Efeu - Die Kulturrundschau

Die Entmaterialisierung von Kunst

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02.06.2016. Molenbeek könnte geradezu vorbildlich für Europa sein, meint Najem Wali nach einem Besuch des Brüsseler Viertels in der NZZ. In der Zeit erzählt Richard Ford vom Schreiben mit Kristina. Die Berliner Zeitung bewundert die selbst entfremdete Performance Josef Haders als Stefan Zweig. Erinnern als subversiven Akt erlebt die taz vor dem Werk der rumänischen Künstlerin Geta Brătescu.

Bühne


Szene aus Oliver Frljics "Unsere Gewalt und eure Gewalt" bei den Wiener Festwochen. (Bild: Alexi Pelekanos)

Sehr "plump" geraten ist Oliver Frljićs bei den Wiener Festwochen gezeigtes, lose auf Peter Weiss' "Ästhetik des Widerstands" basierendes Stück "Unsere Gewalt und eure Gewalt", ächzt Christine Dössel in der SZ angesichts von Provokationen, die darauf zielen, "dem historisch schuldbeladenen, kapitalistisch-imperialistischen, mörderisch egoistischen Europa" Depressionen unterzujubeln. Die Arbeit habe "nicht annähernd etwas Substanzielles zu sagen. Es ist von vornherein auf moralischen Krawall gebürstet, greift, da es zu keiner anderen Sprache findet, zu Bildern der Gewalt. Foltercamp-Erniedrigungen, Hinrichtungen, eine Vergewaltigung - alles schön deutlich vorgeführt. Koproduzenten sind das Kunstfest Weimar und das Zürcher Theater-Spektakel. Sie alle haben die Katze im Sack gekauft - sie entpuppt sich als wild fauchender Säbelzahntiger voller Angriffslust. Allerdings ohne jeden Biss." Kurz: Ein "gratisradikaler Theaterabend".

Auch die anderen Kritiker winken ab: Die "Einfachheit der Botschaft und die damit einhergehende kraftlose Allgemeinheit der Bilder steht in einem krassen Gegensatz" zu Weiss' Text, schreibt Theresa Luise Gindlstrasser in der Nachtkritik. "Geht es noch derber?", fragt Norbert Mayer in Die Presse und antwortet entgeistert: "Ja. Eine Muslima mit Hidschab zieht aus ihrer Scheide eine Österreich-Fahne." Auch Ronald Pohl vom Standard findet diese Arbeit "ärgerlich".
Archiv: Bühne

Literatur

Najem Wali hat kürzlich zwei Lesungen im Brüsseler Stadtteil Molenbeek gehalten. Bei der Frage nach den Terroranschlägen zuckten die jungen neugierigen Zuhörer aus Syrien, dem Irak, Palästina und anderswo die Schultern, nicht aus Gleichgültigkeit, schreibt Wali in der NZZ, sondern weil der Terror in ihren Ländern zum Alltag gehörte. Er fand Molenbeek - mit Ausnahme der von Saudis gegründeten Moscheen - geradezu vorbildlich für das europäische Miteinander: "Einheimische und Zugewanderte sitzen an der Sonne und trinken ihr Bier, im Salon des Coiffeurs, dem ich meinen Haarschopf anvertraute, arbeiteten ein syrischer Kurde, ein Algerier und ein Palästinenser, während sich als Kunden - nebst mir und meinem deutschen Kollegen - ein türkischer Unternehmer, ein marokkanischer Lehrer und ein Belgier eingefunden hatten. Ein erstaunlicher Mix. ... 'Die Terroristen wollen unsere Art zu leben zerstören', heißt es so oft - im Gespräch wie in den Schlagzeilen der Zeitungen, wenn wieder ein Anschlag geschieht. Aber damit ist in der Regel vor allem gemeint, dass wir in Ruhe unseren Champagner trinken, shoppen und essen gehen wollen, als bestünde darin die westliche Lebenskultur - und nicht im Geistesleben, in der Kunst und im bedingungslosen Festhalten an der Vorstellung, dass wir in Frieden miteinander existieren können, egal welche Hautfarbe wir haben, welchem Glauben wir angehören und welche Denkungsart wir vertreten."

