Efeu - Die Kulturrundschau

Live Faust, Die Jung

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20.07.2016. In der NZZ reist Mathias Traxler mit acht Schrifstellern aus ganz Europa von München nach Graz. Im Perlentaucher sucht Charlotte Krafft neue Wege aus der Reflexions- und Ironiefalle in der jungen Literatur.  In der SZ erzählt Shermin Langhoff, warum sie in Berlin ein Exil Ensemble gründet. Der Tagesspiegel liest ein Buch des Anti-Diederichsen Jens Balzer über neuen Pop. Die FAZ bestaunt das Timbre Keith Jarretts.

Literatur

Wie kommt die jüngere deutsche Literatur aus der Reflexions- und Ironiefalle, aus der sie sich bislang mit faden Erzählungen in der ersten Person rettet?, fragt die junge Autorin Charlotte Krafft im Perlentaucher: "Im Grunde befinden wir uns immer noch in dieser Epoche, vielleicht auch einen Schritt weiter im Nichts. Man könnte diese Zeit eine Zeit des Reflektivismus nennen. Während die Postmoderne sich (wenigstens) noch als Gegenbewegung zur Moderne verstand, hat das Postpost nichts mehr wogegen es sich wenden kann. Da sie einer Epoche der Dekonstruktion folgt, hat die neue deutsche Literatur nun nichts mehr zu dekonstruieren." Und ruft auf zu einer "einer neuen reflektierten Naivität, einem mutigen Anprangern ohne Lösungsansätze"!

In der NZZ erzählt der Schweizer Autor Mathias Traxler noch völlig euphorisiert von seiner Reise mit dem Schriftstellerbus von München nach Graz. Man bekommt jedenfalls sofort Lust, die Beteiligten nachzuschlagen: "Mit an Bord ist der litauische Dichter Benediktas Januševičius aus Vilnius. Ich werde ihn nur an seinen Lesungen Litauisch sprechen hören. Aber viele Teile seiner Lesungen seien trotzdem verständlich, da es sich um eine Art Musik handle, betont er [hier ein Video]. Aus Marseille angereist sind Purdey Lord Kreiden und Michael Thomas Taren, die auf Englisch schreiben. Purdey Kreiden trägt eine schwarze Jacke, auf welcher hinten in goldenen Buchstaben steht: 'Live Faust, Die Jung'. Zusammen mit Michael Taren bildet sie das Duo The Geminii. Des Weitern dabei sind der zypriotische Dichter Jenan Selçuk, Clemens Schittko aus Berlin [Video], der rumänische, in Ottawa lebende Dichter Chris Tănăsescu (Margento), der niederländische Lautdichter und Musiker Jaap Blonk, aus Portugal der seit einigen Jahren in Bergen lebende Álvaro Seiça [mehr] und der Berichterstatter selbst, ein Autor aus der Schweiz, seit Ende des letzten Jahrhunderts in Berlin wohnend."

Weitere Artikel: Im Nachtstudio des Bayerischen Rundfunks porträtiert Markus Mayer den Popliteraten Rolf Dieter Brinkmann und dessen multimediales Werk. Für die FAZ hat Katrin Hillgruber ein vom Literarischen Colloquium in Berlin ausgerichtetes Lyrikertreffen in der Nordeifel besucht.

Besprochen werden unter anderem die ungekürzte Neuausgabe von Hans Falladas "Kleiner Mann - was nun?" (FR), die im Beck Verlag erschienene sechsbändige "Geschichte der Antike" (NZZ), Hernán Ronsinos Roman "Lumbre" (NZZ) und zwei Bücher über Testosteron (NZZ). Mehr auf Lit21, unserem Metablog zum literarischen Leben im Netz.
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Bühne

Mit der Gründung des Exil Ensembles möchte Shermin Langhoff, Leiterin des Berliner Maxim Gorki Theaters eine Plattform für geflüchtete Theaterarbeiter etablieren. Um was es ihr dabei explizit nicht geht, erklärt sie im Interview mit der SZ, ist Paternalismus und exotistischer Refugee-Aktualitätskolorit. Vielmehr stünden professionelle Arbeitsbedingungen im Vordergrund: "Ayham Majid Agha zum Beispiel war Dozent für Schauspiel und Performance in Damaskus, bevor Assads Leute die Universität übernommen haben. Er hat sich jahrelang mit Adornos kritischer Theorie und mit Heiner Müllers Theatertexten beschäftigt. ... Es wäre eine respektlose Unterforderung, ihn auf seine Rolle als 'Flüchtling' zu reduzieren. Flüchtling ist ja kein Beruf."

