Efeu - Die Kulturrundschau

Wir sind im Empyreum

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09.02.2016. Die Zeit feiert die Künstlerin Britta Thie als neue Meisterin der Ungezwungenheit inmitten aller Zwänge. Der Wiener Kurier geht noch einmal mit Thomas Bernhard zu den Alten Meistern ins Kunsthistorische. Die FR durchstreift die Chronik der Welt in 13 Sphären. Die taz resümiert den Club Transmediale. Und die SZ ist hin und weg von Beyoncé, aber natürlich diskurstheoretisch abgesichert.

Kunst


Britta Thie "dove step". Ausstellungsansicht "Sirens: Home" (2016), "Yoshi" (1996/2016)

Wenn Britta Thie im Kunstverein Göttingen ausgestellt wird, ist das eigentlich fast schon paradox, meint Hanno Rauterberg in seinem von der Zeit online nachgereichten Porträt der Künstlerin, die ansonsten für ihre Werke auf die Flüchtigkeit und Ortlosigkeit sozialer Netzwerke setzt: "Thie ist eine Pionierin der neuen Freiverfügbarkeit. Zwangsläufig fremdelt sie denn auch mit dem Kunstverein: Da müssen Bilder festgedübelt werden, da ist Verbindlichkeit gefragt, auch wenn Thie viele Werke möglichst beiläufig inszeniert, sie von der Decke baumeln lässt, Kabel und Stecker über den Fußboden verstreut, dazwischen eine Palme abstellt, eine Nana wie von Niki de Saint Phalle, bunte Kinderträume aus Pappmaschee. Wie man den Regeln folgt, ohne sie einzuhalten, wie man inmitten der Zwänge sich Ungezwungenheit bewahrt, davon scheint die Ausstellung schon in ihrer Form zu erzählen."


"Die werlt wirdt darumb ein umbkrais genant da sie simbel rotund gescheybelt oder kugelt ist" - Blatt 12 und 13 der Schedelschen Weltchronik. Quelle: Wikipedia

In der FR führt Arno Widmann durch die Geschichte der Weltkarten, bis sein Kopf explodiert: "Karten bilden nicht ab. Sie erklären. Sie zeigen dem Betrachter, wie die Welt funktioniert. Ein schönes Beispiel dafür ist eine Weltkarte aus der Schedelschen Weltchronik von 1493. Im Zentrum das Universum, in dessen Mitte die Erde steht, wie auf der babylonischen Weltkarte von Wasser umkreist, dann eine Luft-, danach eine Feuersphäre, dann kommen die Sphären von Planeten und Sonne. Insgesamt sind es bei Schedel 13 Sphären. Um die herum weitet sich die Welt und wir sind im Empyreum."

Hans-Joachim Müller hat in der Welt noch gar nicht verwunden, wie einhellig Dada in der vorigen Woche gefeiert wurde, selbst die Zürcher kamen alle brav im Kostüm zum Dada-Ball: "Irgendwann ist jede Attacke vergessen und alle Kampfrhetorik zum Partygespräch besänftigt." Auch im Standard blickt Anne-Katrin Fessler erst jetzt auf die Schweizerischen Dada-Feierlichkeiten.

Weiteres: Für die FAZ spricht Julia Voss mit Philipp Demandt über Caroline Barduas Porträt von Caspar David Friedrich, das seit kurzem wieder in der Alten Nationalgalerie in Berlin hängt.
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Musik

Jan Kedves staunt in der SZ, wie es Beyoncé gelungen ist, ihren neuen Song "Formation" in die Halbzeit des Superbowl-Finales, dem zentralen Fernseh-Großereignis in den USA, zu bugsieren. Denn das Stück sei alles andere als gefälliger Mainstream: "Nicht nur voller selbstbewusster Statements zum Frau-Sein, Schwarz-Sein, Eine-schwarze-Frau-Sein und Eine-schwarze-Frau-aus dem-Süden-der-USA-Sein ... Mit Samples der aus New Orleans stammenden queeren Underground-Rapperin Big Freedia ist der Track zudem auch ein eindrucksvoll unmissverständliches Statement gegen genormte Sexualität und die allgemeine Homophobie, nicht zuletzt übrigens auch die der schwarzen Musik."

Für die taz resümiert Philipp Rhensius die Club Transmediale, bei der sich eindrücklich zeigte, "dass Musik mehr als Unterhaltung ist, sondern ein Container von Informationen, eine kulturelle Wegekreuzung, ein Provokateur der Sinne, des Intellekts, des Körpers, ein sozialer Klebstoff, und ja, auch ein politischer Akteur."

