Efeu - Die Kulturrundschau

Panikpräsidialer Plural

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26.04.2016. Die Berliner Zeitung freut sich über den Pop von Drangsal, der erfrischend nicht einverstanden ist mit der Gesamtsituation. Die SZ fragt, warum im Tanz lange erworbenes Körper- und Bewegungswissen so wenig zählen. Außerdem lernt sie von Kadia Attias Skulpturen die Schönheit von Narben in der Kunst zu schätzen. Die FAZ entdeckt das ganze NRW auf der Insel Hombroich. Und die Daily Mail lernt: Für Geld allein gibt es noch keine Hermès-Tasche.

Bühne

Ensemble Dance On bei Proben mit Rabih Mroué. Foto: Dorothea Tuch

Sehr empörend findet es Dorion Weickmann in der SZ, dass Tänzer ab 40 im Betrieb als Senioren gehandelt werden: "Mühevoll erworbenes Körper- und Bewegungswissen ist plötzlich totes Kapital, Auftrittserfahrung und Ausdrucksvermögen zählen nicht mehr. Was nicht nur wirtschaftlicher Blödsinn ist, sondern auch künstlerisch immer fragwürdiger wird. Denn der Tanz fällt durch die demografische Reifeprüfung, wenn er wie bisher das Image des notorischen Schönlings und Berufsjugendlichen hochhält." Sehr dankbar ist die Kritikerin daher für das Ensemble Dance On, dessen Ensemble von Tänzern jenseits der 40 gestellt wird.

In Frankfurt hat Ute Engelhardt Leoš Janáčeks "Das schlaue Füchslein" auf die Bühne gebracht. Janáček selbst hätte die Inszenierung wohl wenig zugesagt, spekuliert Jan Brachmann in der FAZ, "weil es ihm um ein unsentimentales Verhältnis zur Natur ging, um die Gestaltung unseres eigenen Bezogenseins auf etwas, das wir nicht sind. Zur Natur ist Engelhardt nicht viel eingefallen. ... Man spürt die Angst einer ernüchterten Intellektualität vor der Natur als Dekor oder als Projektion; man spürt die angestrengte Vermeidung des Possierlichen im Zeitalter von Katzenvideos auf Youtube." Eine weitere Kritik samt ausführlichem Audio-Ausschnitt bringt br-Klassik.

Besprochen wird Agostino Steffanis ausgegrabene Barockoper "Amor vien dal destino" an der Berliner Staatsoper (Welt) Ersan Mondtags Bühnenadaption von Oskar Roehlers Film "Der alte Affe Angst" am Schauspiel Frankfurt (taz).
Archiv: Bühne

Musik

Enthusiastisch kommt Helmut Mauró in der SZ aus dem Münchner Konzert des russischen Meisterpianisten Grigorij Sokolov: "Sokolov schlägt nach virtuosem Beginn ein recht breites Tempo an, und die satztechnische Polyphonie setzt er dabei gleichsam in eine Klangfarbenpolyphonie um, legt auf dem Steinway allein durch hochdifferenzierten Anschlag geradezu barocke Klangregister an. Er liebt das Spiel auf mehreren Ebenen, unter den lyrischen Diskant setzt er einen robust springenden Bass, alles greift nahtlos ineinander und wirkt wie unmittelbar aus dem kompositorischen Konzept heraus gespielt. Er liebt auch den massiven Klang, die dicke Pranke. Immer dann, wenn sich der Eindruck einschleicht, dieser oder jener vollgriffige Akkord sei nun doch ein bisschen grob, wird man flugs eines Leichteren, lyrisch Flötenden belehrt."

Die Musik von Drangsal ist Labsal in den Ohren von Jens Balzer, dem AnnenMayKantereit, Wanda und FreiWild beinahe den deutschen Pop verleidet hätten. Doch jetzt vernehmliches atmtet er in der Berliner Zeitung vernehmlich auf: Drangsal singt Englisch, klingt nicht nach weichgespültem Epigonal-Indie und dahinter steckt mit Max Gruber überdies ein "junger deutscher Popmusiker, der nicht schon von vornherein einverstanden mit der Gesamtsituation ist und sich lediglich noch um die Auswahl des richtigen Yogakurses zum Erkundung der inneren Mitte sorgt, sondern den - wie es sich für Menschen mit Anfang 20 gehört - schlechte Laune und spätjuvenile Verzweiflung, Weltschmerz und Weltekel angenehm quälen." Hier das aktuelle Video:



In der Spex spricht Max Dax mit dem legendären Labelmacher Alfred Hilsberg, über den Christof Meueler gerade eine unter anderem in taz, Junge Welt, Tagesspiegel begeistert gelesene Biografie veröffentlicht hat. Hilsberg selbst hätte lieber ein Buch gesehen, "in dem es weniger um Namen und Anekdoten geht und mehr um eine Einordnung der Entscheidungen und Ereignisse meines Lebens in einen kulturpolitischen Zusammenhang. Es hätte eine Kulturgeschichte des deutschen Undergrounds werden können."

