Tagtigall

Vom Schwimmen in Seen und Flüssen

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
11.07.2016. Schwalben kommen, Hechte hausen, doch was ist der Mensch? Fundstücke zu Bertolt Brecht.
Hier können Sie die Tagtigall abonnieren
Über Brechts gesamtem poetischem Schaffen könnte ein Satz von Novalis stehen: Das größte Geheimnis ist der Mensch sich selbst.

Weiß ich, was ein Mensch ist?
Weiß ich, wer das weiß!
Ich weiß nicht, was ein Mensch ist
Ich kenne nur seinen Preis.

dichtete Brecht 1930 in seinem bis heute verstörenden Lehrstück "Die Maßnahme", in welchem drei Parteikader (Agitatoren) einen jungen Genossen umbringen und sich damit rechtfertigen, der junge Kämpfer habe durch seine Empathie und sein Mitleid für die unterjochten chinesischen Arbeiter der Sache der Revolution geschadet. Im Stück wird der Mord an ihm als Tat im Dienst der revolutionären Sache hergeleitet, und dies bleibt unwidersprochen, da niemand im Stück sich solcher "Logik" zu widersetzen vermag.

Zeitlebens hat Brecht im intensiven Dialog gelebt, mit anderen, aber vor allem mit sich selbst; sein Schreiben ist darauf gerichtet, das einsame Geschäft des Denkens als ein je Augenblickliches in seiner ganzen Unabgeschlossenheit und Fragwürdigkeit der Öffentlichkeit darzubieten. Die Welt - eine Baustelle. Vor nichts zurückschreckend baut Brecht darauf, dass die Menschen und die Gesellschaft die Wirklichkeit in jedem Moment miteinander neu durchbuchstabieren müssen. Einerlei, wie angreifbar man sich macht. Wiederholungen, Nuancierungen, Veränderungen wie Selbstwidersprüche sind sein Elixier. "Die Maßnahme", verfasst auf dem Höhepunkt der Krise in Deutschland, war nicht als Position gedacht, sondern als Gedankenexperiment, dazu bestimmt, die Spielregeln der Gesellschaft bloßzulegen, den Warencharakter des Menschen im Kapitalismus ("Ich kenne nur seinen Preis") wie den Sklavencharakter des Parteigehorsams. Brecht ging es nicht ums Überzeugen, sondern darum, die Menschen in gedankliche Prozesse zu verwickeln.

Sein Weiß ich, was ein Mensch ist von 1930 hatte Vorläufer, darunter die "Ballade von den Geheimnissen jedweden Mannes", die, Anfang der 1920er Jahre geschrieben, 1927 in der "Hauspostille" erschien. Die 1. Strophe darin lautet:

Jeder weiß, was ein Mann ist. Er hat einen Namen
Er geht auf der Straße. Er sitzt in der Bar.
Sein Gesicht könnt ihr sehn, seine Stimm könnt ihr hören
Und ein Weib wusch sein Hemd, und ein Weib kämmt sein Haar.
Aber schlagt ihn tot, es ist nicht schad
Wenn er niemals mehr mit Haut und Haar
Als der Täter seiner Schandtat war
Und der Täter seiner guten Tat.


Was sind das für Zeiten? Allein grammatisch: Jeder weiß, was ein Mann ist. Punkt. Soweit klar und offensichtlich: Er hat einen Namen, zwei Beine, Gesicht, und Stimme. Doch dann heißt es: Ein Weib wusch sein Hemd und ein Weib kämmt sein Haar. Durch das doppelzeitliche "kämmt" - das beides sein kann, Gegenwart ebenso wie verkürzte (verschluckte) Vergangenheit - rutscht die Vergangenheit von "wusch" noch stärker in die Vergangenheit, und im Wort "Weib" fallen Mutter und Geliebte in eins.

Dann geht es weiter: Aber schlag ihn tot, es ist nicht schad - eine abgeschlossene Zeile mit einer einfachen Aussage, wie es scheint: Es ist nicht schad um Jedweden, mag er getrost totgeschlagen werden. Doch: im weiteren Verlauf des Gedichtes, also nach dem Zeilenbruch, wird die Aussage durch das "wenn" gedreht. Jetzt ist klar: In der Zeile mit dem Totschlag fehlt schlicht der Konjunktiv. Ein umgangssprachlicher Verschleifer aus gedankenloser Gewohnheit?

So schnell ist, wer sich die Sprache abgeflacht hat, wer die Welt in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit negiert und auf allzu Gewohntes reduziert, damit bei der Hand, seinen Mitmenschen totzuschlagen. Denn das sprachlich unerwartete "wenn" weist unmissverständlich darauf hin, dass in der Zeile davor grammatisch ein Konjunktiv die Aussage hätte irrealisieren müssen: "Aber schlagt ihn tot, es wär nicht schad, wenn ... ". Wenn nicht, wenn nur?