Im Interview mit der Zeit träumt der amerikanische Schriftsteller Richard Ford von einem "unblutigen Putsch" gegen einen künftigen Präsidenten Trump, wird dann aber wieder ganz friedlich, wenn er vom Schreiben spricht, das immer im Dialog mit seiner Frau stattfinde: "Ich brauche Kristina. Sie kann Sachen, die ich nicht kann. Ich zeige ihr alles, was ich schreibe. Ich habe ihr auch das gezeigt, was ich heute Morgen geschrieben habe. Die Romane lese ich ihr ganz vor, Wort für Wort. [...] Sie stellt alles infrage. Sie stellt infrage, ob ich an dieser Stelle das richtige Wort gefunden habe. Oder den richtigen Tonfall. Oder ob ich ein bestimmtes Wort zu häufig verwende. Sie stellt die Genauigkeit meiner Beschreibung infrage."

Weiteres: In der NZZ erzählt Peter Stamm von seiner Reise in den Iran. In der Welt plaudert Donna Leon im Interview über Venedig, Pizza und ihren Commissario Brunetti.

Besprochen werden unter anderem Rolf Aurichs Studie "Kalang" über den für Film, Nazis und Nachkriegs-BRD zaubernden Illusionskünstler Helmut Schreiber (Freitag), die neue Ausgabe der Comic-Anthologie "Jazam!" (Tagesspiegel), Ian Rankins "Das Gesetz des Sterbens" (FR), Bilal Tanweers "Die Welt hört nicht auf" (FR), Que Du Luus "Im Jahr des Affen" (Tagesspiegel), Hans-Ulrich Treichels "Tagesanbruch" (FAZ) und Lasha Bugadzes "Der Literaturexpress" (SZ). Mehr im Netz aus dem literarischen Leben auf Lit21, unserem fortlaufend aktualisiertem Metablog.
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Film


Entfremdete Performance: Josef Hader überzeugt als Stefan Zweig.

In ihrer zweiten Regiearbeit "Vor der Morgenröte" erzählt Maria Schrader von Stefan Zweigs Verzweiflung im Exil. Der Film sei frei von jeder "unnötigen Geschichtspatina" überaus sehenswert, lobt Andreas Busche auf ZeitOnline: Dass Josef Hader den Schriftsteller spielt, sei "kongenial" und ein "Glücksfall (...), weil die Notwendigkeit, alle Erwartungen an einen Hader-Auftritt zu unterlaufen, eine auf hochgradig kontrollierte Weise von sich selbst entfremdete Performance ermöglicht, die in ihrer subtilen Psychologie ähnlich offen und leerstellenhaft bleibt wie die Bilder von Kameramann Wolfgang Thaler."

In der taz schwärmt Jenni Zylka von dem Film. In der Welt ist Tilman Krause weniger überzeugt: Der Film "zeigt das Leben Stefan Zweigs im langsamen Verlöschen", enthält sich dabei aber jeder Wertung. "So verdienstvoll es sein mag, dem unheldischen Helden sein Rätsel und seine Würde zu belassen: Der Verzicht auf Deutung wirkt auch seltsam hilflos, mutlos, als hätte sich die Regisseurin von Zweigs Energieschwund anstecken lassen." Ebenfalls für ZeitOnline hat sich Martin Schwickert mit der Regisseurin unterhalten. Lesenswert auch Ulrich Lössls eher allgemein gehaltenes, umfangreiches Gespräch mit Hauptdarsteller Hader, das die Berliner Zeitung bereits vor einigen Tagen veröffentlicht hat.

Weitere Artikel: In der taz empfiehlt Fabian Tietke das Berliner Festival Unknown Pleasures, das sich auf amerikanisches Gegenwarts-Independentkino konzentriert. Carolin Weidner berichtet in der taz vom Festival Vienna Independent Shorts. Für Kino-Zeit schreibt Lucas Barwenczik über das Kino von Sion Sono, dessen neuer Film "The Whispering Star" (hier unsere Kritik) vergangene Woche im Kino angelaufen ist. In der Textreihe zur Berliner Saless-Retrospektive im Zeughauskino schreibt Michael Kienzl von critic.de über "Still Life" von 1974. Dazu passend erinnert sich Manfred Zapatka im Gespräch auf DeutschlandradioKultur daran, wie es war mit Sohrab Shahid Saless zu arbeiten. In der FAZ schreibt Michael Hanfeld einen Nachruf auf den Schauspieler Sieghart Rupp, dessen Tod im vergangenen Jahr erst jetzt der Öffentlichkeit bekannt wurde.