Außerdem: Michael Pilz erklärt sich in der Welt das "Wir" auf Udo Lindenbergs neuem Album "Stärker als die Zeit" als eine Art "panikpräsidialen Plural". Genüsslich spekuliert Jan Kedves in der SZ über Beyoncés neues, exklusiv auf der Streamingplattform Tidal veröffentlichtes, von Rachetexten durchzogenes Album "Lemonade": Die Plattform nämlich gehört ihrem untreuen Mann Jay Z. Für die Spex spricht Timo Stein mit Blixa Bargeld und Teho Teardo über deren gemeinsames Album "Nerissimo". Alfred Pranzl von Skug unterhält sich unterdessen mit Klaus Moser über das kommende Donaufestival. Für The Quietus hat Ed Power mit Detroit-Pionier Jeff Mills gesprochen.
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Literatur

Die französische Ausgabe von Alexander Kluges "Chronik der Gefühle" weist zahlreiche Überarbeitungen, Umstellungen und Neustrukturierungen auf, fällt Alfred Prédhumeau in der FAZ auf und er stellt fest: "Diese im Werden begriffene französische Ausgabe ist eine 'letzter Hand' und somit unentbehrlich für jede Kluge-Rezeption."

Besprochen werden unter anderem György Konrads "Gästebuch (NZZ), Olen Steinhauers "Der Anruf" (Freitag), Declan Burkes "The Big O" (Freitag), Stewart O'Nans "Westlich des Sunset" (SZ) und Patrick Pearse' Gedichtband "Der Rebell" (FAZ). Mehr aus dem literarischen Leben im Netz auf Lit21, unserem fortlaufend aktualisierten Metablog.
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Archiv: Literatur

Film

Für die taz berichtet Silvia Hallensleben vom Frauenfilmfestival in Dortmund/Köln, wo sie besonders die Produktionen aus Lateinamerika beeindruckt haben.
Archiv: Film
Stichwörter: Feminismus, Lateinamerika

Architektur

Für die FAZ besucht Andreas Rossmann die Skulpturenhalle, die sich Thomas Schütte auf der Insel Hombroich bei Neuss hat bauen lassen, um darin seine Skulpturen und seinen späteren Nachlass zu verwahren: Das runde, weithin sichtbare Gebäude wirkt auf ihn in dieser ländlichen Umgebung "wie ein großes Blatt, das in der Landschaft schwebt, wie ein Ufo, das hier gelandet ist. Natur und Technik, traditionelle Handwerksverfahren und computergesteuerte Fräsvorgänge gingen beim Bau der Halle eine komplexe Beziehung ein. Schon von weitem ist sie zu sehen, markant und sich doch einfügend. Flach ist das Ackerland, doch unmerklich besetzt sie eine leichte Anhöhe, von der sich ein weiter Rundblick bietet. So viel Nordrhein-Westfalen gibt es selten auf einmal." Einige Eindrücke finden sich auf Instagram.


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Kunst

Kader Attia, Untitled (Sacred), 2016. Foto: MMK Museum für Moderne Kunst / Axel Schneider

Sehr ergriffen berichtet Till Briegleb in der SZ von seinem Besuch bei Kader Attias Skulpturenausstellung im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt. In seinen Arbeiten erkundet der Künstler die Differenzen zwischen westlichem Denken und dem anderer Kulturen in Bezug auf Sinn und Zweck von Reparaturen: Wo der Westen den Schaden unsichtbar macht, auratisieren etwa asiatische Kulturen die reparierten Stellen. Entsprechend versammelt die große Schau Werke einer Narbenkunst: "Sie bestehen aus alten Karosserieteilen, deren Rostlöcher fugenlos, aber mit Pappmaschee ausgebessert wurden, aus afrikanischen Holzstelen der Dogon mit Lötzinn in den Materialrissen, aus genähten Trommelfellen oder zwei aneinander gelehnten Vierkantbalken mit dem Titel, 'Die Liebenden', deren Zerbrechlichkeit mit Krampen gesichert ist. ... Die immer wieder zu neuen Bildmetaphern kommende Kunst Kader Attias reizt die Sensibilität dafür, wie unsicher und kritisch feste Vorstellungen generell sind."

Weiteres: Annegret Erhard berichtet für die taz von der Art Brussel.

Besprochen werden die Doppelretrospektive zu den Malern Otto Rudolf Schatz und Carry Hauser im Wien Museum (Standard), die der Fotografin Alice Lex-Nerlinger gewidmete Retrospektive im Verborgenen Museum in Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Wolfsburg Unlimited: Eine Stadt als Weltlabor" im Kunstmuseum Wolfsburg (FAZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Kader Attia, Skulpturen

Design

Luxusmarken wollen genau bestimmen, wer ihre Produkte trägt. Geld allein genügt nicht, sich zu qualifizieren, lernt die Daily Mail, die mehrere "normale" Frauen losschickte, eine Hermes-Handtasche (Foto), genauer eine Birkin- oder Kelly-Bag (6000 - 35.000 Pfund) zu kaufen. Überall das gleiche Spiel: "On London's Sloane Street, awash with wealthy Arab women and designer shops, it's the same story. A liveried doorman waves me into the gleaming Hermes emporium and I make my way to the handbag display. But when I announce 'I'd like to buy a Birkin handbag, please,' the sales assistant raises an eyebrow and a chill seems to fall around the counter. ... Auction house expert Max Brownawell explains: 'Your average woman can't just walk into Hermes and buy one. You'd have to have a long-standing relationship with one of their sales associates.'"
Archiv: Design
Stichwörter: Hermes, Luxuswaren