Efeu - Die Kulturrundschau

Weil montags alles ruht, nun alles montag bleibt

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08.02.2016. Von Karin Beiers Hamburger Houellebecq-Inszenierung hätten sich die Kritiker eher einen Energiestrom als einen Kraftakt erhofft. Wie virtuos Edgar Selge jedoch das Elend männlicher Dekadenz darstellt, hat sie begeistert. In der NZZ blickt Wolfgang Kemp nach Katar, wo Scheicha Al Mayassa wieder einmal den Museumsbetrieb um sich schart. Der Guardian wandert durch Daido Moriyamas Tokio. Die FAZ blickt auf die durchaus erfüllte Liebe von Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Die Welt fragt sich, warum im Berlinale-Wettbewerb nur ein einziger deutscher Film läuft.

Bühne


Wenig Lückenbewusstsein: Edgar Selge lässt sich gehen. Bild: Klaus Lefebvre.

Stehende Ovationen für Edgar Selge, der am Hamburger Schauspielhaus unter der Regie von Karin Beier Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" als Solo in einem ausgestanzten Kreuz auf die Bühne bringt. Der gefeierte Schauspieler komme erst in Anlehnung an den Autor auf die Bühne, wandle sich dann aber zu dessen Romanfigur François und gebe damit "einen virtuosen Entertainer des Elends männlicher Dekadenz", schreibt Eva Behrendt in der taz. Vor dem Hintergrund, dass Houellebecq "die spirituelle Lücke des Westens" beschreibt, findet sie es dann allerdings doch etwas problematisch, wie schnell man sich über diese lächerliche Figur erheben kann, das sich "weder das verführerische Schillern des Romans noch das Lückenbewusstsein so recht einstellen" wolle.

Auch SZ-Kritiker Till Briegleb applaudiert Selge, sieht in der Virtuosität der komödiantischen Performance allerdings auch die Schwäche des Stücks: Er hat "Zweifel, ob diese Form der mimetischen Ironie wirklich die richtigen Fragen aufwirft. Die Freude am feinen Spott vermittelt eher die Aussage, dass man die Spekulationen über eine Konfrontation zwischen Rechtsextremen und Islamisten in Europa nicht so recht ernst nehmen muss." Hubert Spiegel von der FAZ zeigt sich nicht minder beeindruckt, bemerkt aber auch eine zunehmende Schwäche der Inszenierung: "Statt eines Kraftaktes hätte man lieber subtilere Energieströme fließen sehen." In der Welt nennt Stefan Grund Selges Spiel eine "Stern- und Halbmondstunde" des Theaters.

Regisseurin Beier hat die kontroverseren Stellen von Houellebecqs Romans aus ihrer Bearbeitung gebügelt, meint Falk Schreiber in der nachtkritik. Das mache den Abend zwar sehr ausgewogen und insbesondere für Rechtspopulisten wenig interessant, habe aber auch zur Folge, "dass wir nicht mehr erschrecken, was es für entsetzliche Haltungen gibt, wir erschrecken nur, wie entsetzlich sich Selges François gehen lässt".


Flieg, Prinz Siegfried: Alexander Jones in Alexei Ratmanskys "Schwanensee" am Opernhaus Zürich. Foto: Carlos Quezada.

Retro, aber sehr stilvoll findet Martina Wohltat in der NZZ Alexei Ratmanskys Zürcher Rekonstruktion der historischen "Schwanensee"-Fassung von Marius Petipa und Lew Iwanow aus dem Jahr 1895: "Ratmanskys Fassung wirkt auf liebenswürdige Art nostalgisch. In der Welt erkennt Manuel Brug zumindest ex negativo den Vorteil moderner Aufführungen: "Durch die beständige Beschäftigung in der Praxis wird eben doch Kunstausdruck auch optimiert, vertieft, verfeinert, raffinierter."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung spricht Ulrich Seidler mit Dramaturg Bernd Stegeman von der Berliner Schaubühne, der Nicolas Stemann mit einer Bühnenbearbeitung der dänischen Serie "Borgen" beauftragt hat.

Besprochen werden Sebastian Nüblings Zürcher Inszenierung von Sibylle Bergs "Viel gut essen" (Nachtkritik) und Anne Teresa De Keersmaekers in Hamburg aufgeführtes Tanzstück "Golden Hours (As you like it)" nach Shakespeares "Wie es euch gefällt" (SZ) und Stephan Rottkamps düster-schräger "Sturm" im Grazer Schauspielhaus mit Barbara Petritsch als Prospero (Standard, Presse).
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Literatur


Laurence Rupp und Anja Plaschg als Paul Celan und Ingeborg Bachmann in Ruth Beckermanns Film " Die Geträumten".

