Efeu - Die Kulturrundschau

Hier wuchert das Chaos

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19.02.2016. Die ersten Reaktionen auf Lav Diaz' Mammutfilm "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" bei der Berlinale: Erschöpft, aber glücklich. Die NZZ lernt in der Casa de la Literatura Peruana, dass Peru 47 Sprachen hat. Außerdem begutachtet sie die chinesischen Leben des Managers, Diplomaten und Kunstsammlers Uli Sigg, den Michael Schindhelm in einem Filmporträt verewigt hat. Im Zeit-Magazin erklärt Demna Gvasalia, neuer Chefdesigner von Balenciaga: Ich liebe die Art, wie sich die Deutschen kleiden. Wow.

Film


Zirkulärer Raum: Alle Wege führen in dieselbe Hütte.

Der größte Kraftakt der Berlinale ist überstanden: Acht Stunden hat der gestern im Wettbewerb gezeigte philippinische Historienfilm "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" von Lav Diaz gedauert, gezeigt wurde der Film in einer Kombination aus Presse- und Galavorführung mit einer Stunde Pause. Susanne Lenz von der Berliner Zeitung gerät mitunter ins Meditieren: "Hier im Dschungel ist die philippinische Seele zu Hause, hier wuchert das Chaos, der Überfluss. Es ist dies der Raum, der die Philippiner geprägt habe, wie Lav Diaz es in einem Interview gesagt hat. Und in 'Wiegenlied für ein trauriges Geheimnis', wie der Titel übersetzt heißt, lässt dieses Volk den katholischen Glauben der Kolonisatoren zurück und trifft im Dschungel auf seine eigene Mythologie." Beim in der Pause verfassten Zwischenbericht zeigt sich Perlentaucher Lukas Foerster als intimer Kenner von Lav Diaz' Werk restlos begeistert: Der Film ist schon nach gerade mal vier Stunden "das beste, was ich auf dieser Berlinale bislang gesehen habe." Der Film spielt vor allem im Dschungel, dennoch "wirken die Bilder äußerst beengt... Diaz' Dschungel hat eigentlich überhaupt keine Ausdehnung, er ist nicht kartografierbar, nicht durchquerbar. Ein zirkulärer Raum: Wohin man sich auch wendet, man kommt immer wieder bei derselben Hütte an."

Weiteres: Im Tagesspiegel spricht Christiane Peitz mit Philipp Scheffner, der mit zwei (in der taz besprochenen) Filmen im Forum vertreten ist. Im Freitag ärgert sich Matthias Dell über die große Menge an Smartphones, die bei den Pressevorführungen zu besichtigen sind. Barbara Möller berichtet in der Welt vom Berlinale Talent Campus.

Im einzelnen besprochen werden u.a. Asli Ösges "Auf einmal" (Berliner Zeitung), Porträtfilme über William S. Burroughs und Robert Frank (taz), Don Cheadles Miles-Davis-Biopic (Tagesspiegel), Emilie Deleuze' "Jamais Contente" (Tagesspiegel), Ulrike Ottingers "Chamissos Schatten" (Tagesspiegel), die Dokus "Weekend" und "Who's Gonna Love Me Now" (Tagesspiegel) und Maximilian Feldmanns und Luise Schröders "Valentina" (Tagesspiegel).

Abseits der Berlinale: In der FR informiert Stefan Sauer über die prekäre soziale Absicherung von Filmschaffenden.

Aus den aktuellen Kinostarts besprochen werden Peter Landesmans Recherche-Thriller "Erschütternde Wahrheit" (FR) und die Komödie "Zoolander 2" mit Ben Stiller und Owen Wilson ("kann sich sehen lassen", konstatiert Bert Rebhandl als Fan des ersten Teils in der FAZ).
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Musik


Szene aus "Arminio". Foto: Falk von Traubenberg

Hin und weg ist Manuel Brug von Max Emanuel Cencics Karlsruher Inszenierung der Händel-Oper "Arminio" mit dem Regisseur in der Titelrolle. Schon das Stück selbst - Hermann der Etrusker singt "als Kanarienvogel" - ist ein Knaller, und wurde hier auch noch und gemütlich, aber packend inszeniert: "Weil - ganz seltener Fall - hier der Regisseur mit dem Titelhelden identisch ist, fand der Theatermacher Cencic allzeit den richtigen Rhythmus, um die niemals langweiligen Da-Capo-Arien dramaturgisch zu beschleunigen: Seine Helden können beim Singen wandern, gefesselt werden, Schnaps picheln und sogar recht unterhaltsamen Sex haben. Aber nichts ist Effekt, immer haben die antiken Größen für ihre Glanzpartien auch Zeit für ein eindrückliches Close-Up an der Bühnenrampe."