Nun: wenn was? Um das Geheimnisvolle jedweden Mannes in der sprachlichen Geste präzise zu performieren, treibt Brecht die prekären Zeiten in dieser ersten Strophe noch weiter:

Wenn er niemals mehr mit Haut und Haar
als der Täter seiner Schandtat war

liest man. "Niemals mehr" weist, für sich genommen, vage in die Zukunft, als wolle die Zeile sagen: Es wär nicht schad, wenn er, der Mann, mit Haut und Haar nie wieder existieren würde. Doch dann taumeln die Zeiten, denn das eigentliche Verb des Satzes steht in der abgeschlossenen Vergangenheitsform. Kleinste Verschiebungen - und schon ist kein Halten mehr.

Später, in der 3. Strophe der Ballade, hallt das Schlagt ihn tot, es ist nicht schad noch einmal wider. Dort heißt es, der Mensch habe "auf dem Grund seines Herzens" etwas, von dem niemand nichts weiß. Vielleicht nicht mal er selbst. Und dann folgt:

Und vergesst ihr ihn, es ist nicht schad
Denn ihr seid betrogen ganz und gar
Weil er niemals, den ihr kanntet war
Und der Täter nicht nur seiner Tat.


Denn? Weil? Eine "Logik", die es in sich hat. Der Mensch, jedweder, er ist mehr als die Summe seiner Taten - der guten, wie der bösen Taten. Ob man das "Mehr" erschlagen kann?

In dem Lehrstück von der "Maßnahme" ist die Bühnen-Wirklichkeit schwarz-weiß. Tod und Elend der chinesischen Arbeiter fußen auf der menschenverachtenden Waren- "Logik", die in dem Satz

Ich weiß nicht, was ein Mensch ist, ich kenne nur seinen Preis.

kulminiert. Der junge Genosse, voller Empörung und voller Empathie, begegnet Elenden, die, obgleich sie die schweren Reissäcke bergauf tragen müssen, sich singend mahnen: Stoß nicht an deinen Nebenmann! In seinem Affekt hält der Genosse sich nicht länger an das ABC der Agitatoren, er reißt sich die Maske ab, gibt sich als Aufständischer zu erkennen und wird darauf von den Seinen in der Kalkgrube getötet. Wer a sagt, muss b sagen. Spurlos.

In der Ballade hingegen hieß es Jahre zuvor über das "Mehr":

"Ihr die ihr ihn werft in schmutzgelbe Meere
Ihr die ihr in schwarze Erde ihn grabt:
In dem Sack schwimmt mehr, als ihr wisst, zu den Fischen
Und im Boden fault mehr, als ihr eingescharrt habt.


Kurt Tucholsky schrieb 1928, bei Erscheinen der "Hauspostille", an diesen Versen berühre ihn "besonders merkwürdig", dass sie nicht "gütig" seien. So sehr das stimmt, stimmt es doch auch wieder nicht, denn sie schwingt immer mit, die Möglichkeit einer Güte, einer Zeit, in welcher "der Mensch dem Menschen (wieder) ein Helfer ist" wie es in "An die Nachgeborenen" heißt. Jeder Gedanke bei Brecht, jede Zwiesprache des Ichs mit dem Ich also, das in seiner Radikalität keine Zustände und keine Umstände einfach gelten lassen will, zeichnet sich dadurch aus, dass im Harten das Weiche und im Verlogenen das Verlorene mitschwingen kann. "Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass es im Zeitalter der Kollektivität noch einmal etwas so grenzenlos Einsames, so Losgelöstes geben könnte", schrieb Tucholsky weiter. Und er hat recht: Die schönsten Versen springen einem in der "Hauspostille" aus dem Nichts entgegen. Vom Schwimmen in Seen und Flüssen zum Beispiel.

Der Himmel bietet mittags große Stille.
Man macht die Augen zu, wenn Schwalben kommen.
Der Schlamm ist warm. Wenn kühle Blasen quellen
Weiß man: ein Fisch ist jetzt durch uns geschwommen.

Mein Leib, die Schenkel und der stille Arm
Wir liegen still im Wasser, ganz geeint.
Nur wenn die kühlen Fische durch uns schwimmen,
Fühl ich, dass Sonne überm Tümpel scheint.


Und kurz später:

Natürlich muss man auf dem Rücken liegen
So wie gewöhnlich. Und sich treiben lassen.
Man muss nicht schwimmen, nein, nur so tun, als
Gehöre man einfach zu Schottermassen.

Die Schwalben kommen, die Hechte hausen und die Blasen quellen, und es gibt noch viel anderes mehr in diesem Tale, auch wenn's vor Jammer schallt. Das ist die Verführung, Brechts ganze Magie.

***

Zum Weiterlesen:

Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, 32 Bände. Suhrkamp Verlag.
Bertolt Brecht, Die Maßnahme, Zwei Fassungen, Suhrkamp, Frankfurt a. Main, 1998
Bertolt Brecht, Hauspostille, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main, 1999.

Hier können Sie die Tagtigall abonnieren