überliefert sind) wiedererschließen lassen. Beim Stück "Olé" mag er gar nicht glauben, wie modern die Aufnahme noch heute wirkt: "Gleich zwei Kontrabässe werfen ihren Schatten auf den Boden der im Licht gleißenden Arena. Art Davis und Reggie Workman zupfen, streichen, verschmelzen ihre Linien zu einem dringlichen, insistierenden, irritierenden Tiefenpuls, der grummelnd nach vorne drängt, ohne je voranzukommen. ... McCoy Tyner am Piano wirft immer nur Groove-Partikel hin, die er wiederholt, ohne sie je zu variieren, bis er sie irgendwann doch variiert, um sie dann wieder zu wiederholen, als wollte er am 25. Mai 1961 die Tanzmusik des 21. Jahrhunderts erfinden." Das wollen wir uns nicht entgehen lassen:
Weiteres: In der tazporträtiert Philipp Weichenrieder den britischen Dubstep-Musiker Mala, der statt Facebook-Postings zum Brexit abzusetzen lieber um die Welt reist, um mit Musikern in Peru zu kollaborieren. SZler Jan Kedves stellt unterdessen den im Rap angesagten DJ Khaled vor, der zwar weder rappt, noch produziert oder Beats bastelt, aber dennoch mit seinem neuen Album auf Platz Eins der Charts eingestiegen ist.
Das in London umjubelte, neue "Harry Potter"-Stück gibt Thomas Steinfeld von der SZ reichlich Stoff zum Nachdenken und Assoziieren: Rückblickend meint er in der ganzen Potter-Saga die geistige Heimat des Brexit zu erkennen, was im besonderen für diese Bühnenarbeit gelte: "Mitten in einer hochtechnisierten, globalisierten und demokratisch verfassten Gegenwart lässt sie das nostalgische Bild einer Parallelgesellschaft entstehen, in der noch einmal viktorianische Verhältnisse gelebt werden dürfen, und in der Großbritannien noch einmal ganz bei sich selbst ist - in der also das Schicksal des Universums in den Händen einer kleinen Gruppe von Aristokraten liegt. ... Gleicht nicht der böse Lord Voldemort dem Zerrbild der Europäischen Union, so wie es vor dem Brexit-Referendum in Großbritannien populär wurde - nicht nur, weil er als Fanatiker der totalen, alle natürlichen Unterschiede ignorierenden Staatlichkeit auftritt, sondern auch, weil er sich immerzu auf der Jagd nach einem eigenen Körper befindet?"
In der NZZberichtet Bernd Noack von den Salzburger Festspielen. Deborah Warners "Sturm"-Inszenierung langweilt auch ihn (mehr dazu: hier), Dieter Dorns "Endspiel" begeistert Noack jedoch als "zutiefst anrührender, unausweichlich erschütternder, grausam auswegloser Kampf um den letzten Funken Sinn des Daseins, während 'draußen' die Schöpfung längst nur noch Makulatur ist."
Im Standardfordert die Autorin Elfriede Jelinek vom internationalen PEN-Klub und anderen Schriftstellerverbänden Protest über verhaftete Autoren in der Türkei: "Ich höre nichts von meinen (Schriftsteller-)Vereinigungen. Vielleicht stecken sie derzeit ja im Gefängnis ihrer Badehosen oder Bikinis an irgendeinem Strand fest. Da ich nichts höre, (vielleicht höre ich aber doch noch was, vielleicht morgen, trotzdem), muss halt ich etwas sagen: Ich fordere die Freilassung aller offensichtlich willkürlich Zusammengefangenen in der Türkei, denen man keine Schuld an einem Putsch nachweisen kann."
Ulrike Baureithel berichtet im Tagesspiegel von einem Symposium über Peter Weiss. Bernd Noack erzählt in FAZ von seinem Besuch bei der französischen AutorinCécile Wajsbrot in Paris, am Tag nach dem EM-Finale.
Besprochen werden unter anderem Christine Lavants "Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus" (Tagesspiegel) und Aisha Franz' Comic "Shit is Real" (SZ).
Hieronymus Bosch mit Werkstatt, Das Jüngste Gericht, Weltgerichtstriptychon, um 1500-1505 Öl auf Eichenholz, Mitteltafel. Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste, Wien.
