Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Übermaß an Licht

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11.07.2016. Die Welt erlebt an der Pariser Oper William Forsyths sensationelles Comeback. Die FAZ erinnert sich in der Berliner Berenice-Abbott-Schau an Visionen einer großartigen Zukunft. Als Dialektik der Aufklärung aus postkolonialer Sicht feiert der Tagesspiegel die Kunst des großen William Kentridge, der in Berlin eine seiner Drawing Lessons gab. Etwas unlocker findet die taz den neuen Anbau des Kunstmuseum Basel.

Bühne


William Forsyths Stück "Blake Works I" an der Pariser Oper. Foto: Ann Ray/OnP

Im höchsten Rezensentenglück schwebt Manuel Brug in der Welt nach einem Abend in der Pariser Oper: Das Ballet de l'Opéra trat mit einem neuem Stück von William Forsythe auf: "Was ist hier los? Sind wir in einer Zeitschleife? Es ist 17 Jahre her, dass William Forsythe für eine klassische Kompanie eines seiner rasant scharfen, cleanen, dekonstruktivistischen Spitzenschuh-Stücke entworfen hat. Das war ebenfalls für das Pariser Opernballett und auf dieser Szenenfläche. Jetzt, nachdem er 2004 sein Ballett Frankfurt geschlossen und im letzten Sommer seine performative Nachfolgetruppe an Jacopo Godani übergeben hat, ist er zurückgekehrt. Als sei nie etwas geschehen, als habe er neue Lust an der alten, von ihm immer wieder mit Verve aufgebrochenen Form."


Barbara Hannigan und Laurent Naouri in "Pelléas et Mélisande" (Bild: Patrick Berger)

Für die FAZ berichtet Shirley Apthorp vom Opernfestival in Aix-en-Provence, wo Christophe Honoré Mozarts "Così fan tutte" in einen kolonialistischen Kontext rückt und dabei unter anderem auf die heikle Strategie des Blackfacing zurückgreift. Der Regisseur spiele damit zwar "intelligent", doch schlussendlich verfange er "sich selbst zu sehr in den Dingen, die er anprangern möchte. Wenn das Problem im Klischee des westlichen Blicks auf Afrika liegt, fragt man sich, warum es hier aufs Neue bedient wird." Auch dass einem bei diesem Festival nur noch gertenschlanke Wesen auf der Bühne begegnen, hält die Kritikerin für einen Fehler. Versöhnlich gestimmt wird sie immerhin von Katie Mitchells "verschwenderische" Inszenierung von Claude Debussys "Pelléas et Mélisande": "Eine tiefgründige Produktion, voller Details, liebevoll gemacht und mühevoll ausgearbeitet mit einer umwerfenden Besetzung; Esa-Pekka Salonen dirigiert das Philharmonische Orchester mit Kontrolle, Transparenz und Zärtlichkeit." Gute Nachricht: Bei Arte kann man sich die Inszenierung in voller Länge ansehen.

Besprochen werden Jossi Wielers Stuttgarter Inszenierung von Bellinis "I Puritani" (SZ, FAZ), Hans-Thies Lehmanns Buch "Brecht lesen" (Jungle World), Carlos Sauras Tanzfilm "Argentina" (taz, SZ), ein "Trovatore" mit den Eheleuten Anna Netrebko und Yusif Eyvazov an der Berliner Staatsoper (Tagesspiegel), das Saisonende an der Oper Frankfurt (FR), Gustav Kuhns Inszenierung von Rossinis "Guglielmo Tell" bei den Tiroler Festspielen Erl (die Stefan Ender im Standard mit einem Seifenkistenrennen auf einer Formel-1-Rennstrecke vergleicht).
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Kunst


Die Stadt als Heiligtum: Fotografie von Berenice Abbott. (Bild: Berliner Festspiele)

Mit sechzig ausgewählten Fotografien schafft der Berliner Martin-Gropius-Bau einen Überblick über das Schaffen von Berenice Abbott, die bei Man Ray in die Lehre ging, sich vom Meister des Surrealistischen aber emanzipierte. Freddy Langer hat sich die Ausstellung für die FAZ angesehen und sich insbesondere von Abbotts Fotografien aus New York beeindrucken lassen: "Am Höhepunkt der Wirtschaftskrise herrscht Stillstand in der Stadt. Und so prallen für einige Jahre die Zeugen einer fast rührenden Vergangenheit mit den Visionen einer großartigen Zukunft aufeinander. Hier noch Pferdefuhrwerke, dort schon Hochbahnen. ... Aus der Froschperspektive oder wie im Vogelflug findet sie Einstellungen, die es kaum je zuvor gegeben hat. Und doch feiert sie mit grafischen Mustern, starken Kontrasten und einem Übermaß an Licht die Stadt zugleich als Heiligtum. Wie Weihrauch hängt der Dampf aus den Schornsteinen zwischen den Gebäuden." Für den Tagesspiegel hat Bernhard Schulz die Ausstellung besprochen.

Beim Berliner Festival "Foreign Affairs", das in diesem Jahr zum letzten Mal stattfindet, hat William Kentridge eine seiner multimedialen "Drawing Lessons" gegeben. Zu sehen gibt es dabei, wie Gregor Dotzauer im Tagesspiegel schreibt, "ein Netz aus vermeintlich privaten Details, autobiografisch grundierten Erfahrungen, historischen Tatsachen, philosophischen Lesefrüchten sowie zeichnerischen und filmischen Kommentaren... Angesiedelt zwischen den Polen von Licht und Schatten, die im abendländischen Projekt des enlightenment, der Aufklärung, ebenso unheimlich walten wie im Schwarz-Weiß seiner Kohlezeichnungen, wendet er sich gegen die mörderischen Auswüchse einer rein instrumentellen Vernunft. Kentridge, Nachfahre litauischer Juden, betreibt eine Art Dialektik der Aufklärung aus postkolonialer Sicht." Für die taz berichtet Katrin Bettina Müller. Außerdem hat Kentridge für die Berliner Festspiele ein Video erstellt, in dem er mit sich selbst über seine Erinnerungen an Berlin in den achtziger Jahren spricht.



