9punkt - Die Debattenrundschau

Die eigene Existenz ästhetisch zu begreifen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.02.2016. In der taz sucht die Kultursoziologin Juliana Roth nach historischen Gründen für Fremdenfeindlichkeit in Osteuropa. In der Welt diagonistiziert der blutjunge Denker Armin Nassehi eine "Geronto-Maskulinisierung" der Debatte. In der NZZ empfiehlt Hans-Ulrich Gumbrecht Wettbewerb. Der Tagesspiegel fürchtet, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihre Gebühren demnächst hauptsächlich fürs Eintreiben der Gebühren ausgeben. BHL verteidigt den Film "Les Salafistes". Les Inrocks empfiehlt ein Buch über arabische Feministinnen. Und Twitter soll nicht algorithmisch werden!

Politik

"Das ist banal. Man tatscht mir an den Hintern, zwischen die Beine, das passiert alle Tage. Ich finde es furchtbar, dass so etwas Schreckliches normal werden kann", sagt eine der von Charlotte Bienaimé für "Féministes du monde arabe" interviewten nordafrikanischen Frauen - ein Buch, das angesichts aktueller Debatten auch hier von Interesse sein könnte." Gaëlle Lebourg stellt es für Les Inrocks vor: "In einer langen Recherche hat die Reporterin einer ganzen Generation von Frauen eine Stimme gegeben, ob sie sich ausdrücklich zum Feminismus bekennen oder nicht. Sie sind zwischen 18 und 35 Jahren alt, sie leben in Algerien, Tunesien, Marokko oder Ägypten. Und sie bezeugen eine bestürzende Realität, in der Diskrimination Alltag ist, von sexueller Belästigung auf der Straße, über den Zwang, jungfräulich in die Ehe zu gehen, bis zur Ungleichheit bei Erbschaften."

Bernard-Henri Lévy verteidigt auf La Règle du Jeu den umstrittenen Film "Les Salafistes" von François Margolin und Lemine Ould M. Salem, dem vorgeworfen wird, die Islamisten allzu ungefiltert zu Wort kommen zu lassen. Laut Lévy gehört das zu den Vorzügen des Films, unter anderem weil die Filmemacher "zeigen, dass es im Zentrum des Netzwerks erbarmungslose Ideologen mit einer geschlossenen Weltsicht gibt, die einen totalen Krieg mit den Demokraten des Westens und der arabisch-muslimischen Welt suchen. Das ist peinlich. Denn es ist weniger simpel als sich zu sagen, dass wir es mit Zurückgebliebenen zu tun haben, die aus den Problemvierteln kommen, von einer schwierigen Kindheit traumatisiert sind und darum entschuldigt gehören. Aber es ist dummerweise die Wahrheit."
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Gesellschaft

In der Welt diagnostiziert Armin Nassehi eine "Geronto-Maskulinisierung der Debatte" um die Flüchtlinge, wobei er (selbst auch nicht grad der jüngste) auf Safranski, Schneider, Strauß und Sloterdijk rekurriert und sie kurzerhand mit den Tätern von Köln in einen Topf wirft: "Allzu wohlmeinende Interpreten der Ereignisse in der Silvesternacht in Köln behaupten, dass sich solche männlich dominierten Gruppendynamiken vor allem unter solchen Männern ereignen, die sich abgehängt fühlen und denen niemand zuhört. Das ist nach meinem Dafürhalten eine allzu verständnisvolle Interpretation. Aber falsch ist sie nicht, denn die geronto-maskuline Form der Gruppendynamik besteht auch aus Leuten, die ihren Einfluss auf die Zeitläufte hinter sich wähnen, also auch irgendwie Abgehängte. Selbstverständlich sind sich die jungen Männer auf der Domplatte und die alten Männer an der Schreibtischplatte nicht wirklich ähnlich, aber die Dynamiken der kurzfristigen Nutzung von Chancen scheinen es schon zu sein."

In der Flüchtlingsdebatte empfiehlt Autor Michael Ebmeyer im Freitext-Blog unsere weltlichen, zweifelnden Denktradition hochzuhalten: "Und vielleicht wird man statt über Parallelgesellschaften über Parallelen sprechen: zum Beispiel zwischen dem Prinzip 'Der Mensch nimmt sein Schicksal selbst in die Hand' und der Art, wie Menschen auf der Flucht vor Krieg oder Verfolgung ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen."

Außerdem hat die Zeit Ijoma Mangolds Artikel über den Verlust der Mitte nachträglich online gestellt.
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Ideen

Wettbewerb führt zu Ungleichheit, was nur Ausdruck eines neoliberalen Wirtschaftssystems sein kann. Hans Ulrich Gumbrecht wittert in der NZZ hinter diesen Gewissheiten eines linksintellektuellen Bürgertums wenig edle Motive. Vielleicht könnte man Wettbewerb auch mal als Ansporn verstehen? "Ich habe den Verdacht, dass unter gegenwärtigen europäischen Bedingungen in den Rufen nach größerer materieller Gleichheit bloß ein Ressentiment der Intellektuellen... zum Ausdruck kommt... Befreiung verspricht allein Großzügigkeit, verstanden als Entschluss, seinen Neid loszulassen und die eigene Existenz auch ästhetisch zu begreifen. In Davos war viel die Rede von der vierten industriellen Revolution. Die Digitalisierung wird den Wettbewerb befeuern - dieser 'Stress', der die Talente und Kompetenzen der Individuen weiter aufwertet, ist zweifellos wertvoller als jener des gesellschaftlich bewirtschafteten Ressentiments."
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Europa

Die Fremdenfeindlichkeit in osteuropäischen Ländern hat viel mit der Geschichte zu tun, sagt die Kultursoziologin Juliana Roth im Gespräch mit Margarete Moulin von der taz. Länder wie Ungarn oder Serbien hätten sich seit je als Bollwerk gegen den Orient verstanden. "Polnische Truppen haben 1683 für das Habsburger Reich gegen die Türken vor Wien gesiegt. Die Rettung des Abendlandes ist als heroische Tat tief im Bewusstsein der Polen verankert. Zugleich empfinden viele Osteuropäer es als Kränkung, dass sie für dieses Sich-für-den-Westen-Aufopfern nie echten Dank gekriegt haben - so wie sie ihn jetzt nicht kriegen, wenn sie Zäune an der EU-Außengrenze bauen."