Fasziniert von der "prallbunten Weltverzweiflung" von Hieronymus BoschflaniertWelt-Kritiker Manuel Brug durch den Madrider Prado und erschaudert vor der Aktualität der Bilder: "Bosch ist eben einer für alle. Als Erzähler in Pigmenten und in Farbschichten, aber eben auch als glaubensstarker Visionär und als Chronist einer Weltsicht, die uns in ihrer apokalyptisch irrationalen Angst zwar sehr fern scheint, in den uns so unmittelbar ansprechenden Personendarstellungen, aber selbst im abgefahrensten Monster anspricht. Weil sie die eigene Furcht manifestieren, ihr ein Bild geben, auch wenn unsere heutige Angst vor Terror und Schrecken leider eine ganz andere geworden ist."
Atmosphärische Beschwörung: La Isla Minima von Alberto Rodriguez.
Rainer Gansera von der SZsteht geradezu der Mund offen vor Staunen, so sehr beeindruckt ihn Alberto Rodríguez' in der Übergangsphase zwischen Franco-Dikatur und Demokratisierung angesiedelter Thriller "La Isla Minima", dem es gelinge, Genre und Zeitdiagnose produktiv zu verbinden: Alles passt zusammen, "die Dramaturgie des Ermittlerkrimis und eine Zeichnung der gesellschaftlichen Stimmung, die den politischen Nerv der Zeit trifft. Vergangenheitsbewältigung, im spanischen Kino nicht so geläufig wie im deutschen, präsentiert [Rodríguez] im Gewand von Film-Noir-Melancholie. Prächtig fotografiert, spannend erzählt. 'La isla mínima' (...) offenbart sich als Meisterstück atmosphärischer Beschwörung und Erkundung des gesellschaftlichen Unterbewusstseins."
Gut gefallen hat den Kritikerinnen auch Rebecca Millers "Maggies Plan", eine New Yorker Komödie, in der neben Julianne Moore und Ethan Hawke auch Greta Gerwig mitspielt, die gestern ihren Geburtstag gefeiert hat. Für Carolin Ströbele von ZeitOnlinehat der Film etwas von Woody Allens "Manhattan", Christiane Peitz schätzt im Tagesspiegel "Dialogwitz und Situationshysterie" des Films. Für den Filmdienst hat Esther Buss ein Porträt über Gerwig verfasst, mit der sich Anna Wollner für kino-zeit.deunterhalten hat.
"Erstaunlich werbliche Huldigungsprosa" ist FAZler Niklas Maak beim Besuch der Münchner Ausstellung über Shopping-Malls (mehr dazu hier und hier) aufgefallen. Dahinter dürften wohl handfeste Gründen stecken, legt er nahe: Derart erstaunt, "schaut man nach, wer die Ausstellung gesponsert hat, und siehe da, es ist tatsächlich: die ECE, ein Unternehmen, das international Einkaufszentren entwickelt und betreibt."
Weiteres: Die Berliner Repräsentationsarchitektur mag rückständig sein, räumt Falk Jaeger im Tagesspiegel ein, doch dafür finden sich auf den Kiezen Beispiele für moderne, international anschlussfähige Baukultur im Wohnbereich. In der SZ berichtet Michael Kohler vom Stand der Dinge beim Bau der Via Culturalis, die Kölns Straßen besser sortieren und die kulturellen Attraktionen der Stadt besser verknüpfen soll. Für die SZ hat Laura Weissmüller unterdessen im MAK Wien die Friedrich Kiesler gewidmete Ausstellung besucht, bei dem der Mensch "im Mittelpunkt stehen [sollte], umgeben von endlos fließendem Raum."
