Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Mann, eine Frau, ein Fluss

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.02.2016. Historisch finden alle das erste Konzert der Eagles of Death Metal in Paris nach den Anschlägen. Die SZ sieht allerdings eher in Kendrick Lamar den Musiker der Zeit. Der Tagesspiegel fragt: Seit wann hinkt das Theater dem Fernsehen hinterher? Die FAZ findet bei Heinz Strunk das Bedeutungsvolle in vollkommener Trostlosigkeit. Bei der Berlinale versetzt Spike Lee mit seinem knalligen HipHop-Musical "Chi-Raq" die ansonsten schon murrenden Kritiker in gute Laune.

Musik

Im Guardian berichtet Angelique Chrisafis vom ersten Konzert in Paris, das die Eagles of Death Metal seit den Anschlägen gegeben haben: Schön wild war es. Auf Slate.fr hätte Jean-Marie Pottier auch gern den Song "Kiss the devil" gehört, den sie im Bataclan gerade spielten, als die Terroristen das feuer eröffneten: "Wenn sich während eines Songs ein Drama abspielt, kann der Song doch nichts dafür." Die Huffpo.fr reiht den gestrigen Auftritt unter die historischen Konzerte von Pink Floyd 1989 in Berlin oder Serge Gainsbourg 1979 in Kingston.

Die SZ-Kritiker resümieren die Grammy Awards. Beim Auftritt von Kendrick Lamar saßen sie mit offenem Mund vor den Fernsehschirmen: An dessen "Ende steht 'Compton' in schwarzen Buchstaben im großen, weißen Umriss von Afrika. Ein hektischer, wütender, manischer, überwältigender Auftritt. Diese Songs sind als Mainstream-Pop eigentlich zu kompliziert - und treffen doch genau in dessen Herz: Das ist die Musik zur Zeit. Zum zweiten Mal in einer Woche erlebten die USA damit schwarzen Protest und schwarze Selbstermächtigung zur besten Sendezeit." In der Welt wünscht sich Iris Alanyali, weiße Frauen möchten in der Popmusik mal "die Klappe halten".

Weiteres: Tazler Jan Feddersen ist für ein Konzert von Aretha Franklin, die auf Grund notorischer Flugangst Europa meidet, in die USA geflogen. Kai Müller vom Tagesspiegel porträtiert Kanye West.

Besprochen werden ein von Zubin Mehta dirigiertes Schönberg-Konzert (SZ), Strawberry Kaeyks "We're All Stars Now In The Drag Show" (taz), Enrico Macias' "Les clefs" (taz) und Hans Steinbichlers Verfilmung des "Tagebuch der Anne Frank" (Tagesspiegel).
Archiv: Musik

Literatur

Sehr beeindruckt zeigt sich Jürgen Kaube von Heinz Strunks nächste Woche erscheinendem Roman "Der goldene Handschuh", in dem sich der eher aus dem Entertainment kommende Autor auf offenbar sehr eindrückliche Weise mit dem Hamburger Serienmörder Fritz Honka befasst. Das Werk stelle eine "Testfrage", meint Kaube im Feuilletonaufmacher der FAZ: "Kann Literatur vollkommen trostlos sein und trotzdem bedeutend?"

Weiteres: Wolfgang Schneider von der FAZ war bei der Berliner Buchvorstellung von Navid Kermanis Flüchlingsreportage "Einbruch der Wirklichkeit" und rückt Kermani auf die Position, die seit Günter Grass' Tod unbesetzt war: "die des Literaten und Publizisten, der zugleich eine moralische Instanz ist."

Besprochen werden Sigismund Krzyzanowskis Meistererzählung "Der Club der Buchstabenmörder" (NZZ), John Hirsts "Kürzeste Geschichte Europas" (NZZ), David Grossmans "Kommt ein Pferd in die Bar" (SZ), Alexander Monros "Papier. Wie eine chinesische Erfindung die Welt revolutionierte" (FR) und Kamel Daouds "Der Fall Meursault - Eine Gegendarstellung" (FAZ).
Archiv: Literatur

Bühne


Szene aus "Borgen". Foto: Arno Declair

Schon durch eine Vielzahl von Vorab-Interviews mit Regisseur Nicolas Stemann war die Spannung enorm, was dessen Bühnenadaption der erfolgreichen dänischen Politserie "Borgen" für die Berliner Schaubühne betrifft. Geplant gewesen sei eine Neu-Interpretation der sehr idealistisch präsentierten Politikerin, um die sich die Serie dreht. So recht begeistert vom Resultat ist allerdings nur Katrin Bettina Müller, die in der taz von einem "Schauspielerfest" schwärmt, das einen "ganz eigenen Drive" entwickle. Verblüfft ist sie auch darüber, "dass die Inszenierung nahelegt, dass die 2010 bis 2013 erstmals in Dänemark ausgestrahlte Serie in der Frage der Flüchtlingspolitik so etwas wie die Vorlage für die Haltungen und Ansagen von Angela Merkel oder von deutschen Wirtschaftsbossen gewesen sein könnte".

Ringsum sah Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung eher angeödete Gesichter bei dem Stück, das "von der Tischprobe zum Melodram, von der Lecture-Performance zur Soap, vom Brecht'schen Lehrstück zur Nummernrevue − und immer wieder zurück in die bitter-ironische Selbstreflexion" springe. In der SZ findet Mounia Meiborg den Abend "arg schlicht - und weist erstaunliche Parallelen zu Verschwörungstheorien und rechtspopulistischen Parolen auf. Auch bei Pegida gehört es zum guten Ton, Politiker als Marionetten zu bezeichnen." Peter von Becker vom Tagesspiegel gibt sich als intimer Kenner der Serie zu erkennen und hält von der Inszenierung sichtlich wenig: "Merkwürdig, früher fühlte sich das Theater als Kunst dem Fernsehen so überlegen. Jetzt aber schaut es ihm hinterher."