Außerdem: Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) und Peter Hagmann (NZZ) gratulieren dem Komponisten György Kurtág zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden eine konzertante Aufführung von Salvatore Sciarrinos "Lohengrin" in Zürich (NZZ), ein Konzert von Lang Lang mit dem National Symphony Orchestra Washington unter Christoph Eschenbach (Tagesspiegel), das Berliner Konzert von Grimes (Tagesspiegel, FAZ), das neue Album von Jack Garratt (ZeitOnline) und ein Konzert von Massive Attack (Berliner Zeitung).
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Literatur

In Peru gilt Lesen eher als Mittel der Information und des Lernens denn als Vergnügen. Das will die Casa de la Literatura Peruana in Lima ändern, erzählt in der NZZ Martina Läubli, die das Literaturhaus besucht hat: "Die klug konzipierte Schau 'Intensidad y Altura de la Literatura Peruana' zeigt die Facetten hiesiger Literatur. Zu entdecken gibt es, gerade auch für europäische Besucher, viel - von Hörstationen mit überlieferten Geschichten auf Quechua, Awajún oder Tikuna bis zu den Gedichten von César Vallejo und konkreten Wort-Bildern eines Jorge Eduardo Eielson. Die Literatur wird als Ergebnis kultureller Pluralität präsentiert - gibt es in Peru doch 47 Sprachen."

Weiteres: Barbara Villiger Heilig gratuliert in der NZZ dem Tessiner Autor Alberto Nessi zum Schweizer Grand Prix Literatur. Samuel Moser stellt Nessis neuen Erzählband "Milo" vor.

Besprochen werden außerdem Abbas Khiders "Ohrfeige" (Zeit), Karen Duves "Macht" (FAZ) und Kamel Daouds "Der Fall Meursault" (SZ, hier unsere Leseprobe).

Mehr aus dem literarischen Leben im Netz in Lit21, unserem Metablog zur Bücher-Blogosphäre.
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Bühne

Für die Nachtkritik befragt Sascha Westphal Johan Simons zu dessen Plänen für das Schauspielhaus Bochum, das er ab 2018 leiten soll. In der Nachtkritik berichtet Sabine Leucht vom Festival Europoly an den Münchner Kammerspielen.

Besprochen werden Jean Bellorinis Inszenierung von Nikolai Erdmans "Selbstmörder" am Berliner Ensemble (FR), Lars-Ole Walburgs Hannoveraner Inszenierung von Nis-Momme Stockmanns Musical "Amerikanisches Detektivinstitut Lasso" über den Serienmörder Fritz Haarmann (Nachtkritik) und Klaus Gehres in Dortmund nach Motiven von Heiner Müller, Sylvester Stallone und David Morrell aufgeführter Live-Film "Rambo plusminus Zement" (Nachtkritik).

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Design

Im Zeit-Magazin stellt Claire Beermann den neuen Chefdesigner von Balenciaga vor. Demna Gvasalia heißt er, ist in Georgien geboren und 2000 mit seinen Eltern nach Düsseldorf gezogen. Im Gespräch singt er ein kleines Loblied auf den deutschen Modesinn: "Ich liebe die Art, wie sich die Deutschen kleiden: pragmatisch und bodenständig. Manchmal vielleicht etwas trocken, aber auch das finde ich inspirierend. Der Stil der Deutschen interessiert mich viel mehr als der Stil der Italiener oder Franzosen. Die Deutschen ziehen sich so an, wie sie sich benehmen: ordentlich und strukturiert. Mir gefällt diese Mentalität."
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Kunst



1979 kam Uli Sigg nach China. Er sollte für den Schindler-Konzern ein Joint Venture aufbauen "mit einer stark leninistisch-maoistisch geprägten, in heruntergekommenen Fabrikhallen frühindustriell wirkenden chinesischen Mannschaft", erzählt in der NZZ Peter A. Fischer, der einen "einzigartigen" Film von Michael Schindhelm über den Schweizer Manager und späteren Diplomaten und Kunsthändler gesehen hat. "Eingehendere persönliche Kontakte mit Chinesen sind verboten. Mitglieder des Verwaltungsrates halten ellenlange Monologe, die es besser nicht zu unterbrechen gilt. [...] Ein Schweizer, der schließlich doch entsandt wird, bannt Zeitgeschichtliches auf Filmrollen, inklusive der vielen an der Fabrikstraße aufgehängten Anzeigen, die sich als Verkündung von in der Nähe vollzogenen Hinrichtungen entpuppen."

Eher halb zufrieden verlässt Magdalena Kröner Boris Beckers' Schau "Staged Confusion" im LVR-Landesmuseum Bonn. Die FAZ-Kritikern hätte "sich mehr Konsequenz gewünscht: wenn schon Chaos, dann richtig. Mehr Unordnung, weniger Symmetrie. Mehr neue Bilder zum Thema, weniger Bekanntes. So gibt die Ausstellung bestenfalls eine Ahnung von dem, wohin sich Beckers Werk entwickeln könnte. Oder auch nicht."

Weiteres: Nicola Kuhn berichtet für den Tagesspiegel von der Dhaka Art Summit. Kerstin Stremmel schreibt in der NZZ den Nachruf auf den Fotografen Ernst Scheidegger. Besprochen wird die Ausstellung "Verborgene Schönheit: Kunstformen der Natur" im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt (FAZ).
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