Für die FAZ spricht Verena Lueken mit Ruth Beckermann und Ina Hartwig, die mit "Die Geträumten" einen auf der Berlinale gezeigten Film über die schwierige Liebesbeziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan auf Grundlage des Briefwechsels zwischen den beiden Schriftstellern gedreht haben. Für Hartwig war diese Arbeit mitunter deprimierend: "Da war das intensive, geistige und körperliche Aufeinander-Reagieren der beiden, sie haben in ihren Werken aufeinander Bezug genommen, immer wieder, die poetische Korrespondenz zwischen ihnen war sehr intensiv. Und doch haben sie sich diese Schlachten geliefert und sich zum Teil so weh getan." Beckmann sieht das gelassener: "Ich glaube, die Beziehung hat sich in diesem Bezug in ihren Werken erfüllt. ... Wenn eine Liebe sich erfüllt, heißt das nicht unbedingt, man wird gemeinsam Großeltern."

In der online nachgereichten Frankfurter Antholgie schreibt Gisela Trahms über Jan Wagners Gedicht "requiem für einen friseur":

"weil montags alles ruht, nun alles montag bleibt,
verhängt die spiegel. nehmt der schere ihren schneid.
..."


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Film

Warum läuft in diesem Jahr nur ein einziger deutscher Film im Wettbewerb, fragt Hanns-Gorg Rodek in der Welt. Ihm fallen gleich vier Filme von Regisseurinnen ein, die er dort nicht zu sehen bekommt. Aber: "Das Beunruhigende ist, dass einem mehr auch nicht einfallen, die sich aufdrängen würden. Vier von 150, das ist viel zu wenig, vor allem wenn man bedenkt, dass ein wesentlicher Teil der deutschen Kinoproduktion auf Festivalerfolge ausgerichtet ist."

Weiteres: Ulrich Lössl unterhält sich für die Berliner Zeitung mit Schauspielerin Emma Watson über Harry Potter und ihren neuen Film "Colonia Dignidad". Besprochen werden Hendrik Löbberts Dokumentarfilm "Grenzbock" (Tagesspiegel) und eine BluRay-Kombination von Jean-Luc Godards "Außer Atem" und dessen US-Remake "Atemlos" von Jim McBride (SZ).
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Musik

Besprochen werden Avishai Cohens neues Album "Into The Silence" (SZ), diverse Aufnahmen des vor kurzem verstorbenen Jazzmusikers Paul Bley (FAZ) und eine Compilation mit deutschem Mod-Pop aus den Achtzigern (Tagesspiegel).
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Architektur

Katar unterstützt die Hamas, die Muslimbrüder und die Taliban, und auch für den Islamischen Staat dürfen im Emirat Spenden gesammelt werden. Doch Scheicha Al Mayassa, reichste Direktorin des weltweiten Museumszirkus, will in Doha trotz der religiösen Bildungsfeindlichkeit wieder ein Museum bauen lassen, das größte der Welt. Wolfgang Kemp wundert sich in der NZZ schon nicht mehr, dass alle Schlange stehen, für die "Kunstmühle": "In die zweite Runde gehen jetzt 26 Bewerber; unter ihnen David Chipperfield, Renzo Piano oder Eduardo Souta de Moura. Wenn ich mit Hoffnung den Blick auf das Atelier Bow-Wow aus Japan richte, könnte das vielleicht schaden, ich lasse es und merke stattdessen an, dass das Projekt Meganom mit seinem Namen dem Charakter der Ausschreibung schon ziemlich nahekommt. Den Laien erstaunt eine Ausschreibung, die ohne nähere Spezifikation in die Welt gesetzt wird."

Im Tagesspiegel bringt Frederik Hanssen Hintergründe zum Umbau von Dresdens Kulturpalast.

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Kunst


Daido Moriyama, Tokyo Color, 2008-2015

Sean O'Hagan trifft für den Guardian den japanischen Fotografen Daido Moriyama, dessen Tokio-Bildern die Fondation Cartier in Paris eine große Ausstellung widmet: "Moriyama zeigt die Welt als einen stets unfertigen Platz, eine alltägliche Verwirrung von Plätzen und Dingen, die wir nicht bemerken, bis er sie uns vor Augen stellt.. Die Emphase liegt auf Texturen und Oberflächen: Gitter, Muster, Schatten, Umrisse..."

Weiteres: Dass der Schriftsteller Peter Kurzeck in jungen Jahren auch als Maler tätig war, ist überhaupt erst seit kurzem bekannt. Drei Austellung in Gießen präsentieren nun das Werk. Der Besuch ist lohnenswert, meint Tilman Spreckelsen in der FAZ. In der Berliner WeGallery haben Toni Negri und Nanni Balestrini bei Vernissage zur Ausstellung "Die Große Revolte" gesprochen, berichtet Jens Uthoff in der taz.

Besprochen werden eine Ausstellung von Gerhard Richters Birkenau-Zyklus im Museum Frieder Burda in Baden-Baden (SZ), der von Christina Thomson und Petra Winter herausgegebene Band "Die Galerie des 20. Jahrhunderts in Berlin 1945-1968" (Tagesspiegel), eine Ausstellung von Helmut Newtons Modefotografien in Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Weltreise: Forster. Humboldt. Chamisso. Ottinger" in der Staatsbibliothek Berlin (SZ).
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