Besprochen werden außerdem Volker Löschs Bonner "Nathan"-Inszenierung (SZ, mehr im gestrigen Efeu), Max Emanuel Cencics Inszenierung von Händels "Arminio" in Karlsruhe (FR), Alain Badious philosophische Abhandlung "Rhapsodie für das Theater" (SZ), Tim Plegges "Kaspar Hauser"-Choreografie für das Hessische Staatsballett (SZ) und eine Inszenierung von Händels "Alcina", mit der die Opéra des Nations in Genf als Ausweichort für das Grand Théâtre eingeweiht wird (FAZ).
Anzeige
Archiv: Bühne

Kunst

Im Standard freut sich Stefan Weiß, dass der Verein Cardamom und Nelke den guten alten Salon wiederbelebt, um geflüchteten Künstler mit der Wiener Kulturszene bekanntzumachen. In der SZ sorgt sich Alexander Menden um das Haus, in dem Kurt Schwitters seine letzten Jahre in Großbritannien verbracht hatte und das nun bei Wind und Wetter und mangels finanzieller Zuwendung zusehends dem Zerfall anheim gegeben wird.

Besprochen werden der Fotoband "Mouvement" von René Burri (SZ), die Pierre-Huyghe-Ausstellung im Sprengel Museum in Hannover (taz), die Ausstellung "Glück und Verheißung. 99 Stücke aus den Sammlungen" im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt (FR) und die Jean-Dubuffet-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel (FAZ).
Archiv: Kunst

Film









Auch Liebe kann militant sein: Spike Lees "Chi-Raq"

Für gute Laune im etwas durchhängenden Wettbewerb der Berlinale sorgt - außer Konkurrenz - Spike Lee mit seinem satirischen HipHop-Musical über die Chicagoer Ganglands frei nach Aristophanes' "Lysistrata", jedenfalls bei Perlentaucherin Thekla Dannenberg: "Der Film strotzt vor Sex-Appeal, Rhythmus und tollen Körpern." In der FAZ strahlt Dietmar Dath: "Er wirft die beste Musik der Leute, um die es geht, ebenso in seine Schlacht wie rauschhafte Choreografien und die sexy Gravitas herrlichster Kostüme." In der Welt sieht Felix Zwinzscher auch in anderen Filmen, dass die USA ein Problem mit ihrer archaischen Gewalt haben.


Nur Kosslick hört zu: Mexikanischer Junge spricht ins Nichts. Szene aus "Soy Nero".

Ansonsten melden die Kritiker kaum Bärenverdächtiges vom Potsdamer Platz. Für "Soy Nero" bewegt sich der iranische Regisseur Rafi Pitts weg von seinem Heimatland und schildert im Grenzland zwischen Mexiko und USA die Geschichte eines Jungen, der aus Mexiko auswandern will. Andreas Fanizadeh findet das Ergebnis in der taz nicht unbedingt überzeugend: "Statt mit der tölpeligen iranischen Zensur spielt die spröde Kamera nun vor allem mit der Tiefenschärfe. Vieles wirkt überzeichnet und ergibt kaum Sinn." Auch "Genius", das Filmdebüt des Theaterregisseurs Michael Grandage über die Beziehung zwischen dem Schriftsteller Thomas Wolfe und seinem Lektor Max Perkins, weckte wenig Begeisterung: Anke Westphal von der Berliner Zeitung verlässt "rechtschaffen unverändert" den Kinosaal. Yang Chaos "Crosscurrent" findet ebenfalls nur milden Anklang. Laut Perlentaucher Nikolaus Perneczky bietet er ein "metaphysisches Stationendrama" in Form einer Flussreise den Jangtse hinauf. In der taz stöhnt Lukas Foerster: "Ein Mann, eine Frau, ein Fluss. Schwere Streicherklänge. Blauschwarz schimmerndes Wasser. Es hängt wohl auch ein wenig von der Tagesform ab, ob das einen einschläfert oder hypnotisiert." In der NZZ bilanziert Susanne Ostwald den Wettbewerb zur Halbzeit unfroh: "Es ist nicht so, als habe das Festival in diesem Jahr nicht schon gute Filme geboten. Allein, der große Wurf war noch nicht dabei."

Jenseits des Wettbewerbs: Philipp Bühler hat für die Berliner Zeitung tschechische Filme gesehen. Claudia Reinhard staunt in der FR über Regisseur Mahmoud Sabbaghs Forumsfilm "Barakah Yoqabil Barakah" aus Saudi-Arabien, wo das Kino an sich schon verboten ist. tazler Tim Caspar Boehme spricht mit der Regisseurin Rebecca Miller über ihren Film "Maggie's Plan", mit dessen Hauptdarstellerin Greta Gerwig sich Julia Dettke für den Tagesspiegel unterhalten hat. Mit zwei Filmen wirft das Jugendfilmprogramm einen Blick auf die Lebensrealität von Jugendlichen im Iran, berichtet Eva-Christina Meier in der taz.

Im einzelnen besprochen werden außerdem Kiyoshi Kurosawas Horrorfilm "Creepy" (Perlentaucher), Rachid Boucharebs "La Route d'Istanbul" (Perlentaucher), Doris Dörries "Grüße aus Fukushima" (taz), Joaquín del Pasos "Maquinaria Panamericana" und Maximiliano Schonfelds "La helada negra" (taz). Mehr zur Berlinale im Laufe des Tages in unserem Berlinale-Blog, sowie in den SMS der Cargo-Kritiker. Für schnelle Bewertungen ist der Kritikerspiegel von critic.de hilfreich.
Archiv: Film