Efeu - Die Kulturrundschau

Mit liebevoll verlotterten Sitten

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16.02.2016. Die Berlinale ist gestern mit einer Fallada-Verfilumg und Danis Tanovics "Death in Sarajewo" ein wenig ins Stocken geraten. Die Nachtkritik lernt von Völker Lösch, wie man mit Lessing junge Muslime und Bonner Bürgertum zusammenbringt. Etwas zu knallig findet die Welt die Restaurierung der Kathedrale von ChartresZeit Online trauert um Hamburgs am Wochenende abgebrannten Golden Pudel Club.

Film



Mit "Quand on a 17 Ans", einem Film über das Erwachen des schwulen Begehrens junger 17-jähriger, ist André Téchiné ein "berührender Film" gelungen, schwärmt Andreas Fanizadeh in der taz. Auch Thekla Dannenberg zeigt sich im Perlentaucher beglückt: "Als Drama in drei Trimestern erzählt Techiné seine Geschichte der jugendlichen Liebe und des erotischen Erwachens, mit einem feinem Gespür für die emotionalen Konfusionen, für die Sinnlichkeit und all die Schlichen, mit denen junge Menschen vom Leben kosten, wie bitter es auch schmecken mag."

Ansonsten gab es im Wettbewerb offenbar nur Hausbackenes, wenn man den Kritikern glauben darf. Die Verfilmung von Hans Falladas Klassiker "Jeder stirbt für sich allein" fand jedenfalls wenig Anklang. Dirk Knipphals von der taz attestiert dem Film "einen gewissen pädagogischen Kitsch". Im Tagesspiegel bringt Jan Schulz-Ojala vor allem Hintergründe zu Stoff und Film. Für Artechock hat sich Rüdiger Suchsland mit dem Drehbuchautor Achim von Borries unterhalten.

Auch Danis Tanovics "Death in Sarajewo", der die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert allegorisch in ein Hotel verlegt, will offenbar nicht recht zünden: Der Film hinke der komplexen Thematik "immer einen Schritt hinterher", urteilt Barbara Wurm in der taz. Perlentaucher Nikolaus Perneczky sah einen für die Berlinale typischen politischen Film der Sorte "gut gemeint, aber einfallslos". Für critic.de bespricht Lukas Stern den Film. Außerdem aus dem Wettbewerb besprochen werden Ivo M. Ferreiras "Cartas da guerra" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier) und Anne Zohra Berracheds blondiertes Schwangerendrama "24 Wochen" (Perlentaucher).

Jenseits des Wettbewerbs: Für ZeitOnline hat sich René Wildangel die arabischen Filme des Festivals angesehen und ist dabei zu einem interessanten Befund gekommen: "Ausgerechnet in der wohl größten Krise der Region, die von Tunesien bis Syrien angesichts von Terrorismus und Krieg vor einer völlig unsicheren Zukunft steht, scheint ein besonderer Mut zum Experimentellen entstanden zu sein." Jan Künemund spricht in der taz mit Ira Sachs über dessen in der Generation gezeigten Film "Little Men." Besprochen werden auch Ruth Beckermanns "Die Geträumten" über Ingeborg Bachmann und Paul Celan (SZ), Rebecca Millers "Maggie's Plan" (taz), Udi Alonis "Junction 48" (taz) und Wayne Wangs "While the Women Are Sleeping" (Tagesspiegel).
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Design


links: László Moholy-Nagy, ohne Titel, um 1935/Tasse, Wilhelm Wagenfeld, 1931; rechts: Hans Hansen, ohne Titel, 1995 (Service 639, Wilhelm Wagenfeld, 1934

