Efeu - Die Kulturrundschau

Dieses obskure allumfassende Ich

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06.06.2016. Als immergültige Geschichte der Migration und des Familienuntergangs erlebt die Nachtkritik in Recklinghausen Viscontis "Rocco und seine Brüder". taz und SZ genehmigen sich einen Smoothie in der Kreativ-Lounge der Berlin-Biennale. Die FAZ besucht das Literaturfestival in Pristina. Die Zeit erlebt in Schaffhausen ein ganz normales Jazzfestival, nur ohne Testosteron-Östrogen-Front. Der Guardian fragt sich in Manchester, ob Städte ihre Zukunft noch planen können.

Bühne


Jakob Benkhofer und Sarah Sandeh in "Rocco und seine Brüder". Foto: Katrin Ribbe


Viel überzeugender als zuletzt Simon Stones Versuch findet Dorothea Marcus in der Nachtkritik Lars-Ole Walburgs Theateradaption von Luchino Viscontis Film "Rocco und seine Brüder" bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen: "So gelingt Walburg, auch wenn Pathos und Deutlichkeitswille zuweilen mit ihm durchgehen, ein gleichnishafter Abend. Er nimmt den Stoff und seine psychologischen Tiefen zutiefst ernst, spannt dramaturgisch klug den Bogen des Familienuntergangs: eine archaische Welt geht verloren, auch wenn krampfhaft und verlogen versucht wird, das zu leugnen. Und er zeigt die Aktualität auf, wie sich Migrationsgeschichten wiederholen, wie Ungleichheit Neid und Gewalt produziert."


Szene aus "Imitation of Life" von Kornél Mundruczó (Bild: Marcell Rév)

Schwer beeindruckt ist Andreas Rossmann in der FAZ von der Aufführung von Kornél Mundruczós "Imitation of Life" durch das Proton Theater Budapest in Oberhausen: "Das Gesicht als Schlachtfeld, die Mietwohnung als Mikroskop, die Bühne als Brennglas: Im kleinen, scharf umrissenen Ausschnitt die gesellschaftlichen Verhältnisse zu reflektieren, zeichnet die Theaterkunst von Kornél Mundruczó, Jahrgang 1975, aus und macht 'Imitation of Life' zum poetischen und politischen Ereignis."

Weitere Artikel: Barabara Villiger Heilig nimmt in der NZZ Regisseur Oliver Frljić in Schutz, der für sein Stück "Unsere Gewalt und eure Gewalt" heftig kritisiert wurde, Hans-Klaus Jungheinrich (FR) und Max Nyfeller (FAZ) erstatten Bericht von der Halbzeit bei der Münchner Biennale für Musiktheater.

Besprochen werden Antú Romero Nunes' Inszenierung von Kafkas "Schloss" am Thalia Theater in Hamburg (Welt, Nachtkritik), Herbert Fritschs Volksbühnen-Inszenierung "der die mann" am Zürcher Theater am Pfauen (NZZ), Martin Kušejs "Iwanowow"-Inszenierung in München (Standard), die Stand-Up-Tragedy "Real Magic" der Gruppe Forced Entertainment im Berliner HAU (Tagesspiegel) und Martin Kušejs Münchner Inszenierung von Tschechows "Iwanow" (SZ).

Außerdem neu in der Arte-Mediathek: Aufnahmen von Andreas Homokis Zürcher "Wozzeck"-Inszenierung und einer Aufführung von Pina Bauschs "Vollmond" des Tanztheaters Wuppertal.
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Kunst

Die Berlin-Biennale, die in den Feuilletons bereits viel besprochen wurde, kann SZ-Kritikerin Catrin Lorch nicht überzeugen: Das Kuratorenkollektiv "DIS denkt in Signs, Slogans, Branding. Es geht um Marketing und Kommerz." Ingo Arend von der taz kriegt angesichts des allgegenwärtigen, lakonisch-ironisch sterilen Business-Eigenbranding bloß Wehmut: "Irgendwie fehlt der Affirmationsidee dieser Biennale das subtile Moment, das sie ins wirklich Subversive wendet ... Die DIS-Biennale wirkt wie deren ins Dreidimensionale entlassene Website DIS Magazine. Gegen diese delirierende Lounge aus Kunst und Werbung, Lifestyle und Kreativindustrie, samt Ökosaft-Bar und Aufsichts-Uniformen, gegen Kritik immunisiert mit diversen Politintarsien, waren Laibach oder Jonathan Meese raffinierter.