04.08.2016. Einstimmig applaudieren die Feuilletons dem neuen Almodovar "Julieta", der drei Kurzgeschichten Alice Munros folgt. Deborah Warners "Sturm"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen fällt hingegen durch. Freitag und NZZ glauben nach der Ausstellung "World of Malls" in München an die Zukunft der Konsumzentren. Die FAZ fordert mehr Lohn für britische Künstler. Die NZZ kann das Klagen über unpolitische Kunst nicht mehr hören und ruft den Feuilletonisten zu: Mischt euch selber ein! Mehr lesen
03.08.2016. Was das Christentum fürs Mittelalter und der Fortschrittsgedanke für die Moderne war, ist in der Kunst des 21. Jahrhunderts der Markt. Und niemand verkörpert diese Idee so vollkommen wie Jeff Koons, meint László F. Földényi in der NZZ. Er habe keine Lust mehr, nur Material zu sein, erklärt der Schauspieler Shenja Lacher in der FAZ und verlässt die Bühne. In der DDR wurde noch an einem Gutachten zum Abriss des Berliner Stadtschlosses gebastelt, als der schon in vollem Gange war, lernt die SZ. Zeit online freut sich über weibliche Ghostbuster. Mehr lesen
02.08.2016. Durchgefallen: Alvis Hermanis' Salzburger Inszenierung der Strauss-Oper "Die Liebe der Danae". Nur die Presse meint: es liegt an Strauss. FAZ und SZ schwärmen vom Ring, wie ihn Marek Janowski in Bayreuth dirigiert. Nur der Abendzeitung blieb bei dem Turbo-Tempo die Luft weg. Die NZZ betrachtet einen kanariengelben dissonanten Akkord von Katharina Fritsche. Die SZ besucht eine Ausstellung über die Beat-Generation im Centre Pompidou. Die Spex lobt die notorisch inadäquate Männlichkeit der White Beasts. Mehr lesen
01.08.2016. In Salzburg schwärmt die SZ von der metaphysischen Heiterkeit, mit der Dieter Dorn Becketts "Endspiel" inszeniert hat. Die Presse wird ganz melancholisch beim Oratorium von Péter Eötvös und Péter Ésterhazy: "Bald bleibt von Ha-ha-halleluja nur noch das Ha-ha-ha." Die Welt fragt sich, ob Joseph Beuys nicht doch mehr war als nur kapitalismuskritisch. Flavourwire stellt eine 30 Filme umfassende Box vor über das frühe afro-amerikanische Kino. Mehr lesen
30.07.2016. Dennis Coopers Blog wurde von Google so nebenbei mal in die Mülltonne gesteckt. In der taz prangert Clemens Setz die "absoluteGleichgültigkeit" Googles gegenüber seinen Kunden an. Die NZZ blickt ins rätselhafte Auge der Renaissance. In Lens Culture erklärt der Fotograf Julián Barón García Fotografie und Zensur zu Alliierten. Die SZ erklärt, warum das Büro Zaha Hadid auch ohne Zaha Hadid bestens funktioniert. Von "respektabel" bis "katastrophal" lauten die vernichtenden Urteile zu Thomas Adès' Salzburger Veroperung von Luis Buñuels "Würgeengel". Mehr lesen
29.07.2016. In der NZZ outet sich die in Dalmatien geborene Autorin Jagoda Marinić als in der Wolle gefärbte Europäerin. Der Standard betrachtet Raimund Abrahams Haus mit zwei Horizonten. Die SZ reist ins olympiabereite Rio. Die Spex schwärmt beim Hören des Cello-Trios JaKönigJa von der Fülle in Zeiten der Krisen. Mehr lesen
28.07.2016. In London feiert der Guardian die mysteriösen Fotoporträts William Egglestons und die FAZ entdeckt die abstrakte Malerin Georgiana Houghton. Die Zeit fragt sich nach einem wiederaufgetauchten Hitlerfilm aus Bayreuth, wie sehr der Führer Wielands Neubayreuth beeinflusst hat. Die Filmkritiker loben die hakenschlagende Kompositionsidee von Miguel Gomes' "1001 Nacht". Die NZZ berichtet von der Triennale in Mailand. Mehr lesen