Besprochen werden Richard Linklaters "Everybody Wants Some!!" (Perlentaucher, Welt, Tagesspiegel), Takeshi Kitanos nur auf DVD veröffentlichter Yakuzathriller "Outrage Beyond" ("Die Deadpan-Stilisierung mit ihrer Mischung aus Gravitas und grimmiger Komik bleibt ein großes Vergnügen", verspricht Ekkehard Knörer in der taz), Micah Magees "Petting Zoo" (Freitag), Jeremy Saulniers Punkrock-Horrorfilm "Green Room" (Filmgazette, critic.de, SZ), James Vanderbilts Enthüllungsdrama "Der Moment der Wahrheit" (Berliner Zeitung),der Dokumentarfilm "Urmila" über ein nepalesisches Mädchen, das jahrelang versklavt war (ZeitOnline ), und Benjamin Bests Fußballdokumentarfilm "Dirty Games" (taz).
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Kunst

Am Wochenende eröffnet die Berlin-Biennale. Im Art Forum erklärt das die Biennale kuratierende Künstlerkollektiv DIS sein Konzept: "Bei unserer Idee der Berlin Biennale geht es um die Beziehung zwischen ihrer physischen und sozialen Existenz und ihrer Online-Präsenz sowie ihrer Kommunikation nach außen..." Im art Magazin erhofft sich Birgit Sonna eine Belebung der "zuletzt tristen" Berlin-Biennale durch DIS: "DIS hat schlichtweg das Zeug, den dort gerne streberhaft nachbuchstabierten Kunstdiskurs zu Postkolonialismus, Salonsozialismus, Migrationsproblematik, Gentrifizierungs-, Neoliberalismus- und Institutionskritik etc. einmal wohltuend gegen den Strich zu lesen."

Auf der Biennale wird auch das Happy Museum zu sehen sein, das der Konzeptkünstler Simon Fujiwara zusammen mit seinem Bruder David entwickelt hat. In einem langen, interessanten Interview mit dem art Magazin erklärt Fujiwara, was es damit auf sich hat: "Wir fanden es aufregend, über das Glück in Deutschland und die Museographie nachzudenken und wie man sich in dem Zusammenhang ein 'Happy Museum' vorstellen könnte. Der offensichtlich komische Aspekt daran ist, dass wir die deutsche Geschichte unweigerlich als alles andere als glücklich betrachten. Es ist nicht nur in Bezug auf die Nazis eine eher dunkle Angelegenheit. 'Happy Museum' klingt aber stark nach einem Branding oder einer Marketing-Taktik. In dem Sinne, dass man im Hinblick auf die Geschichte Deutschlands alles Schlechte ausblendet und nur mehr das Positive reflektiert."

Petra Schellen hat für die taz die Retrospektive der rumänischen Künstlerin Geta Brătescu in den Hamburger Kunsthallen besucht. "Linien und Texturen sind Brătescus Elixier, Werkzeug und Methode ihrer Spurensuche", erklärt sie. "Kein Wunder, dass ihre Arbeiten Titel wie 'Der Pfad. Die große Spur' tragen - das als Land Art in Bodenplatten eingelassene Mosaik aus Stofffetzen etwa, die wie Blüten und geologische Schichten daliegen. Dabei sind es Stoffreste ihrer verstorbenen Mutter, das private Erinnern birgt auch eine politische Dimension. Jede Diktatur möchte Geschichte neu schreiben, da wird Erinnern schnell zum subversiven Akt."

Besprochen werden außerdem die William-Kentridge-Schau im Gropiusbau in Berlin (Freitag, mehr dazu in unseren Kulturrundschauen), die Ausstellung "Allure" mit Fotografien aus der Collection Susanne von Meiss im C/O Berlin (taz) und Cees Nootebooms Buch "Reisen zu Hieronymus Bosch: Eine düstere Vorahnung" (Freitag).
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Musik

In der NZZ wirft Thomas Schacher einen Blick auf die Zürcher Orchesterszene, die von sieben professionellen Ensembles geprägt ist.

Besprochen werden Konzerte von Tortoise (online nachgereicht von der FAZ), Iron Maiden (Berliner Zeitung), Maurizio Pollini (Tagesspiegel), Enkhjargal Erkhembayar (FR), Michael Wollny, Leszek Mozdzer und Iiro Rantala (Tagesspiegel).
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