Schon seit längerm greift der polnische Nationalismus auch in der Bildungspolitik um sich, schreibt die Journalistin Agata Pyzik in der taz: "An den Schulen gibt es weder Alternativen zum Religionsunterricht noch sexuelle Aufklärung. Auch das geisteswissenschaftliche Programm muss den patriotischen Anforderungen nachkommen. Deshalb wird der Geschichtsunterricht gemäß den nationalistischen Tendenzen verbogen. Einige Romane wurden als 'antipolnisch' diffamiert, und es steht zu befürchten, dass Werke wie von Witold Gombrowicz 2006 von den Lektürelisten gestrichen werden."

Außerdem: Im FAZ-Feuilleton berichtet Felix Ackermann von einem Auftritt der Pegida-Aktivistin Tatjana Festerling vor schütterem Publikum in Warschau.
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Medien

Eine ganze Menge von den öffentlich-rechtlichen Sendern und ihren Gebühren Betroffener hat keine Lust zu zahlen, schreibt Joachim Huber im Tagesspiegel, der sich bei den GEZ-Mahnern umgehört hat: "Für 2014 nennt der Beitragsservice knapp 1,1 Millionen Vollstreckungsersuchen, ein Jahr zuvor waren es laut Jahresabschluss 2014 insgesamt 701 000. Und für 2015 spricht die bislang bekannt gewordene Tendenz dafür, dass sich die Zahl der Vollstreckungsersuchen im Vergleich mit 2014 nochmals verdoppelt habe, wie Ralf Ludwig, Vorsitzender der Finanzkommission von ARD und ZDF, auf Anfrage sagte. Das wären dann bis zu 2,2 Millionen Vollstreckungsersuchen im Bundesgebiet ausschließlich für den Rundfunkbeitrag."

(Via turi2) Anders ist die Stimmung in Großbritannien, wo eine Gruppe prominenter Schauspieler eine Werbekampagne für die BBC gestartet hat, berichtet Vanessa Thorpe im Guardian: "Die Stars wurden von den unabhängigen produzenten Charlie Parsons und Waheed Alli, einem Labour-Abgeordneten des Oberhauses, für die Great BBC Campaign angeworben... 'Die BBC kann sich nicht selbst verteidigen, und so müssen wir Druck auf die Regierung machen, nicht herumzuspielen, wenn der Auftrag der BBC erneuert wird', sagt Lord Alli."

Außerdem: In der taz fragt Gareth Joswig, was nach dem Kauf der Fotoagentur Corbis durch chinesische Investoren wohl aus den Bildern vom Platz des Himmlischen Friedens im Jahr 1989 wird.
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Internet

Twitter ist in Aufruhr. Das Thema: Twitter selbst, das ab dieser Woche seine Nutzer mit einer algorithmischen Timeline bevormunden will - bisher war es anders als Facebook mit seinen undurchschaubaren Algorithmen strikt umgekehrt chronologisch geordnet. Casey Newton hat für The Verge schon mit einigen Nutzern gesprochen, die die Testversion kennen und sich eher beschweren. "Sie sind jedoch tägliche Nutzer von Twitter, während der Dienst nach Produktänderungen sucht, die ihm Hunderte Millionen neuer Nutzer bringt. Der Experte Ben Thompson schrieb kürzlich, dass die algorithmische Timline der Hauptvorteil für Facebook gewesen sei, das schnell wuchs, während das Wachstum von Twitter stagnierte. Der technische Direktor von Facebook, Bret Taylor, sagt: 'Algorithmischer Feed war immer das, was die Leute angeblich nicht wollten, während sie mit der Statistik das Gegenteil bewiesen. Es ist besser.'" Vor allem für Facebook, scheint es.

Twitter-Chef Jack Dorsey dementiert unterdessen:


Nach Debatten über das freie Netz und Überwachung bei der Berliner Transmediale schreibt Jens-Christian Rabe in der SZ: "Die allgemeine Ohnmacht gegenüber den Mächten und den Mächtigen als Signum der Zeit lag da schmerzhaft offen da. Der Glaube an eine selbstverständliche Verbindung zwischen Aufklärung, Kritik und Freiheit scheint endgültig Geschichte zu sein."

Außerdem: In der Welt kann Marcus Woeller der Digitalisierung von Kunstwerken - etwa der Druckgrafiken des Hamburger Kupferstichkabinetts - tatsächlich etwas Positives abgewinnen. Und Cory Doctorow veröffentlicht stolz auf BoingBoing "two original documents disclosed by Edward Snowden, in connection with 'Sherlock Holmes and the Adventure of the Extraordinary Rendition,' a short story written for Laura Poitras' Astro Noise exhibition, which runs at NYC's Whitney Museum of American Art from Feb 5 to May 1, 2016."
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