Weiteres: Hellauf begeistert kommt Marcus Woeller aus einer von Thomas Demand kuratierten Ausstellung "L'image volée" über die verschiedensten Spielarten des Kunstraubs in der Fondazione Prada in Mailand (und erinnert nebenbei auch daran, dass Spitzwegs "Armer Poet" seit Jahrzehnten gestohlen ist). Die SZ dokumentiert einen Vortrag des Schriftstellers Michael Kumpfmüller über den Maler Franz Marc. Außerdem bringt die FAZ eine Bilderstrecke zum Festival für Fotografie "Les Recontres d'Arles".

Besprochen werden eine Ausstellung mit von den Filmen von Stanley Kubrick inspirierter Kunst im Somerset House in London (The Telegraph), die Ausstellung "Kunst & Glaube - Ottheinrichs Prachtbibel und die Schlosskapelle Neuburg" im Schloss Neuburg (online nachgereicht von der FAZ), eine Ausstellung von Walid Raad in der Synagoge Stommeln (FAZ) und eine Ausstellung von Auguste Rodins Porträts der japanischen Schauspielerin Madame Hanako im Georg-Kolbe-Museum in Berlin (FAZ).
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Musik

Harry Nutt gratuliert BAP in der FR zum 40-jährigen Bestehen. Besprochen werden das Hamburger Konzert von Rihanna (SZ) und neue Morton-Feldman-Aufnahmen (FAZ).
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Stichwörter: Rihanna

Literatur

Sehr inspirierend findet James Campbell im Guardian die Ausstellung über die Beat Generation im Centre Pompidou in Paris, wo sich Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Bourrough in den Fünfzigern ein Zimmer teilten. "More than Tangier, which often gets the credit, the French capital was where Beat production reached its high point, between 1957 and 1960. With the turn of the decade, what had been an underground movement rose to the surface and was exposed to damaging commercial light."

Zu sehen ist unter anderem auch Robert Franks Film "Pull My Daisy", erzählt von Jack Kerouac:



Die FAZ bringt einen Vorabdruck aus einer Wiederveröffentlichung von Eduard Engels "Deutscher Stilkunst", der darin eindeutige Ansagen macht, wie man literarisch gesittet zu schreiben habe: "Höchste Zweckmäßigkeit ... ist höchster Stil, und alle Mannigfaltigkeit der guten Stilarten, die ganze Fülle der Stilmittel ist in dem Grundgedanken der Zweckmäßigkeit enthalten."

Weiteres: In der FAZ gratuliert Martin Kämpchen dem Schriftsteller Amitav Ghosh zum Sechzigsten.

Besprochen werden Jon Fosses Erzählband "Trilogie" (Tagesspiegel), Thomas von Steinaeckers "Die Verteidigung des Paradieses" (FR), Jarett Kobeks "I Hate the Internet" (ZeitOnline) und Daniela Danz' "Lange Fluchten" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt der Althistoriker Hartmut Leppin über "Carmen Nisibenum 10" von Ephraim dem Syrer, wo es von Anfang an schwer zur Sache geht:

"Meine Kinder sind hingeschlachtet und meine Töchter, die außerhalb meiner
Befestigung sind; ihre Mauern niedergerissen, ihre Kinder zerstreut, zertreten ihre Heiligtümer.
..."
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Film

Für die Berliner Zeitung spricht Ulrich Lössl mit dem Schauspieler Mark Rylance über dessen Rolle als freundlicher Riese in Steven Spielbergs Dahl-Verfilmung "The BFG". In der Jungle World empfiehlt Esther Buss die Ida-Lupino-Reihe im Kino Arsenal. Und wer wäre nicht gern Avantgarde-Filmemacher? Auf Artspace erklärt Jonas Mekas, Meister der Zunft, welche Schritte es auf dem Weg zu diesem Ziel zu beachten gilt.

Besprochen werden die John-le-Carré-Verfilmung "Verräter wie wir" (in der sich laut Alan Posener in der Welt die Destruktivität der britichen Upperclass nicht annähernd so böse offenbart wie gerade in der Realität), Maren Ades Komödie "Toni Erdmann" (den Dominik Kamalzadeh im Standard auch als ein "Messen auf dem Feld des couragierten Performens" versteht), die neue HBO-Serie "The Night Of" (ZeitOnline, FAZ) und das auf Heimmedien veröffentlichte Teenie-Sexdrama "Bang Gang" (SZ, Kino-Zeit.de).

Und ein Mediathekentipp: Noch bis 14. Juli kann man bei Arte "Der Geschmack der Kirsche" des gerade verstorbenen Abbas Kiarostami sehen.

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Architektur


Kunstmuseum Basel Neubau. Foto: Julian Salinas

Der von Christ & Gantenbein entworfene Neubau des Kunstmuseums Basel gibt sich nach außen abweisend, kühl und monolithisch, schreibt ein wenig überzeugter Markus Weckesser in der taz. Auch im Innern ergebe sich eine "architektonische und materielle Dominanz", gegen die die Exponate überhaupt erstmal ankommen müssen: "Ein wenig mehr Entspanntheit hätte hier sicher gutgetan." Hier einige Eindrücke.
Archiv: Architektur