27.07.2016. In Bayreuth hat Uwe Eric Laufenbergs "Parsifal"-Inszenierung die Kritiker schockiert: Völlig skandal- und islamkritikfrei, buh! Ein intellektuelles Klangabenteuer bescherte Berliner Zeitung und SZ immerhin Dirigent Hartmut Haenchen. Die FR dreht Löckchen auf Ai Weiweis Stinkefinger. Die NZZ tanzt Salsa zu Alexander Abreus Ballade über einen Reisepass. Mehr lesen
26.07.2016. Rameaus Tanzoper "Les Indes galantes" findet in den Feuilletons geteilten Beifall: Die Musik swingt, aber Sidi Larbi Cherkaouis Münchner Inszenierung ist den Kritikern von Welt und FAZ zu graumäusig. Die SZ allerdings ist begeistert von der Aktualität des Stücks. Die Spex erlebt Bierzeltstimmung mit den Pet Shop Boys im Royal Opera House. In der Welt weigert sich Andrej Kurkow, den Terror zu verstehen. Kino-Zeit untersucht den Einfluss Chinas auf den Blockbuster. Mehr lesen
25.07.2016. Bayreuth braucht einen neuen geistigen Überbau, fordert die Welt. Derweil grübelt "Parsifal"-Dirigent Hartmut Haenchenin der SZ über Punkt und Keil bei Wagner. Im Herald & Post gibt Alan Moore Auskunft über seinen 1.200 Seiten langen neuen Comic "Jerusalem". Kunstbetrachter wollen keine Bespaßung, sondern geistige Tiefe, knurrt das Art Magazin in Richtung einiger Museen. In Fact erklärt der Komponist Cliff Martinez, warum er Soundtracks für Horrorfilme liebt: Nur da kann man Stockhausen, Penderecki oder Ligeti zitieren. Mehr lesen
23.07.2016. In der Welt erklärt der Schriftsteller Catalin Dorian Florescu die Beziehung zwischen Emigration, kognitivenDissonanzen und der Macht des Erzählens. Jetzt schlägt der künftige Volksbühnen-Intendant Chris Dercon zurück, berichten Berliner Zeitung und Tagesspiegel.Die FAZ würde nach einem Besuch im Van Gogh Museumgern mal wieder anderes sehen, als dessen psychischen Krankheiten. Die SZ rezitiert mit Werner Herzog isländische Verse. Mehr lesen
22.07.2016. Im Art Magazin erklärt die amerikanische Künstlerin Amy Sillman, warum Bürsten und Mopps unverzichtbar für ihre Arbeit sind. Die SZ hört unseren deutschen Boy George, der sich als Wolfgang Tillmans entpuppt. Die taz hört aktuelle Techno-Alben. Die FAZ hörte in Bregenz Franco Faccios literarisch hochachtbare Hamlet-Oper, mit reichlich Brio. In der NZZ buchstabiert der polnische Dichter Tadeusz Dabrowski sein "Zürcher Alphabet". Auf Artechock fordert Rüdiger Suchsland wissenschaftlich aufbereite Editionen wichtiger Filme des Nationalsozialismus. Mehr lesen
21.07.2016. Für Bruno Latour ist das Globale am Ende, lernt die FAZ in einer Karlsruher Ausstellung. Im Tagesspiegel erklärt der Filmregisseur Przemyslaw Wojcieszek, warum so viele junge Polen für Kaczynski gestimmt haben. Im Standard sucht Dieter Dorn das "secret play" hinter Becketts "Endspiel".Welt und NZZ denken über Architektur für den Stadtrand nach. Die SZ plant neue Einkaufszentren. Mehr lesen
20.07.2016. In der NZZ reist Mathias Traxler mit acht Schrifstellern aus ganz Europa von München nach Graz. Im Perlentaucher sucht Charlotte Krafft neue Wege aus der Reflexions- und Ironiefalle in der jungen Literatur. In der SZ erzählt Shermin Langhoff, warum sie in Berlin ein Exil Ensemble gründet. Der Tagesspiegel liest ein Buch des Anti-Diederichsen Jens Balzer über neuen Pop. Die FAZ bestaunt das Timbre Keith Jarretts. Mehr lesen
19.07.2016. In der FAZ sucht Clemens Setz einen neuen Job. SZ und NZZ sagen traurig Servus zum weltweit geschätzten Klangkörper des SWR Sinfonieorchesters. Die NZZ vertreibt sich die Zeit mit dem Betrachten von 500 Maikäfern. Die FAZ beugt sich über die zwei linken Füße Goethes. Christoph Hochhäusler kritisiert in seinem Blog das kleinbürgerliche Missionars-Klischee in Maren Ades "Toni Erdmann". Die Welt feiert den Dandy kongolesischer Art. Mehr lesen