Bettina Maria Brosowsky besucht für die NZZ eine interessante Ausstellung im Bremer Wilhelm Wagenfeld-Haus, die nachzeichnet, wie die neusachliche Fotografie die Formgestaltung ästhetisierte: "Stets stand der haptische Gebrauchswert eines Alltagsgegenstandes im Mittelpunkt der Formfindungsprozesse Wagenfelds. Deshalb sah er nicht die Zeichenmaschine, sondern die Modellwerkstatt als eigentliche Geburtsstätte neuer Geräte. Mitarbeiter bezeichneten später Wagenfelds Methode als ein 'Sehen mit der Hand'. Aber auf eine visuelle Beweisführung, das 'Fühlen mit dem Auge' verzichtete Wagenfeld in seinem Arbeitsprozess natürlich keineswegs. Nicht nur seine Zeichnungen - Entwurfsskizzen wie vermasste Werkpläne gleichermaßen - sind von ästhetischer Autonomie."
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Literatur

Nach dem Tod des Verlegers und Kritikers Maurice Nadeau schießen in Frankreich die Magazine, die für sich in Anspruch nehmen, dessen mit der altehrwürdigen Quinzaine Litteraire begründetes Erbe online fortzuführen, wie Pilze aus dem Boden, erklärt Gregor Dotzauer in einem Hintergrundartikel für den Tagesspiegel. Immerhin: "Die Qualität der Texte nimmt sich nichts", meint er im Vergleich zwischen En attendant Nadeau und der La Nouvelle Quinzaine.

In der NZZ porträtiert Marie Luise Knott den israelischen Schriftsteller David Grossman, der mit seinem jüngsten Buch "Kommt ein Pferd in die Bar" seine israelischen Leser verstörte: "Warum sollten sie sich einen Text antun, der so gewalttätig ist? Bisherige Kritiker des Autors hingegen lobten das neue Werk: Endlich tue Grossmans Sprache nicht mehr so, als gäbe es eine intakte Welt, sagen sie. Endlich spiegele die Sprache die Gewaltverhältnisse im Land."

Besprochen werden Hans Peter Duerrs "Die dunkle Nacht der Seele" (FR), Riad Sattoufs Comic "Der Araber von morgen" (SZ), Boris Sawinkows "Das fahle Pferd" (Zeit) und Milena Busquiets "Auch das wird vergehen" (FAZ).

Mehr aus dem literarischen Leben im Netz in unserem Meta-Blog Lit21.
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Architektur

Nicht alle jubeln über die strahlend hellen Gewölbe der restaurierten Kathedrale von Chartres, berichtet Martina Meister in der Welt. Der amerikanische Kunsthistoriker Martin Filler spottete sogarin der NYRB, wie sie zitiert, der bemalte Marmor sehe aus wie von einem "Bestattungsunternehmer aus Little Italy": "Die Franzosen, so sein vernichtendes Urteil, hätten die Charta von Venedig nicht respektiert, das zentrale Denkmalpflegeabkommen, das dazu verpflichtet, keine Restaurierung vorzunehmen, die unwiderruflich ist. In Chartres sei man einem 'magical thinking' aufgesessen und somit der Illusion erlegen, man könne derartige Bauwerke originalgetreu wiederherstellen."
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Stichwörter: Chartres

Musik

Diese Nachricht hat Pop-Deutschland schockiert: Der Golden Pudel Club in Hamburg, lange Zeit der Schmelztiegel der so genannten Hamburger Schule und zuletzt widerständiger Hort gegen die fortscheitende Gentrifizierung der Hansestadt, ist am Wochenende vermutlich nach Brandstiftung abgebrannt. Jan Freitag ist auf Zeit online fassungslos: "Nach 21 Jahren am selben, kapitalumtosten Standort ist somit eine Legende zerstört, die so eigentlich nie hätte entstehen dürfen und gerade deshalb so wunderbar ist, war, puhh. Dass ihr materielles Ende zum Heulen ist, wäre mit 'untertrieben' demnach geradezu fröhlich umschrieben. Nirgends sonst in der zusehends durcheventisierten Musical-Metropole voller Beatles-Memorabilien hatte der 'independente' Eigensinn ein liebevoller verwahrlostes Heim mit liebevoller verlotterten Sitten und liebevoller hochmütigem Selbstbewusstsein." Weitere Hintergründe bringt Kristoffer Cornils in der Spex.