Besprochen werden eine Dominique Gonzalez-Foerster gewidmete Werkschau in der Kunstsammlung NRW (taz) und eine Ausstellung über Lady Hamilton im Schloss Wörlitz (Tagesspiegel).
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Design

Mit Adorno im Gepäck widmet sich Roger Behrens in der Jungle World einer dialektischen Kulturgeschichte des Wohnens und des Möbeldesigns.

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Stichwörter: Möbeldesign

Film

Besprochen werden Jeremy Saulniers Punkrock-Horrorthriller "Green Room" ("trotz der uferlosen Gewalt ein ästhetisches Meisterwerk", schreibt Thomas Hummitzsch auf Intellectures), die Horrorserie "Outcast" (ZeitOnline) und die Komödie "Whiskey Tango Foxtrot" mit Tina Fey (SZ).
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Literatur

Für den Tagesspiegel porträtiert Julia Prosinger den georgischen, seit gewalttätigen Übergriffen auf seine Person in Berlin lebenden Schriftsteller Zaza Burchuladze, der an seiner Heimat kein gutes Haar lässt: "Zaza Burchuladzes Tonfall fällt auf in Georgien, wo viel mehr Lyrik als Prosa verlegt wird. 'Wer braucht die Poesie? Wir singen zu viel!', sagt er. Georgische Gedichte handeln von Liebe und Gott, von der Nation und von Blutrache. Ein Sprichwort besagt: 'Das Wichtigste ist, dass das Herz herzt.' Burchuladze lacht und sagt: 'Die Georgier glauben, sie könnten ohne Gehirn auskommen.' Wenn Georgien nicht endlich anfange, in Bildung zu investieren, habe es keine Zukunft. Dass Jugendliche sich dort von Priestern ihr iPhone segnen lassen und Familienväter ihr neues Auto, ist kein konsumkritischer Kommentar, sondern die Wahrheit. In einem Land, in dem laut Weltbank 40 Prozent unterhalb der Armutsgrenze leben."

"Der literarische Diskurs ist breitgefächert zurückgekehrt", erzählt in der FAZ der Schriftsteller Jan Böttcher nach seinem Besuch beim Literaturfestival Polip in Priština. "Sicher, er ist meinungsstark, wie es sich für diese Zeit gehört. Aber auch die Fiktionen sind wieder da, sie lassen sich nicht mehr an die Wand drücken von diesem obskuren allumfassenden Ich der sozialen Netzwerke."

Weitere Artikel: In höchsten Tönen schwärmt der Comichexenmeister Alan Moore von Chris Petits ursprünglich 1997 erschienenem Noir-Roman "The Psalm Killer", der dieser Tage in Großbritannien wiederveröffentlicht wird. Clemens Bach überprüft in der Jungle World die Satire auf ihre Tauglichkeit als Mittel in aktuellen deutschen Zukunftsromanen. In der Sendereihe "Radiotexte - Das offene Buch" lässt der Bayerische Rundfunk aus Saša Stanišićs neuem Erzählband "Fallenstellen" lesen. Das Logbuch Suhrkamp dokumentiert Katharina Graabes Einführung zur Antrittsvorlesung des russisch-amerikanischen Lyrikers Eugene Ostashevsky, der in diesem Semester die Siegfried-Unseld-Gastprofessur der Humboldt-Universität innehat. Gregor Dotzschauer schreibt im Tagesspiegel über Sieglinde Geisels neues, im Zuge einer Perlentaucher-Debatte (hier alle Beiträge im Überblick) entstandenes Online-Literaturmagazin Tell. Im Tagesspiegel erinnert sich Lutz Göllner daran, wie der eben verstorbene Muhammad Ali 1978 einmal gegen keinen geringeren als Superman im Ring antrat - wenn auch nur in einer Comic-Sonderausgabe. Und in der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Martin Lüdke über Christa Reinigs Zweizeiler "Briefschreibenmüssen".