Weiteres: In der taz stellt Andreas Hartmann das Vinylsingle-Label Troglodyt vor. Im Tagesspiegel spricht Johannes Schneider mit der Liedermacherin Dota. Für die FAZ hat Kornelius Friz den 8. Popkongress der Universität Hildesheim besucht. Karl Bruckmaier schreibt zum Tod von Dan Hicks. In der FAZ berichtet Eleonore Büning vom Klassik-Nachwuchsfestival "Rising Stars" in Karlsruhe.

Besprochen werden das neue Album von Porches (Pitchfork), ein Konzert der Libertines (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), ein Konzert des Frankfurter Museumsorchesters (FR), ein Konzert von Floating Points (Tagesspiegel) und das Konzert von Pauline Oliveros bei der Club Transmediale (SZ).
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Film

Im Interview mit dem Freitag erzählt Moritz Springer von seinem Dokumentarfilm über anarchistische Projekte,
zu dem ihn der inzwischen verstorbene Anarchist Horst Stowasser inspiriert hat: "Stowasser war ein extrem lebensfroher Mensch, der Zigarre geraucht und Rotwein getrunken hat. Das fand ich gut. Die Lebensqualität sollte bei der Revolution nicht verloren gehen."

Weiteres: Daniela Pogade porträtiert in der Berliner Zeitung Berlinale-Jurypräsidentin Meryl Streep. Besprochen werden Michael Krummenmachers "Sibylle" (taz) und die Superhelden-Komödie "Deadpool" (ZeitOnline).
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Archiv: Film

Bühne

In der Berliner Akademie der Künste wurde über das Theater in Iran diskutiert - leider meist ziemlich unkonkret, berichtet Christine Wahl im Tagesspiegel.

Besprochen werden Rafael Sanchez' Kölner Inszenierung von "Troilus und Cressida" (SZ) und Adriana Altaras Inszenierung von Verdis "Maskenball" am Theater Bern (NZZ).
Archiv: Bühne

Literatur

Thomas Bernhard wäre heute 85 Jahre alt geworden. Im Kurier empfiehlt Philip Wilhelmer zur Erinnerung einen Gang ins Kunsthistorische Museum: "In seinem Roman 'Alte Meister' (1985) zerlegte er die Gemäldegalerie des ehrwürdigen Hauses nach Strich und Faden. Hauptfigur Reger, ein Musikkritiker, den drei Jahrzehnte lang regelmäßige Besuche in das Museum trieben, fand eigentlich alles abscheulich, was die Habsburger aus der Renaissance zusammengesammelt hatten. Einzige Ausnahme: Der 'Weißbärtige Mann' von Tintoretto. Vor dem Bildnis saß Reger, las Reger, sinnierte Reger und fand alles andere abscheulich. Sogar seine Frau lernte er dort kennen. Unter den 'Ausgesuchten Meisterwerken' auf der KHM-Website findet sich das Bildnis nicht. Was für eine Kränkung."

Weitere Artikel: Als Streiterin gegen die Unsichtbarkeit Indonesiens preist Tash Aw im TLS die Schriftstellerin Leila Chudori, deren Roman über die Verfolgung der Opposition unter Suharto auf Englisch jetzt als "Home" erscheint. Die deutsche Ausgabe "Pulang" war auch schon sehr gelobt worden. In seinem Blog dokumentiert der Merkur ein Gespräch zwischen Jakob Nolte und Wolfgang Hottner über Noltes Roman "ALFF".

Besprochen werden Hallgrimur Helgasons Roman "Seekrank in München" (NZZ), Eugene McCabes "Die Welt ist immer noch schön" (NZZ), Hans Platzgumers Grenz- und Enderfahrungsroman "Am Rand" (Standard), Jeong Yu-jeongs Thriller "Sieben Jahre Nacht" (FR), Michael Köhlmeiers "Das Mädchen mit dem Fingerhut" (Tagesspiegel), Janko Markleins Debüt "Florian Berg ist sterblich" (Tagesspiegel), Adam Johnsons "Nirvana" (taz), Matthew Bells nur 1000 Seiten schlanke Auswahl "The Essential Goethe" (Zeit) und Andor Endre Gelléris "Die Großwäscherei" (FAZ).

Mehr aus dem literarischen Leben im Netz in Lit21, unserem fortlaufend aktualisierten Metablog.
Archiv: Literatur