Weiteres: In der taz berichtet der Rechtshistoriker Ralf Oberndörfer von seinem Besuch beim Gefängnistheater aufBruch in Berlin.

Besprochen werden Claude Debussys Oper "Pelléas et Mélisande", dirigiert von Esa-Pekka Salonen, beim Opernfestival Aix-en-Provence (in der NZZ ist Marc Zitzmann einfach hingerissen: "Alles atmet, alles spricht, alles singt"), ein "Idomeneo" in Mannheim (FR) und Ulrich Drüners Wagner-Biografie (FAZ).
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Kunst

Von einem kuriosen Rechtsstreit berichtet Kia Vahland in der SZ: Der Künstler Peter Doig wird auf fünf Millionen Dollar Schadensersatz verklagt, weil er vehement bestreitet, der Urheber eines Bildes zu sein, das er als 16-jähriger gemalt haben soll. Mehr dazu auch beim Art-Magazin. Das Blog der Berliner Festspiele bringt vier Zeichnungen, die Dorothy Siegl während einer von William Kentridges Berliner "Drawing Lessons" angefertigt hat.

Besprochen werden eine Ausstellung des bildnerischen Werks von Wolfgang Herrndorf im Literaturhaus München (NZZ), Gottfried Schenks Fotoband "Charlottenburgs rote Insel: Vom Zille-Milieu zum Klausenerplatz-Kiez" (Tagesspiegel), die Ausstellung "daHEIM" im Museum Euro­päischer Kulturen in Berlin (taz), die Alexander Calder und Fischli/Weiss gewidmete Ausstellung in der Fondation Beyeler (FR) und die Schau "Rodin und Madame Hanako" im Georg Kolbe Museum in Berlin (SZ).
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Film

In der SZ stellt Bernd Graff die Onlinekampagne "Headless Women of Hollywood" vor, die dagegen protestiert, dass Filmplakate Frauen oft nur vom Kinn abwärts zeigen.

Besprochen werden Steven Spielbergs Roald-Dahl-Verfilmung "BFG - Big Friendly Giant" (Tagesspiegel, critic.de) und Justin Lins Beitrag zum neuen "Star Trek"-Franchise (Welt, FAZ).
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Musik

"Pop - Ein Panorama der Gegenwart" lautet der Titel des neuen Buchs von Jens Balzer, dem Popkritiker der Berliner Zeitung, die dessen hervorragenden Texte online leider kaum noch abbildet. Für den Tagesspiegel hat Gerrit Bartels den Band besprochen. Balzers Darlegungen einer zusehends von starken Frauen dominierten Popmusik folgt er interessiert, auch wenn er zum Teil andere Lieblinge hat. Und auch, dass das Berghain gar so antikommerziell ausgerichtet ist, wie in Balzers Darstellung, will er nicht recht glauben: "Doch es ist nicht zuletzt dieses Beharren auf einem Rest von Pop-Dissidenz und -Widerständigkeit, das dieses Buch so sympathisch macht, darauf, dass es guten und schlechten Pop gibt. ... Von Enttäuschung also keine Spur, zum größten Teil nur Erfüllung. Mit Pop lässt sich, das demonstriert Balzer quasi als Anti-Diederichsen, weiterhin arbeiten."

FAZ-Kritiker Wolfgang Sandner erlebte bei Keith Jarretts Münchner Konzert "eine Offenbarung" - am liebsten würde er sich das Konzert rahmen lassen und an die Wand hängen: "Jarrett überschwemmte den Flügel gleich zu Beginn mit einer wahren Sintflut aus Tönen, als wollte er sich schnell mit allen Winkeln des Instruments vertraut machen - bis man bestürzt erkennen musste, dass es hier offenbar nicht der Pianist war, der sich einspielte, vielmehr der Flügel selbst, um seine Tauglichkeit für die unbegrenzte Phantasie des Künstlers zu erweisen. ... Eine solch reiche Klangfarbenpalette, bei einer ans Wunderbare grenzenden Ausgewogenheit der Timbres, meint man noch nie so gehört zu haben."

Weiteres: In der FAZ berichtet Jan Brachmann vom Musikfestival im estnischen Pärnu. Auf Skug schreibt Frank Jödicke zum Tod von Alan Vega.

Besprochen wird ein Konzert von Nick Waterhouse (Tagesspiegel).
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