Besprochen werden Yvonne Adhiambo Owuors "Der Ort, an dem die Reise endet" (taz), die Comic-Reihe "Love and Rockets" von Jaime Hernandez (Jungle World), Georgi Gospodinovs Erzählband "8 Minuten und 19 Sekunden" (online nachgereicht von der Zeit) und Kate Tempests "Worauf Du Dich verlassen kannst" (SZ).
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Musik

Beim Jazzfestival in Schaffhausen hat man sich in diesem Jahr auf das Experiment eingelassen, ausschließlich von Bandleaderinnen geführte Bands auf die Bühne zu lassen (mehr dazu hier), was im Vorfeld durchaus für Vorbehalte gesorgt hat. Bei den Konzerten war davon allerdings nichts mehr zu spüren, berichtet Ulrich Stock in der Zeit: "Tatsächlich fühlt sich das Festival völlig normal an. Es gibt Herausragendes, Maues, Umstrittenes und Wirres, ganz wie immer und ganz ohne Testosteron-Östrogen-Front. Bemerkenswert ist eher die Selbstverständlichkeit, mit der man (impersonal!) vier Nächte lang weiblich inszenierten Jazz genießen kann, obwohl diese Erfahrung für alle Beteiligten neu und außergewöhnlich ist. Klingen Frauen anders? Offenbar nicht."

Vor 100 Jahren starb Max Reger - ein guter Anlass, diesen Komponisten wieder genauer zu hören, meint Christiane Wiesenfeldt in der FAZ. Zahlreiche Konzerte und einige neue CD-Aufnahmen bieten dazu die beste Gelegenheit: "Die Ambivalenz seiner Tonsprache zwischen Tradition und Moderne, Kraft und Empfindsamkeit, Strenge und improvisatorischem Witz ist atemraubend, sie trägt das gesamte Stimmungsspektrum einer romantischen Weltsicht um 1900 in sich. Vor allem die Kammermusik und die Vokalwerke verdienten vermehrte Beachtung im Konzertleben, das sich aber auch immer noch mit der Symphonik schwertut. Verinnerlichung galt Reger als musikalisches Mittel gegen die Zeitkrise."

Besprochen werden ein Konzert der Pianistin Elisabeth Leonskaja (Tagesspiegel), ein Strawinsky-Abend der Berliner Philharmoniker unter John Eliot Gardiner (Tagesspiegel), der Berliner Auftritt von Muse ("prätentiöser Quatsch - aber großartig inszeniert", meint Erik Wenk im Tagesspiegel), das Album "Basses Loaded" von den Melvins (The Quietus), das neue Album der Kills (FAZ) und ein Konzert von Radiohead (SZ).

Außerdem bringt Arte eine Aufnahme von Kirill Gersteins Leipziger Rachmaninow-Konzert.
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Architektur


Das moderne Manchester, das es nicht geben sollte.

Im Guardian staunt John Harris im Manchester Technology Centre über die waghalsigen Pläne, mit denen Manchester einst in die Zukunft katapultiert werden sollte. Aber geht das überhaupt noch?, fragt er den Ausstellungsmacher Martin Dodge: "Was ist mit dem Glauben, dass sich diese hochfliegenden modernistischen Visionen oft als inhuman erwiesen; dass sie genau in das Desaster führten, von dem sich nun Städte wie Birmingham erholen müssen? 'Das Gleiche könnte man auch von der Häppchen-Entwicklung sagen, die wir jetzt in London und Manchester erleben', beharrt Dodge. 'Immerhin gab es in den sechziger Jahren eine Strategie, eine große Vision. Heute gibt es nur noch ungefilterten Kapitalismus und Gangster-Development: Wenn jemand ein Areal developen kann, dann tut er das.'"

Arte bringt den ersten Teil der Dokumentarfilmreihe "Kathedralen der Kultur" (hier unsere Berlinale-Besprechung), für den Wim Wenders die Berliner Philharmonie in Szene gesetzt hat.
Archiv: Architektur