Weiteres: Gestern wurden in Los Angeles die Grammys vergeben: Während Kendrick Lamar abräumte, Taylor Swift fürs beste Album ausgezeichnet wurde, geriet Adele ins Straucheln und aus dem Takt, berichtet etwa der Guardian. Der Versuch von amerikanischen Behören, die kubanische Hiphop-Szene zum Zweck eines Regimesturzes zu unterminieren, habe im Gegenteil zum Niedergang der Szene geführt, erklärt Jonathan Fischer in der SZ. Besprochen wird Kanye Wests neues Album, dem Zeitonline-Kritiker Daniel Gerhardt "eine kindliche Freude" darüber anhört, "der Geilste zu sein". Eine weitere ausführliche Besprechung bringt Pitchfork.
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Kunst

In der SZ erklärt Kia Vahland die altersbedingten Farbverschiebungen in den Bildern Van Goghs.

Besprochen werden die Ausstellung "fremd" im Grassimuseum in Leipzig (taz), die Ausstellung "Die Schule von Kyiv" in der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig (Tagesspiegel) und James Caseberes Fotoausstellung "Flüchtig" im Haus der Kunst in München (Catrin Lorch von der SZ sah "monumentale Bildtafeln ..., deren Dramatik aber nur raschelt").
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Stichwörter: Vincent van Gogh

Bühne


Wütende Klasse mit Lehrerpopanz: Glenn Goltz in Volker Löschs "Nathan" am Theater Bonn. Foto: Thilo Beu

Wenn Volker Lösch in Bonn für seine "Nathan"-Bearbeitung im Zuge von Köln einen Chor junger Muslime auf die Bühne stellt, stöhnt FAZ-Kritiker Andreas Rossmann im Parkett vernehmbar auf: "Der weitverbreitete Trugschluss, Theater sei dann politisch, wenn es - wie hier - die IS-Fahne schwenkt, Parolen skandiert, Gesinnungen bekundet, Rauschebärte überziehen und Sprengstoffgürtel umschnallen lässt, hat in Volker Lösch einen ihrer hartnäckigsten Verfechter ... Theater, das sich selbst vergisst." Nachtkritiker Gerhard Preußer findet sich bei der Inszenierung zunächst in der "Volkshochschule" wieder, versteht am Ende aber doch, "dass man eine 'Nathan'-Inszenierung braucht, um das kulturaffine bürgerliche Bonner Theaterpublikum zu locken und einmal dazu zu bringen, sich anzuhören, was junge Muslime so denken."

Weitere Artikel: Mit Nacho Duatos 12 Jahre altem "Herrumbre" sieht Manuel Brug in der Welt das Berliner Staatsballett in die Bedeutungslosigkeit sinken. In der SZ freut sich Michael Stallknecht, dass der Countertenor Max Emanuel Cencic mit seiner Karlsruher Inszenierung von Händels "Arminio" nun auch unter die Regisseure gegangen ist: "Cencic zeigt sich hier nicht nur als Countertenor, sondern auch als frisch gebackener Regisseur auf dem Zenit." In der Werkstatt der Berliner Staatsoper wird "zurzeit das avantgardistischste Musiktheater der Stadt produziert", jubelt Benedikt von Bernstorff im Tagesspiegel nach dem Besuch von Hèctor Parras "Zangesi".

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs am Deutschen Theater in Berlin gezeigter Kafka-Abend "Ein Käfig ging einen Vogel suchen" (FR, SZ, mehr im gestrigen Efeu), eine Aufführung von Nacho Duatos Ballett "Herrumbre" am Schiller Theater in Berlin (Tagesspiegel) und Tim Plegges "Kaspar Hauser" am Hessische Staatsballett (FR).
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